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10. 1. 1750 - 14. 3. 1821 Konsistorialrat, Superintendent und Pastor in Pechau bei Magdeburg
Portrait Sieg 1819 Naumburg / Saale 1946/47 Meine Quelle: Hans Martin Immanuel Gloël IV 1989
INHALT (zusammengestellt von H. M. Gloël)
QUELLEN
Eltern und Kindheit (1) Heinrich
Rathmann stammt aus einer Bauernfamilie in den Vierlanden.
Der Vater, Hartig Rathmann , war Bauer und Ölmüller
in der Neuen Gramme an
der "dowen" oder tauben Elbe, einem der Arme, in welche
der ganz ins Tiefland getretene Fluß sich unterhalb Lauenburg
teilt. Hartig Rathmann war im Jahre 1703 als Sohn des Höfeners
Henike (Henning) Rathmann und seiner Ehefrau Anike, geb. Grell
(begraben in Neuengamme am 14. Juni 1739) in Neuengamme geboren
und am 29. Mai 1703 getauft. Er erbte nach dem im Jahre 1734
erfolgten Tode seines Vaters (begraben in Neuengamme am 16. November)
dessen in Neuengamme gelegenen Hof (mit 36 Morgen 349 Ruten bedeichten
und 5 Morgen 252 Ruten unbedeichten Landes), der ihm Ostern 1735
eigentümlich zugeschrieben wurde, und den er in der ererbten
Größe 1760 an Hein Kröger verkaufte. In diesem
Jahre zog er nach Bergedorf,
erwarb am 28. März desselben Jahres das dortige Bürgerrecht
und am 6. Mai ein eigenes Haus in der großen Straße
mit einem Garten am Gegenberge, einem Platz und Stall hinter
dem Hause, einer Darre zum Trocknen des Getreides und einer Grützemühle
für 2250 Mark Lübisch Kurrent. Merkwürdig ist, daß nach der Auskunft
des Staatsarchivs der Freien und Hansestadt Hamburg trotz eingehender
Nachforschungen es nicht möglich gewesen ist, über
die Abstammung des im Jahre 1821 in Pechau bei Magdeburg verstorbenen
Konsistorialrates Heinrich Rathmann Klar(2)heit zu erlangen.
Sämtliche Taufbücher der hamburgischen Stadt- und Landkirchen
wurden durchgesehen, aber ein Heinrich Rathmann als Sohn eines
Hartig (Hartwig) Rathmann, geboren und getauft in der Zeit von
1749-1751, nicht gefunden. 1. Ann Malen, getauft Neuengamme 1736, 6.
Sept., Der am 10. Januar 1750 geborene Heinrich wird also nicht genannt, auch in den Vormundschaftsakten nicht erwähnt. Es ist wohl anzunehmen, daß Heinrich Rathmann nicht am 10.1. 1750, sondern erst 1751 geboren ist. Da das 7. Kind am 6.9.1749 geboren ist, so kann nicht schon am 10.1.1750 wieder ein Kind geboren sein. Heinrich Rathmann ist also wahrscheinlich am 10.1.1751 als jüngstes Kind der ersten Ehe seines Vaters geboren, und seine Mutter vielleicht an den Folgen der Geburt gestorben und am 23.3.1751 begraben. Die betr. Eintragung im Taufregister ist aber wohl ver-(3)sehentlich unterblieben. Oder sollte Heinrich Rathmann mit dem am 24. August 1745 geborenen Hartig identisch sein, wie das Staatsarchiv annimmt? Das erscheint sehr unwahrscheinlich, da Heinrich Rathmann sich immer Heinrich genannt, und als seinen Geburtstag den 10. Januar 1750 angegeben hat. Studium Jedenfalls kam Heinrich 1760 mit seinem Vater nach Bergedorf. Da sich in ihm von früher Jugend an eine feurige Wißbegierde zeigte, so veranlaßte dies den wackern, wohlgelehrten Rektor der Bürgerschule in Bergedorf, Mascho. dem strebsamen Knaben besonderen Unterricht in den alten Sprachen und sonstigen Kenntnissen zu erteilen. So zum gelehrten Studium vorbereitet, bezog er zu Ostern 1768 die Universität Halle, um einer inneren Neigung folgend Theologie zu studieren. Fiel schon beiden Eltern die Unterhaltung des Sohnes auf der Hochschule schwer, so sah dieser sich auch des geringen elterlichen Zuschusses beraubt, als er bald darauf seinen Vater verlor. Dieser starb in Bergedorf im Jahre 1773 (beigesetzt an 29.April). Aber wie so mancher strebsame Jüngling vor und nach ihm, erwarb sich auch Rathmann die notwendigen Hilfsmittel für seine weitere Fortbildung durch Unterricht am Waisenhaus. Ja, er sparte sich daneben durch Privatstunden noch soviel, daß er seine bedürftige Mutter unterstützen konnte. Sein Geschick im Unterrichten und sein liebenswürdiges Wesen erwarben ihm allgemeine Achtung und solches Vertrauen, daß man dem erst Einundzwanzigjährigen das Amt eines öffentlichen Lehrers am Königlichen Pädagogium übertrug, das er am 22.4. 