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Die Erinnerungen an C. S. D. Gloel enthalten faszinierende historische Details aus dem 19., in der Vorgeschichte sogar aus dem 18. Jahrhundert
*14. 1. 1793 Neuhaldensleben, Pfarrer, Dr. theol., + 13. 4. 1879 Pechau bei Magdeburg, 10 Ki., verh. 1.) I817 in Pechau mit Albertine Sopie Rathmann, 1795-1832, 2.) 1834 in Liebenburg mit Therese Prael, 1801-´83
Inhalt: Die Eltern und die Kindheit Teil 1 (geschichtl. Interessant) Auf dem Domgymnasium zu Magdeburg 1807 1812 Teil 1 Die Universitäts- und Kriegszeit 1812 -1815 Teil 1 (geschichtl. Interessant, u. A. Kampf gegen Napoleon) Die Kandidatenzeit 1815 1816 Teil 1 Das Pfarramt in Leitzkau 1816 1843 Teil 1 Das häussliche Leben Teil 1 Der Kampf gegen des Rationalismus Teil 2 (u. A. gründet er die "Gnadauer Konferenz" {mit}) Der Witwerstand und die zweite Ehe Teil 2 Das Pfarramt in Osterweddingen 1843 1879 Teil 2 Die Stellung zur Schule Teil 2 Die letzten Jahre Teil 2 (1) Die Eltern und die Kindheit.
Doch auch dort fällt er den Werbern des Könige von Preussen auf, die mit mehr oder weniger Zwang geeignete junge Leute zum Militär anwerben, weil damals noch nicht die Verpflichtung der Landeskinder zum Heeresdienste bestand. Der junge stattliche Mann wurde aus dem Hause geholt und musste in das Carabinier-Regiment in Neuhaldensleben eintreten. Während der langjährigen Soldatenzeit konnte er sein Gewerbe als Tuchmachermeister betreiben und erweitern und sich in Jahre 1790 mit der Tochter des verstorbenen Mühlen- besitzers Eilers verheiraten, die als Tochter eines wohlhabenden Bürgers gut gebildet war und ein freundliches Wesen hatte. Aber als Preussen mit den Franzosen der Revolution Krieg führte, musste er an den Kämpfen teilnehmen und erst nach Beendigung des Feldzuges konnte er daheim seinen am 14. Januar 1793 geborenen ältesten Sohn Christian Simon David begrüssen. In den folgenden Jahren lebte er glücklich in seiner Familie, die sich durch drei Töchter, Sophie, Lucie und Dorothee, und den jüngeren Sohn Friedrich vermehrte. In der Innung und der ganzen Stadt war er geachtet und leitete sein Haus mit den Gesellen, Lehrlingen und Kindern in guter christlicher Weise. Die Kinder wurden von beiden Eltern zu strengem Gehorsam, fleissigem Lernen und häuslicher Tätigkeit erzogen, durften vor den Eltern nur reden, wenn sie gefragt waren, verlebten aber doch eine glückliche, fröhliche Kinderzeit. Da der ältere Sohn, von dem nun besonders zu berichten ist, ein lebhafter, geweckter Knabe war, schickten ihn die Eltern in die Lateinschule der Stadt. Besonders ein Lehrer war stets zu Schlägen mit (3) dem Stock oder mit der Hand und zum Schimpfen bereit, je nachdem er mit Zopf, in der Beutelperücke oder in der Alongeperücke erschien. Bei einer besonderen Veranlassung bekam auch der kleine Gloël den Stock zu fühlen. Der Satz "ille canis erat acer" konnte von einem aufgerufenen Schüler nicht übersetzt werden, der dafür seine Stockschläge erhielt. Inzwischen besann sich der kleine Gloël, dass acer Ahornbaum hiess. Er dachte, der Satz bezöge sich auf eine Verwandlung, wie sie Ovid beschrieb, und übersetzte "jener Hund war ein Ahornbaum". Dabei hatte er nicht bedacht, dass acer auch scharf oder bissig heisst. Aber der unbarmherzige Schulmeister rief den armen Schüler, der doch sonst sein Liebling war, vor und behandelte ihn eifrig mit dem Stock, sodass die Strie- men noch Tage lang auf des Rücken blieben. Bei dieser Art des Einpaukens der alten Zeit war der Erfolg der verschiedenen Schüler sehr verschieden. Aber der kleine Gloël machte gute Fortschritte: er lernte Lateinisch, Griechisch, Rechnen, Mathematik und Geschichte, er las in Prima Cicero und Horaz, Herodot und Homer, er hatte eine gute Gewandtheit im Uebersetzen und im Gebrauch der deutschen Sprache erlangt und war mit 14 Jahren der Primus in Prima. Seine Mitschüler, die 18 bis 20 Jahre zählten, gingen von der Prima der Schule zu Neu- haldensleben zu den Universitäten, denn es gab damals noch keine gleichmässigen Anforde- rungen für die höheren Schulen, und die Reifeprüfung wurde erst von einigen bevorzugten Schulen verlangt. Der junge Gloël hatte auch ausserhalb der Schule jede Gelegenheit benutzt, etwas zu lernen. Bei seinen Eltern wohnte im oberen Stockwerk zur (4) Miete eine feine, verwitwete adlige Dame, die an dem klugen, lernbegierigen Knaben Gefallen fand, ihn oft zu sich rief und sich viel von ihm vorlesen liess. (Die Kunst, schön vorzulesen, hat er vielleicht dadurch schon erworben und bis in sein hohes Alter hinein behalten und gern ausgeübt). Sie pflegte dann mit ihm fast nur französisch zu sprechen, sodass er bald die französische Sprache geläufig und sicher sprechen könnte,, was