Egotrip mit Seelenstrip

Zillo 2003

by Kirsten Borchardt

 

Schon bei den Interviews zum letzten Depeche Mode-Album "Exciter" erzählte Sänger Dave Gahan lieber von seinem Soloalbum als von den jüngsten Entwicklungen seiner Band. Dave hatte damals gerade nach langem Kampf seine Drogensucht überwunden und dabei sein ganzes bisheriges Leben gründlich hinterfragt - darunter auch die Strukturen bei Depeche Mode. Die Erfahrungen der letzten Jahre, in denen er so nah am Abgrund gestanden hatte, dass der Boden unter seinen Füßen bereits nachzugeben begann, verlangten mehr und mehr nach kreativer Aufarbeitung, und die war, wie er bei der Arbeit an "Exciter" feststellen mußte, innerhalb der engen Grenzen der Band nicht möglich. Denn da gab nach wie vor Songwriter Martin Gore den Ton an, der nicht bereit schien, seinem Sänger mehr Freiraum bei der Entwicklung eigener Ideen zu lassen.

 

Daher begann Dave Gahan parallel zu den Aufnahmen an "Exciter" mit eigenen Songs, die jetzt, zwei Jahre später, auf seinem ersten Album "Paper Monsters" der Welt vorstellt. Und tatsächlich sind sie eine sehr persönliche Abrechnung mit den eigenen Stärken und Schwächen geworden, in der Dave rücksichtslosen Seelenstriptease betreibt. Versagensängste, Rückfälle, die Untiefen der eigenen Psyche werden jedoch aufgefangen durch hoffnungsvolle, positive Statements, und das Motto könnte lauten: Auch wenn du nicht perfekt bist, gibt es jemanden, der dich liebt, und wenn du´s selbst bist.

 

"Ja, das war tatsächlich das Thema des Albums", nickt Dave Gahan, als wir uns in einem Hamburger Hotel zum Gespräch treffen. Er sieht jünger und vitaler aus als noch vor zwei Jahren, eine schlanke, drahtige Gestalt in schlichtem schwarzem T-Shirt, und es hat ihm ganz unübersehbar gut getan, dass es bei den bisherigen Interviews viel Lob für dein Erstlingswerk gab. "Geplant war diese thematische Ausrichtung nicht, aber es ergab sich einfach daraus, dass ich aufgeschrieben habe, was in mir vorging. All die Dämonen, die Monster, die Ängste, die ich in mir hatte, groß werden lassen, haben mich irgendwann so sehr erstickt, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte gar nichts mehr geben. Aber wir haben immer etwas zu geben. Manchmal muss man sich nur mehr Mühe geben."

 

Das hat Gahan mit "Paper Monsters" getan. Er, der jahrelang glaubte, keine eigene kreative Kraft zu besitzen und zum Schaffensprozess bei Depeche Mode praktisch nicht viel beizutragen, entdeckte bei der Arbeit auf eigene Rechnung, dass in ihm jede Menge Ideen steckten, die heraus wollten: die Überwindung dieser Hürde war dabei für ihn unüberhörbar eine derart überwältigende Erfahrung, dass er kaum zu bremsen ist, wenn er davon erzählt. "Jetzt glaube ich daran, dass ich eine Aufgabe zu erfüllen habe - so, als ob ich Impulse empfange, die ich kanalisieren und weitergeben muss. Früher dachte ich immer, es wäre nicht an mir, so etwas auszudrücken, aber das lag vielleicht daran, dass immer Martin die Songs geschrieben hat. Keine Ahnung. Alle Leute haben mich gefragt, warum es so lange gedauert hat, bis ich mit einem Soloalbum gekommen bin, aber ich war vorher schlicht noch nicht so weit."

 

Die ersten Schritte hin zur Selbstverwirklichung unternahm Gahan schon 2000. Er setzte sich mit dem Drummer Victor Endrizzio in Verbindung, mit dem er in Los Angeles zuvor bereits eine Zeit lang zusammen gewohnt hatte, und mit dem New Yorker Cellisten Knox Chandler, mit dem er sich bald eine enge Songwriter-Zusammenarbeit entwickelte. Während der Aufnahmen zu "Exciter" ging Gahan an den freien Tagen der Band gelegentlich allein ins Studio und experementierte mit den Aufnahmen, die ihm Chandler geschickt hatte. "Für mich war mein Album eine natürliche Weiterführung der letzten Depeche-Mode-Platte", meint er. "Ich hatte von Exciter mehr erwartet: Ich wollte, dass das Album mehr ´live´ klingt und die Energie unserer Konzerte stärker spürbar ist. Das funktionierte leider nur in ganz wenigen Momenten, beispielsweise bei ´When The Body Speaks´ oder ´I Feel Loved´. Generell wurde das ganze Album bis zur völligen Perfektion digital nachbearbeitet, so dass mich das fertige Werk ehrlich gesagt ein bisschen kalt läßt. Martin war einfach noch nicht bereit, mal eine andere Richtung auszuprobieren. Ich nehme an, seine neue Platte ist sehr elektronisch - ihn begeistert so etwas, die ganzen Kleinigkeiten, Klicks, Schnitte, kleine Geräusche. Mich nicht. Ich wollte etwas anderes."

