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14. März 2001

Das Geweihmaterial im Inventar des altpaläolithischen Fundhorizonts von Bilzingsleben

Dietrich Mania, Friedrich-Schiller-Universität Jena 


J. Vollbrecht veröffentlichte vor einigen Monaten im INTERNET eine Kurzfassung seines Berichts über "Die Geweihfunde aus Bilzingsleben, Ausgrabungen 1969 - 1993", der aus seiner von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten zweijährigen Mitarbeit am Projekt Bilzingsleben (1995-1997) stammt. Er wurde bisher nicht publiziert, da auf Grund einiger offener Fragen seine kritische Überarbeitung noch aussteht.

Hier meine Stellungnahme zu den Schlußfolgerungen von J. Vollbrecht sowie einige Richtigstellungen.
Zuerst ist festzustellen, daß Schlußfolgerungen, wie sie von V. geführt werden, nicht allein vom Geweihmaterial her getroffen werden können, sondern die Beschaffenheit dieses Materials im Zusammenhang mit der gesamten Fundsituation, geologisch wie archäologisch, gesehen werden muß. Doch konnte V. schon deshalb keine abschließenden Erkenntnisse erhalten, da wir uns erst im Stadium der Analyse dieser Gesamtsituation befinden.

Wir wählen die Abfolge des Textes von V.:
Zur Einleitung: Der Fundhorizont, den E. Wüst kannte, befand sich in Travertinsanden innerhalb der Travertindecke, welche unseren Fundhorizont bedeckt! Es ist also nicht der gleiche Horizont.
Die genannten bisherigen Untersuchungen der Arbeitsgruppe Bilzingsleben lassen es nicht als "wahrscheinlich erscheinen", sondern belegen mit Sicherheit die Einordnung des Travertins mit seinem Fundhorizont in die Zeit des Holsteinkomplexes zwischen Elster- und Saalevereisung. "Paläogeographische Rahmenbedingungen": Der Schwemmfächer ist nicht nur "vermutlich", sondern real das Ergebnis der Einschwemmung durch einen Quellbach in das Travertinbecken. Auf Grund seiner undeutlichen Schichtung konnten Rinnen unter dem Schwemmfächer nur in wenigen Fällen von jenen unterschieden werden, die später vom Schwemmfächer aus eingetieft wurden, so daß im Gegensatz zur Meinung von V. eine Trennung des Fundmaterials nach Rinnen und Schwemmfächer kaum möglich ist. Die Uferterrasse wird von Beckenlöß gebildet, der durch Pseudovergleyung oberflächlich eine Tonanreicherung und Entkalkung erfahren hat. Die westlich angetroffenen Rinnen enthalten keinen "Quarzsand", sondern Travertinsand, dessen Quarzsandanteil höher ist als im Schwemmfächer. - Im Übrigen ist die Schilderung der geologischen Verhältnisse des Fundhorizonts ungenügend und unklar. Wir müssen unterscheiden zwischen Fundmaterial, das 1. im Schwemmfächer und 2. auf der Uferterrasse liegt. In 1. ist es weitgehend umgelagert und läßt sich innerhalb des Schwemmfächers kaum stratigraphisch gliedern. Bei 2. liegt es zum Teil (vor allem die größeren und schweren Objekte, aber in vielen Fällen auch kleinstückiges Material) im Kontakt auf der alten Lößoberfläche und zum anderen Teil in den basalen sandigen Horizonten des Seekalkes, der die Uferplatte und den Schwemmfächer bedeckt. Doch dieses Material besteht fast nur aus kleinformatigen Objekten, die während der Überflutung der Uferterrasse umgelagert wurden. Daraus allein geht schon hervor, daß die größeren Geweihobjekte auf der alten Oberfläche liegend angetroffen wurden. Im Schwemmfächer war das Geweihmaterial wie die übrigen archäologischen Objekte an keine bevorzugte Strate gebunden. Die unvollständigen Hinweise auf ökologische Verhältnisse, die mit Hilfe der Molluskenfaunen erschließbar sind sowie auf den Erhaltungszustand der Chara-Oogonien sind recht zusammenhanglos und sollten in dieser Form entfallen.
Der Satz "Auf der Grundlage dieser Erkenntnis wird der Schluß gezogen, im ausgegrabenen Landschaftsausschnitt sei eine Heimbasis des Homo erectus vorhanden" zeigt uns die gegensätzliche, aber voreingenommene Haltung von V. hinsichtlich dieser Ausdeutung. Er kann auch andere Zweifel anmelden, doch sie stehen ihm aus Mangel an Wissen und Erfahrung, der in seiner Arbeit immer wieder deutlich wird, nicht zu!
Morphologische Beschreibung:
"Taxonomische Bemerkungen": Eine neue Untersuchung des Geweihmaterials durch den Spezialisten (Dr. J. van der Made, Madrid), zeigt, daß eine größere Zahl der Geweihfragmente zu Dama sp. (clactoniana) gehört, als von V. erkannt wurden. Auch der "Augsproßrest von Megaceros" ist falsch bestimmt. Das Stück gehört zu Cervus elaphus und ist auch kein Augsproß. Es ist zu vermuten, daß auch nicht alle morphologischen Bestimmungen des Materials exakt sind und nochmals überprüft werden sollten.
(Morpholog. Klassifikation). Es ist auch anzunehmen, daß eine Zuweisung des fragmentierten Materials nach 80 Elementen, in die V. eine Geweihstange aufgliederte, mit Sicherheit in vielen Fällen gar nicht möglich ist.
MNI. Mir ist unbekannt, wie V. die Mindestindividuenanzahl der Cerviden von der gesamten Gabungsfläche nach postkranialen Resten bestimmt hat, denn das war bisher nicht möglich und wird zur Zeit vom Paläontologen ermittelt (J. v. d. Made). Also kann er diesen fiktiven Wert nicht verwenden.
Alterstruktur und Saisonalität: Wird vom Paläontologen überprüft.

