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Selbstdarstellung
der PFG im www.nordsuedforum.de

Paulo-Freire-Gesellschaft
e.V.
Arbeitsschwerpunkte
Information und Weiterbildung zu den Methoden
befreiender Pädagogik, Pädagogik und Theater der
Unterdrückten nach Augusto Boal, internationaler Austausch zu
emanzipatorischer Bewusstseinsbildung
Vorstand der
Paulo-Freire-Gesellschaft 2002-2004
Fritz Letsch, München
-> Boal, forum-theater, generative
Themen
Prof. Dr. Manfred Peters, Namur/ Belgien
-> Afrika, Alphabetisierung
Heinz Schulze, München
-> Mittelamerika, Peru, education popular
Dr. Ilse Schimpf-Herken Berlin
-> Südamerika, LehrerInnenfortbildungen,
Susanne Wörz, Reutlingen
-> Bereich Schule, Entwicklung
Adressen
für den Vorstand
Heinz Schulze
Margarethenplatz 2
81373 München
Tel + Fax 089- 770524
Homepage http://www.paulo-freire-ges.de/
für Verwaltung und theater-methoden
fritz letsch
schellingstr.91
80799 münchen
089 -45 222 668
mobil 0171-9976231
Mailto info(at)paulo-freire-ges.de und
http://eineweltnetz.org/
Regelmäßige
öffentliche Treffen
Nach thematischen Einladungen, bundesweit,
aktuelles für InteressentInnen auf http://de.groups.yahoo.com/group/paulofreire/
zu abonnieren mit einer mail an paulofreire-subscribe(at)yahoogroups.de
Profil des Vereins
Bundesweiter Verband von PädagogInnen,
Sozialarbeitenden, Lehrenden und Ausbildenden, die mit den
emanzipatorischen Methoden im Kontext der befreienden Pädagogik
arbeiten und sich gelegentlich dazu auf den verschiedenen Ebenen
austauschen.
In Artikeln, Büchern und Zeitschriften,
aber vor allem in Seminaren und mit den Teilnehmenden erstellten
Materialien wird die Basis gemeinsamen Lernens und partizipatorischen
Lehrens weiterentwickelt und in internationalen Treffen vorgestellt.
Die vorher oft verschlossenen generativen Themen
der Teilnehmenden werden in Methoden der Kodierung / Dekodierung zu den
Schlüsseln des Lernens der Einzelnen in der Gruppe: Symbole
und Bilder erschliessen die Thesen der Einzelnen in der Gruppe, im
Austausch entsteht die eigene Theorie der Welt, in der die Beteiligten
leben und nun gemeinsam handlungsfähig werden.
Alte Mythen, die unsere
Veränderungsfähigkeit einschränken, werden in ihre
Macht-Funktionen zerlegt und durch eigenes Bewusstsein ersetzt.
Bei unserer Organisation
kann man hospitieren / ein Praktikum machen
In einzelnen selbst-organisierten
Seminar-Projekten, für Soziale Arbeit, Pädagogik,
Theaterpädagogik, Agenda 21 Eine Welt, interkulturelle Arbeit,
Migration
Wir vermitteln
PraktikantInnen in von uns unterstützte Projekte
wenn die InteressentInnen sehr hohe
Eigenbeteiligung einbringen
Konto der PFG e.V.
Bank für Sozialwirtschaft München,
BLZ: 700 205 00, Kto.Nr.: 88 97 200
Mitglied werden?
Die Satzung.
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Lern-Autonomie schafft
reflexives Bewußtsein

Autonomia heißt das letzte Buch von Paulo
Freire, der die befreiende Pädagogik und Modelle des Lernens
entwickelt hatte, die von der UNESCO posthum noch einmal gewürdigt
worden waren:
Er stellt die Lernenden in die Mitte, die bei
uns meist noch von Stoff, Qualifikationen und Konkurrenzen besetzt ist.
Seit den 70er Jahren haben viele
PädagogInnen auch hierzulande versucht, gegen die Regeln ihrer
Einrichtungen solche Modelle durchzusetzen, haben sich mit wirklich
demokratischen und emanzipatorischen Methoden aber selten in den
Systemen beliebt gemacht.
Autonomie erscheint uns als Wunsch
selbstverständlich, als Forderung aber überzogen zu sein. Die
Regeln, die gegen sie ins Feld geführt werden, erscheinen heilig,
Institutionen -verteidigend.
Die Lernenden sollen sich in bestehende Systeme
einpassen, ihre Regeln übernehmen. Als Pädagogen neigen wir
dazu, eher Gefängniswärter als Anwälte der Lernenden zu
werden.
Dabei kommt ausgerechnet aus der betrieblichen
Ecke die Forderung, mehr zu Kreativität und
Innovationsfähigkeit anzuleiten, statt veraltendes und schwer
handhabbares Wissen zu verabreichen.
Weder Ausbildung noch Status der meisten
Lehrenden bieten dafür wirklichen Hintergrund, sie verteidigen
lieber ihre Zellen, als sich mit Freiheit zu konfontieren.
Eine
Tagung zur Lern-Autonomie der PFG in Berlin 1999
Zuerst tauschen die ca 30 Teilnehmenden - nach
einer kurzen Vorstellungsrunde - unter Gesprächsleitung von Dr.
Ilse Schimpf-Herken - die wichtigsten Ereignisse in den Lern-Biografien
aus:
Wenn ich meine Lern-Geschichte als Fieberkurve
aufmale, in der die jeweils geringe oder hohe Autonomie des Lernens in
den verschiedenen Institutionen sichtbar wird, was fällt mir auf?
Am folgenden Tag gehen alle nach einer
körperlichen Lockerung und einer Einführung in die
Grund-Methoden des Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal
daran, ihre Statuen und Bilder der behinderten Autonomie zu gestalten,
nachmittags entstehen Forum-Szenen, die einem öffentlichen
Publikum vorgestellt werden.
Angst, Gewissen, Motivation und Utopie im
Streit, Regel-Verordnung und Entscheidungen in der Familie, aber auch
Rüstungs- und Börsenspekulation versus
Friedensbemühungen werden Themen der Auseinandersetzungen, die
durch die Zuschauer verändert werden können.
Eine
Zukunftswerkstatt mit Kosovo-Albanern in München
Im Vordergrund steht nach wie vor die kulturelle
Begegnung: Autonomie hat für Kosovo-Albaner einen anderen Klang,
ihr Lernen mußten sie selbst organisieren und verteidigen,
gleichzeitig ist es von vielen traditionellen Faktoren bestimmt und
wurde nun durch die Flüchtlings-und Kriegssituation gewaltsam
geöffnet.
Das Erleben einer Zukunftswerkstatt war schon
ein neues Element, die gemeinsame Entwicklung mit Studierenden und
Mitarbeitenden der Flüchtlingsbetreuung und VHS ergab viele
idealistische Ansätze, die zwar immer wieder von Bedenken und
Rücksichten überlagert waren, aber doch hoffnungsvolle Bilder
zum Vorschein brachten.
Eineinhalb Tage mit dem dem Thema Lern-Autonomie
brachten hier eine breite Stoffsammlung der nötigen Aufbauarbeit,
weil wir uns natürlich in eine fernere Zukunft nach dem Krieg
gewünscht hatten. Welche Elemente für die Einzelnen sofort
umzusetzen sind, muß erst die Weiterarbeit zeigen, da wir in den
Beschlüssen nicht sehr konkret geworden waren, Vieles hängt
auch noch von vereinbarten Erkundungen ab.
Auf jeden Fall entstand ein sehr intensiver
Kontakt, der mit einem Theaterprojekt von Seiten der Studierenden
weitergeführt wurde, viele Informationen zu Möglichkeiten der
eigenen Lern-Gestaltung von Sprache bis zu Berufsfähigkeiten
wurden in einzelnen Gesprächen angerissen, eine weitere Werkstatt
soll den Umgang mit den sehr bedingt reaktionsfähigen Schulen und
berufsvorbereitenden Einrichtungen entwerfen.
Lern-Autonomie
für Lehrende?
In der Paulo-Freire-Gesellschaft besteht die
Planung, weitere Werkstätten zur Projekt-Entwicklung
durchzuführen, auch deren Entwurf ist schon ein partizipativer
Vorgang: Am So, 26. 9.’99 entwerfen wir in Hamburg eine Tagung zur
autonomen Projektentwicklung.
Weitere ausführliche Beiträge
erscheinen in der Zeitschrift für befreiende Pädagogik der
Paulo-Freire-Gesellschaft, die Protokolle der beiden oben
angeführten Seminare und weiteres zur Zeitschrift finden Sie auf
der homepage.
Bei Interesse können Sie auch in den
mail-Verteiler aufgenommen werden: info(at)paulo-freire-ges.de
Wie leiten wir zu selbstbestimmtem Lernen an,
das auch Grundlage zu verantwortlichem Arbeiten
ist?
- Kurze Replik zum Wiedergabe-Lernen, das nur
Anpassung
fordert und nicht zu initiativem Arbeiten
führt.
- Knappes Eingehen auf die Umstände des
Lernens: Lehrer-
Ausbildung bis Stoff-Orientierung,
Wissensmanagement?
Der Weg zum
wirklichen Dialog, Kontakt in Lernsituationen
- Bisherige Ansätze und ihre
regelmässigen Untergänge
- Der langsame Wechsel des gesamten Systems und
unsere
Fähigkeiten, in diesem unsere Rolle zu
verändern
Zwei Modelle, in der Gruppen Lernautonomie
begannen:
- Die Mitgliederversammlung der PFG Mai 99
Berlin
- Die Zukunftswerkstatt einer kosovo-albanischen
Gruppe
Übertragungsmöglichkeiten auf
Lern-Gemeinschaften
A
u t o n o m i e
„Wir
haben die Möglichkeit, zu begreifen,
auszuwählen,
zu entscheiden, zu durchdringen.
Wir
sind, weil wir sein werden.
Das ist
die Bedingung, um sein zu können."
P. Freire ‘Pedagogia da
Autonomia’, Kap. 5, S. 36
Autonomie - wie weit ist Autonomie in einer
derart bürokratisierten Gesellschaft möglich. Ist es nicht
geradezu anachronistisch heutzutage darüber nachzudenken?
Wir können unsere Wahrnehmung
verrücken, und das nicht nur theoretisch, sondern praktisch - mit
Methoden des Theatermachers Augusto Boal.
Augusto Boal - Freund und Schüler Freires
und brasilianischer Theatermacher, entwickelte sein Methodenset des
Theaters der Unterdrückten, nachdem er von den staatlichen
Bühnen (und später auch aus seinem Lande) vertrieben worden
war.
In aller Welt griff er die Fragestellungen und
Probleme seiner Zuschauer auf und ließ sei mit seinen Methoden -
dem Zeitungstheater, dem Statuen- oder Forumstheater und
schließlich dem legislativen Theater ihre eigenen
Lösungsansätze erarbeiten - ganz gleich, ob es Bettler in
Argentinien oder mißbrauchte Frauen in Paris waren.
Freitag, den 30.April 1999
Werkstatt der Kulturen
Wissmannstr. 32 Berlin
Die Paulo Freire Gesellschaft stellt sich vor
Kurze Einführung in den Autonomie-Begriff
bei Paulo Freire
21 Uhr Gemeinsamer Gang durch die Ausstellung:
Flüchtlingsbilder - Flüchtlinge
fotografieren selber
Samstag tagsüber:
Technische Universität Berlin
Franklin Str. 28/29, 4. Stock
10 Uhr Einführung in die Methoden der
Boalschen Theaterarbeit mit Fritz Letsch
Kleingruppenarbeit mit erfahrenen Boal-Trainern
wie : Helge Löw, Bettina Berger, Christoph Leucht, Alwin Baumert,
Annette Berger, Nöck Gail,
Ort:
Samstag abend: Kreativhaus
Wollinerstr. 18/19
20 Uhr.. Öffentliche Präsentation der
Arbeitsergebnisse
Lern-Autonomie
libros fallados: gesprochene Bücher
zum Thema Autonomie zu sprechen, individuell
einsteigen, in 10 Minuten eine eigene Kurve mit Lebensdaten zu malen,
wann hab ich mich wie in den einzelnen Institutionen gefühlt,
eingeschränkt, frei, wo haben wir wichtige Momente zur Autonomie
selber erfahren, dann in Kleingruppen austauschen, generative Themen
für morgen vorbereiten
Elemente aus
persönlichen Autonomie-Biografien:
drei Linien: beruflich, große A., Tendenz
steigend
politisch, innere, Gesundheit, schwere
Krankheit, kurz vor positiv
Schule, Ausbildung, Studium, Beziehungen,
Fesseln von mir geschmissen, mehrere Beziehungen ...
nur eine Linie, definiere mich über meine
Arbeit, war angepasstes Kind, fühlte mich wohl, im Ausland als
Gruppe, auf Menschen einlssen als angenommen fühlen,
89 abgerutscht, Boden verloren,
Linie / Mensch als Einheit mit verschiedenen
Ebenen,
als ich anfing zu laufen, sprechen,
kommunizieren, die Treppe heruntergelaufen,
Grundschule mit Diskriminierung, im
konservativen moralischen Kontext, an staatl. Schule Freiheit,
Universität mit Freiheit und Freire,
in Deutschland: ohne Sprache, Rassismus,
kämpfen, schlimmer als in der Kindheit, weil das Wort fehlte,
jetzt Entdeckung anderer A. , Gleichgewicht als Mensch in Arbeit, Uni,
etc.
auch keine Linie, sondern Hin und Her, hadere
mit dem Begriff, pos/ neg
beruflich viel mit Leiten zu tun, in Beziehung,
zu Gruppe, Team, eingebunden sein, A?
pol: Aspekt Geld, verhindert oder
ermöglicht Autonomie
Geld für Kriege verhindert Projekte hier,
Angst, das politische Gesicht zu verlieren, Ziel nicht erreicht, A?
steil rauf, freigekämpft, und wieder
vereinnahmt werden, wieder ein Befreiungsschlag, körperliche
Geschichte, einfache Körperarbeit gab unheimliche A.
Freiheit durch Integration des Körpers,
Integration von Tod?
Aussöhnen und zur Beziehung finden, A. im
Tod an der Grenze?
Auslandsaufenthalte, Fernweh, starker Druck,
viel gelernt, Streik an ausländ. Uni,
Fremder dort zu sein,
beruflich:Selbständigkeit als Kampf, den ich gewollt habe, ein
Hoch, dann andere Abgründe, politisch: kleine Schritte, lllusionen
und Demos, ohne Absprache, bis zur Resignation, ...
Ein afrikanisches
Trommelkonzert rief uns zur Vorstellung der Arbeiten
für die
Foto-Ausstellung
zum Leben in afrikanischen Flüchtlingslagern:
Die Wanderausstellung „flüchtlingsbilder -
flüchtlinge fotografieren, eine Ausstellung mit bildern aus
ost-und westafrika (kenia, cote d’ivoire)" mit ca 130 bildern,
umschrieben mit den Originalkommentaren,
auf 14 großformatigen Tafeln 1,80 x 1,20)
und 5 kleinformatigen Tafeln (0,60 x 1,20) zeigt das Leben in
langjährigen Lagern aus der Sicht der BewohnerInnen. Sie ist
über
philip klever, lokstedter weg 45, 20251 hamburg,
tel+fax 040 - 46 11 31
oder till baumann, urbanstr. 119, 10967 berlin,
tel 030 - 693 30 49 zu entleihen.
zusammenfassen der Themen
für die Gruppenbildung am nächsten Tag
sich selbst ohne beruflichen Abschluß zu
bestimmen, selbst definieren, das Ettikett,
einzeln kleine Schritt gehen oder zusammentun,
was ist damit heute?
meine Identifikation selbst zu finden, mich
selbständig gefühlt, als mein Kind geboren wurde,
unabhängig und Kraft, alle Unterdrückung zu bekämpfen.
negativ nach der Ent-bindung, will ihn noch in
meinem Bauch haben, gelitten, A. ganz schrecklich,
Politik, ökonomische Einschränkungen,
Angst, das Gesicht zu verlieren,
Institutionen, beruflich, Ort der A.,
Eingebunden sein, Kampf mit der Selbständigkeit
innere A. / in Beziehung, als Bindung
Es steckt Trotz dahinter, nicht immer positiv,
gegen die anderen, nicht immer abhängig machen, Körperarbeit,
in Partnerschaft, mit Freunden, in der Gruppe,
beruflich: Leiten, Führen,
mit Kindern
->von
Machtstrukturen zu Beziehungen zu kommen,
Workshop Samstag, 1. Mai in den Räumen der
TU, ca 35 Teilnehmende,
Vormittag
Aufwärmen, von Fuß bis Kopf durch den
Körper und seine Ausdrucksmöglichkeiten gehen,
mit PartnerIn die Grenzen der Beweglichkeit
testen,
Statuen-Bau zu zweit, Bilder zu verhinderter
Autonomie
in zwei Galerien zu besichtigen,
in Dreier-Gruppen: jemand nimmt mir die
Autonomie,
Gruppenbildung aus ähnlichen Haltungen
Herkunft und politischer Hintergrund der
Theater-Methoden, Weiterentwicklung zum Regenbogen der Wünsche und
zum Legislativen Theater, Literatur,
gegen mittag:
Drei Gruppen mit je zwei Anleitenden,
Entwicklung von Forum-Szenen und Rainbow-Elementen, als Gruppen
gemeinsam in die Mittagspause,
nachmittags
Themen in den Gruppen, Austausch, Vertiefung,
Probentechniken, Szenen für die Aufführung:
abends:
Abendessen und öffentliche Aufführung
im Kreativhaus Wollinerstrasse
Forum- und
Statuen-Szenen zur Autonomie:
Rainbow-Elemente in Streit um Autonomie: Angst,
Gewissen, Motivation und Utopie
Regel-Verordnung ohne Beteiligung in der
Wohngemeinschaft
Entscheidung zum Wochenende in der Familie
Rüstungs- und Börsenspekulation versus
Friedensbemühungen