für ihn später sehr wichtig wurde. Auch in der Religion musste der Knabe viel lernen. Sonntägliche Kirchenbesuche waren selbstverständliche Regel in seinem Elternhause und auch für die Schüler der lateinischen Schule, die im Sängerchor der Kirche zu singen hatten. Daher, freilich ohne sonstigen musikalischen Unterricht, lernte er fast jede Kirchenmelodie und verstand sie auch später selbständig zu singen. Die Evangelien und Epilsteln für jeden Sonntag und Festtag lernte er schon frühzeitig in Neuhaldensleben auswendig, wie das auch später noch in vielen Schulen gefordert wurde. Durch Anregung seiner Mutter entstand schon frühzeitig in dem Knaben der feste Wunsch, mehr zu lernen, als für ein Handwerk erforderlich war. Ja er wollte studieren und ein Pastor werden. Das Lob, das die Lehrer dem befähigten Schüler spen- deten, bestärkte ihn in diesem Wunsche und machte den Vater dazu geneigt, seinen Sohn studieren zu lassen, wenn es möglich wäre. Wohl musste der älteste Sohn auch im Hause bei seinem anhaltenden Lernen für die Schule mancherlei Aufgabe" erfüllen: z.B. seine jüngeren Geschwister beaufsichtigen, (5) Holz klein spalten, neben dem Webstuhl des Vaters eifrig spulen. Aber gerade das Spulen war ihm stets eine langweilige Arbeit. Er war wohl auch schon als Knabe zu praktischer Handarbeit nicht besonders geschickt, wie in späterer Zeit ihm jede derartige Beschäftigung fremd war. Er war zu anderem befähigt als zu dem väterlichen Handwerk der Tuchmacherei, und schon als Kind wusste er gelegentlich seine geistige Kraft und Ueberlegenheit zu zeigen. So erzähl- te ein alter Bürger von Neuhaldensleben im Jahre 1862, er wäre Altersgenosse und Spiel- kamerad des Pastors Gloël gewesen; der hätte sich schon als Knabe durch seine Ent- schiedenheit, seine vorzügliche Begabung, seinen grossen Fleiss und seine bedeutenden Lei- stungen ausgezeichnet und hätte bei den Mitschülern in allgemeiner Achtung und Liebe gestanden, und das bewies er durch folgende Geschichte: Bei einem Jahrmarkte in Neuhal- densleben hatte ein Nachbarkind von seiner Mutter dazu einen Groschen bekommen und sich dafür Zuckerwerk gekauft. Aber die Mutter fing an, über nichtswürdige Nascherei und Verschwendung zu schelten und mit Schlägen zu drohen; da trat der etwa elfjährige Gloël für den kleineren, bedrohten Jungen ganz entschieden ein und stellte der Mutter freimütig vor, dass sie kein Recht habe zu schelten und zu schlagen, denn sie habe ihrem Sohne den Groschen als Jahrmarktsgeld gegeben, er sei berechtigt gewesen, dies Geld nach Belieben zu verwenden. Was nützte ihm der Jahrmarkt und welche Freude könnte er bringen, wenn das Marktgeld nutzlos in die Sparkasse gelegt werden sollte! Von dieser Verteidigungsrede wurde die Mutter überzeugt (6) und bewogen, Ihren Jungen loszulassen, die Spielkameraden aber jauchzten dem jungen beredten Verteidiger Beifall zu. Von seiner Entschiedenheit schon in der Kindheitszeit gibt auch folgende Tatsache einen Beweis: er hatte in der Taufe die Namen Christian David Simon erhalten und wurde Simon genannt. Aber von einem seiner Paten, nach dem er den Rufnamen Simon erhalten hatte, wurde er einmal auf der Strasse nicht beachtet und fühlte sich dadurch beleidigt. Darum legte er den Namen Simon ab und litt nicht, dass er Simon gerufen wurde; er setzte es durch, dass man ihn überall, auch im Elternhause, fortan Christian oder Christel nannte. Doch der Name Christian ist wohl nicht völlig geläufig geworden. Denn obgleich er später oftmals sagte, dass er Christian Gloël hiess, so redeten ihn doch seine drei Geschwister nie so an; sie nannten ihn nie anders, als "lieber Bruder". Während die Geschwister mit ihres Rufnamen genannt wurden, so sagten alle Verwandten und Verschwägerten zu ihm "lieber Bruder" oder "Bruder Gloël". Auch seine erste Ehefrau sowie die zweite nannten ihn nie Christian. Auf seines Petschaft, das er täglich gebrauchte, um in der altes Zeit seine Briefe zu siegeln, stand verschlungen C. S. D. G. Der geistige Einfluss, den die Umgebung auf den gut beobachtenden Knaben ausübte, war ziemlich gering. Im Elternhaus waltete guter bürgerlicher Sinn: Fleiss, Sparsamkeit, Strenge, "Tugend" und Rechtschaffenheit, dabei fromme Gottesfurcht, der damaligen Zeit entspre- chend. Der Sonntag wurde streng gefeiert, der Gottesdienst regelmässig besucht, aber die Geistlichen waren ganz dem (6) damaligen Rationalismus ergeben. Pflege des Herzens und des Gemütes wurde wenig oder ungeschickt betrieben, die Predigten waren rationalistisch. Wenn jedoch das Ansehen eines Bürgers und Meisters, besonders eines Meisters der bedeutenden Tuchmacherinnung, damals sehr hoch stand, so genoss der Geistliche als solche noch ein viel höheres Ansehen