Zerhacken rezenter Geweihstangen von Cervus elphus mit paläolithischen Hilfmitteln.


Größenklassen: Geweihreste <3 cm fehlen nicht, sondern werden unter den zahlreichen Knochensplittern kaum erkannt, da die Knochen/Geweihoberflächen durch zirkulierende Sickerwässer im Sediment korrodiert wurden - eine Erscheinung, die V. nicht berücksichtigt bei seinen Korrosionsgraden des Materials (seine Experimente zum Vergleich reichen staistisch nicht aus, da sie an zu wenig Material vorgenommen wurden). Übrigens haben wir (D. Mania, J. Sedlmeier) an eigenen Experimenten, bei denen mit Geröllchoppern Geweihe bearbeitet wurden, nur sehr wenig kleine Splitter festgestellt!
Ich kann die Beschreibung der Oberflächenkorrosion der Geweihreste bei V. nicht verstehen: Sie sind nach meinen Beobachtungen (30 Jahre Bilzingsleben!) nicht richtig. Entsprechende Erläuterungen hat er nicht akzeptiert. So sind die Unterseiten der größeren Geweihreste (Stangen, hackenartige Stücke) ausgesprochen gering korrodiert, vor allem, wenn sie dem Löß auflagen. Dieser hat die relativ starke Korrosion der fossilen Geweihreste im Sediment an diesen Stellen verhindert. Sog. Abrasion wird als solche wieder vorausgesetzt und als Zeugnis von fluviatilem Transport angesehen. Das trifft beschränkt, aber nicht ausschließlich zu. Bevor das behauptet wird, sollte man sich mit allen anderen Oberflächeneinwirkungen beschäftigen (z. B. auch Trampling, Nutzung etc.). Die Bemerkungen V.s, "Abrasion kommt in verschiedener Form in allen Teilen des ausgegrabenen Landschaftsausschnitts vor", "die abrasive Kraft laufenden Wassers zeigt eine unterschiedliche Wirkung auf Geweihe und andere Knochen, indem es die Mehrheit der Geweihfunde aus ihrer ursprünglichen Position verlagerte, bevor sie endgültig zur Ruhe kamen, gefolgt von einer weiteren Phase fluvialer Abrasion" zeigen, daß hier ohne Begründung und nur mit Hilfe kaum richtig erkannter Oberflächenveränderungen eine Genese des Fundhorizontes gefolgert wird, die unzulässig ist. Ohne Zweifel sind die Geweihreste, auch größere Objekte, im Schemmfächer bewegt und verlagert worden. Aber nicht in dem Sinne, daß sie von weiter her eingetragen und dann hier angehäuft wurden (dazu später ).


Gebrauch der Geweihhacken. Deutlich ist das Aussplittern des Augsprosses.


