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05. November 2003

Reaktion auf den Artikel "Am Boden der Realitat" in der TLZ vom 01.10.2003

An den Chefredakteur der TLZ
Herrn Hans Hoffmeister
Marienstrase 14
99423 Weimar


33 Jahre Bilzingsleben -Forschung: Der reale Hintergrund.
Zum Beitrag von W. Hirsch, TLZ 1.10.03

Von Dietrich Mania

Zum Beitrag von W. Hirsch "Am Boden der Realitat" sind einige Richtigstellungen vorzunehmen:
Wenn man den Artikel liest, dann erhalt man den Eindruck, das bis zum 1.4.03 auf der Grabungsstelle bei Bilzingsleben Dilettanten am Werke waren und die Forschungen, die bisher dort stattfanden, "lange gefahrdet" (Zitate nach diesem Artikel) haben. Es sei eine "auserst komplexe Situation" mit nur "einigermasen gesicherten" Daten, "Highend-Interpretationen der Funde", einem nur "mutmaslichen Homo erectus bilzingslebensensis" entstanden. Wenn der am 1.4. auf eine C3-Professur berufene Nachfolger Clemens Pasda mit einem "schwierigen Neustart" die Fundstelle "Bilzingsleben neu erschliesen" mus, dann ist nach dieser Meinung wohl nicht das zuruckgeblieben, was wirklich vorhanden ist: eine riesige, geordnete, praparierte und aufgearbeitete Sammlung, die naturwissenschaftliche wie archaologische Dokumentation der Gelandearbeiten, 6 Monographien und zahllose Einzelpublikationen, die Berichte von 12 internationalen Bilzingsleben-Kolloquien zum jeweiligen Stand der Forschung und naturlich auch die Absicht der Bilzingslebener Arbeitsgruppe, ihre Arbeiten an diesem Material weiterzufuhren.
"Ein modernes Museum sollte Tourismusstrome anlocken". Aber "von der Realisierung solch hochfliegender Plane ist man... weiter denn je entfernt", denn vom "Boden der Realitat" abgehobene Interpretationen lassen das nicht zu.
Man mus sich beim Lesen des Beitrags fragen, wieso Dietrich Mania dieses Dilemma verursachen konnte, denn er erhielt sehr betrachtliche finanzielle Unterstutzung, z.B. von Seiten der Volkswagenstiftung, der Leakey-Foundation/U.S.A. und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, um das Bilzingsleben-Projekt weiterzufuhren, statt ihn rechtzeitig an der "Gefahrdung" der Forschung zu hindern?
Allerdings ist nicht D. Mania allein betroffen, sondern seine ganze Arbeitsgruppe namhafter Wissenschaftler, von mehr als 25 Spezialisten aus dem In- und Ausland, die sich seit 1975 mit der Aufarbeitung des Fundmaterials im Rahmen einer interdisziplinaren Forschungsarbeit befassen. Sie stehen also genauso wenig "nuchtern auf dem Boden der Tatsachen". Durch die Unterstellungen, die aus dem gesamten Artikel herausgelesen werden konnen, wird der weltweit geschatzte wissenschaftliche Ruf dieser Fachleute gefahrdet! Was wird Prof. Emanuel Vlcek in Prag, einer der international renommiertesten Anthropologen in der Evolutionsforschung, zu seinem "mutmaslichen Homo erectus bilzingslebenensis" sagen, dazu, "ob es sich tatsachlich um einen 370 000 Jahre alten Homo erectus handelt", was "z u m i n d e s t in der Fachliteratur nicht eindeutig" sei? Weder Hirsch noch Pasda sind Palaoanthropologen und Anatomen. Sie konnen die Arbeit von E.Vlcek in dieser Hinsicht gar nicht beurteilen. Und es ist einfach nicht wahr, das um "die archaologische Bedeutung Bilzingslebens a u c h in der Wissenschaft heftig gestritten" wird. Im Gegenteil, sie ist weltweit, vor allem durch das Ausland, anerkannt und last sich mit Expertisen belegen. Das "auch" last mich hier stutzen, wie das "zumindest". Auf welcher, vielleicht weniger kompetenten Ebene wird noch diskutiert?