in der Stadt. Leider konnte von dem Oberprediger, der damals oder etwas früher in Neuhaldensleben war, nicht viel Rühmliches erzählt werden, doch es zeigt sich darin das Eigenartige der Zeit. Der Oberprediger B., ein starrer, herrschsüchtiger Mann, befand sieh in stetem Streit mit seinem Diakonus. Der spätere Schwiegervater des Pastors Gloël, Heinrich Rathmann, war ungefähr 1780 in Neuhaldensleben Rektor und hatte die Verpflichtung, oft in der Hauptkirche, neben der es damals noch eine Kirche gab, nachmittags zu predigen. Weil er klein von Gestalt war, liess er sich dazu immer eim dickes Brett vom Küster auf die Kanzel bringen, um darauf stehend die hohe Kanzelbrüstung zu überragen. Einmal war dieses Brett in der Kanzel liegen geblieben, als der grosse Oberprediger zur Predigt hinaufkam. Er erschien nun noch grösser als sonst und berührte beinahe den Schalldeckel der Kanzel. Da bückte er sich plötzlich nieder, ist aber schnell wieder aufgerichtet, hält mit beiden Händen das Brett in die Höhe, wirft es von der Kanzel herab mitten unter die erschreckt aufschreienden Gemeinde- glieder, von denen zum Glück keiner beschädigt wird, und dann hält er ruhig, wie wenn nichts geschehen wäre, seine Predigt. Obgleich in der Lehre und Predigt der Rationalismus allgemein war, so herrschte doch in den Häusern und Familien noch fest der alte Glaube an den lebendigen Gott und (8) seinen Sohn Jesus Christus, und die gute christliche Sitte des Elternhauses machte auf den jungen Gloël mehr Eindruck als das in der Kirche gehörte. Aber er musste im Hause auch schon früh allerlei Not und Leiden kennen lernen. Denn nach den Jahren des Glückes und Wohlstandes kehrte mancherlei Sorge in die Familie ein. Die vorher so rüstige Hausfrau kränkelte mehrere Jahre hindurch and starb am 10. Juli 1806 im Alter Ton 33 ½ Jahren. Da im Anfang des Jahres ihre mittlere Tochter Lucie von 5 Jahren gestorben war, so blieb der Witwer mit vier Kindern zurück, von denen das älteste, der 13 jährige Christian, den Schmerz, mutterlos zu sein, besonders empfand and auch später davon redete. Für den Witwer kamen zu dem Schmerz um den Verlust der Ehefrau noch andere Verluste. Schon während ihrer Krankheit war das Geschäft der Tuchmacherei zurückgegangen, und der Meister war nicht im Stande, es wieder zu heben. Dazu kam dann der Krieg, die Nieder- lage Preussens bei Jena und die französische Bedrückung mit der Einrichtung des König- reichs Westfalen; zu dem auch Neuhaldensleben gehörte. Die Tuchmacherei geriet in Stockung und Verfall. Durch betrügerische Kunden und Schuldner entstanden Verluste. Eine Menge zum Trocknen aufgehängter Stoffe von Flanell und feinem Tuche wurden dem Meister einmal durch ruchlose Hand gänzlich zerschnitten und entwertet, sodass der Schaden mehrere Hundert Taler betrug. Er selbst wurde kränklich und der vorher so kräftige Mann nahm zusehends ab, da er sich ein langsam schleichendes Lungenübel zugezogen hatte. Er war nämlich (9) im Oktober 1806 in Magdeburg, um eine bedeutende Menge Tuch dort zu verkaufen, aber da wurde die starke Festung plötzlich den herankommenden Franzosen übergeben. Niemand wollte Tuch kaufen, der Wagen, der es hingefahren hatte, war mit anderen Waren überladen. Jeder suchte aus der Stadt und vor den einziehenden Franzosen zu entkommen. Um sein wertvolles Tuch nicht zu verlieren, nahm der Tuchmachermeister Gloël, auf seine Kraft vertrauend, mehrere schwere Ballen Tuch auf Schultern und Rücken und schleppte die drückende Last bis zur Neustadt-Magdeburg zwischen vielen auf der Flucht befindlichen Fuhrwerken hindurch, bis er endlich einen Wagen fand, der ihn zu den wartenden Kindern zurückbrachte. Das Tuch war zwar gerettet, doch nicht das Geld durch Verkauf erworben, der Besitzer aber hatte seine Gesundheit eingebüsst, seine Kraft war gelähmt, sein Mut gebrochen. Rückgang des ganzen Geschäftes zwang ihn dazu, Schulden zu machen. Trotzdem wurde beschlossen, den ältesten Sohn studieren zu lassen und ihn zunächst zum Domgymnasium in Magdeburg zu bringen. Allerdings hätte der 14 jährige Primus der Prima in Neuhaldensleben wie seine älteren Mitschüler von der Lateinschule zur Universität gehen können; aber man hielt ihm doch noch für zu jung. Auch glaubte der Vater, vorläufig die Geldmittel zum Studium nicht zur Verfügung zu haben, höchstens die zum Aufenthalt in Magdeburg. Man wollte zu Anfang des Studiums bessere Zeiten abwarten, und der junge Schüler sollte erst noch mehr lernen. Seine Lehrer entliessen ihn mit den besten Wünschen und meinten, in dem berühmten und stolzen Domgymnasium würde man ihn, (10) auch wegen seiner Jugend, wohl nur in Sekunda aufnehmen. Aber es kam noch anders.
Auf dem Domgymnasium zu Magdeburg 1807 - 1812.