1771 antrat. Da er den Unterricht in der ersten historischen Klasse zu erteilen hatte und für denselben aus den vorzüglichsten Quellen selbst schöpfte, so entwickelte sich hier in ihm seine Neigung für die Geschichte und umfassende Kenntnis in den historischen Wissenschaften. Lehrer in Kloster Bergen, Pfarramt und 1. Ehe Fast wäre der junge Lehrer von Halle aus in die außerordentliche Laufbahn eines Predigers des Evangeliums unter der Heidenwelt Indiens eingetreten, wie ihm das von der Halleschen Missionsgesellschaft angetragen wurde. Er begann bereits mit des Vorbereitungen dazu, als schließlich doch die Liebe zur deutschen Heimat den Sieg behielt. Nach dreieinhalb-jähriger Lehrtätigkeit am Waisenhaus, bes. dem Königl. Pädagogium in Halle, übernahm er 1774 das Rektorat und Diakonat in Neuhaldensleben, wo er zwar in sehr an(4)genehmen Familienverbindungen, aber in mißlichen Amtsverhältnissen und in einer so erdrückenden Arbeitslast lebte, daß ihm eine baldige, anderweitige Anstellung höchst wünschenswert sein mußte. Er fand diese auch durch den Abt und Generalsuperintendenten Resewitz, der ihn bei seiner Prüfung zum Predigtamte schätzen gelernt und lieb gewonnen hatte, und als Patron ihn 1777 zum Prediger des Klosters Bergen bei Magdeburg und zum Oberlehrer am dortigen Pädagogium berief. Hier verlebte er 16 sehr glückliche Jahre. Was er in ihnen als Lehrer der Religion und als väterlicher, liebevoller Erzieher wirkte, das haben gar viele seiner ehemaligen Zöglinge noch späterhin anerkannt, und noch nach seinem Tode hat manch einer ihn als einstigen wohlwollenden Führer dankbar gerühmt. Gleich segensreich wirkte er in der ihm anvertrauten Direktion des Schullehrer-Seminars in Kloster-Bergen, aus der unter seiner Leitung mancher treffliche Landschullehrer hervorgegangen ist. - Im Jahre 1793 übernahm er das vereinigte Pfarramt zu Pechau und Calenberge bei Magdeburg, das er bis zu seinem Tode mit musterhafter Treue, von seinen Gemeinden geliebt und hochverehrt, 28 Jahre lang geführt hat. Seine Kenntnisse, sein warmer, herzlicher Eifer für alles Gute und Große, sein Verdienst forderte einen weiteren Wirkungskreis. So wurde er im Jahr" 1798 dem Kirchen- und Schulen - Inspektor in der zweiten Jerichowschen Inspektion, dem Rate J. Gotter in Möckern nach dessen Wunsche als Gehilfe und Nachfolger beigeordnet. Nach dessen Tode 1806 übernahm er sämtliche Inspektionsgeschäfte und erhielt bald darauf den damals eingeführten Titel Superintendent. Die Treue, mit der er sein Amt verwaltete, die Verdienst", die er sich dabei erwarb, gewannen ihm die Achtung und das Vertrauen seiner vorgesetzten hohen und höchsten Behörden, sodaß er bei Einrichtung des Königl. Konsistoriums der Provinz Sachsen im Jahr" 1816 zu dessen Ehrenmitglied als Königl. Konsistorialrat ernannt wurde.
3. Johanne Christiane Amalie, verheiratet mit Prediger Friedrich August Abel in Schmetzgow bei Potsdam. 4. Karoline Friederike Luise. 5. Joh. Friederike Emilie. verheiratet mit Prediger Karl Friedrich Ludwig Schrader zu Crüssau, Theeßen - - -und Brandenstein, dann zu Parchen, und später Schönhausen (getraut 16.5.1816 zu Pechau). 6. Albertine, verheiratet mit Prediger Simon Christian David Gloël in Leitzkau bei Möckern (getraut 24.8. - - .1817 zu Pechau). Der Schmerz über den Verlust seiner geliebten Gattin und treuen Lebensgefährtin warf ihn in schwere Krankheit. Mehrere Wochen lag er hoffnungslos danieder. Nur dem Samariterwerk einer edlen Kaufmanns- familie Gebschke in Magdeburg hatte er es zu danken, daß er seiner Familie und Gemeinde, sowie seinen Freunden, noch auf Jahrzehnte erhalten blieb. Kaufmann Gebschke und seine Gattin ließen den in seiner Einsamkeit auf dem Lande pfleglos verlassenen Kranken in Betten packen und nach Magdeburg in ihre Wohnung bringen, wo er unter beständiger ärztlicher Aufsicht stand und vor allem von ihnen aufs sorgsamste gepflegt wurde. Nie konnte Rathmann ohne Rührung und inniger Dankbarkeit der treuen Liebe und Fürsorge dieser seiner Lebensretter gedenken. Kaum, war er durch diese sorgfältige Pflege genesen, als ihn die Nachricht von dem Tode seiner 75 - jährigen Mutter erreichte, die er bis an ihr Ende als ein dankbarer Sohn kräftig unterstützt hatte. Sie starb als Witwe im Jahre 1798 in Bergedorf und wurde am 15. Februar beigesetzt. Ersatz für die verlorene Gattin, zugleich eine musterhaft sorgsame Gehilfin, eine treue Mutter und Erzieherin seiner Kinder fand er in der Tochter des Kämmerers Focke in Magdeburg, Christiane Charlotte Elisabeth Focke, mit welcher er sich, 14 Monate nach dem Tode seiner ersten Gattin, am 7. Mai 1797 verband. Kinder aus 2. Ehe; Krieg (6) In dieser zweiten Ehe wurden ihm folgende