"Zur räumlichen Verteilung der Geweihfunde": Eine Unterscheidung des Fundmaterials der Bilzingslebener Fundstelle kann nur nach drei Lagerungs- und Einbettungsformen durchgeführt werden: 1. Travertinsand in Schwemmfächer und/oder Bachrinnen. 2. Auf der aus tonigem Löß gebildeten primären Oberfläche. 3. Im sandigen Seekalk von etwa 5 bis 15 cm Mächtigkeit direkt über der alten Oberfläche. (Kartiert wurden bei der Grabung die Funde auf der primären Oberfläche, nur auswahlweise wurden umgelagerte Funde im Schwemmfächer und in der basalen Seekalklage kartiert. Vor allem wurde hier auf die Kartierung der zahlreichen kleineren Objekte verzichtet. Sie sind nach Planquadrateinheiten fixiert). Die Zuweisungen der Funde zu diesen drei Einheiten durch V. muß erneut überprüft werden. Dabei wird sich zeigen, daß vergleichsweise viel weniger Fundstücke direkt der Oberfläche der Uferterrasse aufliegen und demzufolge auch eine Verbreitung anders aussieht.. Ihrer Lage und ihren Beziehungen kommt die größte Bedeutung zu, denn sie sind nach unseren Beobachtungen nicht durch fluviatile Vorgänge an ihre Lageplätze gelangt! So können wir auf weitere Darstellungen V.s in diesem Kapitel vorläufig verzichten, denn nur dem Fundindividuum und seinen räumlichen Beziehungen zu anderen Objekten kommt die größte Bedeutung bei der Interpretation des Fundplatzes zu. Diese Untersuchungen werden zur Zeit durchgeführt und werden ert gegen 2003 beendet sein. Den Mengenkartierungen kommt natürlich auch Bedeutung zu, sie lassen sich allerdings auch geologischanders beurteilen. Abgesehen vom Schwemmfächer kann aber die Unterscheidung von umgelagertem Fundmaterial auf der Uferterrasse und dem noch in situ auf dem Löß fixierten Material eindeutig vorgenommen werden.
Zu Karte Abb. 27: Nach Abschluß der Auswertung unserer diesbezüglichen geologischen und morphologischen Dokumentation wird diese Karte in Details anders aussehen.
"Zusammenpassungen": Sie müssen nochmals überprüft und individuell untersucht werden.

Vergleich zwischen den Bruchstrukturen an den rezenten Stücken und an Funden von der Steinrinne.


