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Zukunftswerkstatt - Utopie: Vom Problem zum neuen Projekt © Fritz Letsch, Muenchen
In unserer Situation ist mit enttäuschten Erwartungen und Hoffnungslosigkeit, vor allem bei den "Intellektuellen", umzugehen.
Enttäuschungen bereiten
Zukunftswerkstätten manchmal durch unsichere Moderatoren und
Moderatorinnen, welche Themen und Arbeitsphasen nicht trennen oder
einfach ein eigenes Programm mit dem zugkräftigen Titel
schmücken
- durch den Anspruch an die Teilnehmer, mit ihrer
Phantasie und ihren utopischen Vorstellungen auch Persönliches
einzubringen
- durch das schmerzliche Erfahren fehlender
Wunschbilder
- durch das Fehlen einer Gruppe, die entworfene
Projekte auch langfristig verwirklichen will.
a) Ein Volkshochschul- oder Bildungswerkmitarbeiter oder eine Mitarbeiterin findet Gefallen an der Methode und versucht, Seminare dazu anzubieten. Eine Teilnehmergruppe wird vielleicht angeregt, einzelne bleiben mit ihren Zukunftsentwürfen allein, möglicherweise zersplittert durch verschiedene Ideen.
b) Bei einer Diskussion ergibt sich für eine Gruppe ein gemeinsames Problem. Die Gruppe erarbeitet einen Rahmen und ein Konzept zur Problembewältigung. Sie findet Moderatoren und Moderatorinnen: Projekte und Arbeitsplätze, Büros und Vereine entstehen.
Zu diesen zwei Möglichkeiten
gibt es natürlich zahlreiche Varianten für die Entstehung
einer Zukunftswerkstatt, wie z.B. unseren eigenen Zugang als
Bildungsinitiative aus der gewaltfreien Aktion.
1983, im heißen
Herbst der Pershing-Stationierung, fehlten die angemessenen
politischen Mittel.
Es gab Blockaden vor den Kasernen und
Denkblockaden in den Köpfen. Und die Menschenketten der guten
Meinung waren ohnmächtig gegen das "gewinnbringende
System".1
Mit der Zukunftswerkstatt begannen wir, die Waffensysteme in den Köpfen gegen Utopien auszustauschen. Das Experiment, auch mit uns selbst, machten wir uns nicht leicht. Aber so entstanden vor allem Konzepte politischer Bildung wie z.B. die den Grünen nahestehende Regenbogenstiftung in Bayern. (Inzwischen von der Partei aus Geldgier ruiniert)
Mit der Beschreibung meiner Reaktion möchte ich nun auf die zwei üblichen Entstehungsarten einer Zukunftswerkstatt eingehen.
Unsere Reaktion ist eine genaue Information an die VHS-Veranstalter über unsere Arbeitsweise, eine Erkundung des Feldes (lockere Initiativen oder harter Streit, Parteien, Personen, Rolle der VHS, Wohnstruktur etc.) und die Verabredung eines öffentlichen Vorbereitungsabends vor Ort zum Themensammeln.
Die Veranstaltung beginnt mit der Vorstellung der Moderatoren. Die Moderatoren schildern das Konzept der Zukunftswerkstatt, sammeln Erwartungen der Anwesenden und versuchen am Ende, das eingegrenzte Thema für ein Wochenendseminar ein bis zwei Monate später festzulegen.
Bei dem Seminar ist auf Pünktlichkeit Wert zu legen, damit unter den Teilnehmern und Teilnehmerinnen eine konzentrierte, genußreiche Arbeitsstimmung entsteht. Für die Themensammlung habe ich folgendes Feld entwickelt, das Grundlage für derartige Seminare sein kann: (Bild)
Das Wochenende nimmt dann in etwa den gleichen Verlauf wie das im folgenden Kapitel dargestellte Seminar der Version b.
b) Eine Gruppe möchte eine Zukunftswerkstatt zu ihrem Arbeitsthema. Wir besprechen mit einigen VertreterInnen oder mit der gesamten Gruppe die Situation, die zur aktuellen Fragestellung führte. Zu unterscheiden ist, ob das Hauptinteresse an der inhaltlichen Weiterentwicklung oder an der Lage der Gruppe besteht.
Oft habe ich die Zukunftswerkstatt als Machtkampfinstrument einer Fraktion erlebt, die mich als Moderator zur Festigung ihrer Position vereinnahmen wollte. Auch das Engagement zur Motivation geistig erschöpfter Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kann die Moderatoren in Konflikte verwickeln: wenn Gruppenmitglieder insgeheim ihren Weggang vorbereiten, sind sie nicht für Ideen und Phantasien offen, sondern mischen ihre persönliche Abrechnung mit dem Rest der Gruppe in die Seminararbeit.