Wir haben einen Freund verloren: Paulo Freire starb
75-jährig in Sao Paulo

Paulo-Freire-Gesellschaft e.V.
Pressemitteilung Sonntag, 4. Mai
1997
Wir haben
einen Freund verloren
Paulo Freire
starb 75-jährig in Sao Paulo
Am Freitag, 2. Mai '97 verstarb
unser Freund und Vorbild Paulo Freire. Wie kein anderer pflegte er den
Dialog und ermunterte alle pädagogisch und politisch Tätigen,
die Lebenswelt mit den Lernenden zu teilen und mit ihnen gemeinsam Wege
zu entwickeln, ihre Situation zu verändern.
Wir werden versuchen, sein
Anliegen weiter zu verwirklichen.
Kurzporträt Paulo Freire
Geboren am 19.9.1921 in Recife
(Nordosten Brasilien) unter dem Namen Paulo Reglus Neves Freire
1928 aufgrund der
Weltwirtschaftskrise Umzug mit der Familie nach Joboatao. Als Paulo
Freire 13 Jahre alt war, starb der Vater und für eine ganze Reihe
von Jahren regierte der Hunger in seinem Leben.
„In der Schule konnte ich das
Vierer-Einmaleins nicht, kannte auch nicht die Hauptstadt Englands, ich
kannte aber die Geographie des Hungers..." Mit großer Anstrengung
gelang es ihm, ein Jurastudium zu absolvieren.
1944 Heirat mit Elza Maria
Oliviera, einer Grundschullehrerin. Von ihr wurde er angeregt, sich
intensiv mit erziehungswissenschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.
1946 Arbeit als Lehrer für
portugiesische Sprache in der Abteilung für Erziehung und Kultur im Sozialdienst der Industrie,
später dort als Direktor für
den Bundesstaat Pernambuco tätig.
1956 verließ Freire sein
Amt im Sozialdienst der Industrie teils wegen Unstimmigkeiten mit der
Unternehmensseite bezüglich seiner demokratischen Arbeitsmethode, teils weil ihm die Grenzen der
assistenzialistischen Hilfe bewußt
wurde.
1961 startete eine von Freire
konzipierte Alphabetisierungskampagne in Brasilien auf nationaler Basis. Der damalige Präsident
Goulart ordnete an, daß mit
Freire’s Methode in „20.000 Kulturzirkeln" 2 Millionen Erwachsene
alphabetisiert werden sollten.
1964 Staatsstreich durch die
Militärs, Freire mußte 75 Tage ins Gefängnis und dann
ins Exil. In der Folgezeit arbeitete er u.a. 4 Jahre in Chile
(Agrarministerium, Fortbildung für landlose Bauern) und ein Jahr
an der Universität in Harvard (USA) als Gastprofessor.
1971 übernahm er beim
Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf die Stelle als Berater
für Bildungsfragen in den „Entwicklungsländern". In dieser
Zeit war er in vielen Ländern (spez. in Sao Tomé und
Principe, Mozambik, Angola, Nicaragua) tätig.
1980 nach der Demokratisierung
in Brasilien die Erlaubnis zur Rückkehr aus dem Exil. Dort
Mitarbeit u.a. im Rahmen der Erzdiözese Sao Paulo (Kardinal Arns),
an der Kath. Universität (PUC), sowie ab 1989 als Stadtrat
für Erziehungsangelegenheiten in Sao Paulo.
1991 trat Freire von diesem
Posten zurück, um wieder mehr im Bereich der wissenschaftlichen
und beraterischen Arbeit tätig zu sein.
1994 hatten wir Paulo Freire und
seine zweite Frau, die Historikerin Ana Maria Freire in München zu
Gast. Zu seinem zentralen Thema: "Verantwortung in der dritten und
ersten Welt übernehmen":
„Die oft an mich gerichtete
Frage oder Feststellung lautet: „Paulo, Du bist ja schon ein
interessanter Mensch. Auch Dein Diskurs ist schön, aber Du
sprichst nicht von unserer Wirklichkeit. Wir, in der Ersten Welt, haben
nichts mit dieser Bewußtseinsbildung zu tun." Hinter solchen
Feststellungen oder Fragen verbirgt sich in Wirklichkeit die Angst
davor, die Dritte Welt in der Ersten Welt zu entdecken.
Es ist die Angst davor, die
Verantwortung für die ungerechte Weltordnung zu übernehmen,
„anzunehmen". Es ist das Schuldgefühl, Erst- Weltler zu sein.
Dieses Schuldgefühl sollte abgelegt, am besten auf den
Müllhaufen geworfen werden. Keine Angst vor der Freiheit zu haben,
das ist notwendig.
Ich spreche von Pädagogik,
der Wissenschaft der Erkenntnis, von Politik etc. und ich glaube nicht,
daß alle diese Bereiche, über die ich spreche, daß es
diese Bereiche in der „1. Welt" nicht geben soll.
Ich spreche genau von dieser
pädagogischen Beziehung zwischen den Menschen und ich glaube
nicht, daß diese pädagogische Beziehung zwischen den
Menschen der „1. Welt" nicht stattfindet.
Das ist also die „Angst vor der
Freiheit" von den „Erst-WeltlerInnen". Ich sage Euch aber auch,
daß ich Angst vor der Freiheit habe. Was ich aber wirklich
versuche, in meinem Leben zu praktizieren, ist: die Freiheit zu lieben
und nicht Angst vor ihr zu haben."
Paulo Freire hat von über
20 Universitäten die Ehrendoktorwürde erhalten. Seine
Bücher sind in 18 Sprachen weltweit übersetzt. Die
wichtigsten Bücher, in denen er die Grundelemente seiner
befreienden Pädagogik darlegte, waren: Pädagogik der
Unterdrückten, Reinbeck, 1973 -Manuskript 1968.
Pädagogik der
Solidarität - Für eine Entwicklungshilfe im Dialog,
Wuppertal, 1974
Erziehung als Praxis der
Freiheit, Reinbeck 1977 (in Brasilien 1965 erschienen)
Dialog als Prinzip -
Erwachsenenalphabetisierung in Guinea-Bissau, Wuppertal, 1980.
„Der Lehrer ist Politiker und
Künstler - Neue Texte zur befreienden Bildungsarbeit", Reinbeck
1981
1994 erschien das Buch „Pädagogik
der Hoffnung" in Englisch und Portugiesisch, eine engagierte
Anwendung seiner Erziehungskonzeption auf die 90er Jahre.
Sein letztes Buch „Im
Schatten des Mangobaumes" (Rio 1995) kann als Kritik am
neoliberalen Wirtschaftsmodell gelesen werden. In ihm entwickelt er die
Aufgaben des dialog-orientierten progressiven Pädagogen in
postmodernen Zeiten.
Die Ideen Paulo Freire’s wurden
hierzulande durch die 1977 gegründete Europäische
Arbeitsgruppe Bewußtseinsbildung verbreitet, die sieben
Mitgliedsgruppen umfasste:
ArbeitsGemeinschaft
SozialPolitischer ArbeitsKreise AG SPAK München, Centro di
Animazione per ‘l Autogestione Populare (Palermo / Italien),
Friedensuniversität Namur (Belgien) Jugendakademie Walberberg
(Bornheim- Köln) Institut Oecuménique pour le
Dévelopement des Peuples (Paris), Mouvement d’ Animation de Base
/ International Ontmoetingscentrum (Hasselt / Belgien) und die Escuela
Professionale Emigrati / Berufsschule der Emigrierten (Zürich).
Aus diesem Dachverband ist
Anfang der neunziger Jahre in Deutschland und Belgien die Paulo-Freire-Gesellschaft
e.V. München entstanden, die sich der Aufgabe stellt, die
theoretischen Grundlagen der Freire-Pädagogik zu erforschen und
die Praktiker mit den Forschern in Verbindung zu bringen. Zahllose
Fachtagungen wurden in den verschiedenen europäischen Ländern
durchgeführt.
Vor allem in Latein- und
Mittelamerika hat Paulo Freire grundlegende Veränderungen in der
Erwachsenenbildung bewirkt, aber auch in Afrika bildet sein Ansatz die
Grundlage der bildungspolitischen Basisarbeit. Freire selbst hat
längere Zeit in den ehemaligen portugiesischen Kolonien (Angola,
Mozambik, Sao Tome und Principe) gearbeitet und dort einen
entscheidenden Einfluß auf das Bildungssystem ausgeübt.
Heute werden die
anthropologischen und pädagogischen Prinzipien der Freire-
Pädagogik in Schwarzafrika in zahllosen Bildungsorganisationen
angewandt. Ein Heft unserer Zeitschrift für befreiende
Pädagogik ist diesen Projekten gewidmet.
Für Juli dieses Jahres war
Paulo Freire von der UNESCO zum Weltkongress der
Erwachsenenbildung nach Hamburg eingeladen, die Paulo-Freire-
Gesellschaft plante eine Tagung in Loccum und Treffen mit ihm in
verschiedenen Städten. Ein Sammelband mit Berichten aus der Arbeit
in unseren europäischen Situationen ist für Sommer geplant.
Die Universität Oldenburg wollte ihm die Ehrendoktorwürde
verleihen.
Für das Wintersemester ‘97
hatte ihn die Harvard-Universität zur Entwicklung einer Pädagogik
für das 21. Jahrhundert eingeladen.
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ad c) die Universität als
staatliche Institution
Inwieweit insbsondere der `politische
Analphabetismus´ auf die Ausblendung der institutionellen
Rahmenbedingung universitärer Lehre zutrifft, wurde jetzt im
Rahmen der kürzlich stattfindenden Aktionswochen an der
Technischen Universität deutlich. Auf der einen Seite war es sehr
beglückend und befreiend, wie spontan und kreativ die
unterschiedlichsten Seminarformen überall in der Stadt entwickelt
wurden, von "Radunski"-Radieschen, die als Diskussionsangebot verteilt
wurden, oder die Inszenierung eines ägyptischen Trauerituals, bei
dem sich die StudentInnen "die Haare rauften, sich mit Asche bewarfen
und die Kleidung zerrissen" wurde in allen Teilen Berlins eine
Öffentlichkeit zur Sparpolitik in der Universität
hergestellt. Bei diesen wunderbaren Selbstinszenierungen kam die
inhaltliche Auseinandersetzung um die Bedeutung der Sparzwänge und
möglicher Alternativen jedoch häufig zu kurz.
Als Seminarleiterin war ich viele Male damit
konfrontiert, daß die StudentInnen Aktionen forderten, aber
größere strukturelle Zusammenhänge nicht hergestellt
wurden. So erschien es als kaum überwindbare Hürde, einen
Dialog mit den ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichen herzustellen,
damit diese sich potentiell für den Erhalt der
sozialwissenschaftlichen und sozialpädagogischen Studiengänge
einsetzen würden. Allzu groß erschien die Distanz und die
jeweiligen Vorurteile zwischen Technik- und
Gesellschaftswissenschaften. Ebenso tabuisiert war es, die
bildungspolitischen Folgen für die Technische Universität zu
diskutieren, wenn die interdisziplinären Reformstudiengänge
wie Sozialpädagogik oder auch der feministische Studienschwerpunkt
eingestellt würden. Was auf der Planungsebene im Senat mit einem
Federstrich vollzogen wird, um die Mehrheitsverhältnisse an der
Technischen Universität zugunsten der konservativen
Professorenmehrheit zu verändern, war in der Verstrickung der
einzelnen Studierenden kaum darzustellen. Bei aller Bemühung
seitens vieler KollegInnen, eine kritische fachbezogene Lehre zu
machen, war der Blick auf die instituionellen Rahmenbedingungen
verstellt geblieben.
Auch überraschte in der Planung von
Aktionen immer wieder die völlige Unkenntnis hinsichtlich der
studentischen Mitbestimmungsgremien und Kompetenzen. Offensichtlich ist
in den Jahren des Wohlstands eine Konsumentenmentalität
entstanden, die sich der eigenen Verantwortung im hochschulpolitischen
Sinne gar nicht bewußt geworden ist. Studieren wird
offensichtlich als Lernen von Fachwissen verstanden, auf das jeder
Studierende per se ein Anrecht hat. In welcher Weise dieses Wissen
vermittelt, im Kontext von welchem Wissenschaftsverständnis
reflektiert und auf seine gesellschaftliche Relevanz hin
überprüft wird, hierfür gab es offensichtlich im
Lehrverständnis der DozentInnen wenig Raum. Der Umgang mit den
universitären Strukturen, das Durchschauen der
Entscheidungsgremien und der Lobbygruppierungen: Dies sind jedoch weit
über den Hochschulrahmen hinaus notwendige Kompetenzen, die
zentral für das Selbstverständnis der eigenen Profession
sind, ... oder wie sonst könnte der politische Charakter von
Wissenschaftsentwicklung durchschaut werden? Aber vielleicht sagt das
Schweigen, das Verschweigen, auch schon sehr viel über die
Institution Universität aus!
Diskutieren wir die Kultur des Schweigens
hinsichtlich der Wissenschaftskultur, der hierarchischen Lehre und der
universitären Institutionalisierungsprozesse im Zusammenhang, dann
wird deutlich, daß es offensichtlich in der
Massenuniversität zu einer starken Fragmentierung und Vereinzelung
gekommen ist, die ein gemeinsames Erkennen der zugrundeliegenden
Strukturen verhindert. Indem jedoch die Auseinandersetzung mit
Wissenschaft von ihren Relevanzsystemen getrennt stattfindet und keine
kommunikative Rückkopplung hinsichtlich der Aktualisierung der
Bedeutung dieses Wissens stattfindet, wird auch der institutionelle
Rahmen unkritisch übernommen. Er bekommt eine
übermächtige Bedeutung, in ihm wird der Mensch zunehmend
klein. Es scheint, als wäre die Universität nicht für
die Menschen da. Die studentische Vielfalt, ihre Subjektivität,
zumal, wenn sie vom weiblichen Geschlecht ausgehen, erscheinen als
Störfaktor. So berichtete eine Elektrotechnik-Studentin
kürzlich, wie sie von einem Professor angefahren wurde, weil sie
wie auch die männlichen Kommilitonen vor der Vorlesung um die
Aushändigung eines Skriptes bat. "Wofür brauchen sie das
denn!" wurde sie zurückgewiesen und von oben bis unten taxiert. An
diesem Tag trug sie zufällig hochhackige Schuhe und einen
Minirock.
Auch ich habe natürlich keine Lösung,
die den vielfältigen Einschüchterungen und
Diskriminierungsformen der Universität etwas entgegensetzen
würde, - zumal auch ich selber von den sogenannten
Sachzwängen und dem Rollenverständnis einer Lehrenden
infiziert bin. Wie selten habe ich es selber geschafft, den engen
universitären Rahmen mit den StudentInnen zu verlassen, um andere
Lernerfahrungen zu ermöglichen, die dem Erkenntnissinteresse der
Lernenden einen viel größeren Raum geben würde.
Trotzdem möchte ich von solch einer positiven Lehr-Lern-Erfahrung
im Folgenden berichten, die ich im Zusammenhang eines 4-semestrigen
Methodenseminars feministischer Sozialforschung gemacht habe.
Das andere Seminar -
Biographieforschung mit Frauen
In dem feministischen
Forschungsverständnis, das dem hier beschriebenen Seminar zugrunde
liegt, wird versucht, durch eine "Forschung von unten" das Wahrnehmen
und Sichtbarmachen von Differenz zu entwickeln, und zwar in einem
Prozeß, in dem die Andersartigkeit als Teil des Eigenen
wahrgenommen werden kann. Forschen bedeutet in diesem Sinne, seinen
eigenen Erkenntnisprozeß in Beziehung zu der Forschungsthematik
zu setzen und die eigene Biographie im Spannungsfeld von
Individualität und gesellschaftlicher Verallgemeinerung zu sehen.
Indem das Verhältnis Forscherin / Erforschte immer neu gedacht und
in seinen vielfältigen Hierarchisierungsmechanismen tendenziell
aufgehoben wird, entsteht die Erkenntnis, daß beide Seiten eine
Beziehung eingehen und hierdurch Veränderungen durchmachen. Indem
wir unsere Grenzen erfahren, haben wir sie bereits überschritten.
Bereits mit Seminarbeginn im ersten Semester,
wenn es um die theoretische Erarbeitung von soziologisch-feministischen
Fragestellungen geht, soll der existentielle Einbezug einer jeden
Teilnehmerin in das Seminargeschehen praktisch vollzogen werden. Dieser
Klärungsprozeß läuft individuell ganz unterschiedlich
ab. In dieser Phase ist die Rolle der Seminarleiterin noch zentral,
weil sie nicht nur die Inhalte im Blick hat, sondern die Lernprozesse
durch Kleingruppenarbeit unterstützen, in Einzelgesprächen
Wahrnehmungen vertiefen oder helfen kann, Ängste abzubauen. Ihre
orientierende Rolle wird gleichzeitig jedoch dadurch relativiert,
daß stets StudentInnengruppen die Verantwortung für die
Gestaltung der Sitzung haben. Der Methodenvielfalt sind keine Grenzen
gesetzt.
Das Bemühen, Verstehen
nicht als grenzenloses Nach-außen-Streben, sondern als
