Die Helden von 1133
Am 3.August.1996 fand die legendäre Stromauffahrt der Helden von 1133 statt.
v.l.: Jens Hundertmark, Martin Körntgen, Martin Wahle, Dirk Schünemann, Albrecht Garbe
Der Stromaufpokal
1996 haben sich einige Unentwegte aus der Gruppe der Mittwochsruderer zusammengefunden und eine Herausforderung ganz besonderer Art gesucht: die Stromauffahrt.
Nachfolgend der Erfahrungsbericht eines Teilnehmers:
Die legendäre Fahrt von 1133
Dies ist das Logbuch des Schreckens. Es soll Euch allen eine Warnung sein, niemals so viel zu rudern, dass das Bier nicht mehr schmeckt.
Mittwoch, 31. Juli 1996, abends beim Grillen (das wieder einmal nicht stattfand)
Vorbesprechung: Wir wollen sehen, wie weit man an einem Tag vom Bootshaus aus fahren kann. Bis 15 Uhr soll es gegen die Strömung gehen, danach wieder zurück. Ich hatte mir dabei vorgestellt, dass man ja zwischendurch auch mal das eine oder andere Wirtshaus aufsuchen kann, und so einen gemütlichen Tag auf dem Wasser verbringt. An einem Wettkampf hatte ich nicht gedacht,
Aber Dirk Schünemann hatte einen anderen Plan, und zwar auf dem Papier.
So, nach Holzminden will er also mit uns, oder vielleicht auch nur bis Heinsen. Und sechs Kilometer sollen wir in der Stunde zurücklegen. Aua, worauf hatte ich mich da eingelassen. Aber jetzt kann mich wohl nur noch der gelbe Schein retten.
Samstag, 3. August 1996, 5:40 Uhr. Location: Bootshaus RV Weser v. 1885 e.V.
Freudig werden wir von der Alarmanlage begrüßt. Die Werra wird aus der Halle getragen. Noch realisiert wohl keiner, dass uns dieses Boot in den nächsten gut 14 Stunden ein ständiger Begleiter sein wird. Im Boot werden 30 Liter Getränke, Müsli-Riegel, Bananen und Brote verstaut. Ein letztes Foto vor dem Start; Deutschland um fünf nach sechs. Apu steuert.
Stromkilometer 126, der Bückeberg
der erste Steuerwechsel, Dirks Aufruf zu trinken, um der Austrocknung und den damit verbundenen Leistungsabfall vorzubeugen, wird mit einem Lächeln abgetan. Die erste Hürde wartet auf uns, es geht über die Latferder Klippen. Wir sind 10 Minuten vor Dirks Zeitplan.
Stromkilometer 117, im Niemandsland zwischen Hajen und Hehlen,
Martin K. aus H. hat den unglaublichen Satz ausgesprochen: ich verzichte auf meine Steuerkilometer. Apus Zentralrechner muß reagieren. Vor Beginn der Fahrt hatte er errechnet, dass er möglichst viel steuern kann, wenn er beginnt, und wenn wir alle 6 Kilometer wechseln. Und jetzt kommt Martins Verzicht. Schnell legt er die Etappenlänge auf 7 Kilometer fest und sichert sich so wieder alle Vorteile. Wir sind inzwischen 20 Minuten vor dem Plan.
Stromkilometer 111, Bootshaus Bodenwerder,
20 Minuten Frühstück, Apu freut sich, denn er hat Martin Wahle glaubhaft versichern können, dass dieser nicht auf den schmalen Steuersitz der Werra paßt. Martin wird also durchrudern, und Apu steuert.
Stromkilometer 104, die Hannoversche Lorelei,
der nächste Wechsel, unsere Geschwindigkeit hat sich bei 7 km/h eingependelt. Es läuft gut.
Stromkilometer 101, Steinmühle,
das niedrige Wasser zwingt uns fast in die Außenkurve, eine Angel schließt sich uns an.
Stromkilometer 97, Zur Brille,
wir begegnen unseren Ruderkameraden Markus Johlen, er hat diesen Morgen eine Wanderfahrt von Brevörde nach Hameln begonnen und begegnet uns schon nach 3 Kilometern.
Stromkilometer 94, Brevörde,
warum ist die Weser hier so gerade und so lang, und warum nimmt dieser Ort gar kein Ende und wo ist Polle? Fragen über Fragen.
Stromkilometer 92, Polle,