In Jahre 1807 zog der Junge Gloël mit den besten Hoffnungen nach Magdeburg, mietete sich ein in eine bescheidene Wohnung eines kleinen Schuhmachers in der Fürstenstrasse und besuchte das Domgymnasium, dessen Klassen sich damals an den Kreuzgang des Domes anschlossen, da, wo jetzt die Räume des Konsistoriums sind. Aber den Primus der Prima von der Lateinschule zu Neuhaldensleben setzte man, wohl zum Teil wegen seiner Jugend, nicht nach Sekunda, sondern nach Oberquarta. Dennoch war er nicht niedergeschlagen, sondern begann, mit eifrigstem Fleiss zu arbeiten, um bald weiterzu- kommen; die ganze Gymnasialzeit wurde ihm so wichtig, dass er noch im Alter gern davon erzählte, und dort legte er den Grund zu seiner späteren grossen Gelehrsamkeit und gründlichen wissenschaft- lichen Bildung. Er bekannte es später selbst, ganz mit Recht nur der Oberquarta zugewiesen zu sein, denn so gross war der Unterschied zwischen dem Domgymnasium und der Latein- schule in Neuhaldensleben, die auch damals zur Universität vorbereitete; und noch bis nach 1840 blieb der Stand der einzelnen Gymnasien sehr verschieden. Erst um 1850 wurden sämtliche preussischen Gymnasien durch strenge Bestimmungen auf eine fast gleiche Höhe der Leistungen gebracht. Es wurde gerade am Domgymnasium zuerst, ungefähr 1800 von dem damals berühmten Direktor Gottfried Benedict (11) Funck eingeführt und erst nach 1815 allgemein. Auch das Abiturientenexamen bestand früher nicht. Es war auch nicht selten, dass
bejahrte Schüler, die es bis zu 25 Jahren gab, schon aus
der Sekunda zur Universität gingen. Manche Gymnasien leisteten
damals viel weniger als jetzt, aber das Domgymasium stand in
seinen Leistungen, besonders in den alten Sprachen, weit höher
als die andern und wohl auch höher, als die jetzigen Ziels
der Gymnasien sind. Der häusliche Fleiss war für den strebsamen Schüler oft schwierig, denn er musste mit zwei oder drei anderen (12) Schülern, die sich mit ihm bei dem Schuhmacher eingemietet hatten, in dem einen Zimmer arbeiten, in dem auch der Meister und die Gesellen auf den Dreifüssen ihre Arbeit betrieben, und die Schüler mussten die Gespräche der anderes anhören, ohne sieh dadurch stören zu lassen. Eines Tages fuhren viele Kanonen des königlich westfälischen Heeres an ihrem Fenster vorbei durch die Fürstenstrasse, und die Meisterin rief aus: "Was soll denn damit werden?" Der kluge Meister entgegnete in vollem Ernst: "Der Napoleon hat immer etwas vor; die Kanonen gehen heute nach Amerika, und damit bombardiert er Holland". Da erhob sieh ein lautes Gelächter seiner Mietsleute, der Gymnasiasten; der gute Meister aber ging zornig zu ihrem Lehrer und verklagte sie wegen Ungebührlichkeit, Missachtung und Lästerung. Als am andern Tage die Schüler sich wegen der Anklage eines ehrbaren Bürgers verantworten sollen und der junge Gloël die Worte des Meisters erzählte, da erhebt die ganze Klasse ein riesiges Gelächter und der Herr Lehrer muss selbst mit einstimmen. Bald darauf zog der Junge Schüler in eine andere Wohnung. Aber überall hatte er Sorgen und Nöte des Lebens reichlich zu tragen. Wohl wurden ihm schon von Anfang an bei wohlgesinnten Bürgern Mittagsfreitische gegeben, wie das bei ärmeren Schülern Sitte war, wohl begann er mit fünfzehn Jahren Privatstunden zu geben, um etwas zu verdienen, aber die Zuschüsse vom Vater waren immer geringer. Das Schulgeld, das damals für die Prima jährlich nur 4 Taler betrug, wurde ihm erlassen, Bücher erhielt er von den Lehrern geschenkt oder erkaufte sie alt für (13) wenige Pfennige. Aber Ausgaben für Frühstück, Abendbrot, Kleidung und Wäsche waren nötig. In Hause seines Vaters fehlte der älteste Sohn, der die jüngeres Geschwister früher gut beaufsichtigt hatte. Die Not wurde grösser, zur Ausbesserung des Hauses mussten 400 Taler geborgt werden. Die französische Einquartierung brachte neue Lasten, die Häuser verloren dadurch ihren Wert. Der krank gewordene Tuchmachermeister sah, wie sich das Elend mehrte, konnte es nicht aufhalten und hinterliess bei seinen Tode an 24. Januar 1809 den 4 Kindern Sorge und Schulden. Das Haus wurde verkauft, aber der Erlös reichte nicht, um die 400 Taler Hausschulden zu bezahlen. Den Kindern blieb nichts davon übrig. Zwei von ihnen fanden bei den Verwandten ihrer verstorbenen Mutter wenigstens vorläufig Unterkommen. Der älteste Bruder, der selbst Mühe hatte, in Magdeburg zu leben, fühlte sich verpflichtet, für die Geschwister zu sorge, und hat es, so weit es nur möglich war, treulich getan. Ja, er hat später in seinem Testamente dafür gesorgt, dass die übrig gebliebenen Schulden seines Vaters von 250 Talern aus seinem Nachlass in Jahre 1879, also nach 70 Jahren trotz seiner 10 Kinder, bezahlt wurden. Obgleich er ganz auf sich selbst angewiesen