Gottes Fürsorge
(das widerspenstige Schaf)

Eine Dame traf öfters mit einem Hirten zusammen. Sie sah ihn fast täglich mit seiner Herde, und es fiel ihr auf, dass er stets ein junges Schaf in seinem Arm hatte. Deshalb fragte sie ihn nach dem Grund. 

"Sehen Sie", sagte der Hirte, "sein Bein ist gebrochen." 

"Wie ist denn das gekommen?" 

"Ich habe es gebrochen!" 

"So? Wie grausam! Wie konnten Sie so etwas nur tun?" 

"Nun", erwiderte der Hirte, "das war so: Das Schaf war ein mutwilliges, ungehorsames und rebellisches Geschöpf. Es wollte nicht auf meine Stimme hören. Entweder lief es ganz allein von der Herde fort, oder es führte auch noch einige andere mit sich an gefährliche Stellen. Und so habe ich, um sein eigenes Leben und die ganze Herde zu bewahren, es eines Tages auf den Arm genommen und ihm das Bein gebrochen; aber mit dem Brechen des Beines empfand mein Herz selber einen großen Schmerz." 

"Aber warum lassen Sie es denn nicht daheim?" 

"Ja, sehen Sie, es gehört eben zur Herde. Es ist mein Schaf ebenso gut wie die anderen und braucht mich jetzt mehr als die anderen. Und so nehme ich es auf meinen Arm, und wenn ich es ins Gras niederlasse, reiche ich ihm das schönste Futter und bringe ihm das kühlste Wasser; und wir haben Augenblicke guter Gemeinschaft miteinander, mein verwundetes Schäflein und ich." 

"Wird es denn immer lahm bleiben?" 

"O nein! Es wird bald wieder besser sein. Es ist aber nicht mehr das Schaf, das es vorher war. Es liebt mich und traut mir jetzt und kennt meine Stimme besser als vorher, und ich werde keine Mühe mehr mit ihm haben."

Version 2

 Der gebrochene Fuß

Eines Abends kam ein Wanderer an einen einsamen Schafstall.
Die Tür war nicht verschlossen, und so trat er ein. Mitten zwischen seinen Schafen saß ein
Hirte, der nach kurzem Gruß sich wieder einem Schäfchen zuwandte, das
anscheinend krank auf einem Bündel Stroh lag.

„Was fehlt ihm?“ fragte der Wanderer. „Ein Fuß ist gebrochen“, antwortete der Hirte 
und streichelte es sanft. Der Fremde wollte wissen, wie das geschehen war. 

Da erzählte der Hirte:
„Ich selbst habe ihm den Fuß gebrochen, weil ich seinen Ungehorsam nicht länger ertragen konnte.
Monatelang habe ich versucht, es mit Liebe zu leiten und ihm nur Gutes zukommen zu lassen, 
aber es hat nie richtig auf meine Stimme gehört. Immer ging es seinen eigenen Weg.
Einmal musste ich es von einem steilen Felsen herunterholen und ein andermal aus einem
Abgrund herauf tragen.
Fast wäre es einem Adler zum Opfer gefallen,
aber das Schlimmste war, dass auch andere Schafe ihm nachliefen.

Da wusste ich nur noch ein Mittel: 
Ich musste ihm einen Fuß brechen, damit es nicht mehr weglaufen kann. 
Erst war es böse, fraß nichts und stieß nach mir;
aber jetzt sieht es mich demütig an und leckt mir meine Hände. 
Auch auf den Ton meiner Stimme achtet es genau. 
Bald kann es wieder laufen, und eines weiß ich, 
dass ich dann in meiner Herde kein ungehorsames Schaf haben werde.“

Als der Wanderer seinen Weg fortsetzte, dachte er bei sich:
„Sollte der himmlische Hirte mit Seinen Schafen nicht auch so handeln?“

(Verfasser unbekannt)