selbstreflexiven Prozeß nach innen zu denken, ist substantiell
für eine patriarchatskritische Forschung. Sie ist notwendige
Voraussetzung, die Differenz erfahren zu können, ohne sie in die
vertrauten eigenen Kategorien zu übersetzen.
"...eine Kultur, die am
Bewußtsein ihrer selbst ein geringes Interesse hat, etwa unsere
eigene, meist eine ist, die sich die Wildnis unterwirft, indem sie sie
kultiviert. Es nimmt nicht Wunder, daß in einer derartigen Kultur
das Verstehen dessen, was nicht zu ihr gehört, meist auch den
Charakter der Aneignung durch Unterwerfung oder aber der eigenen Abwehr
annimmt...Was immer es wirklich gibt, sagen also diese
Wissenschaftler, muß unsere Tests überstehen. `Unsere Tests
überstehen´ bedeutet : es muß sich ein Äquivalent
in unserer Kultur finden lassen." (Duerr 1978, S. 152/154)
In der herkömmlichen
sozialwissenschaftlichen Erhebung wird das Forschungsobjekt
eingegrenzt, definiert, "entfremdet" und hierdurch heimisch gemacht.
Erst, wenn das Fremde auf diese Weise kontrolliert ist, kann es
assimiliert oder abgewehrt werden. Die Beziehung zum Forschungsobjekt
ist traditionell hierarchisch und durch Herrschaft gekennzeichnet. Die
herkömmliche Forschung reproduziert implizit patriarchale
Dominanzstrukturen. Eine Lösung aus diesem Dilemma gibt es nicht,
es sei denn, wir heben tendenziell die Subjekt / Objekt-Polarität
auf, und zwar, indem wir durch erfahrungsorientierte bzw.
diskurskritische Forschung die Subjektivität der Forscherin als
notwendigen Teil des eigenen Erkenntnisprozesses einzubeziehen lernen.
Die eigene Subjektivität wird nicht als Störfaktor angesehen
bzw. tabuisiert, sondern sie wird als ein Mittel betrachtet und
eingesetzt, um die unbewußten Dimensionen der eigenen
kulturspezifischen und institutionellen Einflüsse transparent zu
machen. Es ist die Reflexion der eigenen Irritationen über das
So-Sein der Anderen, die Bebilderung und Deutung des vermeintlich
Anderen, die Wirklichkeit neu konstitutiert.
Forschen bedeutet teilen und mildert das
Bedrohliche unserer Verschiedenheit, sagt Audre Lorde. In diesem Bild
wird deutlich, daß das Bemühen mit-zu-teilen oder zu
verstehen nicht nur die eigene Existenz bereichert, sondern
Verbindendes schafft. In diesem Sinne ist Forschen weniger Aneignung
als das gemeinsame Herstellen von Wirklichkeit, in der die Beteiligten
sich ver-Gegenwart-igen. Es ist die Prioritätensetzung zugunsten
der Gegenwart, die das gemeinsame Arbeiten an Bedeutungen von
Vergangenem und Zukünftigem impliziert. Das Vergangene wird im
Kontext der Gegenwart neu interpretiert, das Zukünftige
erhält im Gegenwärtigen ein menschliches Gesicht.
Im Kontext dieser soziologischen Reflexionen
wird bereits Ende des ersten Semesters darauf hingewiesen, daß
sich die Frauen über eigene Fragestellungen Gedanken machen
sollen, um davon ausgehend Forscherinnengruppen nach eigenen
thematischen Schwerpunkten zu bilden. Das persönliche
Sich-In-Beziehung-Setzen und seine eigenen Interessen zu artikulieren,
die über Forschungsprozesse auch die eigene Person zum Gegenstand
von Reflexion und Seminaröffentlichkeit macht, ruft bei vielen
Studentinnen zunächst große Beunruhigung hervor. Kaum
hätte man sich an eine bestimmte Seminarmethodik gewöhnt,
wolle man sich nicht schon wieder mit den Unsicherheiten der
Selbstorganisierung überfordern.
Es ist jedoch gerade dieser Moment, in dem die
von Gottfried Hausmann mit "Dramaturgie des Unterrichts" bezeichnete
Situation potentiell entstehen kann. Einerseits ist eine gewisse
theoretische Grundlage soziologisch-theoretischer Fragestellungen
entwickelt worden, andererseits begegnen sich nunmehr die StudentInnen
interessengeleitet, mit ihren persönlichen Möglichkeiten und
unterschiedlichen Biographien, Fähigkeiten und Perspektiven. Die
Universität und das Seminar werden zu ihrem Raum, sie
geben die Zeit vor, in der sie die notwendige Muße zum
forschenden Lernen finden. Darüber hinaus erfahren die Frauen in
den Klein- und Großgruppenprozessen, daß das Lernen als
eine Auseinandersetzung mit dem sozialen Organismus als Lebewesen
zu verstehen ist.
Diese Situation ist im klassischen
Universitätsbetrieb ungewohnt, sie verunsichert und setzt
angesichts der großen Teilnehmerinnenzahl und der
Vielfältigkeit der Themen eine große Toleranz der Einzelnen
voraus, die jedoch vielfach durch die Freude des gemeinsamen Handelns
sowie die soziale Bezogenheit der Handelnden belohnt wird. Die Frauen
er-Macht-igen sich ihres Seminars und überwinden hierdurch die in
traditionellen Seminaren immer wieder sich durchsetzenden
Hierarchisierungen. Die Freude an der Produktivität des Umgangs
mit der Macht ist konstitutiv für die Fortentwicklung des
Seminars. Hier erst wird manchen Studentinnen der Handlungsbegriff
deutlich, der zu Beginn des Seminars anhand von Audre Lorde´s
Text "Vom Nutzen der Erotik" diskutiert wurde.
"Erotik kommt für mich auf verschiedene
Weise zur Wirkung : zunächst einmal durch die Macht, die durch
intensives Teilen mit einem anderen Menschen entsteht. Das Teilen von
Freude - physischer, emotionaler oder intellektueller Freude - bildet
eine Brücke zwischen uns und kann auch zum Verständnis von
vielem führen, was wir nicht teilen. Sie mildert außerdem
das Bedrohliche unserer Verschiedenheit. Eine andere wichtige Funktion
erotischen Bezogenseins ist die offene, furchtlose Betonung meiner
Fähigkeit zur Freude." (Lorde 1991, S. 190)
Das ganze zweite Semester findet nunmehr mit
einer wechselnden Arbeitsweise zwischen Methodenlehre und
Kleingruppenarbeit an den Forschungsthemen statt. Parallel hierzu
werden die Studentinnen in unterschiedliche Forschungsmethoden und
-ansätze eingeführt, um bei der Herausbildung ihrer
Forscherinnenfragen die jeweils angemessene Forscherinnenmethode zu
entwickeln. In diesem Prozeß der Annäherung von
Forschungsziel und -methode werden die Studentinnen erneut vielfach von
Unsicherheit ergriffen und fordern systematische Methodenlehre,
möchten Textarbeit an unterschiedlichen wissenschaftlich
begründeten Vorgehensweisen machen und werden manchmal ungeduldig
angesichts der vielfältigen Überlegungen, die zur
Herausarbeitung eines möglichen Forschungs-settings gemacht werden
können.
Diese Phase des Seminars stellt für alle
Beteiligten eine große Herausforderung dar. Schon manche hat sich
jetzt in Gedanken verabschiedet, weil sie mehr Struktur und Stringenz
forderte ... aber diejenige Studentin, die dann nach Wochen des Suchens
am Ende einer Seminarstunde herausplatzte, "Jetzt wird mir klar,
weshalb wir nicht zu Anfang Trockenübung in Methodenlehre gemacht
haben", diese Studentin half allen weiteren darüber nachzudenken,
welch große Bedeutung gerade dem immer neuen Erfassen des
Spannungsverhältnisses von eigener Fragestellung zur
Subjektivität der Forscherin, der politischen Relevanz der
Forschung sowie der Verantwortung gegenüber den Erforschten liegt.
Methoden sind per se nur Techniken, sie sind Hilfsmittel, die in den
Händen, Köpfen und im Herzen von Forscherinnen Erkenntnisse
ermöglichen können, Erkenntnisse, die sich eben nicht durch
ihre Überprüfbarkeit begründen. Methoden in dieser Weise
neu zu denken, impliziert Herrschaftskritik und Veränderung. Diese
und die dann folgenden Seminarstunden waren sicherlich Sternstunden in
der Forschungsbiographie vieler Studentinnen.
Zu Beginn des 3. Semesters, das ganz der
Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Interviewmethoden und der
Arbeit in Kleingruppen gewidmet ist, werden die Gruppen durch eine
niederländische Kollegin, die Spezialistin in der Methode des
Co-counceling ist, in diese Gruppenberatungsmethode von Carl Rogers
eingeführt. Hierdurch lernen die Gruppen, sich im gegenseitigen
Prozeß selbstverantwortlich zu unterstützen. Die Frauen
stellen sich gegenseitig ihre Forschungsthemen und -methoden vor und
lernen hierbei, einander empathisch zuzuhören und
anschließend zu beraten. Durch die Praxis des Co-counceling
erfahren die Studentinnen, wie wichtig es ist, eigene Sichtweisen durch
diejenigen anderer Frauen reflektiert zu bekommen, sie lernen mit
Differenz umzugehen und sie als Chance zu begreifen. Sie erfahren,
daß Forschung ein Prozeß intersubjektiver Wahrnehmung mit
höchst theoretischen Implikationen ist. Dank dieses praktischen
Umgangs mit der Counceling-Methode verstehen die Seminarteilnehmerinnen
nach und nach, daß Forschen nicht nur die Beantwortung eigener
Fragen beinhaltet, sondern immer auch die Bemühung um die
Annäherung an die Erforschten, die Korrektur der Methodik und
kritische Reflexion des bisher Wahrgenommenen impliziert. Nicht
Hypothesenbildung beherrscht den Forschungsprozeß, sondern das
Denken von Zusammenhängen und deren Kontextualisierung.
Viele Gruppen des Seminars haben sich inzwischen
für die Erforschung von Biographien von Frauen entschieden, so
daß ein großer Teil der Selbstreflexion die Hinterfragung
des eigenen Bezugs zur Fragestellung ausmacht. Man könnte bildlich
eine Stecknadel fallen hören, so intensiv sind oftmals die
Zuhörprozesse in den Counceling-Sitzungen. Die Tatsache, daß
alle Teilnehmerinnen in ihren Gruppen mit ähnlichen Fragen des
Verstehens und der Verständigung befaßt sind, bewirkt,
daß nach und nach spürbar wird, welches ungeahnte Universum
der soziale Organismus ist und welche schöpferische Kraft die
menschliche Kommunikation eröffnet.
Das Verhältnis von Individuum und
Gesellschaft, wie es über die Verarbeitung von Erfahrungen zu
Erinnerungen wird, um sich dann in kollektiven geschichtlichen
Prozessen weiter zu verändern, wird anschließend mit der
Hilfe des soziologischen Werkes von Maurice Halbwachs über "Das
Gedächtnis" studiert. Es wird deutlich, daß eine Biographie
zwar Ausdruck von Wirklichkeit Einzelner, aber zugleich auch Inbegriff
der Bewertung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, in der
diese Erfahrungen gemacht wurden. Die Aktualität strukturiert
rückwirkend Vergangenheit neu. Was, in welchem Moment, welche
Bedeutung erhält, sagt etwas über die Komplexität der
Herrschaftsverhältnisse und ihrer sich wandelnden Bedeutungsfelder
aus.
"Die Konzeption der Biographie als soziales
Gebilde, das sowohl soziale Wirklichkeit als auch Erfahrungs- und
Erlebniswelten der Subjekte konstituiert und das in dem dialektischen
Verhältnis von lebensgeschichtlichen Erlebnissen und Erfahrungen
und gesellschaftlich angebotenen Mustern sich ständig neu
affirmiert und transformiert, bietet die Chance, den Antworten auf die
Grundfragen der Soziologie, dem Verhältnis von Individuum und
Gesellschaft, näher zu kommen. In der "biographischen
Selbstrepräsentation" finden wir nicht nur Zugang zum
lebensgeschichtlichen Prozeß der Internalisierung der sozialen
Welt im Laufe der Sozialisation, sondern auch zur Einordnung der
biographischen Erfahrung in den Wissensvorrat und damit zur
Konstitution von Erfahrungsmustern, die zur gegenwärtigen und
zukünftigen Orientierung in der Sozialwelt dienen." (Rosenthal
1993, S. 12/13)
Inzwischen haben sich viele Frauen entschieden,
in ihren Gruppen mit der narrativen Interview-Methode zu forschen. Es
erscheint ihnen besonders wichtig, die Sprache und die Bilder zu
dokumentieren, in der Frauen ihre Erfahrungen darstellen. Im
Aufspüren der Diskrepanz zur erlebten Lebensgeschichte, die durch
Brüche in der Erzählstruktur, durch Auslassungen und
Veränderungen in der Syntax deutlich werden, können in der
Nachfragephase gemeinsam mit der Erforschten innere Dialoge erzeugt
werden, die potentiell gesellschaftliche Gewalterfahrungen integrieren
und helfen können, erlebtes Leid zu verarbeiten. So geben die
Forscherinnengruppen nicht nur einen Rahmen ab, gesellschaftliche
Themen zu untersuchen, sie schaffen auch den geschützten Raum,
eigene Probleme, Scham und Schuldgefühle im Spiegel der
Lebensgeschichte der vermeintlich Anderen zu thematisieren. Der
praktische Umgang mit der Forschungsmethode der narrativen Befragung
kann deshalb dazu beitragen, daß Frauen sich ihrer jeweiligen
Rolle und gesellschaftlichen Situation bewußt werden.
Hinzu kommt, daß Biographiearbeit
authentische Handlungsabläufe in der Gegenwart dokumentiert.
Frauen tragen hierdurch aktiv zur Gestaltung von Gegenwart bei. Diese
Erkenntnis führt in vielen Kleingruppen noch einmal zu einer
Präzisierung der eigenen Fragestellung und der Verantwortlichkeit
gegenüber den Erforschten. Ansätze der Handlungsforschung der
frühen Frauenbewegung der 70er Jahre werden aus dieser Perspektive
noch einmal kritisch überdacht. Der Opferdiskurs von Frauen aus
jener Zeit wird durch die Subjektwerdung der Frauen im
Forschungsprozeß und die Übernahme von Verantwortung in
Ansätzen überwunden.
Im 4. Abschlußsemester werden
schließlich die Interviews durchgeführt und transkribiert.
Wir machen uns viele Gedanken über die Transkriptionsform, die dem
Inhalt und der Persönlichkeit der Befragten am nächsten
kommen. Parallel hierzu werden Methoden der Evaluierung von
Gruppenprozessen nach Armando Bauleo gelernt, weil es uns auch wichtig
ist, die Biographieforschung für das sozialpädagogische
Arbeitsfeld zu übertragen. Diese eher theoretische Arbeit wird
immer wieder unterbrochen von Berichten aus den Arbeitsgruppen, weil
hier jetzt so nach und nach die Interviewtexte entstehen, die eine
Auseinandersetzung mit verschiedenen Interpretationsmethoden
erforderlich macht, wie beispielsweise der Text- und Diskursanalyse von
Siegfried Jaeger und der tiefenhermeneutische Textanalyse nach Gabriele
Rosenthal. Auf dem Hintergrund der Gruppenprozesse in den verschiedenen
Forscherinnengruppen werden derartige Interpretationsversuche zu
existentiellen Auseinandersetzungen, die die eigenen
Theorie-Praxis-Reflexionen häufig unter ganz anderem Licht
erscheinen lassen. Auch hierbei wird wieder deutlich, wie
unterschiedlich Verstehen und Interpretieren im Kontext
unterschiedlicher Vorerfahrungen und biographisch-bedingter Tabus sein
können.
Nach diesem Semester werden die Gruppen ihrem
eigenen Schicksal überlassen, d.h. die Intensität und
Dynamik, mit der die Forschungen mit den Erforschten rückgekoppelt
werden, oder eine Kommunikation mit einer größeren
Öffentlichkeit über eine schriftliche Fixierung der Prozesse
stattfindet, hängt von den Gruppenmitgliedern ab. Der
verantwortliche Umgang mit den Informationen bzw. dem Vertrauen der
Interviewten ist eine ganz zentrale Problematik. Die Form der
Materialaufbereitung und Veröffentlichung beschäftigt
zunehmend die Forscherinnen. Vieles, was in den ersten eher
methodisch-orientierten Seminarsemestern diskutiert wurde, und oftmals
als langweilig und formalistisch angesehen wurde, bekommt jetzt eine
eminent ethisch-politische Bedeutung. Kein Wunder also, wenn dieses
universitäre Seminar, das nach 4 Semestern seinen formalen
Abschluß findet, in anderer Weise, beispielsweise in