vier Kinder geboren: Die gesegnete amtliche Tätigkeit und
das glückliche häusliche und gesellige Leben wurden
in dem neuen Jahrhundert längere Zeit durch den Krieg und
die Bedrängnisse und Nöte des Vaterlandes sehr gestört. Am 20. November 1813 rückten die Franzosen in großer Übermacht gegen das Dorf vor, zerschossen das Dach der Kirche und das Schulhaus, drangen in den kleinen, wehrlosen Ort ein, plünderten und raubten, was sie fanden. So wurde denn auch Rathmann überfallen; mit aufgezogenem Gewehr drangen die Raubsüchtigen auf ihn ein und schrien ihm zu: "Geld oder Tod", beraubten ihn, trieben sein Vieh hinweg, plünderten sein Haus und hätten ihn weiter mißhandelt, hätte ihn nicht ein herbeigeführter feindlicher Offizier geschützt. (Damals geschah es wohl auch, daß ein dem Konsistorialrat Rathmann zugedachter Säbelhieb eines französischen Soldaten einen Schrank traf, und an ihm seine dauernden Spuren hinterließ. (7) Dieser Schrank kam dann als Erbteil in das Haus des Schwiegersohnes Rathmanns, unseres Großvaters Gloël, und später fiel er als Erbteil an Tante Bertha von Nathusius und kam so auf Schloß Meyendorf). Unter den beständigen Gefahren, bei den wiederholten Ausfällen des Feindes, noch mit seiner letzten Habe auch sein oder der seinen Leben zu verlieren, sah er sich endlich genötigt, Pechau zu verlassen und in Gom- mern bis zur wiederhergestellten Ruhe Sicherheit zu suchen. Kaum dorthin geflüchtet erfuhr er, daß abermals sein unglückliches Dorf unter den Greueltaten der Feinde am 16. Dezember litt. Was er aus seinem Pfarrhause noch nicht hatte bergen können, ward ihm zerschlagen und geraubt. Die Einwohner, die sich nicht schnell genug hatten retten können, wurden durch Schläge und Bajonnetstiche mißhandelt. Einer, der Schöppe des Ortes, einer der ruhigsten und besten Männer in der Gemeinde, wurde von einem der Räuber, dem er schon 10 Taler gegeben hatte und der immer noch mehr forderte, mit zerhackten Blei durch den Unterleib geschossen, mit Bajonnetstichen verwundet und in seinem Blute liegend immer wieder von den Barbaren mißhandelt. Er starb an seinen Wunden. Erst im Mai 1814, da die Wiederkehr des Friedens Sicherheit gewährte, konnte der Vertriebene nach den schmerzhaftesten Verlusten wieder heimkehren in seinen geliebten Wohnort. Mit jugendlicher Freudigkeit trat er wieder in seinen Wirkungskreis. Der neu erstandene Ruhm des teuren Vaterlandes und der Genuß ungestör- ter Ruhe verjüngten sein Alter. Mit unermüdlichem Eifer gab er sich seinem Berufe hin. Vor allem war er bestrebt, der infolge des Krieges eingerissenen Verwilderung kräftig zu steuern, der gesunkenen Religiosität und Sittlichkeit wieder aufzuhelfen. Wie er sich früher bemüht hatte, auf den geordneten Wegen das Schul- wesen in seiner Diözese zu heben, so beschäftigte ihn nun die weitere Einrichtung der kirchl. Angelegenheiten in den vorgeschlagenen und angeordneten Formen. Rathmann verlebte so noch ungefähr 6 glückliche Jahre unter treuem Wirken in seinem Amte, geliebt und geschätzt in Stadt und Land, von Gemeindegliedern, Behörden und Freunden. In seinen letzten Lebensjahren wurde sein häusliches Glück durch ein anhaltendes, körperliches Leiden seiner Gattin, die ihn dann doch noch 9 Jahre überlebte, schmerzlich gestört. Bei solchen äußeren, beiderseits mit christlicher Ergebung getragenen Leiden, lebte das würdige Paar, innerlich glücklich und zufrieden, gemeinsam bis zum Frühjahre 1821. Tod Am 11. März erkrankte Rathmann an einer
Lungenentzündung, zu der ein bösartiges Nervenfieber
hinzutrat. Drei Tage ernstlicher Vorbereitung auf seine letzte
Stunde, in denen er der in 47 Jahren amtlicher Wirksamkeit erfahrenen
besonderen Segnungen gedachte und sich mit den Wahrheiten und
Gegenständen der Religion beschäftigte und trostvolle
Religionslieder sang und sprach, folgten noch, bis er am 14.