Nach einer kritischen Klärung derartiger Möglichkeiten ist es ratsam, das Arbeitsthema genau zu benennen: Ist es das Thema aller? Greift es tief genug, um die weitere Arbeit darauf aufzubauen? Stimmt die Formulierung? Am besten kann man diese Fragen an einem Vorbereitungsabend klären, ansonsten muß ein Seminar eben damit beginnen.
Eine Zukunftswerkstatt sollte mindestens drei Tage dauern, also ein gutes Wochenende. Nur dann kann ein Thema ausgiebig und in persönlicher Form behandelt werden. Kürzere Veranstaltungen stehen unter Zeitdruck und mißachten die Akzeptanz im Umgang mit Reflexionen und Zukunftsentwürfen.
Nach der Eingrenzung des Themas folgen in unserem Konzept drei aufeinander bezogene Schritte, die gleich wichtig sind und denen wir die gleiche Zeit und die gleiche Aufmerksamkeit widmen:
Analyse, Kritikphase -
Wahrnehmung
Utopie, Träume, Ideen - Phantasie
Strategie,
Umsetzung - Konkretisierung
Die Dialektik2 des Systems besteht im Gegenüber von Problem und Wunsch. Die sich daraus ergebende Spannung soll die Konkretisierung auflösen. Jedem Schritt entsprechen bestimmte Methoden, die - je nach Inhalt, Zielgruppe und Zeitraum - von den ModeratorInnen gemäß ihren Fähigkeiten eingesetzt werden können. Ich stelle hier lediglich zwei verschiedene Möglichkeiten dar, fordere aber die LeserInnen dazu auf, selbst mit entsprechenden Ideen zu experimentieren. (Die folgenden zwei kleinen Plakataufgaben sind für Kleingruppen von drei bis fünf Personen gedacht.)
Unterschiedliche graphische und farbliche Kennzeichnung in der Skizze bringen Kräfte und Interessensstärken zum Ausdruck. Die betreffende Kleingruppe stellt ihr Ergebnis mit den Interpretationen dem lediglich nachfragenden Plenum vor.
Die Spielregeln (erst nur nachfragen, eventuell anschließend diskutieren) werden beim nächsten Schritt durch einige wichtige Gebote erweitert: - keine Killerphrasen ("das geht nicht, das schaffst du nie, das ist Unsinn...") - kein Abstürzen anderer Ideen ("und dann ernennst du dich zum Diktator...in deiner Welt will ich dann nicht mehr leben...") - keine Diskussionen, höchstens Nachfragen - kein unbefugtes Eindringen in die Gedanken anderer
Die Phantasiephase beginnt am besten mit einem Raumwechsel, einem Spaziergang zu zweit oder zu dritt oder einer ähnlich pausenartigen Zäsur. So fällt es leichter, sich innerlich von der anstrengenden Arbeitsphase zu lösen.
Jetzt beginnt die Suche nach Methoden, die vor tradierten Verhaltensweisen schützen und unser Bilderdenken anregen: Farben, Töne, Materialien, Werkstoffe, Spiele mit veränderten Regeln, verkehrte Rituale, aufladende Gegensätze (z.B. Gespräche im Wald über Verkehrspolitik, in der Kirche über Sexualität, im Kaufhaus über Natur usw.) sollen dabei helfen.
Persönlicher kann die literarische Methode sein: Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen schreiben Briefe, zeichnen Karten, verfassen Gedichte, Hymnen, Reden oder Lieder.
Dazu bieten die Moderatoren Vorgaben an wie "Das Labyrinth unseres Instituts" oder einen "Fahrplan der Gefühle"; auch "Jugendzentrum für Erwachsene", "Lustgarten für Polizisten" oder "Bordell im Autonomen- Zentrum" wären solche Muster. Über die Anregung und Auswahl der Themen bei der Anwendung der literarischen Methode entscheiden aber immer die Ideen, die Phantasie und die Gedanken- konstruktions -fähigkeit der ModeratorInnen.
Die Moderatoren müssen um die Grenzen und Tabus der Teilnehmer wissen, aber nicht um "Selbsterfahrung" zu praktizieren, sondern um der Phantasie zum Durchbruch zu verhelfen. Gerade im Erleben emotionaler und psychischer Begrenzungen in der Phantasie ist ein Einbruch in die Hoffnungslosigkeit möglich.
Gegen einen solchen Einbruch ist ein Methodenwechsel ratsam, ein Wechsel, der dem Denken eine andere Richtung weist: Statt einer Gruppenarbeit z.B. Einzelarbeit, statt offenem Gedankenaustausch heimlich einen Brief an sich selbst, einen Freund oder eine Freundin schreiben lassen, der vielleicht sogar abgeschickt wird.