Arbeitsgruppen, in Diplomarbeiten oder Methodenfortbildungen
außerhalb der Universität seine Fortsetzung findet.
... oder auch nicht, und es bleibt nur die
Erinnerung an ein anderes Seminar, indem es Muße und die
Suche Aller gab, das die Antizipation eines Gesamtkunstwerkes erfahrbar
machte. Für mich persönlich bedeutete dieses Seminar
jedenfalls eine existentielle Auseinandersetzung mit immer anderen
studentischen Generationen, ihren Themen, Suchen und kritischen
Auseinandersetzungen mit der Institution Universität. Die "Kultur
des Schweigens" (Freire) universitärer Lehre, die
Einbahnstraße in der Massenuniversität haben wir gemeinsam
in dialogische Prozesse verwandelt, in der Erkenntnisfreude, soziale
Bezogenheit und Kreativität zur Grunderfahrung wurde. Wir haben
gemeinsam gelernt, daß forschen nicht erobern ist, sondern ein
Teilen mit anderen sein kann, und daß durch den
Forschungsprozeß nichts mehr so ist, wie es war.
Aus diesem bereits mit 3 unterschiedlichen
studentischen Generationen erfahrenen Prozeß schöpfe ich
nunmehr auch den Optimismus, mich über die Grenzen des eigenen
Fachgebietes hinaus in den Austausch mit KollegInnen anderer
Fachbereiche zu begeben und an die eingangs formulierten
verantwortungsethischen Fragen einer zukunftsorientierten
Wissenschaftskultur anzuknüpfen. Ich gebe diesem
Abschlußkapitel den Titel "Trialog", weil ich denke, daß
das tiefe Schweigen zwischen Institutionen und Disziplinen nicht allein
über eine dialogische Kommunikation verändert werden kann,
sondern es hierzu einer `Dritten Instanz´ bedarf.
Statt Selbstbezug - mehr
Weltbezug: Trialog
Um die Verfangenheit in den universitären
Strukturen zu erkennen und den so notwendigen Weltbezug herzustellen,
ist zunächst die Auseinandersetzung mit dem eigenen fachbezogenen
Territorial- und Konkurrenzdenken eine Voraussetzung. Nur wenn wir
beginnen, vom Anderen zu lernen, mit ihm zu sprechen und die
implizierten Herrschaftsmechanismen zu durchschauen, können wir
das tiefe Schweigen um uns überwinden. Offensichtlich entspricht
die „Kultur des Schweigens" zwischen den Institutionen und Disziplinen
einer Praxis des „laissez Faire", in deren Folge das Selbstbild jedes
Fachbereichs möglichst ungeschoren bleiben soll. Ein Rühren
an diesen Verhältnissen kommt fast einem Tabubruch gleich bzw.
wird als Störung abgewehrt. So erging es jedenfalls mir, als ich
in den vergangenen Monaten dem Schweigen auf die Spur kommen wollte.
Es erschien mir geradezu paradox, daß an
einem Ort der öffentlichen Lehre ein so abgrundtiefes Schweigen
herrscht. Die ProfessorInnen, wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und
TutorInnen, wir alle haben doch `sprechende´ Berufe. Wir reden in
den Seminaren, reden in den Sprechstunden, reden beim Prüfen und
schreiben sogar, wenn wir meinen, wir können mit unserem Reden
nicht genügend Menschen erreichen. Wie ist es folglich
erklärbar, daß es so selten zu Gesprächen untereinander
kommt und fast nie zum Austausch zwischen einem Maschinenbauer und
einer GeschichtsdidaktikerIn, einer BiologIn und einem
Wirtschaftswissenschaftler, etc.? Ich habe mit vielen StudentInnen und
KollegInnen darüber gesprochen, sie oftmals geradzu
`gelöchert´, weil ich mehr von ihrer Liebe zu den
Erkenntnismöglichkeiten ihres Fachgebietes und der Entdeckungen in
der Zusammenarbeit mit StudentInnen verstehen wollte. Während ich
bei den StudentInnen häufig nur ein müdes Achselzucken
hervorrief, löste ich bei vielen KollegInnen geradezu das
Gegenteil aus. Ich hatte offensichtlich mit meinem Forschen an eine
tiefe Leere in ihnen gerührt, an die sie bitte nicht erinnert
werden wollten. Wieviel leichter und angenehmer erschien es deshalb
meinen GesprächstpartnerInnen, über die eigene
Überbelastung, die Geldkürzungen oder die schlechte
Ausstattung zu sprechen.
Ähnlich erging es mir, wenn ich sie auf die
Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen ansprach. Es sei der
Konkurrenzdruck, die sprachlichen Schwierigkeiten, die wenige
Unterstüzung für innovative Vorstöße, die die
Motivation lähmten ... Wie oft bin ich allein in diesen Wochen mit
den klassischen Klischees von "Soziologenchinesisch" oder "Blasiertheit
der Techniker/Naturwissenschaftler" konfrontiert worden, ohne daß
Ansätze zur Überwindung dieser Vorurteile deutlich gemacht
worden wären. Aus diesen Beobachtungen ziehe ich die
Schlußfolgerungen, daß das Schweigen sehr tief mit dem
Verstricktsein in der eigenen Profession begründet ist. So wie ich
eingangs formuliert habe, hat die Kultur des Schweigens an der
Universität alle Beteiligten in die Dynamik der jeweiligen
Fachgebiete und -bereiche eingebunden, so daß Kompetenzen
für vernetzendes Denken und Handeln und selbstreflexive Prozesse
verkümmert sind. Die hohe Professionalität, die mit
Leistungsdruck und Spezialisierung einhergeht, hat eine
Beschränkung der Interdisziplinarität und sozialpolitischer
Bezogenheit zur Folge, und führt bereits heute zu wachsender
gesellschaftlichen Marginalisierung.
Dieses Schweigen an der Technischen
Universität zwischen den sogenannten Kernbereichen der Ingenieurs-
und Naturwissenschaften und den "Anderen", also implizit den
`Randständigen´, den Geistes- und
Gesellschaftswissenschaften, hat darüber hinaus auch mit einer
unterschiedlichen Arbeitsmethodik zu tun. Erstere haben mit ihrer
analytisch-deduktiven Arbeitsweise einen anderen Gegenstandsbezug als
die Gesellschaftswissenschaftler, deren Arbeitsbezug stark von der
Wechselwirkung von Mensch und Technik geprägt ist und deshalb
weniger zu einer naturwissenschaftlich eindeutigen Arbeitsweise neigen
kann. Doch diese unterschiedliche Herangehensweise müßte
nicht per se mit einer gegenseitigen Abwertung verbunden sein. Die
Nicht-Anerkennung liegt meiner Meinung nach viel weniger in
methodologischen Differenzen begründet, als in dem
unterschiedlichen Eingebundensein in das sich durchsetzende
Globalisierungsmodell und dem hiermit einhergehenden Verständnis
von Erfolg.
Während von den einen bereits der
Machtzuwachs des technologischen Fortschritts auf dem Globus als Erfolg
bewertet wurde und wird, ist für die Anderen die Perspektive der
sozialen Verträglichkeit und der ökologischen Folgekosten
relevanter. Beide Positionen stehen sich seit der Ausbreitung des
Fortschritts-orientierten Technologiemodells unversöhnlich
gegenüber, wenngleich erstere mehr Macht und Ausstrahlungskraft
hat. Das Unsichtbarmachen und Verschweigen von Fehlentwicklungen sind
eine Folge des schwelenden Konfliktes und haben zu einer starken
Ideologisierung und Verhärtung der Positionen geführt. So
hatten in den Medienschlachten die Stimmen der Betroffenen in den
Ländern des Südens lange Zeit gar kein Gewicht. Hier ist es
den Vereinten Nationen und Menschenrechts- bzw. Umweltorganisationen zu
verdanken, daß zum Beispiel den Bewohnern der Regenwaldgebiete in
Brasilien, wo heute die größte Eisenerzverhüttung mit
Holzkohle stattfindet und den Vertriebenen der riesigen Landstriche, wo
heute mittels großer Staudammprojekte die
Bewässerungslandwirtschaft für den Export den Boden
unwiderbringlich zerstört, eine bemerkenswerte öffentliche
Beachtung gegeben wurde. Die Minderheiten hatten zwar bei den
internationalen Verhandlungen kein ökonomisches Gewicht ... aber
sie machen sehr deutlich, daß die Logik des Fortschritts nicht
auf Nachhaltigkeit, sondern auf kurzfristigen Profit orientiert ist. Es
sind diese vielen kleinen Vorstöße aus
Betroffeneninitiativen der ganzen Welt, die mehr Nachdenklichkeit
erreicht haben, als viele Konferenzen mit ihrem diplomatisch-sterilen
Habitus. All diesen Bewegungen und Strömungen von Minoritäten
ist gemeinsam, daß sie ihre Unterschiedlichkeit nicht plattwalzen
lassen, ihnen die Not in den eigenen Leib eingeschrieben ist und sie
eine Sprache sprechen, die die Zusammenhänge nicht
partikularisiert oder exotisiert.
Die Trialoge mit ihnen haben in der
internationalen Debatte deutlich gemacht, daß mit der
Globalisierung nicht nur eine weltweite Vereinheitlichung von Standarts
einhergeht, sondern daß hiermit stets aufs intimste die Zuordnung
von Wertigkeit verknüpft ist. Damit steht die Globalisierung in
der Tradition des Kolonialismus, der gleichfalls global agierte, die
Menschen kulturalisierte und exotisierte, dies allerdings verbal im
Namen der Zivilisierung unterentwickelter Völker machte. Heute
sind die Ausgrenzungsprozesse mittels Globalisierung ebenso gnadenlos,
die Welt wird aufgeteilt in jene Sektoren, die dazugehören und
jene, die ausgestoßen werden, weil sie nicht mithalten
können. Zwar hat diese Hierarchisierung und Ausgrenzung per se
nichts mit Technologie zu tun, aber sie ist eine implizite Folge, denn
mit jeder neuen Technologie wird die neue Arbeitsteilung eine
Rückwirkung auf das Geschlechterverhältnis haben, der
Zeittakt der Maschinen verändert das Zusammenleben der Menschen,
der Umgang mit Ressourcen wird der Effizienzrechnung der Fabrik
untergeordnet und benachteiligt langfristig die arme
Wohnbevölkerung der Region. Mit dem Technologietransfer geht eine
Übertragung von Lebens- und Arbeitsweisen aus dem reichen Norden
einher, die erfahrungsgemäß auf authochtone Strukturen stark
rückwirken. Im Trialog analysiert erweist sich das
Globalisierungsmodell als eurozentrisch, einseitig ökonomisch
orientiert.Politische, universelle Standards wie Menschenrechte und
Nachhaltigkeit finden kaum eine Berücksichtigung. Über diese
Zusammenhänge im Dreiecksverhältnis von Trialogen die
Unterschiedlichkeit der Perspektiven wahrzunehmen, ist
äußerst fruchtbar und wäre auch für die
universitäre Auseinandersetzung notwendig. Erst in der komplexen
Wechselbeziehung aller Beteiligten neu betrachtet, werden scheinbar
neutrale Maßnahmen hoch brisant. Seit der Aufklärung gab es
einen Grundkonsens der universellen Menschenrechtsnorm, der heute in
Gefahr ist, dem Prozeß der Globalisierung geopfert zu werden,
d.h. es ist zunehmend eine Funktion der Globalisierung, wer Mensch
erster, zweiter oder dritter Klasse ist.
Der Trialog ist ein Modell, aus der
Linearität der binären Konstruktion auszuscheren und uns auf
die eigenen blinden Flecken aufmerksam zu machen, beispielsweise alles
in Hierarchien zu denken, uns selber stets auf die sichere Seite zu
schlagen, um aus der Position der Überlegenheit stets die
Wahlmöglichkeit zu haben. Hierdurch bleiben wir jedoch im System
des Oben und Unten, des Tüchtigen und Untüchtigen. Nicht
Dialog, sondern Durchsetzung ist die Devise. Hierdurch wird
ausgeblendet, was aber eine mögliche Erfahrung im Trialog sein
kann: Daß Teilen auch Mitteilen und damit eine Bereicherung sein
kann. In Ansätzen haben wir dieses Glück in
Lehr-Lern-Prozessen alle schon erfahren, es sollte jedoch zu einem
grenzüberschreitenden Gegenstand von trialogischer Analyse werden.
Die Bewußtwerdung der subjektiven Anteile der eigenen
Forschungen, die bestgehüteten Tabus unseres dominanten
Wissenschaftsverständnisses, sie würde zentral durch Trialoge
thematisiert und in ihrer positiven wie negativen Kraft für die
Arbeit genutzt werden.
Im Trialog wird nicht zwischen der einen und der
anderen Position vermittelt, denn beide beziehen sich auf eine `Dritte
Instanz´. Durch diese werden die "Gegner" aufeinander bezogen und
erhalten so andere Möglichkeiten, eigene Grenzen oder Vorurteile
zu überschreiten. So kann ich mir beispielsweise vorstellen,
daß der Kompetenzerwerb hinsichtlich der Wirkungsweise bestimmter
Technologien konstitutiv für die weitere Forschung und
mögliche Neubewertung des Technologieeinsatzes werden kann.
Langzeitstudien von Entwicklungsprojekten oder die Nachbetreuung von
Technologietransfers sind hierfür plastische Beispiele, denn was
hilft noch die beste Soforthilfe, wenn sie langfristig die
Eigeninitiative bzw. die Selbsthilfe der Bevölkerung
zerstört.
Dadurch, daß im Trialog drei Gruppierungen
miteinander in Kontakt gebracht werden, können tendenziell Freund
/ Feind-Konstellationen neu strukturiert werden und neue Beziehungen,
die komplexere Verbindungen und Ambivalenzen zulassen, entstehen. In
einer Zeit, in der der Sieg des einen Gesellschaftsmodells die Vielfalt
negiert und an seiner eigenen Siegesgewißheit im Strudel eigener
Beschleunigung droht verschlungen zu werden, sind Langsamkeit,
Uneindeutigkeit und Ambivalenzen schon ein Neuanfang. Die
Möglichkeit, über die Perspektive des Anderen eigene
Positionen reflektieren zu können, sind eine Chance, die wir
nutzen sollten.
Die Technische Universität hat, wie wir
jetzt anläßlich der 50-Jahr-Feier und der Aktionen gegen die
Sparmaßnahmen sehen konnten, ein buntes, kreatives Potential, das
um Gottes Willen nicht geordnet werden sollte, aber doch durch Trialoge
zu mehr gegenseitiger Anerkennung und damit zu mehr Weltbezug kommen
könnte. Wir müssen aus der Selbstbezogenheit und dem
Selbstmitleid heraus. Wenn die Universität ihrem Anspruch nach
universeller Gültigkeit gerecht werden will, dann darf sie sich
nicht auf sich selber zurückziehen und die Folgen ihres Tuns
außer acht lassen. Bei der Verteidigung universeller Grundrechte
gegenüber den Interessen- und Profit-geleiteten Normen der
Globalisierung, bei der Verteidigung der Differenz als zentrale
Kategorie der Menschenrechte, bei dieser Herausforderung hat die
universitäre Bildung eine zentrale Stellung. Bildung geht nicht
nur uns selber an, sondern auch unseren `fernsten Nächsten´.
Deshalb müssen wir das Schweigen brechen und uns im Trialog
üben.
Literatur
Freire, Paulo:
Pädagogik der Unterdrückten. Reinbeck 1980
Jonas, Hans: Das
Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische
Zivilisation. Frankfurt/M. 1983
Beuys, Joseph:
Reden über das eigene Land - Deutschland 3, München 1985
Jäger,
Siegfried/Link, Jürgen (Hg.): Die vierte Gewalt. Rassismus und die
Medien. Duisburg 1993
Beck, Ulrich:
Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M.
1986
Illich, Ivan:
Warum wir die Schule abschaffen müssen. In: „entschulung der
gesellschaft. Entwurf eines demokraischen Bildungssystems. Hamburg 1973
Habermas,
Jürgen: Die Idee der Universität - Lernprozesse in:
Zeitschrift für Pädagogik, 32. Jg. 1986, Heft Nr. 5
Duerr, Hans
Peter: Traumzeit. Die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation.
Frankfurt/M. 1978
Hausmann,
Gottfried: Didaktik als Dramaturgie des Unterrichts. Heidelberg 1959
Maturana,
Humberto: Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von
Wirklichkeit. Braunschweig/Wiesbanden 1985
Lorde, Audre: Vom
Nutzen der Erotik. In: Rich, Adrienne/Lorde, Audre. Sinnlichkeit und
Macht. Berlin 1983
Rosenthal,
Gabriele: Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Frankfurt/M. 1995
Prof. Dr. Ilse
Schimpf-Herken c/o TU Berlin,
Wasgenstr. 7 FB 2
14129 Berlin
Sekr. 4-5
Tel. 030/8038965
Franklinstr. 28/29
10587 Berlin