März 1821 früh um halb drei Uhr seinen Kampf ausgekämpft
hatte. Er hatte ein Alter von 71 Jahren, 2 Monaten und 4 Tagen
erreicht. Fünf Wochen später hätte er den 50 -
jährigen Gedenktag seiner ersten Anstellung als Lehrer feiern
können. Sein Name, sein Wert, sein Verdienst lebten fort in den dankbaren Herzen aller, die ihn kannten und verehrten, besonders in seinen beiden Pfarrgemeinden und in der Stadt, für deren Ruhm er lebte und schrieb, in Magdeburg. Aus der Amtszeit Heinrich Rathmanns in Neuhaldensleben ist noch Folgendes nachzutragen: Seine Stellung als Rektor und Diakonus in Neuhaldensleben war nicht nur mit wenig angenehmen amtlichen Verhältnissen, sondern auch mit einer erdrückenden Arbeitslast verbunden. Dennoch war die Neuhaldensle- bener Zeit eine reiche, froh bewegte. Waren es doch für Rathmann die Jahre jugendlicher Spannkraft, in denen auch schwere Lasten leichter getragen werden. Er hat sogar schon bald seine Stelle im Vergleich zu der ihm angetragenen Stellung eines Waisenhauspredigers in Potsdam als eine angenehme bezeichnet. Sein für die Schönheit der Natur empfängliches Gemüt (9) fand die Gegend von Neuhaldensleben zumal im Frühling überaus lieblich. Vor allem aber knüpfte er mit ein paar Männern höchst angenehme Freundschaftsbande. Es waren dies der noch in jüngeren Jahren stehende Stadtrichter, der rechtskundige Oberbürgermeister Johann Nathanael Schulze, ein Mann von gelehrten Kenntnissen, feinem Gefühl und wohlwollendem Herzen, und der Prediger Lüdecke, mit dem er auch in seinem späteren Wirkungsorte lange in Gemeinschaft bleiben sollte (Lehner: Neuhaldenslebener Kreischronik I, 253ff). "Aber dieses Kleeblatt von Freunden stand in der Magdeburgischen Landschaft nicht für sich allein da, sondern es fühlte sich als Glied einer blühenden Wiese, die hier vereinzelt, dort in ganzen Pflanzungen vereinigt , sich weithin im Lande verbreitete, und deren unermüdlicher Gärtner und Pfleger der Freundschafts- virtuose und Dichter Gleim war. In diese Gemeinschaft mündeten wie in einen Strom für den Neuhaldens- lebener Rektor sowohl ältere persönliche Beziehungen, wie zahlreiche neue, in die er eintrat, und unter denen die in Magdeburg schon damals besonders hervortraten? Literarische Gesellschaft Die Gründung des literarischen Freundschaftsbundes in Magdeburg, zu welchem Rathmann schon seit dem ersten Jahre seines Aufenthaltes in Neuhaldensleben in enge Beziehung trat, und der wieder als Glied einer größeren, über das Land ausgebreiteten Bundeskette zu betrachten ist, geht auf Gleim und das Jahr 1760 zurück. Im Juni 1760 unternahm ein Kreis vornehmer und gebildeter, älterer und jüngerer Personen, meist aus Magdeburg kommend, eine Gesellschaftsfahrt nach dem Brocken. In Wernigerode kehrte man bei den Grafen von Stolberg ein. Man erstieg von Wernigerode aus den Brocken, wo die Wernigeroder Herrschaft die Bewirtung der Gäste übernahm, in deren Namen Gleim, der geistige Führer und die Seele der ganzen Reisegesellschaft, den gemeinsamen Dank aussprach. Unterwegs hatte man die deutsche Literatur und Kunst zum Gegenstand eines lebhaften Gesprächs gemacht und war einander durch das Gefühl gleichen Strebens persönlich näher getreten. So faßten die aus Magdeburg gekommenen Glieder dieser Gesellschaft den Entschluß, die auf gemeinsamer Wanderung angeknüpften literarischen Unterhaltungen in wiederholten Zusammenkünften fortzusetzen, und im Jahre 1761 (10) traten sieben Personen zu einem "gelehrten Klub" zusammen, einer literarischen Gesellschaft, die alle Mittwoch nachmittags ihre Versamm- lungen haben sollte. Diese "Mittwochsgesellschaft" nahm später, als Rathmann schon dazu gehörte, den Namen "literarische Gesellschaft" an, auf Anregung des M. Christoph Christian Sturm, zweiten Predigers an der Heiligengeistkirche in Magdeburg, der 1774 seine "Sammlung geistlicher Gesänge über die Werke Gottes in der Natur" der Gesellschaft zueignete. Die Widmung ist für Geist und Absicht der Vereinigung bezeichnend. Der Herausgeber und Mitverfasser will den Geschmack der alten, ihm ganz unzulänglich erscheinenden Gesangbücher verbessern und durch seine Auswahl und eigene Arbeit den gesunden Geschmack und die vernünftige Andacht befriedigen und stellt die Beurteilung seiner Leistung dem Geschmack und der Gewogenheit seiner Freunde heim. Der geistige Urheber der Magdeburgischen Mittwochsgesellschaft, die auch mit dem kurzen Ausdruck "Lade" bezeichnet wurde, war der Freundschafts- und Dichter- Apostel Gleim. Die Gesellschaft war nur ein Zweig seines Freundschaftsbundes. Rathmann