war, verstand er es doch, sich weiter im Gymnasium zu erhalten, und mit Gottes wunderbarer Hilfe gelang es ihm. Er gab noch mehr Privatstunden, auch an französische Offiziere, welche die deutsche Sprache lernen wollten, aber einer vonihn wurde plötzlich von Magdeburg abkommandiert und unterliess es, die Monate lang erhaltenen deutschen (14) Stunden zu bezahlen. Der Gymnasiast übernahmt auch mit Erlaubnis seiner Lehrer ein Nebenamt als Schreiber bei einer Behörde, musste öfter deswegen die Schule versäumen und sogar als Sekundaner ein ganzes Halbjahr der Schule fern bleiben, um sich den Lebensunterhalt zu erwerben. Aber der Wunsch, zum Universitätsstudium zu gelangen, trieb ihn wieder zur Schule zurück zur Freude seiner Lehrer. Da er nicht alle Freitische behalten hatte, ass er öfter in der Sonne, wie er erzählte: er ging vor der Stadt von einem Tor zum andern und verzehrte dabei als Mittagsmahl ein trocknes Dreierbrötchen im Sonnenschein. Wenn seine Mitschüler ihn fragten, wo er gegessen hätte, antwortete er: "In der Sonne", und sie meinten, er wäre im Gasthaus "Zur Sonne" vor dem Sudenburger Tore gewesen. - Weil er sieh kein Holz zum Heizen kaufen wollte, fing er an, Tabak zu rauchen, und wärmte sich die Hände an dem Pfeifenkopf, damit sie für die schriftlichen Arbeiten gelenkig blieben in der kalten Stube. Er bekam aber wieder Freitische und Privatschüler. Doch als er in Prima vor dem Abiturientenexamen dazu nicht genug Zeit hatte, suchte er sich Geld zu borgen. Er wanderte von Magdeburg nach Althaldensleben, eine halbe Stunde von Neuhaldensleben, zu dem reichen Herrn Nathusius, der das frühere Klostergut Althaldensleben von der westfälischen Regierung gekauft hatte. Er sieht dort im Garten einen Mann, der eifrig gräbt, hält ihn für den Gärtner und fragt, wo er den Herrn Nathusius treffen könnte. Der Gefragte antwortet: "Das bis ich selbst, was wollen Sie von mir?" (15) Der Primaner trägt seine Bitte vor, ihm 50 Taler zu borgen, damit er studieren könnte, und zwar Theologie. Darauf die Antwort: "Werden Sie Kaufmann, ich gebe Ihnen sogleich eine Stellung in einen Geschäfte, oder studieren Sie Jura, nur nicht Theologie!" Doch der junge Mann, der so veranlasst werden sollte, seinen Plan aufzugeben, blieb bei seinem Entschlusse, Theologie zu studieren. Der Herr sagte schließlich: "0bgleich Sie keine Sicherheit bieten können, will ich einmal versuchen, wie weit Ihre Ehrlichkeit reicht, ich will Ihnen die gewünschten 50 Taler leihen.- In einem halben Jahre sollte das Geld zurückgezahlt werden, Darum folgte auf die Freude, ungestört von Sorgen die ganze Zeit der Arbeit widmen zu können, bald die Aufgabe, das Geld zum Zahlungstage wieder zu beschaffen. Und wirklich gelang es ihm durch Privatstunden. Mit Dank gegen Gott wanderte er am bestimmten Tage wieder zum Herrn Nathusius. Der wundert sich über die Ehrlichkeit des jungen Mannes und bot ihm an, Kaufmann im werden und gleich in seinem Geschäfte eine Stelle mit 300 Talern Jahresgehalt anzutreten. Die Standhaftigkeit des jungen Mannes, bei der Theologie bleiben zu wollen, gefiel aber dem Herrn so, dass er ihm die mitgebrachten 50 Taler schenkte und ihm noch eine Anweisung auf 50 Taler für sein Studium gab, die ein Bankhaus in Halle auszahlen sollte und später auch auszahlte. Er stellte aber die Absicht des angehenden Studenten auf die Probe durch das Versprechen, ihm 200 Taler geben zu wollen, wenn er Jura studieren würde. Doch auch dies verlockende Angebot brachte den jungen Mann nicht zu (16) einem andern Entschluss als dem, Theologie zu studieren. (Gloëls Tochter Berta heiratete später den Sohn des Herrn Mathusius, August von Nathusius, der geadelt wurde und Kloster Myendorf besass.) Mit Mühe und Sorgen war er soweit gekommen, dass er im Herbst 1812, nachdem er die einzelnen Klassen, schneller als es der jetzige Schulplan gestatten würde, erreicht hatte, sein Abiturientenexamen vorzüglich bestehen konnte, und er ging zur Universität Halle, um sich eifrig dem Studium zu widmen. Gerade in Magdeburg hatte er die Bedrückungen der französischen Herrschaft unter Jerome, dem Bruder Napoleons, kennen gelernt. Er wusste, dass dadurch seines Vaters Krankheit, Sorge und Tod veranlasst waren und wurde umso mehr zur heissen Liebe zum deutschen Vaterlande getrieben. Er sah einmal vor den Toren der Stadt, wie ein Mann von französischen Soldaten erschossen und dann gleich eingescharrt wurde, weil er eine beleidigende Aeusserung über Napoleon gesagt hatte. Aehnliche überall ausgeübte Grausamkeiten, die Verdrängung der preussischen Regierung und die ungerechte Regierung des westfä- lischen Königreiches erbitterten alle Vaterlandsfreunde und förderten das geheime Bestreben, das bedrückte Volk von seinen Peinigern zu befreien.