Die Gewalt der
Verhältnisse

Workshop mit Fritz Letsch von der Paulo
Freire Gesellschaft, München, nach der
"Pädagogik der Befreiung" von Paulo Freire in der 2.
Sommerakademie der Grünen Bildungs-Werkstatt Tirol 6. bis 9. September 2001 in Angerberg bei Wörgl zum
Thema
Bildung – Macht – Herrschaft
Bildung muss von einem emanzipatorischen Ansatz
aus gedacht werden, um die Unterdrückten in der soziohistorischen
Veränderung der Gesellschaft beteiligen zu können, also
Menschen in einem Prozess zu befähigen, "jene historischen und
existenziellen Erfahrungen, die im alltäglichen Leben von der
herrschenden Kultur abgewendet werden, zu beanspruchen, und sie auf
diese Weise wiederzubewerten und kritisch zu verstehen" (Zitat von
Paulo Freire).
Freire hat mit seinem Lebenswerk Wege zu neuem
Lernen aufgezeigt. Er wurde zu einem der bedeutendsten Wegbereiter
einer Pädagogik für das 21. Jahrhundert. Paulo Freire
inspiriert Menschen in allen Kontinenten zu neuer Hoffnung, daß
Pädagogik Beiträge leisten kann für eine menschlichere
Welt.
Die Pädagogik der Befreiung entstand in
Lateinamerika. Ausgangspunkt der Freire-Pädagogik ist die
Lebenssituation der Lernenden. Gemeinsam wird überlegt, was,
wofür, wie und wo gelernt werden soll. Dies geschieht in der
Annahme, daß die Beteiligten gemeinsam die Motivation, das Wissen
und die Phantasie aufbringen können, um zu entscheiden, was
für sie wichtig ist. Die "Lehrer" geben ihren Anspruch auf, den
besten Weg zum Lernen vorgeben zu können.Paulo Freire wies auf die
besondere Kraft einer befreienden Pädagogik gerade in
gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und epochalen Paulo
Freires Pädagogik der Befreiung hat weltweit nicht nur Theoretiker
und Praktiker der Erwachsenenbildung, sondern Menschen in vielen
anderen Arbeitsfeldern inspiriert. Elemente einer befreienden
Pädagogik werden in so verschiedenartigen Bereichen wie Schule,
Theater, Theologie Kindergarten, Interkulturelle Arbeit, Sozialarbeit,
Psychologie, Philosophie und Kunst angewandt.