trat so auch bald mit Gleim in ein inniges Freundschaftsverhältnis, wie er auch in dem ganzen Gleimschen Bunde alte Freunde wiederfindet und eine ganze Zahl neuer gewinnt. Besondere Bedeutung gewannen für ihn die Freunde in Halberstadt und Magdeburg. Für die herzlichen Beziehungen zu dem "Oberherren" oder "Oberpriester des Freundschaftstempels" in Halberstadt, Gleim, sind noch vorhandene Briefe Rathmanns an Gleim bezeichnend. Gleim fand an Rathmann solches Wohlgefallen, daß er ihm an seinem "Freundschaftstempel" das Ehrenamt eines "Frühpredigers" übertrug, was Rathmann dankbar annahm. An bestimmten Tagen vereinigtem sich nämlich die Gleimschen Freunde und hielten als Priester der Freundschaft ihre der Freundschaft und der schönen Literatur geweihten Feiern, die man "Tempeln" nannte und dabei sollte Rathmann als "Frühprediger" ein "Tempeldiener" sein. Uns mutet dieser Überschwang der Freundschaftspflege und Freundschaftsbezeugungen höchst seltsam an, aber er entsprach der damaligen rationalistischen Zeit. Bei aller Schwärmerei für Freundschaft und Literatur und aller edlen Genüsse, vergaß Rathmann aber seinen ernsten, (11) praktischen Lebensberuf nicht. So suchte er die zu jener Zeit an verschiedenen Orten schriftstel- lerisch und praktisch hervortretenden Bestrebungen auf den Gebiete der Schulwesens wenigstens in engeren Vaterlande aus eigener Anschauung kennenzulernen. Deshalb unternahm er 1776 im Juni eine Reise über Brandenburg und Potsdam bis Berlin und zurück über Dessau, wo Basedow mit Hilfe des Herzogs von Anhalt das bekannte Philanthropin als eine Musterschule für die Menschheitsverbesserung gegründet hatte. Rathmann wollte nun mit eigenen Sinnen prüfen, wovon er schon durch so manche mündliche und schriftliche Urteile vieler erfahren hatte, übrigens suchte er nicht nur die Basedowsche Anstalt auf, sondern auch manche andere, die er auf dem Wege nach Berlin berührte, so die des Friedrich Eberhard von Rochow auf dessen Gute Rekahn im Zauch-Belziger Kreise. Rathmann war ganz voll von den Eindrücken und Erfahrungen, die er auf dieser Reise gemacht hatte. Im allgemeinen war er für die Basedowschen Grundsätze eingenommen, aber er prüfte weiter, und ihm entgingen auch die Schäden des Philanthropins nicht. Als er 2 Jahre später wieder nach Dessau kam, bemerkte er, daß schon vieles besser geworden sei. Mit freudiger Genugtuung hob er hervor, daß sein Freund Neuendorf hier schon viel Gutes gestiftet habe; besonders die sittliche Erziehung sei vorzüglich. Schriftstellerische Tätigkeit Rathmanns: Die ältesten der nooh vorhandenen Rathmannschen Schriften sind seine "Beiträge zur Lebensgeschichte Joh. Bernh. Basedows, aus seinen Schriften und andern echten Quellen gesammelt"; Magdeburg 1791, Verl. Pomsasche Buchdruckerei. Diese Schrift (14 S. Einleitung, 194 S. Text) muß als die wichtigste Quelle über Person und Bestreben des merkwürdigen Bilderstürmers bezeichnet werden. Rathmann hat lange persönlich mit Basedow verkehrt und war von Jugend auf ein fleißiger Leser seiner Schriften gewesen. Basedow hat dem Freunde, mit dem er Mitglied der gelehrten Magdeburgisohen Mittwochsgesellschaft war, sein Vertrauen erwidert und manches von seinen Gedanken und Plänen mit ihm besprochen. Aber indem Rathmann über Leben und Streben des "verdienstvollen" Mannes handelt, für den er überaus große Hochachtung hegt, und zeigt, wie er hier ganz auf demselben Bo(12)den steht, gibt er keine ganz unbefangene Kritik. Er gibt wohl einzelne Mängel zu, die aber nach seiner Meinung nur die Form, nicht die Sache betreffen. In Basedows Gegnern, den "Orthodoxen", sind durchweg böse, eigensüchtige, finstere Leute dargestellt. Basedow ist überall ein Lichtbringer. Merkwürdig! Während Rathmann auf Seiten des unablässigen Neuerers zu stehen scheint, der den rechtgläubigen Pietisten ganz zuwider ist, hegt er doch nicht nur für seinen August Hermann Franke große Verehrung, sondern meint auch in dem bergisohen Abt Steinmetz eine ganz andere geistig - sittliche Würde, einen tieferen Geist und Gehalt des Christentums zu erkennen, als in dem leidenschaftlichen Fortschrittsmann Basedow. Biese für Rathmanns tieferes Christentum, tiefer als seine rationalistisch - aufklärerische Gefolgschaft und Worte es vermuten lassen, so glückliche Inkonsequenz in der Beurteilung wirklicher Pietisten, tritt noch mehr in einer Schrift hervor, die zuerst wieder in einer Zeltschrift, dann später, mehr als um die Hälfte vermehrt, selbständig erschien, nämlich in seiner "Kurzen Geschichte der Schule zu Kloster Bergen". Als