Mit "Abstürzen" ist bei dieser Arbeit zu rechnen. Allerdings kann bei Verweigerungen der Gruppe oder Einzelner der Moderator seine Situation deutlich machen und den Verlauf des Seminars zum neuen Thema erklären. Dabei stellt der Moderator seine Rolle zur Diskussion, auch seine Gedanken zu einzelnen Arbeitsweisen und seinen Eindruck bezüglich der Arbeitsweise der Teilnehmer.
Mit Hilfe einer solchen "Stimmungsklärung" läßt sich meist eine neue Methode für die Weiterarbeit - auch an Utopien und Phantasien - finden; zumindest soll eine kurze Reflexionsrunde in Kleingruppen erfolgen, um verbliebene Spannungen aufzulösen. Dabei gilt als Faustregel: je heißer die Situation, desto keiner die Arbeitsgruppen. Und kurze Arbeitszeiten von zehn bis zwanzig Minuten heizen die Stimmung eher an, längere von dreißig bis sechzig Minuten kühlen sie ab.
In der Konkretisierung soll die Spannung zwischen Wahrnehmung und Phantasie in fruchtbare, gemeinsame Schritte umgeleitet werden. Der empfindsame Mensch legt hier seufzend den Stift beiseite, der Managertyp wittert die Aufgabe und beginnt, Zeitpläne zu entwickeln - und schon ergeben sich zwei weitere Methoden.
Nach einer Festlegung des Gesamtzeitraumes der Projektverwirklichung formuliert eine Kleingruppe für ein entworfenes und abgestimmtes Modell Teilziele (z.B. aus einem Fünf-Jahres- Projekt jährlich Zwischenstufen). Diese Teilziele werden abermals unterteilt, aber in der Konzentration lediglich auf den Beginn: das erste Jahr, der erste Monat, die erste Woche, morgen. Im Plenum wird dann die Realisation der Planung hinterfragt.
Eine andere Methode geht an die Definition der notwendigen Fähigkeiten, Phantasiemodelle in Erfolg umzusetzen. Welche Berufe, welche Künste, welche Fähigkeiten der Freizeitgestaltung oder welcher Familiensinn sind vorhanden, was ist einzuholen, anzueignen, was einzukaufen? Eine Kalkulation der Arbeitsstunden (neben Beruf, Familie und anderen Interessen) oder des einzubringenden oder zu mobilisierenden Geldes schafft klare Aussagen und Verhältnisse. Trotzdem dürfen hier noch immer Erfindungen gemacht werden, aber nur, wenn sie nicht in die Irrealität führen.
Das Schlußplenum dient der Vorstellung der Arbeitsgruppenergebnisse. Hier soll zunächst nur nachgefragt werden, ohne Wertung und ohne Diskussion. Erst dann soll ein Gedankenaustausch über Arbeitsweisen, über Zufriedenheit oder Unzufriedenheit stattfinden. Zuletzt erfolgt eine Diskussion der Realisierungsmöglichkeiten; ebenso eine Diskussion der Frage, ob das Thema der Gruppe getroffen oder verfehlt wurde und warum das so war.
Vielleicht kommt die Gruppe an dieser Stelle zu einer neuen, notwendigen Fragestellung, die sie in einer zusätzlichen Arbeitsphase aufbereiten möchte. Für manche Gruppen stand hier aber auch schon das Aus der gemeinsamen Zukunft, und zwar wenn die Interessen zu verschieden oder zu gegensätzlich sind oder wenn die intensive Gruppenarbeitszeit vorbei ist, wenn ein Konflikt nicht ausgetragen werden soll.
Das bedeutet - je nach Stimmung in der Gruppe - die harte Aufgabe für die Moderation, eine adäquate Zusammenfassung zu geben.
Beim Abschied sind neben Traurigkeit meist einige Anteile von Verletzung, Ärger und Wut oder Zorn über das "Verlassenwerden" enthalten, die entweder ihre Ruhe oder ihren Ausdruck brauchen.Im Grunde taucht die Abschiedssituation aber auf mehreren Ebenen auf: - Abschied von der "unschuldigen" Vergangenheit, nachdem man sich der Utopie ausgesetzt hat - Abschied von der Gruppe und den Moderatoren nach einer intensiven Zeit gemeinsamer Arbeit - Abschied von den offengehaltenen Türen einer schicksalshaft erwarteten Zukunft
Auf keinen Fall darf die Stimmung eines "billigen Tröstens" aufkommen, das Gefühle kaschiert. Mein Anliegen ist, Zeit und Ruhe zu geben und nicht mit Tricks und Floskeln zu hantieren.