|
Mitgliederversammlung 2003

Wir treffen uns am Samstag, 13.12.03 um 15 Uhr in der
Jugendakademie Walberberg bei Köln. Dort haben wir als erste
Mahlzeit das Abendessen bestellt. Da fangen wir mit der kurzen
offiziellen MV an, weil z.B. Manfred nur am Samstag anwesend sein kann.
Danach geht es mit der gegenseitigen Information über
Aspekte unserer Arbeit zu P. Freire weiter:
 |
Aspekte sind: Freire-Arbeit in Lateinamerika
(LehrerInnen-Austausch mit Chile, die Arbeit der Educación
Popular in Lateinamerika mit CEAL von Bärbel Frey de Vacaflores) |
 |
Aspekte der Freire-Arbeit in Afrika (Alfabetisierung:
Manfred) und Äthiopien (Christine) |
<>Am Sonntag,
14.12.03 >
Themen sind: Freire-Arbeit in Deutschland: Lesepaten-Projekt
(Ilse), "made by kinderhand und "Einfluß-nehmen in Lokalpolitik"
(Heinz) - und aus der Arbeit der weiteren Anwesenden, sowie eine
Reflexion zum Freire-Seminar in Oldenburg (evtl. Kooperation?), die
Buchplanung etc.
Anfahrtsbeschreibung: Von Köln bis Schwadorf (ist
billiger als bis Walberberg-Haltestelle der Vorgebirgsbahn, dann in den
Ort, hochlaufen, zum "Wingert" zur Jugendakademie - nicht Kloster
Walberberg.
Wir können lt. unserem Kontostand bis zu 50% der
Fahrtkosten bei Bedarf erstatten. Teilnahmegebühren entstehen
nicht.
Mit besten Grüßen, Heinz Schulze
<> >
agendaeinewelt.rgu(at)muenchen.de
Theaterweiterbildung
mit Methoden des Theater der Unterdrückten
nach Augusto Boal
- Schwerpunkt Forumtheater -
Veranstalter: Paulo-Freire-Gesellschaft, München
Leitung und Organisation: Dr. Helmut Wiegand,
e-Mail: Dr_Wiegand(at)web.de
Teilnahmegebühren: 130 Euro pro Veranstaltung,
insgesamt 520 Euro bei vier Veranstaltungen
Das ursprünglich aus Lateinamerika stammende Theater
der Unterdrückten kombiniert Kunst und Selbsterfahrung mit
politischem Probehandeln. Es bietet viele Möglichkeiten der
Aktivierung von im Alltag oft unterdrückten oder
vernachlässigten sozialen und kommunikativen Ressourcen in der
spielerischen, ästhetischen und theatralen Begegnung von Menschen.
Dabei ist der Dialog im Zusammenspiel zwischen der
Trainerin/Regisseur und den Teilnehmer/innen zentraler Bestandteil.
Nicht der Regisseur bestimmt die Inhalte der Szenen und
Theaterstücke, sondern die Teilnehmer/innen setzen die
thematischen Schwerpunkte.
Befreiung aus Alltagszwängen, Einsicht in eigenes
Handeln, Infragestellung von gesellschaftlichen
Unterdrückungs-Spielregeln etc. sind wichtige Zielsetzungen in der
Arbeit und fließen ein in die Techniken und Formen dieses
Theaters.
Das Forumtheater will den passiven Zuschauer aktivieren. Doch
Aktivierung versteht sich nicht als Selbstzweck. Wer im Theater sich
aus vorgegebenen (Konsum-)Rollen befreit, der ist auch imstande, sich
draußen im Alltag in ähnlichen Situationen couragiert zu
verhalten.
Von daher kann es gerade in der (sozial-) pädagogischen,
sozial-therapeutischen Arbeit Impulse vermitteln, die eine kognitiv
orientierte Unterrichtspraxis nicht zu leisten imstande ist.
Im Forumtheater werden durch "Modellszenen" Fragen
aufgeworfen. Zuschauer/innen können sich in die dargestellten
Szenen einwechseln und die Schauspieler/innen, die Schwache,
Diskriminierte oder Benachteiligte spielen, ersetzen.
Hier geht es um die Antworten auf Fragen: was würde ich
in der dargestellten gespielten Situation tun? Wie können wir
durch unsere Ideen und unser Handeln die Szenen verändern?
Forumtheater als (ästhetisches)Training für zukünftiges
Handeln in brisanten Konfliktsituationen.
Ziel der Weiterbildung ist es, dass sich die Teilnehmer/innen
über vier Wochenenden die Methodik und die grundlegenden Techniken
des Forumtheaters (=Herzstück) im Theater der Unterdrückten
aneignen.
Die Wochenenden sind schwerpunktmäßig gegliedert
und das letzte Seminar der Weiterbildung ist mit einer
öffentlichen Abschlussveranstaltung verbunden.
Die Weiterbildung soll zu einem Forum der
theaterpädagogischen Selbstreflexion und Intervision werden. Die
Teilnehmer/innen können die erworbenen Techniken und die neuen
Erfahrungen in ihrer eigenen Praxis, insbesondere in (sozial-)
pädagogischen, therapeutischen, theaterpädagogischen und
politischen Arbeitsfeldern (Öffentlichkeitsarbeit) anwenden.
Die Teilnehmer/innen erhalten nach der Teilnahme an der
Weiterbildung einen detaillierten Qualifikationsnachweis.
Die Weiterbildung ist konzipiert für Menschen, die in
therapeutischen, (sozial)-pädagogischen oder sozialarbeiterischen
Bereichen tätig sind, mit dem Forumtheater vertraut werden wollen
und das Forumtheater (gegebenenfalls) in ihrer eigenen Praxis einsetzen
möchten.
- Wochenende: 19.-21.09.03
- Wochenende 24.-26.10.03
- 21.-23.11.03: Forumtheater und Rollenarbeit,
Probentechniken, die Teilnehmer/innen üben sich in der Rolle des
Jokers (Schwerpunkte)
- 12.-14.12.03: Vorbereitung und Durchführung
einer öffentlichen Forumtheater-Abschlussveranstaltung, Leitung:
Fritz Letsch und Helmut Wiegand
Die Wochenenden beginnen am Freitagabend ab 19h und enden an
den Sonntagen gegen 13h30/14h. Die Teilnehmer/innen verpflegen sich
selbst, in der Bildungsstätte kann eine Küche gemeinsam
genutzt werden. Pausen und gemeinsame Arbeitszeiten werden gemeinsam
festgelegt.
Mindestteilnehmerzahl: 12, maximale Gruppengröße
16 Teilnehmer/innen
Leitung: Dr. Helmut Wiegand, Jhrg. 1959, pädagogisch und
theater-pädagogisch tätig, Arbeit mit dem Theater der
Unterdrückten seit 1989 in verschiedenen Projekten
Weitere Mitarbeitende:
Meike Herminghausen, Jhrg. 1970, Theaterpädagogin und
Schauspielerin aus Berlin, in interkulturellen Projekten aktiv
Fritz Letsch, Jhrg. 1954, Theaterpädagoge und
Gestalt-Therapeut aus München, Mitarbeiter der
Paulo-Freire-Gesellschaft, erfahrener Praktiker des Theaters der
Unterdrückten seit Jahrzehnten. Fritz wird voraussichtlich im
Jahre 2004 Weiterbildungs-Veranstaltungen zum Theater der
Unterdrückten in München anbieten, allerdings mit anderen
Schwerpunkten: Cop-in-the-head, Legislatives Theater und Unsichtbares
Theater
Literatur:
Augusto Boal: Theater der Unterdrückten, Übungen
für Schauspieler und Nichtschauspieler
Augusto Boal: Der Regenbogen der Wünsche
Melanie Axter: Das Theater der Unterdrückten Augusto
Boals und seine Präsentation in der Gegenwart
Till Baumann: Von der Politisierung des Theaters zur
Theatralisierung der Politik
Doris Kempchen: Wirklichkeiten erkennen, enttarnen,
verändern, Dialog und Identitätsbildung im Theater der
Unterdrückten
Helmut Wiegand: Die Entwicklung des Theaters der
Unterdrückten seit Beginn der achtziger Jahre (Diss.)
Die Bücher von Axter, Baumann, Kempchen und Wiegand sind
im ibidem-Verlag erschienen.
--(hier abtrennen)--------------------
Interesse an der Theater-Weiterbildung
Anmeldung für das erste Wochenende vom 19.-21.09.03
in Marburg
Zutreffendes bitte unterstreichen und mir
zurückschicken oder per E-Mail an die o.g. E-Mail - Adresse
zukommen lassen.
Ich möchte mich für das erste Wochenende der
Theaterweiterbildung verbindlich anmelden und bin bereit, 40 Euro als
Anzahlung für das erste Wochenende auf das Konto Nr. 1103177904
bei der Sparda Bank Frankfurt a.M. BLZ 500 905 00 einzuzahlen.
Die Entscheidung, an der gesamten Theater-Weiterbildung
teilzunehmen oder nicht, trifft jede/r Teilnehmer/in im Laufe des
ersten Wochenendes oder kurz danach. Mit jeder/jedem interessierten
Teilnehmer/in an der Theater-Weiterbildung wird für die weiteren
drei Veranstaltungen eine Teilnahme verbindlich vertraglich vereinbart.
Bitte die Infos an folgende Bekannte/Freunde schicken:
Ich bin erreichbar unter folgender E-Mail, Fax-Nr. bzw.
Adresse:
Ich erwarte von der Weiterbildung folgendes:
Datum ............................
Ort.......................
Unterschrift:..................................................

PFG
für befreiende Pädagogik

Die
Paulo-Freire-Gesellschaft e.V
c/o Heinz Schulze
Margarethenplatz 2
81373 München
-> Gesamtvorstand, Publikationen
c/o Fritz Letsch
Schellingstr. 91
80799 München
-> Verwaltung, Finanzen, Theater-Methoden
(Boal) Internet
Entstanden aus dem Arbeitskreis Freire in der AG
SPAK Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise und der
Europäischen Gruppe Bewusstseinsbildung bietet sie den
Mitgliedern Austausch und gegenseitige Fortbildung zu den Methoden
befreiender Pädagogik, wie sie unser Freund Paulo Freire mit der
Pädagogik der Unterdrückten, der Pädagogik der Hoffnung
und der Pädagogik der Autonomie angelegt hat.
Seine Ansätze und Methoden sind heute breit
anerkannt und in viele Arbeitsweisen hierzulande eingeflossen, seine
Theorie ist aber wenig bekannt.
Weiteres auf den bisherigen Seiten http://www.paulo-freire-ges.de/
Konto bei der Bank für
Sozialwirtschaft
88 97 200 BLZ 700205 00
Spenden und Mitgliedsbeiträge sind
steuerabzugsfähig:
2. Die Paulo-Freire-Gesellschaft e.V. ist durch
die Bescheinigung des Finanzamtes für Körperschaften
München vom 5.11.1996, Steuer-Nr. VR14970 als
gemeinnützigen Zwecken dienend anerkannt und nach § 5 Abs. 1
Nr. 9 des Körperschaftsteuergesetzes von der
Körperschaftsteuer befreit.
3. Wir bestätigen, daß der dem Verein
zugewendete Betrag nur zu den satzungsmäßigen Zwecken
verwendet wird die als besonders förderungswürdig im Sinne
der Anlage 7 Einkommensteuerrichtlinien anerkannt sind.
|
|

Die
Grundlage unserer Arbeit

Paulo Freire Gesellschaft e.V
Satzung
zuletzt geändert auf Vorschlag des
Finanzamts für Körperschaften in München durch die MV in
Potsdam am 12.11. 1995 und in Walberberg 16.6.96
§ 1 Name und Sitz des
Vereins
Der Verein führt den Namen
"Paulo Freire Gesellschaft". Der Vereinssitz ist München.
§ 2 Zweck des Vereins
Zweck des Vereins ist die Förderung von
Wissenschaft und Forschung sowie von Bildung und Erziehung im Bereich
befreiender pädagogischer Methoden und Denkansätze.
Der Verein verfolgt ausschließlich und
unmittelbar gemeinnützige Zwecke im Sinne des Abschnitts
"Steuerbegünstigte Zwecke" der Abgabenordnung.
 |
die Durchführung wissenschaftlicher
Veranstaltungen und Forschungsvorhaben in allen pädagogischen
Bereichen |
 |
die Herausgabe einer wissenschaftlichen
Fachzeitschrift für befreiende Pädagogik |
 |
Veranstaltungen, Seminare, Vorträge,
Fortbildungen zur Weiterentwicklung von Bildung und Erziehung für
pädagogische Fachkräfte und Interessierte |
 |
die Herausgabe von Fachliteratur und Materialien
in Zusammenarbeit mit öffentlichen und gemeinützigen
Trägern |
 |
Erstellung didaktischer Materialien und
pädagogischer Medien, z. B. Unterrichtsvorlagen, Diaserien etc. |
 |
Einrichtung einer Fachbibliothek- den Aufbau
eines kollegialen Netzwerkes zum fachlichen Austausch zwischen
Hochschulen, Akademien, pädagogischen Fortbildungen, Vereinen,
Fachkreisen und Einzelpersonen. |
 |
die Zusammenarbeit mit internationalen
Einrichtungen der befreienden Pädagogik |
§ 3 Tätigkeit und
Mittelverwendung
Der Verein ist selbstlos tätig; er verfolgt
keine eigenwirtschaftlichen Zwecke. Die Mittel des Vereins dürfen
nur für die satzungsgemäßen Zwecke verwendet werden.
Die Mitglieder erhalten keine Zuwendungen aus den Mitteln des Vereins.
Es darf keine Person durch Ausgaben, die dem Zweck der
Körperschaft fremd sind, oder durch unverhältnismässig
hohe Vergütungen begünstigt werden.
§ 4 Geschäftsjahr
Das Geschäftsjahr ist das
Kalenderjahr.
§ 5 Mitgliedschaft
Mitglied kann jede Person oder Institution
werden, die den Vereinszweck unterstützt. Die Mitgliedschaft
beginnt durch Aufnahme durch den Vorstand. Bei Ablehnung entscheidet
auf Einspruch des Bewerbers die Mitgliederversammlung. Der Antrag auf
Aufnahme ist schriftlich zu stellen.
Die Mitgliedschaft endet durch Austritt, Tod
oder Ausschluß. Der Austritt kann jederzeit durch schriftliche
Erklärung erfolgen. Entrichtete Beiträge werden nicht
erstattet. Der Ausschluß kann nur wegen Verstoßes gegen die
Ziele des Vereins oder aus einem anderen wichtigen Grund erfolgen.
Über den Ausschluß entscheidet der Vorstand nach
Anhörung des Mitgliedes. Auf Einspruch der betreffenden Person
entscheidet die Mitgliederversammlung.
§ 6 Beiträge und
Spenden
Der Verein erwirbt die zur Erreichung seiner
Ziele und zur Erfüllung seiner Aufgaben notwendigen Mittel durch
Beiträge, Spenden und Zuwendungen aller Art. Jedes Mitglied des
Vereins verpflichtet sich zur Zahlung eines Mitgliedsbeitrages. Die
Höhe dieses Beitrages wird durch die Mitgliederversammlung
festgesetzt. Der Beitrag ist jährlich im Voraus zu zahlen.
§ 7 Organe
Organe des Vereins sind der Vorstand, der
Sprecherrat und die Mitgliederversammlung.
§ 8 Vorstand
Dem Vorstand gehören
mindestens fünf Mitglieder an, die aus ihrer Mitte einen
dreiköpfigen Sprecherrat, einen Schriftführer/ eine
Schriftführerin und einen Kassenführer/ eine
Kassenführerin wählen. Die Mitgliederversammlung entscheidet
über die hauptamtliche Bestellung eines
Geschäftsführers/ einer Geschäftsführerin.
Dem Vorstand obliegt die
satzungsgemäße Verwendung der Mittel, die Vorbereitung und
Durchführung der Mitgliederversammlungen, die Ausführung der
Beschlüsse der Mitgliederversammlungen, die Vertretung des Vereins
nach außen, wofür in erster Linie der Sprecherrat
zuständig ist.
Die Beschlußfähigkeit des Vorstandes
ist bei Erscheinen auf einer ordentlich eingeladenen Vorstandssitzung
von mindestens der Hälfte der Vorstandsmitglieder gegeben.
Beschlüsse werden mit einfacher Mehrheit der anwesenden
Vorstandsmitglieder gefaßt.
Vorstand im Sinne des § 26 BGB ist der
Sprecherrat. Jeder Sprecher/ jede Sprecherin kann den Verein alleine
nach außen vertreten.
Der Vorstand hat über die Verwendung der
Mittel jährlich gegenüber der Mitgliederversammlung
Rechenschaft abzulegen. Die Mitglieder des Vorstandes üben mit
Ausnahme des Geschäftsführers/ der
Geschäftsführerin ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus.
Tatsächliche Ausgaben werden ihnen auf Antrag erstattet. Der
Kassenführer/ die Kassenführerin führt Buch über
Einnahmen und Ausgaben.
§ 9 Mitgliederversammlung
Mindestens einmal jährlich,
außerdem auf Beschluß des Vorstandes oder auf Antrag eines
Viertels der Mitglieder tritt die Mitgliederversammlung zusammen.
Zur Mitgliederversammlung wird mindestens zwei
Wochen vorher schriftlich mit Angabe der Tagesordnung vom Vorstand
eingeladen. Ihr obliegt die Wahl eines Vorstandes und die Wahl der
beiden Rechnungsprüfer / Rechnungsprüferinnen, die nicht dem
Vorstand angehören, jeweils für die Dauer von zwei Jahren.
Unabhängig hiervon ist jederzeit eine Abwahl, Nachwahl oder
Neuwahl des Vorstandes möglich, wenn dies in der Einladung zur
Mitgliederversammlung auf der Tagesordnung angekündigt ist.
Die Mitgliederversammlung nimmt den Bericht des
Vorstandes und der Rechnungsprüfer / Rechnungsprüferinnen
entgegen und entscheidet über die Entlastung des Vorstandes. Die
Mitgliederversammlung faßt Beschlüsse über die Arbeit
des Vereins. Satzungsänderungen sind nur mit einer 2/3-Mehrheit
der anwesenden Mitglieder möglich, wenn dies in der Einladung zur
Mitgliederversammlung angekündigt ist.
Über die Beschlüsse ist eine
Niederschrift zu fertigen. Sie wird durch Unterschrift von
Protokollant/ Protokollantin und
Versammlungsleiter/Versammlungsleiterin anerkannt und genehmigt.
Die Mitgliederversammlungen sind
öffentlich. Durch Mehrheitsbeschluß kann die
Öffentlichkeit jedoch auch ausgeschlossen werden.
Satzungsänderungen, die von Behörden
aus Gründen des Steuer-, Gemeinnützigkeits- oder Vereinsrecht
verlangt werden, können vom Vorstand selbständig ohne
Einberufung der Mitgliederversammlung vorgenommen und ausgeführt
werden. Solche Satzungsänderungen sind den Mitgliedern der
Gesellschaft umgehend schriftlich mitzuteilen.
§ 10 Rechnungsprüfung
Die Rechnungsprüfer /
Rechnungsprüferinnen prüfen die Jahresabrechnungen, fertigen
ein schriftliches Protokoll und berichten darüber in der
Mitgliederversammlung.
§ 11 Auflösung
Im Falle der Auflösung des
Vereins oder bei Wegfall steuerbegünstigender Zwecke fällt
das Vermögen zu gleichen Teilen an die Kinderhilfsorganisation
terres des hommes, Ruppenkampstr. 11, Osnabrück und den Verein zur
Förderung der sozialpolitischen Arbeit e.V., Adlzreiterstr. 23,
München, die es unmittelbar und ausschließlich für
gemeinnützige oder mildtätige Zwecke zu verwenden haben.
§ 12 Gültigkeit
Die Satzung ist am 19.3.1994
errichtet und am 6.11.1994 sowie am 12.11.1995 und am 16.6.96
geändert. Sie tritt nach Eintragung ins Vereinsregister in Kraft.
|

Mitglied werden

Mitgliedschaft

Die
Paulo-Freire-Gesellschaft e.V. ist für alle Interessenten offen.