man bereits um 1790 mit einer Aufhebung dieser Schule umging, trat er kräftigst für die Schule ein, indem er in einem geschichtlichen Aufsatze in der beliebten, vielgelesenen "Deutschen Monatsschrift" auf die Bedeutung dieser Schule für Unterricht, Bildung und Erziehung hinwies, und dafür viel Anerkennung fand. Als dann gegen Ende der Franzosenzeit die alte Stiftung aufgehoben, ihr Bau zerstört wurde, ihr Bau zerstört wurde, widmete er ihr als Sonderschrift seine "Kurze Geschichte der Schule zu Kloster Bergen bis zu ihrer Aufhebung." Magdeburg 1812, Kreutzsche Buchhandlung. Diese Arbeit, deren Wert besonders in den Mitteilungen aus der neueren Zeit besteht, zeichnet sich durch denselben Grundsatz aus, der ihn bei Abfassung der "Beyträge" leitete. Neuere Nachrichten brachte er nur nach Mittellungen von Augenzeugen und mithandelnden Personen oder glaubwürdigen, größtenteils gedruckten Aufsätzen. Bei seinen Urteilen über zeitgenössische Personen ist er schonend und zurückhaltend. Er will lieber das Gute sagen, als sich von Tadelsucht beherrschen lassen, doch ohne der Wahrheit nach seiner Überzeugung etwas zu vergeben. Merk(13)würdig ist, wie sein Urteil über Männer anderer kirchlicher Richtung ausfällt. Da ist er nun voll rückhaltloser Anerkennung des Pietisten Steinmetz. "Er stand", sagt er von ihm, "nicht nur seiner Pietät und Gelehrsamkeit wegen, sondern auch als vorzüglicher Erzieher in großem Ansehen. Steinmetz ist es, der sich um die Kloster bergische Schule unsterbliche Verdienste erworben hat und ihr einen vorzüglichen Wert zu verschaffen wußte." Er ist ihm der ehrwürdige Steinmetz, den er nie ohne Hochachtung nennen werde. Er stellt ihn wieder mit A.H. Franke zusammen. Man würde in dem Verfasser gar nicht auf einen eifrigen Jünger des Rationallsmus und der Aufklärung schließen, wenn man ihn nicht als solchen aus seinen sonstigen Schriften und Äußerungen und aus seiner literarischen Genossenschaft kennenlernte. Das Urteil über den Abt Resewitz und die unter ihm zu Kloster Bergen herrschende Richtung ist in doppelter Beziehung merkwürdig, weil einerseits Rathmann hier im der Lage war, die Grundsätze seines eigenen geisti- gen Wirkens auszudeuten, anderseits der Argwohn, den der Abt gegen ihn gehegt hatte, wohl auf sein Urteil hätte von Einfluß sein können. Von der religiösen Richtung sagt er: "Bei den Religionslehren ward nach Rese- witz Wunsch und Leitung weniger auf systematische und orthodoxe Genauigkeit, als auf faßliche Darstellung und praktische Anwendung der Religionslehren, besonders für jugendliche Leben, sowie auf ihre Wirkungen fürs Gemüt gesehen. Dies geschah nicht nur in den Lehrstunden, sondern auch in den öffentlichen Vorträgen." Sehr bezeichnend ist sowohl Lob wie Tadel des Abtes. Letzteren führt er in der Form ein, daß Resewitz "nach der Meinung mancher Zeitgenossen nicht warm, tätig und kraftvoll genug für die Anregung der Schüler wirkte und handelte, auch mit zu kalter philosophischer Ansicht die Religion und ihre Lehren zu betrachten und zu behandeln gewohnt war." Ein vorsichtiger Ausdruck für den toten Rationallsmus des Abtes. Dagegen rühmt nun Rathmann von ihm, er habe eine krasse und unduldsame Orthodoxie unterdrücken, hingegen eine vernünf- tige, schriftgemäße Ansicht wichtiger Religionslehren kräftig befördern helfen. Die bedeutendste wissenschaftliche Leistung Rathmanns (14) ist doch seine "Geschichte der Stadt Magde- burg", die anfangs darauf angelegt war, in 3 Bänden von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart hinab zu führen und dann in 4 Bänden doch nur bis zum Jahre 1680, bis zum Beginn des kurbrandenburgischen Regiments bewältigt werden konnte. Von seiner ersten Anstellung an hatte sich Ratmann mit Ernst und Erfolg mit der Geschichte, besonders der magdeburgischen beschäftigt. Die günstigste Gelegenheit, Schriften und Hilfsmittel hierfür zu benutzen, bot sich ihm zwischen 1777 und 1793, während seiner Anstellung an Kloster Bergen. Da er aber von der Universitätszeit an bis zu seinen Ende nur im magdeburgischen Lande lebte, forschte und strebte, auch von dem der Stadt Magdeburg benachbarten Pechau aus viel amtlichen und persönlichen Anlaß hatte, diese zu besuchen, so fehlte es ihm nicht an Zeit, seine Hilfsmittel immer vollständiger zusammen- zubringen, durchzuarbeiten und seinen Plan ausreifen zu lassen. Rathmanns Geschichte von Magdeburg ist eine archivalisch-urkundliche Arbeit, zwar nicht in dem Sinne, daß in grösserem Umfange unbekanntes Material aus den Archiven verarbeitet wäre, wohl aber insofern, als