 

Tatsächlich könnten die Soloalben der beiden Depeche-Musiker kaum unterschiedlicher sein. Während Martin Gore sich auf ´Counterfeit2´ jüngst eher distanziert und minimalistisch mit Coverversionen auseinandersetzte, eigene Gefühle aber nur selten offen legte, stürzte sich Dave Gahan in eine Bekennerplatte, die vom ersten bis zum letzten Ton private Seelenschmerzen offenbart, und deren Songs nicht mit ProTools oder anderen Computerprogrammen zusammengebastelt, sondern vielfach in einer Quasi-Live-Situation im Studio eingespielt wurden. Bisher kennen Dave und Martin ihre jeweiligen Werke offenbar noch nicht.

 

"Ich habe ihm eine CD von meinem Album geschickt, aber noch kein Feedback von ihm bekommen", meint Dave. "Wahrscheinlich kreigt er sie erst diese Woche. Seine habe ich auch noch nicht gehört, ich habe ihn schon gefragt, he, Martin, wo ist die Platte? Du glaubst doch nicht, dass ich sie mir kaufe, die musst du mir schon schicken." Er grinst. "Was soll´s, vielleicht kaufe ich sie mir tatsächlich."

 

Im Interview mit Zillo-Autor Carsten Wohlfeld vermutete Martin Gore, Gahans Album sei wahrscheinlich kommerzieller als seins - eine durchaus realistische Einschätzung.

 

"Es ist wahrscheinlich zugänglicher", sagt Dave. "Man kann es leichter verstehen. ´Dirty Sticky Floors´ und ´Bottle Living´ haben so ein Feeling - das ist ein Teil von mir, und wer mich schon in Mode-Konzerten live erlebt hat, der weiß, dass mir solche Songs wahnsinnig liegen. Ich brauche so etwas, diese pumpende Energie. Aber ich habe nicht bewußt überlegt, ich will jetzt eine kommerzielle Platte machen. Ich wollte die Wahrheit erzählen."

 

Plötzlich für alles selbst verantwortlich zu sein, war jedoch nicht nur befreiend, sondern natürlich auch mit Stress und Angst verbunden. "Deswegen habe ich die Platte ja auch ´Paper Monsters´ genannt. Das Papier symbolisiert dabei für mich, dass uns Hindernisse auf unserem Weg manchmal groß und unüberwindlich scheinen, dabei würden sie so leicht zerreißen wie Papier, wenn man sie wirklich angeht. Bei mir war das zum Beispiel meine Loyalität zu Martin und zu Depeche Mode. Es gab ein Muster, wie ich zu sein hatte, und ich fühlte, dass ich einfach nicht mehr hineipasste - und ich merkte, wenn ich das hier nicht mache, werde ich nie herausfinden, wozu ich wirklich in der Lage bin. Das ist wie mit einer Pflanze, die man zu wenig gießt - sie geht vielleicht nicht gleich völlig ein, aber sie verkümmert."

 

Im Licht dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie es von nun an mit Depeche Mode weitergehen wird. "Paper Monsters" hat Dave Gahan nicht nur enormes Selbstbewußtsein gegeben, sondern ihm, wie er sagt, auch technisch und musikalisch wichtige Erfahrungen vermittelt. Und es scheint, dass seine Vorstellungen und die von Mode-Mastermind Gore nicht mehr in dieselbe Richtung gehen. Für ihn selbst steht eine Trennung zwar offenbar nicht zur Debatte, aber wie stellt er selbst sich denn die weitere Zusammenarbeit vor?

 

"Es wäre falsch, wenn ich in Zukunft nicht versuchen würde, meine Ideen mit einzubringen", sagt Dave diplomatisch und lenkt sofort vom Thema ab, um von den eigenen Liveplänen zu erzählen. "Ich werde bis zum Jahresende auf Tournee unterwegs sein. Bei jedem Song, den ich für dieses Album geschrieben habe, habe ich darüber nachgedacht, wie es sein wird, ihn live zu bringen. Ich habe die ganze Platte wie ein Konzert zusammengestellt, und ich konnte das Publikum richtig hören und sehen. Ich hoffe, dass die Leute ein paar der Songs schon kennen werden, wenn ich auf Tour gehe. Wobei ich natürlich auch einige Depeche-Mode-Songs spielen werde. Ich habe das schon mit Martin abgesprochen, und er meinte: Die Songs hast du doch schon seit zwanzig Jahren gesungen, natürlich kannst du die jetzt auch bringen! Keine Ahnung, was er wirklich darüber denkt..."

 

 

 

 


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