Für
einen jährlichen Beitrag von Euro 40,- (Schüler und
Studenten Euro 30,-, Institutionen Euro 60,-) erhalten sie
regelmässige Informationen und die Einladung zur inhaltlichen
Mitgliederversammlung. Einen Preisnachlaß bekommen sie für
Publikationen, die über die Gesellschaft bezogen werden
können (eigene Schriften), wie auch für die Veranstaltungen.

Wir freuen uns auf Ihre Mitgliedschaft!
Spenden und Jahresbeiträge sind steuerlich
abzugsfähig.
Freinet-Pädagogik
ist verwandt dazu

http://www.freinet.paed.com/ im Netz.
<>Über
3 MB Daten warten auf Euch. Vieles ist neu und neu zusammengestellt.
Ein ganz neues Freinet-Gefühl! >
<>Natürlich
ist auch die Naviation verändert - keine Frames mehr. Im
Mittelpunkt die Pädagogik, die Institutionen, die >Methoden, die Literatur.
<>Natürlich
auch die Schulen und Freinet in Deutschland - jetzt >auch bequem und
übersichtlich auf einer Landkarte zum anklicken.
<>Natürlich
gibt es auch noch die Foren von Freinet mit derzeit 178 registrierten
Teilnehmern und Freinet-Online. > <>Neu ist der Pressespiegel, wenn gleich es zur
Zeit nicht viel zu vermelden gibt. >
<>Der
Kontakt nach Österreich und in die Schweiz sowie die
internationalen Adressen sind noch in Arbeit. Auch die Kindergarten->Seiten harren noch der
Überarbeitung.
<>In den
nächsten Tagen wird auch die neue Homepage der Freinet-
Kooperative ans Netz gehen.> <>Ich hoffe, daß man mit den neuen Seiten
gut arbeiten kann, über
Anregungen, Verbesserungsvorschläge, Wünsche, Kritik
würde ich >
mich freuen.
Liebe Grüße
Jürgen Göndör
service(at)paed.com
http://paed.com/
|
Kultur des Schweigens: Bewusstseins-Verhinderung