Wenn bei einzelnen Teilnehmern der Wunsch nach einer Abrechnung auftaucht, ist dies eine klare Aufgabe für die Moderation: Sie ist gefordert, die Anteile der Personen oder Fraktionen und ihre Ziele möglichst wertneutral zu formulieren. Die Situation erfordert manchmal die Verdeutlichung jedes einzelnen Satzes, wie er ausgesprochen wurde, bis Unterstellungen und Moralisierungen klar werden und Gegensätze in der Wahrnehmung und Meinung. Wichtig ist mir, daß am Ende keine Feindschaften zwischen den Teilnehmern stehen bleiben.
Mit solchen Ansprüchen wie dem oben ausgeführten habe ich mich weit über das Grundkonzept der Zukunftswerkstatt hinausgewagt, einem Konzept, das nach Robert Jungk jede Schulklasse und Initiative auch selbst durchführen können sollte. Daß das in unseren Gruppen nicht oder nur selten funktioniert, liegt nicht am Konzept, sondern an unseren Arbeitsstrukturen: ohne Anleiter oder Initiator kommt wenig in Gang, aber ein Moderator aus der Gruppe wird selten ernst genug genommen, ein Spannungsfeld wie die Zukunftswerkstatt in einem längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Zudem soll ein Moderator auf die Struktur achten. Er kann sich daher kaum als Teilnehmer an der inhaltlichen Diskussion beteiligen.
Ähnlich sind die Vorbereitungen einer guten Zukunftswerkstatt zu treffen. Nach einer Situationsanalyse der Gruppe ist unsere Rolle als Moderatoren deutlich zu machen, besonders das Angebot an Leitung und Methodik. Es ist falsch, sich als "Macher" zu präsentieren; ebenso ist es falsch, alle Einwände der Gruppe zu akzeptieren. Die Aufgaben der Zeitregelung, die Formulierung der Arbeitsthemen und die Wahl der Arbeitsform sollen klar begründet werden, damit die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sich auf die Inhalte konzentrieren können. Beginnen einzelne eine Methodendiskussion, kann dies Anzeichen für unsichere Anleitung oder für ein willentliches Abweichen von der Thematik sein. In beiden Fällen ist die Problematik durch kurze, klärende Fragen an die Gruppe zurückzugeben.
Ein weiterer Anspruch an einen kompetenten Moderator ist, nie während eines Prozesses die Methode einer anderen Anleitung zu kritisieren oder andere Methoden vorzuschlagen. Es gilt, die Gruppe nicht durch solchen Diskussionen langweilen oder verwirren zu lassen. Allen Teilnehmern bleibt ihr Engagement sowieso vorbehalten, und ein Sich-Nichteinlassen auf eine Arbeitsweise muß nicht als Abbruch der gemeinsamen Arbeit gedeutet werden.
Sicherheit in der Moderation läßt sich am besten durch Erfahrung gewinnen. Die Erfahrung erleichtert es, Provokationen und Spannungen in Methoden und Ideen einzubringen, die Aufnahme-bereitschaft der Teilnehmer zu testen sowie die Grenzen der eigenen Erwartungen vorzustellen.
Der Gedankenaustausch und die regelmäßige Zusammenarbeit mit Kollegen und Kolleginnen ergeben immer wieder Korrekturen und Anregungen der eigenen Arbeitsweise.
P.S. Jedes Jahr findet ein Zukunftswerkstatt-Moderatorentreffen im deutschsprachigen Raum statt. Hier werden - neben dem klassischen Schüler-Wettstreit - auch Konzepte für ModeratorInnen-Ausbildungen und für neue Projekte ausgetauscht. Über den Zeitpunkt des Treffens und über die gemeldeten Moderatorinnen und Moderatoren informiert die Internationale Bibliothek für Zukunftsfragen, A - 5020 Salzburg, Imbergstraße 2 (Tel. A - 0662 - 73206).
PPS: In der Zwischenzeit gab es einigen Aufschwung der Werkstätten bei den Projekten der Lokalen Agenda 21 für internationale Entwicklungszusammenarbeit und Klimaschutz.
2 Dialektik bezeichnet ein Denkmodell, in dem man durch Gegensätze zu neuen Erkenntnissen gelangt.
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jetzt hast du sicher eine meinung
gebildet. schreib sie mir. oder an fritz"at"joker-netz.de
Seminar
zum Erlernen der Moderation einer Zukunftswerkstatt
23.
- 26.10.1998 beim
Österreichischen Informationsdienst für
Entwicklungspolitik, über die SÜDWIND-agentur
Entwürfe zu neuer Arbeit aus unserer Sicht
© Fritz Letsch,
München
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aktualisiert august 2005