V. fragt: "Sind die Geweihe vom Menschen modifiziert?" und bezieht alle Bruchmuster auf natürliche Vorgänge. Besonders oder spätestens hier wird der Hintergrund seiner An/Absicht über unsere Fundstelle deutlich. Sie zielt darauf ab, alles, was hier bisher beobachtet und als künstlich oder als Indiz für künstliche Einwirkung erkannt und beschrieben wurde, als Ergebnis rein natürlicher Vorgänge zu interpretieren. Dieser Weg ist einfach und enthebt einer wissenschaftlichen Verantwortung, zumindest verringert er das Risiko, sich später berichtigen zu müssen. Da wir diesen Weg, der die bisherigen Interpretationen in Frage stellt, heute oft beobachten können, ähnlich, wie es bei den "New Archaeologists" und bei Binford gehandhabt wird, drängt sich der Eindruck auf, daß andere Gründe als ein fundiertes naturwissenschaftliches Grundwissen und die Fähigkeit zum Überblick die Rolle für diese Art der Interpretation spielen.
Bei den Bruchmustern der Geweihe von Bilzingsleben steht fest, daß Brüche, die am Fossilm aterial durch Sedimentauflast hervorgerufen werden, anders aussehen als wenn sie am frischen Material entstehen. V. differenziert nicht diese Bruchstrukturen. Da die Brüche, die erst nach der Einbettung des Geweihmaterials entstanden, nichts mit den Vorgängen vor der Einbettung zu tun haben, sind sie zunächst auszuschließen. Es handelt sich meist um glatte, quer durch Stangen und Sprosse verlaufende Brüche bzw. Bruchnähte, die das Objekt in seiner Form und Lage nicht verändert haben. An ihnen lösten sich erst die Einzelteile beim Herausnehmen aus der freigelegten Grabungsfläche, falls die Objekte nicht bereits in situ mit Speziallack gefestigt wurden. Im anderen Falle wurden sie zusammengesetzt und verklebt, so, wie man auch mit anderen derart beeinträchtigten Objekten verfährt (man setzt z.B. auch ein neolithisches Tongefäß zusammen)(V. läßt durchblicken, daß wir diese Brüche nicht hätten verkleben dürfen, damit er sie besser hätte beurteilen können). Aber alte Brüche, die vor der Einbettung entstanden, müssen beachtet werden. Um an ihnen die entsprechenden Teile wieder zusammenzusetzen, sollte man Dubletten, also Abgüsse verwenden, wie wir das mit unseren menschlichen Schädelresten tun.
Die Brüche, die am frischen oder ausgetrockneten, kollagenhaltigen, nicht fossilen Geweih hervorgerufen werden, sehen anders aus als jene an der spröden Kalksubstanz des kollagenfreien fossilen Geweihs. Sie treten als Stufenbrüche, schräg verlaufende Brüche, gelippte Brüche etc. auf. Splitter entstehen bei ihrer Erzeugung nur in untergeordnetem Maße; das frische Geweih splittert kaum. V. hat diese Brüche experimentell erzeugt. Wir auch: Die zähe, elastische Geweihstange kann mit Hilfe schwerer Hiebgeräte (große Chopper wie in der Bilzingslebener Fundstelle) oder großer Gerölle auf einer harten Unterlage gezielt gebrochen werden. Eissproß und Krone werden so entfernt, ein hackenartiges Gerät entsteht. Schlägt man mit der Augsproßspitze auf einen harten Gegenstand, splittert sie stufenförmig aus. Soweit unsere Experimente. Die Brüche und Objektformen entsprechen allen von uns beobachteten Brüchen und Formen, die am Geweihmaterial Bilzingslebens vor ihrer Einbettung entstanden (vgl. die Abb.). Da wir diese Formen im Experiment, künstlich also, erzeugen konnten, interpretieren wir entsprechende Formen im Bilzingslebener Fundmatertial ebenfalls als weitgehend künstlich erzeugt. Daher unsere Interpretation der Geweihe als hacken- und keulenartige Hiebgeräte (nicht als Wühlstöcke, deren Abnutzungsspuren V. vermißt). V. stellte ähnliche oder gleichartige Bruchstrukturen an rezenten Geweihen ebenfalls her (mit einer "70 kg" schweren Travertinplatte). Nur will er damit zeigen, daß Geweih natürlich so bricht. Damit hat er Recht, denn ein Material reagiert nach physikalischen Gesetzen. Doch diesen ist es gleichgültig, ob der notwendige Druck von einem Menschen oder der Natur erzeugt wird. So enstehen eindeutige Abschläge an einem Feuersteingeröll ebenfalls auf natürliche wie künstliche Weise. Wie es Binford uns gezeigt hat, ist aber "die Vorgeschichte ganz anders" und unsere Geweihe von Bilzingsleben sind eben Naturprodukte. Doch ist dazu zu sagen, daß die am nicht fossilen Geweih erzeugten Brüche auf natürliche Weise - wie auch beim Feuerstein - seltener oder kaum entstehen. Hier ist zu fragen, wo kommen die Druckeinwirkungen her beim frischen, nicht eingebetteten Geweih? Wo fällt eine "70 kg" schwere Travertinplatte wiederholt auf Geweihe? Wie oft tritt ein Elefant auf ein Geweih, das auf einer harten Unterlage liegen muß?
Auch ähnliche Formen, wie die hackenartige Form, können entstehen, wenn unter hoher Sedimentauflast das fossilisierende Geweih an Schwächezonen bricht (Tönchesberg). Doch herrschen bei fossilen Geweihen, die nur noch aus Kalk bestehen, immer die glatten Querbrüche vor, wie wir das bei den eingebetteten Geweihresten von Bilzingsleben beobachten konnten.
So fragt sich, wie es außerhalb des untersuchten "Landschaftsausschnitts" (V.) zu einer natürlichen Anreicherung von derart vielen frisch gebrochenen Geweihstangen kommen konnte, die von zahlreichen Hirschen, die hier an einer Stelle verendet sein müssen, stammen, aber genauso auch eine sehr große Menge von Abwurfstangen darstellen, die in dieser Häufung suggerieren, daß die Bilzingslebener Hirsche "Lieblings-Abwurfplätze" aufgesucht haben müßten.
Setzen wir voraus, die Ansicht von V. ist richtig und die Bruchmuster seien doch vor der Ablagerung des Geweihmaterials auf natürliche Weise entstanden. Nach dieser Ansicht war Sedimentdruck die Ursache. Dann müßte es also außerhalb des Grabungsbereiches bereits zu einer Geweih- (und Skelett-)anhäufung gekommen sein. Das gilt auch für die Abwurfstangen. Dann wurde diese Konzentration mit mehreren - schätzungsweise mindestens fünf Metern mächtigen Sedimenten (was für Sedimente??) zugedeckt. Die Stangen unterliegen einem diagenetischen Prozeß der Fossilisation und zerbrechen unter der Sedimentauflast. Das dritte Ereignis betrifft die fluviatile Aufarbeitung und Umlagerung des Geweih- (und notgedrungen auch Skelett-)materials. Es wird im bereits diagenetisch veränderten Zustand, der aber am Bilzingslebener Material in dieser Form nicht nachweisbar ist, in einem Schwemmfächer aus Travertinsand und einer etwa 10 bis 20 cm dünnen sandigen Seekalkdecke auf der Uferplatte eingelagert und ausgebreitet. Nach gewisser Zeit wird es wieder mit über 6 m mächtigen Sedimenten (Travertinen) zugedeckt. Jetzt wäre es zur zweiten Phase einer Diagenese und erneutem Zerbrechen der Geweihreste unter Sedimentauflast gekommen (wir können nur diese diagenetische Phase nachweisen).