Dr. Ilse Schimpf-Herken
Kultur des Schweigens
an der Universität
Die in diesen Monaten so viel beschworene Krise der
Universität ist nur zu verstehen, wenn wir sie in einen globaleren
gesellschaftlichen Zusammenhang stellen. Nicht erst, seit gespart
werden soll, gibt es Nachdenkenswertes über die Universität
zu sagen. Angesichts des irreversiblen Wandels in der Weltwirtschaft,
der mit den Schlagworten der Globalisierung und Entgrenzung, der
Tertialisierung und Fragmentierung gekennzeichnet wird, ist eine
Neubestimmung der Bedeutung der universitären Bildung immer
vordringlicher geworden. Bildung war und ist stets Ausdruck
gesellschaftlicher Verhältnisse und ist somit eine Schnittstelle
von sozio-kulturell Tradiertem und Neuem, von ethnozentrischen Normen
und globalen Anforderungen, von individuell begründeten
Freiheitsrechten und den der Erhaltung des Gemeinwohls gestundeten
Solidaritäten.
Seit der Begründung der neoklassischen
Universitäten zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Wilhelm von
Humboldt die Autonomie der Universität und die
Komplementarität von Lehren und Lernen, von Forschung und Lehre
postulierte, hat sich eine Entwicklung zugunsten der beruflichen
Qualifizierung und Fragmentierung in Einzelwissenschaften durchgesetzt.
Dieses führte unter anderem dazu, daß das Spezialistentum in
den Einzelwissenschaften, der Konkurrenzdruck untereinander und die
Drittmittelabhängigkeit der Forschung zugenommen haben und es zu
vielfältigen Abhängigkeiten im Spannungsfeld von Wirtschaft
und Politik gekommen ist. Hierdurch läuft die Universität
Gefahr, zu einem Ort hoher Professionalität zu werden, bei
gleichzeitiger gesellschaftlicher Marginalisierung. Eine
Standortbestimmung der Verantwortung universitärer Bildung ist
heute mehr als überfällig.
Wo die Freude an der Begegnung mit jungen Menschen und die
Suche nach Neuem die Lehre und Forschung bestimmen sollte, lähmt
ein Hang zur "Selbstbezüglichkeit" (M. Weber) und Eitelkeit
große Bereiche der universitären Wissenschaft. Anstatt
wahrhaftige Dialoge zwischen Lehrenden und Lernenden zu
ermöglichen, inszenieren einzelne ihr Bedürfnis nach
persönlicher Bedeutsamkeit. Veranstaltungen treten an die Stelle
von Verantwortung. Massenveranstaltungen und überfüllte
Seminare lassen kaum noch vertiefende Auseinandersetzungen zwischen
StudentInnen und DozentInnen zu. Individuelle Beratung und Sprechzeiten
sind eine Seltenheit. Gab es vor 25 Jahren einen studentischen Protest
gegen die althergebrachten Autoritäten in Talaren, so haben sich
heute neue Hierarchien über die Unerreichbarkeit von
ProfessorInnen etabliert. Monologe der Dozierenden und das Schweigen
der Studierenden sind die Folge.
Über diese „Kultur des Schweigens" (Paulo Freire) und
ihre Konsequenzen für das Selbstverständnis der Rolle der
Intellektuellen und ihrer sozialen Verantwortung möchte ich im
Folgenden sprechen. Es ist meine These, daß Sparen im
Bildungsbereich nicht nur einer Dequalifizierung und Abwertung der
denkenden, planenden Berufe impliziert, sondern eine demokratische,
verantwortungsethische Wissenschaftskultur zerstört. Sie
zerschlägt die Voraussetzung für interdisziplinäre
Verständigung und die kritische Selbstreflexion des eigenen
dominanzkulturellen Eurozentrismus. Es gibt zwar das Sprichwort "Not
macht erfinderisch", das in der Vergangenheit in Einzelfällen auch
zutraf. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß in den
hochkomplexen modernen Gesellschaften die not-ab-wendenden
Selbsthilfeprojekte in den meisten Fällen eher eine
sozialpoitische Funktionen erfüllen, als daß sie dem
brutalen Verdrängungswettbewerb neoliberaler Entwicklung real
etwas entgegenzusetzen hätten.
In dem nun folgenden Beitrag möchte ich mich
zunächst mit der Kultur des Schweigens an der Universität
auseinandersetzen, um anschließend eine Diskussion anzuregen
über die Notwendigkeit des Trialogs zwischen den verstummten
Einzelwissenschaften, und hier besonders zwischen den Gesellschafts-
und Technikwissenschaften.
Die Methode des Trialogs, dies nur zur kurzen
Erläuterung, habe ich auf der Weltfrauenkonferenz in Peking
kennengelernt, wo palästinensische und israelische Frauen
über alle Verwundungen und Differenzen hinweg miteinander
kommunizierten, indem sie "Dritte" in ihre Gesprächsrunde baten,
die zwar gute Kennerinnen des Nahen Osten waren, aber durch andere
Kriterien und Perspektiven, bzw. durch überparteiliche Sichtweisen
die unterbrochene Kommunikation wieder ermöglichten.
Vom (Ver-)Schweigen in
internationalen Zuammenhängen
Angesichts von sich beschleunigenden
Globalisierungsprozessen, der Auflösung der zwei großen
politischen Blöcke und der damit einhergehenden rasanten
Durchsetzung des neoliberalen Wirtschafts- und Konsum-modells stellt
sich heute die Frage nach Bildung neu. Es ist offensichtlich
inadäquat, im herkömmlichen Wissenschaftsverständnis der
Disziplinen zu verharren und weiterhin nach eigenen eurozentrischen
Modellen die Lehre und Forschung zu gestalten. Die Wirkungen unseres
Technik- und Naturverständnisses zeigen heute deutlicher als
zuvor, daß Linearität und Fortschrittsdenken den Blick
für Zusammenhänge, verantwortungsethische Überlegungen
und Nachhaltigkeit trüben. Das Ressourcen-fressende Marktmodell
ist nicht mehr finanzierbar, wie die Rekordverschuldungen in aller Welt
zeigen. Aber anstatt Einhalt zu gebieten, um Perspektivenwechsel und
interdisziplinäre Kooperationen zwischen unterschiedlichen
Gesellschaften und Wissenssystemen zu ermöglichen, beschleunigen
sich die Akkumulationsprozesse, der Tauschwert hat sich vom
Gebrauchswert abgelöst, oder wie Elmar Altvater dies bildhaft
ausdrückte "Siemens sei eine Großbank mit angeschlossener
kleiner Elektroabteilung".
Neue internationale Finanzinstrumente haben zu einer
regelrechten Verselbständigung der Finanzwelt von der Warenwelt
geführt. Nicht mehr der Warenhandel, sondern der Handel mit
Dienstleistungen, beispielsweise Telekommunikation und Tourismus
expandiert. Die jährliche Summe dieser Finanzderivate in Höhe
von 20.000 bis 30.000 Milliarden US-Dollar übersteigt inzwischen
sogar die Höhe der jährlichen Weltproduktion! Die
Nationalstaaten sind ökonomisch nicht mehr souverän, ihre
PolitikerInnen sind immer erpreßbarer. In diesem
Verdrängungswettbewerb verlieren soziale, interkulturelle und
politische Gesichtspunkte an Bedeutung. Ohne diese Zusammenhänge
und ihre Funktionsweise im Weltmaßstab mitzubedenken und ihre
Auswirkungen für die Zukunft im Kontext universitärer Bildung
zu reflektieren, geben wir, ohne daß wir uns dies vielleicht
eingestehen, das „Prinzip Verantwortung" (Hans Jonas) auf, lösen
den Generationenvertrag und werden selber zu Monaden.
Haben wir bisher mit einem starken Vergangenheitsbezug
lineare Denkmodelle zur Bewältigung der Gegenwart entwickelt, so
lähmt heute die Macht des Faktischen immer mehr das Handeln. Die
Modelle der Vergangenheit bestimmen die Gegenwart und lassen der Ahnung
des Zukünftigen kaum Raum. Die Sensibilität der "neuen Musen"
(J. Beuys) der Umweltbewegungen, der Anti-Atombewegungen, die
herrschaftskritischen Ansätze der Frauenbewegung, sie alle
vermitteln einen Hauch von menschlicher Bezogenheit, die sich schon
fast ihre Zukunft träumen müssen, weil sie gegenwärtig
in der "4. Gewalt" (J. Link) der Massenmedien als "kriminell",
"irrsinnig" oder "demokratiefeindlich" stigmatisiert werden.
Zukunftsvisionen erscheinen in der öffentlichen Meinung als
Bedrohung, die "Risikogesellschaft" (U.Beck) führt tendenziell zu
einer Aufhebung persönlicher Verantwortlichkeit, die in der Folge
zu einer "Täterentlastung" führt (Rommelspacher). Niemand ist
mehr verantwortlich, `anything goes´. Der einzelne Mensch steht
den globalen Entwicklungen scheinbar hilflos und ohnmächtig
gegenüber. Sein Horizont verengt sich auf eine Scheinwelt, die ihm
über die Konsumgesellschaft angeboten wird.
Selbstbezüglichkeit und Egozentrik sind die Folge. Protest oder
Widerstand erlahmen zunehmend. Ein Mantel des Schweigens breitet sich
über den Individuen in ihrem "global village" aus.
Universitäre Bildung, will sie denn einen Beitrag zur
nachhaltigen Entwicklung und sozialen Gerechtigkeit leisten, muß
sich ganz zentral mit diesem Schweigen auseinandersetzen. Bisher hat
eine regionalistische bzw. nationalistische Perspektive die Ausbeutung
des Südens und die Deklassierung seiner Menschen verschleiert. Das
Wissen über Verletzung von Menschenrechten wurde verschwiegen. Das
Kapital ist dort hingegangen, wo die Arbeitskraft zu niedrigeren
Preisen als in den Industrienationen zu kaufen war ... und die
Gesellschaften im Norden haben verschwiegen, mit welcher
diktatorischen, staatlichen Komplizenschaft die Weltmarktorientierung
in den Ländern des Südens durchgesetzt wurde. Heute, da
selbst die Dienstleistungsbereiche unabhängig vom Standort sind,
vervollständigt sich die Globalisierung. Banken und große
Krankenkassen verlagern die arbeitsintensive Dateneingabe nach
Shanghai. Morgens kommen die Postsäcke mit den Buchungsbelegen,
abends werden die Daten per Satellit zurückgespielt ... und die
Gesellschaften im Norden verschweigen, unter welchen Arbeits- und
Lebensbedingungen die ArbeiterInnen diese Tätigkeiten leisten.
Erst seit die "Tiger"-Staaten, Singapur, Korea, Malaysia und
andere mit ihren konkurrenzfähigen Produkten den Weltmarkt
beliefern, beunruhigt sich der Norden, und die "4. Gewalt" spricht von
der Bedrohung der Ökonomien und der bestehenden Ordnung. Die von
der 1. Welt noch nie verwirklichten Menschrechte werden zur
Konditionalität für die Kreditvergabe an den Süden. Auch
weiterhin bedeckt der Mantel des Schweigens die internationalen
Wirtschaftskonferenzen, weil die Voraussetzung für die
Bereitschaft des Dialogs das Zuhören der jeweils anderen Seite
bedeuten würde, und Zuhöhren impliziert bereits die
Anerkennung der Existenz anderer Gesichtspunkte.
Durch die Globalisierung ist das Verschweigen der
Zusammenhänge als Methode der Verschleierung eines
Ungerechtigkeitssystem offenkundig geworden. Die soziale Schere geht
jedoch nicht nur zwischen dem Norden und dem Süden immer weiter
auf, auch in den reichen Ländern selber gibt es inzwischen eine
"Dritte Welt", und man muß sich schon heute fragen, wieviel
Ungleichheit eine Demokratie verkraften kann. Bisher hat das
Verschweigen und die impliziten Gewaltverhältnisse zu Gehorsam und
Anpassung geführt. Das Schweigen hat Anerkennung versagt, hat
Existenzen negiert und schafft die Voraussetzung für
Verdrängung und Vergessen. Das Schweigen zerstört die
Erinnerung und schafft immer mehr unbelebte Räume, in denen sich
die Menschen nicht mehr heimisch fühlen. Sie werden atomisiert und
hierdurch manipulierbar oder, wie Paulo Freire sagt, zu "politischen
Analphabeten". Immer weniger können die Individuen den heute so
notwendigen Weltbezug herstellen. Mit dieser Kultur des Schweigens, wie
sie auch die Universität produziert und reproduziert, möchte
ich mich zunächst beschäftigen.
Die Kultur des Schweigens im
Bildungssystem
Schule und Universität sind staatliche Institutionen,
die tradtionell einen unterschiedlichen Bildungsauftrag hatten, sich
jedoch heute zunehmend angeglichen haben. Während in der Schule
das zu erlernende Wissen bereits weitgehend vom Lehrer gewußt
wurde, sollte an der Universität durch forschendes Lernen das
Wissen zwischen StudentInnen und ProfessorIn neu geschaffen werden.
Dieses auf Kooperation angelegte, grundsätzlich egalitäre
Ergänzungsverhältnis war jedoch unvereinbar mit der
hierarchischen Struktur universitärer Institution und ist nie
verwirklicht worden. Ein ähnliches Schicksal erfuhr die
Oberstufenreform an den Schulen, wo zwar Freiräume für das
forschende Lernen möglich wurden ... diese Entwicklung jedoch
alsbald an die Grenzen institutionalisierter Sozialisationsmuster
stieß. So werden die Kinder auch heute noch in der Schule
mehrheitlich im klassischen Frontalunterricht zum Schweigen verdammt,
sie lernen zuzuhören, stillzusitzen und aufzunehmen, was der
Lehrer sagt. Die Vermittlung von Fachwissen tritt hierbei oftmals in
den Hintergrund. Für die kritische Selbstreflexion, geschweige
denn ein Denken in Ambivalenz ist kaum Zeit vorgesehen.
Unser Bildungsverständnis reproduziert nach wie vor
einen aufklärerischen Anspruch. Hierbei ist die Lehrerrolle eine
belehrende, die Rolle des/r Studierenden als eine lernende
festgeschrieben, der Lehrer spricht, die Lernenden hören zu, der
Lehrer ist im Besitz des Wissens, die Schüler sind passive
Rezipienten. Wenn man diese Dichotomien zu Ende denkt, entsteht ein
Bild, das Hierarchien errichtet und das Erlangen von Wissen zu einem
erstrebenswerten Ziel macht. Wenig Wissen ist wenig Wert, viel Wissen
ist viel Wert. Über Bildungseinlagen (Freire) werden die Menschen
wohlhabend, sie werden zum Maß gesellschaftlicher Entwicklung und
Privilegien. Erst an der Universität, in meiner 6-jährigen
Auseinandersetzung mit den KollegInnen und ihrem Privilegiendenken ist
mir dieser Zusammenhang ganz deutlich geworden. Berufsbeamtentum und
die wachsende Fragmentierung in Teildisziplinen sind kontraproduktiv
für eine gesellschaftsbezogene Wissenschaftsentwicklung. Eine
Wissenschaft, die sich auf höhere Einsicht oder Weisheit beruft,
hat bereits die Solidarität mit denen aufgekündigt, die sie
beurteilt. Wir, die WissenschaftlerInnen, sind Teil der
gesellschaftlichen Veränderungen, unsere Wahrnehmung wird durch
den Kontext geprägt, Lehre und Forschung sind somit Ausdruck des
Zeitgeistes und der gesellschaftlichen
Machtverhältnisse.Wissenschaft ist nicht neutral, weil sie von
Menschen gemacht wird, wir sind Teil von ihr!
<> >
Ohne daß wir uns dessen
bewußt geworden wären, sind wir jedoch von Kleinauf im
"hidden curriculum" (I.Illich) durch eine Sozialisation zur Anpassung
und zum Gehorsam konditioniert worden, die unsere
Wahrnehmungsfähigkeit in
a) - unseren Umgang mit der
partikularisierten Wissenschaft,
<>b) - mit der
hierarchisch konzipierten Lehre und>
c) - der Universität als
staatlichen Institution prägen.
<> >
Diese drei Ebenen,die ich im Folgenden genauer untersuchen
möchte, treten nicht unabhängig von einander auf und
können nicht isoliert betrachtet werden. Nur in ihrer
Wechselwirkung wird das Hierarchisierungs- und Ausschlußgeflecht
transparent, das die Universitäten heute noch immer zu einer der
Hochburgen des geistigen und `politischen Analphabetismus´ (P.
Freire) machen.
ad 1. : Umgang mit dem
partikularisierten Wissenschaftssystem
Um unseren Umgang mit der universitären Wissenschaft zu
verstehen, müssen wir zunächst deren Organisationsform
begreifen. Hier wird es zunächst verwundern, daß sich erst
in den letzten zweihundert Jahren die Auflösung der vier
großen klassischen Fakultäten, - Medizin, Theologie,
Jurisprudenz , `Freie Künste´ - in die zahlreichen
Einzelwissenschaften vollzogen hat. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts
war es üblich, daß die Studierenden nicht nur an einer
Fakultät studierten, sondern einem humanistischen
Bildungsverständis frönten, das
fakultätsübergreifend war. Die Naturwissenschaftler belegten
beispielsweise auch Philosphie, die Theologen auch die Schönen
Künste, usw. Erst mit den Neugründungen der
Universitäten nach dem 2. Weltkrieg und hier ganz besonders
verstärkt nach der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre, kam es
zu einer rapiden Ausdifferenzierung in Einzelwissenschaften, die heute
unsere Universitäten kennzeichnen. So war es gerade ein Ziel der
68er-Studienreform, die Dominanz der Lehrstühle und ihrer Inhaber
zugunsten von mehr pluralistischen Angeboten zu verändern. Der
Mittelbau sowie Tutorienprogramme sollten darüber hinaus die
Hierarchien abbauen helfen, was beides nur in geringem Umfang
erfolgreich war. Betrachtet man nämlich heute die Fachbereiche,
dann wird sehr schnell deutlich, daß die Reformen zwar zu einer
großen Auffächerung der Wissensgebiete geführt haben,
diese jedoch nicht miteinander kommunizieren. Im Gegenteil, es entsteht
häufig der Eindruck, das jeder Lehrstuhlinhalber sein Terrain mit
"seinen" wissenschaftlichen Mitarbeitern und Tutoren absteckt und diese
Domaine verteidigt. Macht- und Besitzstandswahrung lähmen die
Kommunikation zwischen den Disziplinen und verhindern die gegenseitige
Anerkennung und Bestärkung.
Die Aufsplitterung in Teil- bzw. Spezialwissenschaften wird
noch durch ein weit verbreitetes positivistisches
Wissenschaftsverständnis gefördert, in dem entsprechend der
Einzelwissenschaften geschlossene Systeme und Methoden geschaffen
werden, die der Überprüfbarkeit der Forschungsergebnisse
dienen sollen. Hierdurch entstehen künstliche Welten, deren
eigentliche Dynamik und herrschaftskritische Kontextualisierung
verhindert werden. Die Quantifizierung sowie die empirischen
Forschungsansätze erhalten in diesem System zunehmend eine
größere Bedeutung, was letztlich auch zu deren Siegeszug in
der Wissenschaft geführt hat. Welche Folgewirkungen das
Verschweigen von sozio-kulturellen, biographischen oder zeitlich
bedingten Faktoren hat, bleibt weitgehend unberücksichtigt, wenn
nicht gar diese Zusammenhänge zugunsten der Ergebnisorientiertheit
und dem Streben nach Eindeutigkeit verloren gehen bzw. unsichtbar
gemacht werden. Ein positivistisch begründetes
Wissenschaftsverständnis bringt sich selber in Sicherheit.
Selbstreflexive Ansätze oder prozeßorientiere
Handlungsforschungsansätze sind in der universitären
Forschungslandschaft der Einzelwissenschaften deshalb immer noch die
Ausnahme. Ihre weitgehende Nichtbeachtung ist der klaren Grenzziehung
bzw. der Ausweitung der Teilwissenschaften gestundet.
Die Folgen hiervon sind Leistungs- und Konkurrenzprobleme der
Disziplinen untereinander, angespannte Kommunikationsformen bis zum
Verschwinden jeglichen Austausches überhaupt. So geht die Freude
über den Erkenntnissgewinn, die gegenseitige Anerkennung und
Inspiration verloren, was jeglicher Motivation und Interaktion mit den
StudentInnen entgegensteht. Folglich verhalten sich viele StudentInnen
im Umgang mit ihren DozentInnen konsumtiv. Sie sind zwar lernwillig,
aber gleichzeitig unkritisch gegenüber den Kontexten, in denen
dieses Wissen ensteht, reproduziert und gedeutet wird. Die Lehrinhalte
erhalten doktrinären Charakter, die Wissenschaft eine beinah
religiöse Bedeutung. Das scheinbar in sich geschlossene
Wissenschaftssystem wird für den Lernenden zu einem Über-Ich,
nach dem sein ganzes Sehnen strebt. Je mehr der/die Einzelne davon
gelernt hat und reproduzieren kann, desto mehr steigt er/sie in der
universitären Hierarchie auf. Leistungsprüfungen,
Regelstudienzeiten und Zensuren sind folglich weniger
Meßinstrumente, den kompetenten Umgang mit der Wissenschaft zu
attestieren, als vielmehr Ausdruck von Wissenschaftsgläubigkeit.
ad b) hierarchisch geprägte
Lehre
Der so beschriebene autoritätshörige Umgang mit
Wissenschaft wird gefördert und ist meiner Meinung nach erst
möglich, wenn der Rahmen, in dem die Wissenschaft vermittelt wird,
streng hierarchisch strukturiert ist. Nur wenn den Lernenden
ausreichend Respekt gegenüber den unantastbaren Weihen
universitärer Lehre eingeflöst wurde und wenn das
Bildungsziel mit einer akademischen Laufbahn identisch wird, kommt es
zu einer weitgehenden Reduzierung des emanzipatorischen Charakters, der
theoretisch jedem Erziehungsprozeß innewohnt. Je weniger also
heute in der Massenuniversität die DozentInnen für die
Studierenden erreichbar werden, sei es, weil die ProfessorInnen sich
nur in Vorlesungen mit Hunderten von ZuhörerInnen den StudentInnen
darbieten oder weil der Zeittakt der 15-minütigen Sprechstunden
keine Rahmenbedingungen für eine vertiefende Auseinandersetzung
bieten, um so mehr steigert sich implizit ihre Bedeutung.
Als ich nach 15-jähriger Unterbrechung vor 6 Jahren an
die Universität zurückkehrte und die Angst vieler
StudentInnen vor der Kommunikation mit "ihren" ProfessorInnen
beobachtete, wurde ich unwillkürlich an vorkoloniale
Verhältnisse in Mexiko erinnert. Dort erhielt nämlich der
spanische Eroberer Cortez auf seine Frage nach der Beziehung der
Azteken zu ihrem Führer Moktezuma die Antwort, daß kein
Untertan ihn je angesprochen, noch ihn zu Gesicht bekommen habe, weil
man in seiner Anwesenheit den Blick zu senken und zu schweigen
hätte. Welch eindrückliches historisches Beispiel, wie
Autorität hergestellt wird.
Die Form der inneren Unterwerfung durch
Hierarchisierungsprozesse hat ihre Rückwirkungen nicht nur auf die
Rezeption der Lehrinhalte selber, sie wird zudem noch reproduziert
durch die wissenschaftliche Setzung der Neutralität von
Wissenschaft. Indem über Kategorienbildung und
Verallgemeinerungendie Subjektivität der Forschungsfrage und
methodengeleitete Forschungsinteressen intransparent gemacht werden,
kommt es zur scheinbaren Trennung von wissenschaftlichem Inhalt und dem
Vortragenden. Hierdurch erhält das Wissen eine scheinbare
Geschlossenheit in sich selber, das in keinem erkennbaren Zusammenhang
zum Vortragenden steht. Nicht nur das Wissen wird so unantastbar, auch
der Vortragende, was implizit auch sein Prestige erhöht, das mit
dem Berufsstand des Professors einhergeht. Habermas hat bereits auf
diesen Zusammenhang hingewiesen :
"Die Naturwissenschaften
büßten ihre Weltbildfunktion zugunsten der Erzeugung
technisch verwertbaren Wissens ein. Die Arbeitsbedingungen der
institutsförmig organisierten Forschung waren weniger auf
Funktionen allgemeiner Bildung, als auf die funktionalen Imperative von
Wirtschaft und Verwaltung zugeschnitten. Schließtlich diente die
akademische Bildung in Deutschland der sozialen Abgrenzung einer am
Modell des höheren Beamten orientierten bildungsbürgerlichen
Schicht. Je stärker diese gegenläufigen Entwicklung zu
Bewußtsein kamen, um so mehr mußte die Idee der
Universität gegen die Tatsachen behauptet werden - sie verkam zur
Ideologie eines Berufstandes mit hohem Prestige." (Habermas 1986, S.
710)
Nun könnte man meinen,
daß heute über studentische Tutorien und Übungen durch
wissenschaftliche MitarbeiterInnen diese Hierarchisierungen weitgehend
abgebaut seien. In zweifacher Hinsicht ist diese Entwicklung jedoch
nicht eingetreten :
- zum einen gibt es nur in den
seltensten Fällen verbindende inhaltlich-kritische
Auseinandersetzung zwischen den drei Lehrformen Vorlesung, Übung
und Tutorium, so daß über die aufrechtgehaltene Trennung die
Aufwertung / Hierarchisierung erhalten bleibt;
- zum anderen werden gerade in
den letzten Jahren angesichts wachsender Sparzwänge die Stellen
für den Mittelbau und die studentischen Tutorien gestrichen, so
daß inzwischen auch diese Veranstaltungen den Charakter von
Massenereignissen haben.
Dies hat bereits jetzt schon zu
einer tendenziellen Rückkehr zur Ordinarienuniversität
geführt, die die LehrstuhlinhaberInnen mit so vielen
Sonderprivilegien ausstattet, daß eine dialogische Situation kaum
entsteht.
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