Die Universitäts- und Kriegszeit 1812 -1815
Schon in den Herbstferien 1812 konnte er den lange gehegten Wunsch erfüllen und eifrig Theologie in Halle studieren. Er pries es als wunderbare Güte Gottes, dazu unerwartet Geldmittel erhalten zu haben: Sein Schuldirektor Funck, der immer liebevoll für ihn gesorgt hatte, gab ihm zum Abschied von dem Gymnasium ein Stipen­dium von etwa 25 Talern, ein anderer Lehrer schenkte ihm mehrere Taler, für Privatstunden erhielt er mehr, als er erwartete, und dazu kamen die 50 Taler von Herrn Nathusius. Unter den Professoren in Halle herrschte damals der Rationalismus, den besonders Wegscheider vertrat. Als Ausleger des Alten Testaments und der hebräischen Sprache war Gesenius berühmt. Der junge Student wurde bald mit den Professoren bekannt und fiel ihnen auf durch seine gründlichen philosophischen Kenntnisse. Der Kanzler der Universitat und Direktor der Franckeschen Stiftungen Niemeyer war ihm gewogen und gewährte ihm frei Wohnung in seinem grossen Hause auf dem grossen Berlin". Mit anderen Studenten hatte er freundschaftlichen Verkehr, schloss sich aber keiner Vereinigung an, nur mit der Lands- mannschaft der Pommern stand er in lockerem Zusammenhang. Angestrengter Fleiss, Hinblick auf das Ziel seines Studiums, das evangelische Pfarramt, und strenge Sittlichkeit kennzeichneten sein (18) ganzes Studentenleben und brachten ihn später die reichen Erfolge; aber durch die Kriegswirren wurde er öfter in der wissenschaftlichen Arbeit unter- brochen. Zuerst bekam er von dem westfälischen Militär-Kommando die Aufforderung, sich im Januar 1615 in seiner Geburtsstadt, die zum Königreich Westfalen gehörte, zum Militärdienste zu melden. Denn nach den grossen Verlusten in dem Feldzuge gegen Russland wollte Napoleon neue Truppen sammeln. Da der Student Gloël eine kräftige Gestalt war, so musste er fürchten, in das Heer für Napoleon eintreten zu müssen. Bei eisiger Kälte wanderte er von Halle nach Neuhaldensleben, nur zuweilen nahm ihn ein Fuhrwerk eine Strecke mit. Bei der Untersuchung schien der junge Mann der Militärbehörde zu gefallen. Auf die Frage, ob er einen Fehler habe, wies er auf seine Augenschwäche und Kurzsichtigkeit hin. Eine sehr scharfe Brille wird lhm gegeben, wodurch er nichts erkennen kann. Doch indem er sie auf- setzt, erkennt er, dass ihm ein Gesangbuch zum Lesen vorgelegt und das Lied 0 Gott, du frommer Gott" aufgeschlagen ist. Da er das Lied auswendig kann, sagt er einige Verse davon her. Die Militär-Kommission wundert sich über seine starke Kurzsichtigkeit, und es wird gerufen: Reformiert d.h. untauglioh zurückgestellt. So war der Untersuchte davor bewahrt, in den Kriegsdienst für den verhassten Napoleon eintreten zu müssen. Später aber hat er öfter, als er sieh dem lutherischen Bekenntnis treu ergeben fühlte, darüber gescherzt, dass er einmal in seinem Leben für reformiert erklärt worden sei und zwar zu seinem (19) Heile. Mit Dank gegen Gott für die gnädige Bewahrung kehrte er nach Halle zurück. Aber bald darauf wollte er, durch den Aufruf des Königs Friedrich Wilhelm III. vom 3. März 1813 und die Kriegserklärung veranlasst, in das preussische Heer eintreten. Viele andere Studenten waren gleich nach Breslau gegangen und als Freiwillige eingetreten, aber ihm fehlte das Geld, um sich als Freiwllliger selbst die Ausrüstung zu beschaffen. Während er noch in Halle auf die Ermöglichung seines Wunsches, für das Vaterland zu kämpfen, wartete, kam Napoleon nach der Schlacht bei Lützen (2.Mai 1813) ungefähr, nach Halle, dessen ganze Universität er für aufgehoben erklärt hatte, weil so viele Studenten in preussische Kriegsdienste getreten waren. Viele Leute wollten den Kaiser sehen, der in Hause des Kanzlers Niemeyer abstieg, aber der dort wohnende Student Gloël verhüllte seine Fenster und zog sich zurück, um den Unterdrücker des Vaterlandes nicht zu sehen. Bald darauf sollte auch der König Jerome in der Universitätsaula, damals auf dem Markt- platze, vom Kassier feierlich begrüsst werden. Auf Wunsch seines Hauswirtes erschien auch der Student Gloël im studentischen Wichs mit wenigen anderen noch in Halle anwesenden Studenten vor dem König von Westfalen, der dem Kanzler Niemeyer entgegenrief: Verräter, Sie sind wert, abgesetzt zu werden (oder aufgehängt zu werden, suspendu oder souspendu). Denn dem Kanzler wurde die Schuld gegeben, dass so viele Studenten preussische Soldaten geworden waren, aber er blieb in seinem Amte, und einige Professoren setzten trotz (20) der Auflösung der Universität ihre Vorlesungen fort. Ehe die beiden aufbrachen, kamen plötzlich französische Reiter auf den Gutshof. Der andere Student könnte noch entkommen, aber Gloël hatte schon die preussischen Militär- hosen angezogen und wurde von dem General Greinier, der mit seinen Offizieren eintrat, nach Stand und Namen gefragt. Der General reichte ihm darauf eine gedruckte Liste mit der Auf- forderung lisez (Lesen Sie). Es war die Erklärung Napoleons, dass alle Studenten von Halle, die zum preussischen Heere gegangen waren oder gehen wollten, sowie sie gefunden würden, sofort als Landesverräter