Vergleich zwischen den Bruchstrukturen an den rezentenStücken und an Funden von der Steinrinne.


Logischerweise wäre dann auch das gesamte andere Material durch diesen fluviatilen Umlagerungsprozeß in den Fundhorizont schwemmfächerartig eingetragen, so über 80 kg schwere Travertinblöcke, bis 20 kg schwere Quarzitgerölle, Ambosse, Chopper, bis 3,5 m lange und 100 kg schwere Stoßzähne, die vielen tausend Knochen- und Gebißreste und Steinartefakte usw. Dabei muß es zur zufälligen Zusammenschwemmung von Arbeitsplätzen, Feuerstellen, einem kreisrunden Pflaster aus kleinen Geröllen und Platten gekommen sein. Wir müssen uns aber eingestehen, daß das Fließgewässer, das für den Transport in Frage gekommen wäre, lediglich ein schwach bis mäßig fließender Bach war. Das Sediment, das er verfrachtet hat, ist ein Fein- bis Mittelsand mit ganz geringen Anteilen von Grobsand und Feinkies.
Da die Geweihe an Fundgemeinschaften, Strukturen und künstlichen Zonierungen beteiligt sind, die Geweihe aber doch "nach V. erwiesenermaßen natürlich" dorthin gelangt sein müssen, sind diese von uns als Lagerplatz- bzw. Siedlungsspuren interpretierten Befunde völlig falsch. Das deutet V. auch ganz unverblümt an. Er übersieht dabei, daß er eine völlig einseitige und teilweise unkritische Untersuchung einer vom Gesamtmaterial isolierten Fundgruppe durchgeführt hat und bei dieser Untersuchung zu Phänomenen gelangt ist, die er sich selbst nicht erklären kann: Die Geweihansammlung "kann aber keinesfalls als befriedigende Rekonstruktion der taphonomischen Prozesse angesehen werden".
Leider fehlten bei dieser Untersuchung die Kenntnisse und Erfahrungen, über die der Geologe und der Paläontologe verfügen. V. hat bis dahin typologische Untersuchungen an Steinartefakten angestellt. Aber aus diesem Grund war ich als Leiter des Projekts auch von Anfang an gegen diese sog. taphonomische Untersuchung des Geweihmaterials durch V. Eine neue Bearbeitung dieses Materials muß in absehbarer Zeit von kompetenter Seite erfolgen!
Übrigens: Die auf Abb. 35 als "mögliche Arbeitsspur" gezeigte Geweihbasis, der die gesamte Rose und Oberfläche fehlt, ist diesmal wirklich richtig als artefiziell erkannt: Das Stück war mit einer Sinterkruste umgeben. Leider platzte nach dem Herausnehmen des Stückes aus der Grabungsfläche durch Unachtsamkeit des Ausgräbers die Sinterkruste mit den daran haftenden Oberflächenteilen ab. So entstand diese, wie abgearbeitet aussehende, allerdings frische Fläche. Wenn hier bereits die kritsche Unterscheidungskraft gefehlt hat, was soll man dann von den anderen Erkenntnissen halten?


Letzte Aktualisierung:
24.07.2005


Erstellt und betreut von Th. Laurat und M. Häckel im Auftrag des Fördervereins Bilzingsleben.