"Pasda will....die Funde der Fachoffentlichkeit zur Diskussion stellen und auswartige Experten zu Forschungen vor Ort einladen - ein durchaus ubliches Verfahren, das in Bilzingsleben aber lange vernachlassigt wurde" - eine schwerwiegende Unterstellung; z.B: Erst vor kurzem war wieder eine Wissenschaftlergruppe mit Prof. Akira Ono von der Metropolitan-University von Tokyo-Hachioji genau zu dem "vernachlassigten" Zweck zum wiederholten Male in Bilzingsleben, um einschlagiges Fundmaterial zu studieren, was auch in japanischen Publikationen seinen Niederschlag fand. Es ist hier nicht der Platz, Studien-, Forschungs- und Diskussionsaufenthalte der internationalen Fachwelt in Bilzingsleben aufzuzahlen, von F.Clark Howell und Tim White in Kalifornien bis zu Phillip Tobias in Johannesburg und Robert B. Bednarik in Australien. Innerhalb der 33 Jahre ist diese Fachwelt jedenfalls nach Bilzingsleben gepilgert, um sich von Funden und Fundsituation zu uberzeugen. Nur Herr Pasda war bis zu seiner Berufung noch nie an dieser Fundstelle. Er konnte sich auch bis zum Zeitpunkt noch nicht mit dem riesigen Fundmaterial, der vorliegenden Dokumentation und den derzeitigen abgeschlossenen oder noch laufenden Untersuchungen der Arbeitsgruppe befassen, so das er sich eigentlich kein Urteil zumuten darf, z.B. nicht uber die geologischen Untersuchungen, deren Ergebnisse bisher nur z.T. publiziert wurden, nicht uber die Knochengerate - eine weltweit einmalige Artefaktgruppe dieser Zeit, die er noch gar nicht gesehen hat. So weckt die hintergrundige Andeutung, das mehr ein "Tierfriedhof"(!) vorlage und Frasspuren an Knochen von kunstlichen Bearbeitungen "selbst fur Experten schwer unterscheidbar" sind, beim Leser den Verdacht, das hier wieder eine dilettantische Ausdeutung durch den Ausgraber und seine Mitarbeiter vorliegt. Denselben Eindruck soll er erhalten, wenn die Seriositat unserer Ausdeutung des Fundplatzes als organisierte Siedlungsstruktur in Zweifel gezogen wird. Hier mus ich davor warnen, nur unter diesem Aspekt dem Bilzingslebener Fundplatz den Rang eines Weltkulturerbes zuzugestehen. Auch ohne diesen Aspekt hat er den Rang von World Heritage und es ware eine strafliche Vernachlassigung, ihn unter dem Gesichtspunkt verschiedenen wissenschaftlichen Beurteilungsvermogens abzuwerten.
Wenn Pasda jetzt ein "heises Eisen" ubernehmen mus, "auf sich allein gestellt" ist und uber keine Mitarbeiter, nicht einmal Grabungsassistenten, verfugt, mus er das selbst verantworten. Die DFG hat erwartet, das von ihm ein Uberbruckungsantrag gestellt wird zur kontinuierlichen Weiterfuhrung der Forschungsarbeit in Bilzingsleben. Das ist nicht geschehen. Damit gingen zumindest die Personalmittel fur zwei technische Mitarbeiter verloren, aber auch die Moglichkeit der Betreuung und Sicherheit vor Ort. Die Ausenstelle als arbeitsfahiger Komplex mit Grabung, freipraparierter Forschungsflache im solar-/voltaik-klimatisierten Schutzbau, mit Fundmagazin und Arbeitsraumen in Frage gestellt. Der Plan unsers Fordervereins, die Sammlung in einem Burgerhaus in Kindelbruck, das im Auftrag der Denkmalspflege saniert werden mus, unterzubringen, wurde jetzt hinfallig, weil die FSU ihre Zustimmung entzog. Die Sammlung sollte nach internationalem Standard ubersichtlich aufgestellt, eine Ausenstelle mit anspruchsvollen Arbeits- und Wohnraumen eingerichtet werden. Pasda ware in den Genus einer modernen, bequemen und arbeitsfahigen Ausenstelle gekommen, wie wir sie uns 30 Jahre lang nur ertraumen konnten. Der Forderverein hatte den Bau von der Stadt in kostenlose Nutzung ubernommen und ware ihr mit einer anspruchsvollen Ausstellung entgegen gekommen ("hochfliegende Plane"). Kindelbruck muste jetzt ihre zweckgebundenen Stadtefordermittel - eine nicht unbetrachtliche Summe - abgeben. Mit den Landesamtern konnte die FSU bisher keinen Leihvertrag uber das seit dem 1.4. ungeschutzte Sammlungsmaterial abschliesen, da Betreuung und Verbleib nicht geklart sind. Der Nachfolger hat daher noch keinen Zugang zu ihm. Also eine "auserst komplexe Situation", die nicht von der bisherigen Forschungsstelle Bilzingsleben verursacht wurde. Im Gegenteil: Man hatte nur weiterarbeiten mussen. Es gabe keinen "schwierigen Neustart fur die Urmenschenforschung". Ware eine seriose Zusammenarbeit mit dem bisherigen Forschungsteam nicht besser gewesen?
Ubrigens, erst jetzt wird die Forschungsarbeit "im fernen Landkreis Sommerda von Jena aus betrieben": Es gibt ja die funktionsfahige Ausenstelle in Bilzingsleben nicht mehr.

Jena, 1.10.03



Letzte Aktualisierung:
24.07.2005


Erstellt und betreut von Th. Laurat und M. Häckel im Auftrag des Fördervereins Bilzingsleben.