erschossen werden sollte. Der Name des angetroffenea Studenten stand deutlich in der Liste. Greinier, ein Elsässer, redete nun deutsch und franzö- sisch und gab den Befehl, den jungen Mann sofort hinter dem Gutshof zu erschiessen, obwohl er ihn bemitleidete. Die Kunde verbreitete sich schnell auf dem Gute und weiter. Daher kam, als der Schuldige abgeführt wurde, der Canton maire (der Gemeindevorsteher) des Dorfes, der mit dem zum Tode verurteilten auch befreundet war, und rief: Herr General, Sie nehmen mir meinen Ajoint ( Gehilfen ) weg, ohne ihn (21) kannn ich Ihren Soldaten keine Quartiere verschaffen, ich verstehe die französische Sprache nicht." Ihren Ajoint? erwiderte der General etwas ungläubig, "das ist ja ein Hallischer Student und ein Landesverräter." Darauf die Antwort» Zweifeln Sie nicht, dass er mein Ajoint ist, niemand kann und wird mir helfen, die Quartierzettel zu schreiben, als dieser Junge Mann. Den müssen Sie mir freigeben, Harr General". Der General lächelte: Gut, er mag als Ihr Ajoint betrachtet werden, er mag Ihnen helfen, dann mag er morgen erschossen, werden! " So war wenigstens noch ein Aufschub erlangt. Der Student musste Dolmetscher sein und Quartierzettel schreiben, wurde aber von französischen Soldaten sorgfältig bewacht, sodass ein Fluchtversuch unmöglich war. Am andern Morgen sitzen die Offiziere bei Frühstück, Wein und Kartenspliel zusammen, da kommt ein Adjutant des Generals und meldet ihm leise etwas. Aber der antwortet: Unmög- lich, und spielt weiter. Auch durch eine zweite Meldung lässt er sich nicht stören. Zum dritten Male kommt der Adjutant eiligst ins Zimmer und ruft laut:" Es ist doch wahr, die Russen sind schon in Hofe". Sofort springen die Offiziere auf und stürmen zu ihren Pferden, die vor der Haustür bereitgehalten stehen. Mit ihnen reiten sämtliche Franzosen in grosser Hast aus dem einen Hoftore, während schon zum andern Tore eine Abteilung von Kosacken einreitet und enttäuscht die französischen Offiziere entkommen lassen muss. Aber einer war zurückge- blieben, der gefangene Student. Er war von den Franzosen vergessen und so dem Leben zurückgegeben. Er rühmte später jedes Mal die wunderbare (22) Rettung als besondere Gnade Gottes. Erst im Sommer 1815 konnte der nun zwanzigjährige, aber älter aussehende Student durch die Hilfe eines wohlhabenden Vaterlandfreundes sich ausrüsten und wanderte mit einem anderen Studenten nach Erdeborn in der Nähe von Sangerhausen zu dem mit ihm befreun- deten Gutspächter Faber, um von ihm ein Pferd zu kaufen und dann in die Schwadron des zu Aschersleben neu gebildeten Regiments der grünen Husaren einzutreten. Als Freiwilliger ritt er auf seines Apfelschimmel zum Regiment der späteren grünen Husaren, wo er gleich Oberjäger und Unteroffizier wurde und nun gegen die Bedrücker des Vaterlandes kämpfen wollte. Wie viele seiner Kameraden so hatte auch er gelobt, den Bart nicht zu scheren oder zu kürzen, bis der Feind aus dem Lande getrieben sein würde, und so gab ihm sein fast bis auf die Brust herabhängender Vollbart ein stattliches Aussehen. Seine Kameraden waren ebenfalls Freiwillige, die sich selbst ausgerüstet hatten, Studenten, junge Kaufleute, Landwirte, Beamte. Mit ihnen wurde er in der Umgegend von Aschersleben ausgebildet. Weil er Student der Theologie war, wurde er zum dortigen Oberprediger geschickt, um ihn zu ersuchen, die Eidesrede und Beichtrede zur Vereidigung der Rekruten zu halten. Der Oberprediger fühlte sich aber wegen seiner Altersschwäche nicht dazu imstande. Da bekam der Oberjäger selbst den Befehl, die betreffenden Reden zu halten, und in seiner Uniform hielt er vom Altar aus die Ansprachen, und empfing dann mit den andern Rekruten zusammen von dem alten Oberprediger das heilige Abendmahl. Feldprediger und Militärgeist- liche gab es damals nur sehr wenig. Ein Kriegskamerad war aus Tertia abgegangen, bezog nach der Kriegszeit die Universität und wurde Pastor. Der Oberjäger Gloël wurde nicht zum Hauptheere nach Frankreich gesandt, wie er es gewünscht hatte, sondern blieb in der Ge- gend von Magdeburg, um die starke Festung zu belagern, die erst im Mai 1814 des Preussen übergeben wurde, nachdem schon der erste Pariser Frieden geschlossen (23) war. Die Belegerungszeit war aber nicht ungefährlich. Bei anstrengendem Wachtdienst und mangelhafter Verpflegung hatten die Belagerer die Ausfälle und die Beschiessungen von den eingeschlossenen Franzosen auszuhalten und verloren manchen tapferen Kämpfer. Das französische Besatzungsheer erhielt freien Abzug, und die preussischen Truppen konnten in Magdeburg einziehen, wobei der frühere Dom- schüler auch seine Freunde und Gönner aufsuchte und freundlich begrüsst wurde. Bald darauf kehrte er zu friedlichem Arbeiten nach Halle zurück, aber nach dem Wiederbeginn des Krieges gegen den aus Elba kommenden Napoleon trat er wieder freiwillig bei seines Regimente ein. Doch da er nicht zum Kriegsschauplatz geschickt wurde und durch eine bedenklich auftretende Augen- entzündung am Dienst verhindert war, erbat und erhielt er bald seinen ehrenvollen Abschied und später die Kriegsmedaillen