über- all, wo es tunlich erschien, auf die eigentlichen, meist irgendwo veröffentlichten Urkunden und danach erst auf die Schriftsteller zurückgegangen ist. Rathmanns Geschichte zeichnet sich auch im einzelnen durch sorgfältige Angabe der Quellen und Hilfsmittel unter dem Text aus. Dadurch liefert er den Beleg, daß er dem ausgesprochenen Grundsatze folgte: "Die Wahrheit und Richtigkeit der erzählten Begebenheiten genau zu untersuchen und möglichst auszumitteln und zu beweisen; das war, mir billig, der erste Zweck meiner Arbeit." Teils die gewissenhafte Benutzung der Zeit, teils besondere Umstände, wie ernstliche Krankheiten in den Jahren 1803 und 1805 und, wie er dann selbst erklärt, der unselige 1806 ausgebrochene Krieg, waren Gründe, weshalb die Geschichte nicht so schnell und endlich nicht so weit herab- geführt wurde, als der Verfasser ursprünglich gehofft und in Aussicht gestellt hatte. Nachdem der 3. Band im Jahre 1803 (Vorrede Pechau, 10.Mai), des 4. Bandes 1. Heft 3 Jahre später (Vorrede Pechau, 20. April 1806) ausgegeben war, erschien das 2. bis zum Jahre 1680 reichende Heft erst nach den Freiheitskriegen (Vorrede Pechau, 27. Aug. 1816). Längere Zeit hatten der Druck und die Schmach der Fremdherrschaft dem patrio- tischen (15) Manne allen Mut und alle Lust zu seiner Geschichtsarbeit genommen. Erst nach hergestelltem Frieden kehrte er zu dieser Arbeit dann zurück. Seine beim Beginn des neuen Jahrhunderts herausgegebene "Kurze Übersicht der Geschichte Magdeburgs im 18. Jahrhundert" kann allerdings kaum als Ergänzung seines Hauptwerkes betrachtet werden, sie ist aber lehrreich für seine Richtung und Auffassung. Sein Jahrhundert erscheint ihm als das entschieden glücklichste der 1OOO - jährigen Geschichte der Stadt. Bei dieser Anschauung war besonders seine Begeisterung für die Aufklärung bestimmend, die am Schlüsse des Jahrhunderts den Sieg über so viele Vorurteile davongetragen habe. Nach Vollendung des 4. Bandes hoffte der 66 - jährige Verfasser noch in einem mäßigen Schlußbande die Geschichte noch bis zu seinen Tagen herabführen zu können. Dies war ihm jedoch nicht vergönnt. Die "Geschichte der Stadt Magdeburg" erregte ihrer Zeit, in der es nicht viel ihresgleichen gab, allgemeine Aufmerksamkeit und Anerkennung bei fachkundigen Männern. Wohl besonders in dankbarem Gedenken an diese Leistung beabsichtigte man, dem Verfasser, unmittelbar nach dessen Ableben ein größeres Denkmal zu setzen, wofür namentlich der Oberbürgermeister Franke eintrat. Dazu kam es aber nicht, aber wer sich eingehender und ernsthafter mit Magdeburg und seiner Geschichte beschäftigt, der wird auch ohne ein solches Erinnerungsmal des Mannes nicht vergessen, der durch langjährige, gewissenhafte und treue Arbeit zu einer eigentlichen darstellenden Geschichte der schicksalsreichen, für das deutsche Geistesleben so wichtigen Stadt den Grund gelegt hat. = = = = = = = = = = = = = = = = = =
Ende der Aufzeichnungen von Pfarrer H. Schrader.
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(16) In zwei Biographien über H. Rathmanns Schwiegersohn Christian Simon David Gloël (1793-1879) finden sich weitere Anekdoten über H. Rathmann, die hier angemerkt werden sollen. Die Quellen sind: Superintendent Johannes GIoëI (1825-95), 1887: Erinnerungen aus dem Leben meines lieben, teuren, seligen Vaters, des Dr. theol. Pastors zu Osterweddingen, Simon Christian David Gloël. Pfarrer Otto Gloël( 1861-1951): Erinnerungen aus dem Leben des Pastors und D. theol. Christian Simon David Gloël. Anm. 1.) aus: Joh. GIoëI, S.21-23 "Leider kann ich von dem Oberprediger der damaligen Zeit nicht viel Rühmliches erzählen.- Noch zur Knabenzeit des lieben Vaters, oder vielleicht auch schon etwas früher, stand in Neuhaldensleben der Oberprediger Buntebart, ein streng herrschsüchtiger Mann. Der befand sich in stetem Streite mit seinem Diakonus, und einst rief dieser bei einem heftigen Wortwechsel ihm zu: "Nun weiß ich, was für einen Bart Judas gehabt hat: nämlich nicht einen roten, wie man gewöhnlich meinet, sondern vielmehr Judas hat einen bunten Bart gehabt." Gegen Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts war der Rektor Rathmann - unser nachmaliger lieber Großvater- als junger Mann in Neuhaldensleben auf einige Jahre angestellt (aber nicht mehr zur Zeit unseres lieben Vaters GIoëI). Der hatte die Verpflichtung, oft des Nachmittags in der Hauptkirche der Stadt (- denn es gab damals 2 Kirchen daselbst ) zu predigen - und weil er sehr klein von Gestalt war, so ließ er sich jedesmal ein dickes Brett auf