hier hatte Dirk 20 Minuten Mittagspause vorgesehen, gut dass wir inzwischen mehr als eine Stunde vor dem Plan liegen. Bine und Anne versorgen uns mit Würstchen, Brötchen und Nudelsalat. Nur das kühle Bier will nicht so recht schmecken. Naja, wir sind halt mit ganzem Herzen Sportler.
Dirk macht uns Mut: Nur noch 10 Kilometer nach Holzminden. Martin flaggt noch schnell ein kleines Denkmal ab und es geht nach NUR 60 Minuten Pause weiter.
Stromkilometer 90, Heinsen,
unser Alternativziel, das Boot läuft gut, trügerische Ruhe?
Stromkilometer 86, Ahlsberg,
noch vier Kilometer, es läuft gar nichts mehr!
Stromkilometer 82, Holzminden (jedenfalls nach Dirks Plan)
Kein Haus, kein Ort, Dirk hat sich geirrt, ich hasse ihn, ich bringe ihn um (wenn ich wieder die Kraft dazu habe)
Stromkilometer 81, Ruderclub Holzminden,
es ist geschafft, 51,5 Kilometer gegen die Weser in 9 Stunden. Wir fallen auf die Wiese. Glück, Freude, Stolz, doch langsam kommt der nächste Gedanke. Jetzt müssen wir ja wieder zurück, und das ist normalerweise eine Tagesetappe bei Wanderfahrten. Wie konnten wir das nur vergessen. Also zurück ins Boot, das Bier schmeckt sowieso nicht. Wir versuchen uns von der Strömung treiben zu lassen, aber es geht nicht. Der leichte Gegenwind läßt uns fast auf der Stelle stehen. Also muß durchgerudert werden.
Stromkilometer 111, Bodenwerder,
kleine Pause, die Hände brennen, der Körper schreit, das Bier schmeckt immer noch nicht.
Stromkilometer 132,5, Location s.o., Zeit 20:07 Uhr.
Es ist geschafft. Den ganzen Tag über haben wir uns mit der Freude auf den Abend am leben gehalten. Und jetzt sitzen wir bei Albrecht im Garten. Bine und Anne grillen für uns, Bier und Sekt steht reichlich zur Verfügung. Aber wie schneidet man mit entzündeten Händen das Fleisch in mundgerechte Stücke, und wie sitzt man einigermaßen aufrecht und schmerzfrei am Tisch, wenn die Rückmuskulatur die Arbeit niedergelegt hat. Unser Zustand läßt sich mit dem Wort Hundemüde nur ansatzweise beschreiben, und so kommt es, dass wir uns nach einer knappen Stunde alle auf den Heimweg machen.
Die Tatsache, dass das Bier nicht mehr geschmeckt hat, und dass mein Körper auch nach einer Woche noch über diese Schinderei geklagt hat, bewegt mich zu einer klaren Aussage: Nie wieder -
Außer wenn eine andere Mannschaft diesen Rekord einstellt. Dann müssen wir wohl beim nächsten Mal nach Bad Karlshafen.
Oh nein, jetzt erwische ich mich schon wieder bei solchen Gedanken, und dabei sitze ich vollkommen nüchtern bei einer Tasse Kaffee an der Tastatur. Der Mensch ist halt nur sehr begrenzt lernfähig.
Jens Hundertmark, oder einfach nur der Boris
Um auch andere zu vergleichbaren Taten anzuregen, wurde ein Stromaufpokal gestiftet, der jedes Jahr an die Mannschaft geht, die an einem Tag am weitesten stromauf, mind. bis Bodenwerder, gerudert ist und wieder zurück (Vergabestatuten).
Hier die Preisträger mit den Entfernungen:
1996, Holzminden 51,5km
Albrecht Garbe
Jens Hundertmark
Martin Körntgen
Dirk Schünemann
Martin Wahle
1997
Albrecht Garbe
Markus Johlen
1998
Dirk Schünemann
Albrecht Garbe
Marcus Johlen
Martin Wahle
Fabian Wellhausen
1999 , Dölme 30km
Albrecht Garbe
Markus Johlen
Martin Körntgen
Stefan Lehzen
Dirk Schünemann
2000, Steinmühle 31km
Christoph Garbe
Anne Gerlach
Martin Körntgen
2001, Heinsen 43km !
Anne Gerlach
Dirk Schunemann
Martin Korntgen

Ankunft in Holzminden nach 51,5 Kilometern gegen die fließende Weser

und abends zurück am Ruderverein Weser
mit Blasen an den Händen

Der Beweis im Fahrtenbuch
© Jens Hundertmark, Ruderverein WESER Hameln, Juni 2001