für 1813, 1814 und 1815. Er setzte dann sein Studium fort und hörte eifrig theologische und philosophische Vorlesungen, zuweilen predigte er auch. Schon im ersten Semester, Weihnachten 1812, hielt er die erste Predigt und nahm aus dem Evangelium die Veranlassung, über die christliche Kindererziehung zu predigen, was er später selbst mit Lächeln erzählte. Aber in der dama- ligen Zeit des Rationalismus galt eine solche Weihnachtspredigt für angemessen. Es war ja natürlich, dass er als Student die Richtung der rationalistischen Professoren annahm, obgleich er sich von der Kritik nicht recht befriedigt fühlte. Diese gründliche Bekanntschaft mit dem Rationalisten wurde ihm in seinem (24) späteren Kampfe dagegen besondere wichtig. Dabei bewahrte er eine tief innerliche Gottesfurcht und lebendige Frömmigkeit und erkannte Gottes Hilfe in den vielen Notlagen seines Lebens. Schon von der Schule her hatte er ein besseres Verständnis für das Griechische und für das Hebräische, und in seinen späteren Amtsjahren hatte er die beiden Testamente in dem Urtexte und benutzte sie täglich. Durch seinen Fleiss, den er dem Hebräischen widmete, wurde er mit dem grössten Hebräer, Pro- fessor Gesenius, befreundet, dessen Bestreben es damals war, die Kenntnis der hebräischen Sprache von den Studenten der Theologie allgemein zu verlangen und ihnen so die Exegese des alten Testementes zu ermöglichen. Eines Tages fragte der Professor den Studenten Gloël, ob er gegen gutes Honorar einem vornehmen Herren hebräischen Unterricht geben wollte, da er dazu vor allen Studenten befähigt sei. Er müsse dazu nach Altenburg reisen und etwa in 6 Wochen in den Universitäts- ferien den neuen Generalsuperintendenten dort soweit unterrichten, dass er die Kandidaten der Theologie im Hebräischen beim Examen prüfen könne. Der Student aber glaubte, einen so hoch stehenden Herrn nicht unterrichten zu können und in so kurzer Zeit das Ziel nicht zu erreichen. Er schlug aber dem Professor vor, selbst den Unterricht gegen das gute Honorar zu geben, und der Professor reiste wirklich zu dem Zwecke nach Altenburg. Der Student der Theologie beschäftigte sich auch mit der Philosophie und wurde dadurch mit dem Professor der Philosophie, Dr. Ersch, bekannt, (25) der damals die vielbändige Enzyklo- pädie der Wissenschaften von Ersch und Grube herausgab. Dazu bat er vor den Ferien den Studenten Gloël, ihm bei Anfertigung eines neuen Bandes seines Werkes behilflich zu sein und die Kritik vieler alter und neuer musikalischer Werke zu verfassen, da er selbst auf längere Zeit verreisen wollte und von der Musik nichts verstünde. Der Aufgeforderte weigerte sich zuerst, weil er keine Zeit hätte und gänzlich unmusikalisch sei. Der Professor aber wies den Einwand zurück, übergab dem Studenten einen Haufen Anzeigen und Rezensionen musikalischer Werke zur Benutzung, steilte ihm ein gutes Honorar in Aussicht und reiste ab. Mit den Eifer, den er überall zeigte, durcharbeitet der Student die Bücher und Hefte und schloss daran seine Beurteilungen: Was dort mehrfach gelobt wurde, das lobte er auch; was er getadelt fand, das tadelte er auch; beim Schwanken zwischen Lob und Tadel war sein Urteil auch beschränkend. So wurde sein Buch ein neuer starker Band der Enzyklopädie, zum Verleger geschickt und fertig versandt. Als dann erst der Professor von seiner Reise zurückgekehrt war, lud er den Studenten ein, begrüsste ihn freudig und übergab ihm ein Blatt einer damaligen Literaturzeitung, worin ungefähr stand: Das berühmte Werk von Ersch und Grube, Enzyklopädie der Wissenschaften, ist durch einen neuen Band bereichert, die gründliche und von allseitiger Kenntnis zeugende Bearbeitung des musikalischen Faches ......." Der Professor sagte erfreut: Sehen Sie, so werden Bücher gemacht. Nur Mut muss man dazu haben. Ich (26) hätte aber kaum geglaubt, dass Sie die Sache so gut machen würden. Er hatte den Ruhm und den klingenden Erfolg der Arbeit, dem Verfasser aber gab er für seine zeitraubende Mühe nur zwei Friedrichsdor. Der behielt aber die ihn belustigende Erinnerung, als Kritiker und musikalischer Schriftsteller die ganze musikalische Welt belehrt und dem Herrn Professor neues Lob und gute Einnahme gebracht zu haben. - Gute Einnahme hätte er selbst wohl gebrauchen können, denn auch als Student musste er manche Privatstunden geben, um sieh neben dem Freitisch und den Sti- pendien den nötigen Lebensunterhalt zu beschaffen. Der Kanzler Niemeyer, in dessen Haus er wohnte, liess ihn in seiner Latina des Waisenhauses in seinen Klasssen unterrichten und gab ihm schon im Sommer 1815 eine Anstellung als Oberlehrer und Ordinarius der Quarta. Denn die Franckeschen Stiftungen standen damals nicht unter Aufsicht des Staates, sondern der Direktor Niemeyer hatte völliges Verfügungsrecht, auch über die Anstellung seiner Lehrer, konnte also auch einen ihn tüchtig erscheinenden Studenten anstellen. Der neue Oberlehrer bestand aber bald darauf, im Herbst 1815, seine erste theologische Prüfung mit der Censur Vorzüglich" , (mit 22 Jahren trotz Kriegsdienst). weiter - - - - (Die Kanditatenzeit ...) |