die Kanzel vom Küster tragen, um darauf stehend, die hohe Kanzelbrüstung etwas zu überragen. Natürlich mußte er dann nach gehaltener Predigt dafür sorgen, daß dies Brett vom Küster wieder weggeschafft wurde. Einst war dies dicke Brett in der Kanzel liegen geblieben, und als am folgenden Sonntag zur Morgenpredigt der sehr große Prediger Buntebart die Kanzel betrat, erschien er der versammelten Gemeinde noch viel größer als sonst, sein Haupt berührte beinahe den über der Kanzel befindlichen Schall- deckel. Der gestrenge Herr Oberprediger merkte sofort den Grund seiner ungewöhnlichen Größe und Länge. Da drehet und streckt er sich, so hoch er nur kann, dann, (17) mit einem Male bückt er sich wieder und verschwindet hinter der Kanzelbrüstung. Schnell aber ist er wieder aufgerichtet und hält mit beiden Händen das ihm unbequeme Brett, auf dem er gestanden, hebt es hoch in die Höhe mit zornfunkelnden Augen und darauf schleudert er plötzlich - wie der Mann Gottes, Mose, nicht die Gesetzestafeln - das corpus delicti, das unglück- liche Brett mit aller Gewalt von der Kanzel herab mitten unter die andächtige Gemeinde, sodaß Männer und Weiber - obgleich zum Glück niemand beschädigt ist - laut aufschreien und kreischen. Dann wird es wieder still, und der zornmütige Buntebart hält nun ganz ruhig, wie wenn nichts geschehen wäre, seine Predigt. Aber beim Herausgehen aus der Kirche winkt er den armen Rektor Rathmann, der während der ganzen Predigt totenbleich vor Schreck gebebt und gezittert hat, und ruft mit lauter Stentorstimme ihm zu: "Herr Rektor, Herr Rektor, nehmen Sie sich vor mir in Acht. Ich trete hier auf dem Kirchhofe schon manchem Gestorbenen und hier begraben liegenden Rektor auf den Kopf. Hüten Sie sich, daß es Ihnen nicht auch so ergeht." - Dadurch wurde der junge, damals sehr schwächliche Rektor Rathmann so eingeschüchtert, daß er sich so bald als mög- lich von Neuhaldensleben, von der Seite des Tyrannen Buntebart weg versetzen ließ und eine andere Stelle in Kloster Berge annahm. Anm. 2.) vgl.: Joh. Gloël, S.107-108 Nach dieser Beschreibung hatte Rathmann seine Rettung seiner Tochter Emilie zu verdanken, die schnell und geistesgegenwärtig hinzusprang und das auf ihren Vater gerichtete feindliche Gewehr noch rechtzeitig bei Seite schlug, sodaß "die tödliche Kugel dicht an dem Haupt des teuren Großvaters vorbei" ging. Zur selben Zeit war auch ein russischer, reicher, junger Offizier auf mehrere Tage im Pfarrhaus einquartiert, der an der jüngsten Tochter Albertine solchen Gefallen gefunden hatte, daß er ihr zum Abschied ein schönes Pferd schenken wollte. Albertine und ihr Vater wiesen das Geschenk jedoch entschieden zurück. Aber noch am Tage seiner Abreise erschien auf einmal sein Reitknecht, der sein richtiger Sklave war, mit dem schönen Pferde wieder im Pfarrhofe und brachte ein kurzes Schreiben von seinem Herrn, worin dieser das Fräulein Albertine dringend bat, das edle Pferd samt den Reitknecht als Geschenk von ihm anzunehmen und zu behalten. Indessen wurde natürlich der Reitknecht mit dem Rosse sofort wieder zurück gesandt. (18) Anm. 3.) vgl. Otto Gloël, S. 29 - Zur Hochzeit von Albertine Rathmann(1795-1832) mit Christian Simon David Gloël (1793-1879) am 24. 8. 1817: Die Hochzeit wurde in Pechau mit wenigen Gästen gefeiert und der Brautvater (Heinrich Rathmann) hielt eine herzliche Traurede, die sich ganz der damaligen Geistesrichtung anschloß: "Ihr habt Religion, Vernunft und Tugend, bleibt dabei, so wird es Euch wohlgehen." Die Hochzeitsgeschenke bestanden in zwei Lichtschnupp- scheren, wie man sie damals brauchte. Aber eine der verheirateten Schwestern nahm davon eine für sich, weil sie gar kein Hochzeitsgeschenk bekommen hätte. Der Bräutigam Gloël war bei seiner Hochzeit in so lebhafter Unterhaltung mit den Gästen, daß er darüber versäumte, sich satt zu essen, wie er später erzählte. Als nun am Abend das junge Paar im Kutschwagen nach Leitzkau fahren wollte, stieg die älteste Schwester der jungen Frau (auf Wunsch der Mutter, die ihrer jungvermählten Tochter eine Haushaltshilfe mitgeben wollte) mit in den Wagen, um ihr dauernd im Haushalte behilflich zu sein. Der junge Ehemann aber mußte auf dem Bock sitzen, wo er bald dem strömenden Regen ausgesetzt war. In der Nacht fanden sie das Pfarrtor in Leitzkau verschlos- sen, und erst nach einigem Rufen und Klopfen wurde es geöffnet von der unzufriedenen Wirtschafterin (Jungfer Riemann), der von der beabsichtigten Hochzeit nichts gesagt war. zur Liste der Familienmitglieder - - - -AndreaAndreas Gruner Okt. ´2004 |