Unsere Freundschaften sagen sehr viel über uns selbst aus. In Sprüche
13,20 heißt es: "Wer sich zu Klugen gesellt, wird klug; wer sich
mit Dummköpfen befreundet, ist am Ende selbst der Dumme".
Die Leute, mit denen wir uns umgeben, färben auf uns ab. Wir können uns
vorstellen, dass wir mit den Menschen, die uns umgeben, durch eine Art
Membran verbunden, eine extrem dünne Haut, durch die kleine Partikel
hindurchdringen können. Was zwischen uns und den Menschen, die uns umgeben,
hin und her wandert, sind Werte, Überzeugungen, Moralvorstellungen,
Gewohnheiten und Ziele. Wir tauschen sie aus, auch wenn wir uns dessen gar
nicht bewusst sind. Trotz unserer vermeintlichen Unabhängigkeit werden wir
also von der Weisheit oder Dummheit unserer Freunde beeinflusst.
Paulus schreibt in 1. Korinther 15,33: "Macht euch nichts vor!
Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten."
Darum sollten wir vorsichtig und etwas wählerisch in der Auswahl
unserer Freunde sein. Wenn wir uns mit negativen Menschen umgeben, werden
wir negativ. Wenn wir uns mit oberflächlichen Menschen umgeben, werden wir
oberflächlich.
Natürlich kann es auch sein, dass ich positiv auf Freunde abfärbe. Das
geht aber nur, wenn ich genügend andere Freunde haben, die mich positiv
verstärken. Ansonsten gilt: "Macht euch nichts vor!" Ihr werdet
den Menschen um euch herum auf Dauer ähnlich. Nicht umsonst lautet ein
Sprichwort: "Zeige mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du
bist."
Ich muss also überlegen: Was für eine Art von Mensch will ich sein? Was
für eine Art von Mensch will ich werden? Wenn ich positiver werden will,
sollte ich mit positiven Menschen zusammen sein. Wenn ich liebevoller werden
will, sollte ich viel Zeit mit Leuten verbringen, die andere Menschen
liebevoll behandeln. Wenn ich Gott näher kommen möchte, sollte ich mich
dem Einfluss von Menschen aussetzen, die auch dieses Ziel haben.
Manuela und ich haben letztes Mal ein Anspiel gemacht, in dem es um die
Freundschaft mit einem etwas zurück gebliebenen Jungen ging. Was ich eben
gesagt habe, hört sich fast die Meinung des Vaters dieses Jungen an.
Aber es gibt zwei wesentliche Unterschiede
In vielen Beziehungen ist es so, dass einer ständig den gebenden und der
andere ständig den nehmenden Part hat. Das kann eine Weile - etwa in einer
Krisenphase - in jeder Freundschaft so sein. Manchmal wechseln auch die
Rollen: Mal ist der eine, dann wieder der andere derjenige, der mehr nimmt.
Aber insgesamt gesehen sollte hier ein gesunder Kreislauf bestehen: Geben
und Nehmen.
Einseitigkeit bekommt auf Dauer keiner Freundschaft. Das fängt schon damit
an, wer von beiden immer den Kontakt sucht. Wenn immer nur einer anruft und
schreibt, ist das kein gutes Zeichen für echte Freundschaft. Das
Verhältnis muss nicht genau 1:1 sein, aber im Großen und Ganzen sollte
sich auch das die Waage halten.
Vielleicht sollte man das einem Freund bzw. Freundin gegenüber auch mal
ansprechen, wenn es zu einseitig wird: "Willst du überhaupt noch den
Kontakt zu mir?" Ich würde jemand, der nicht von sich aus den Kontakt
zu mir sucht, nicht Freund nennen.
Gegenseitiges Verständnis ist die Grundlage aller Freundschaft. Menschen verstehen sich entweder aus Sympathie, das heißt weil sie eine innere Harmonie empfinden und "auf einer Wellenlänge funken". Oder sie entdecken gemeinsame Interessen, auf Grund derer sie sich sofort verstehen. Aber oft lernen wir Verständnis für den anderen einfach dadurch, dass wir ihm zuhören. Das Zuhören gehört zu jeder Freundschaft. Jemand kann mir noch so sympathisch sein und uns können viele Interessen verbinden: Jemand, der mir nicht zuhören kann, ist nicht mein Freund. Und wenn ich Freunde suche, dann sollte ich vielleicht erst einmal lernen, Menschen zuzuhören.
Freunde sind Menschen, mit denen wir zusammen sind, und danach geht es
uns besser als vorher. Wir müssen neben Beziehungen, die uns Energie
absaugen auch genügend Freundschaften haben, die uns wieder mit Energie
aufladen.
Wodurch geben uns Freunde Energie? Menschen geben Energie, indem sie eine
positive Ausstrahlung verbreiten. Indem sie positiv über das Leben reden.
Und positiv über mich reden. Indem sie mich loben, aufbauen, ermutigen.
Freunde helfen uns, wenn wir in Not geraten sind oder in eine Krise
kommen. Aber sie machen uns dabei nicht abhängig, sie leisten uns Hilfe zur
Selbsthilfe. Sie sorgen dafür, dass selbst eine Krise, in der wir stehen,
uns dabei hilft, zu wachsen und größer zu werden.
Freunde helfen und fördern uns bei Aufgaben und Herausforderungen, vor
denen wir stehen. Ermutigen uns. Unterstützen uns mit Rat und Tat. Lassen
ihre Beziehungen spielen. Freunde haben ein Interesse daran, dass wir groß
werden. Sie wollen uns nicht klein und abhängig halten. Sie sehen in uns
nie eine Konkurrenz, sondern fördern uns und suchen unser Bestes.
Freunde braucht man gerade dann, wenn man etwas falsch gemacht hat. Freunde braucht man dann, wenn man unpopuläre Dinge tut. Einsame Wege geht. Fehler macht. Sich lächerlich macht. Schuldig wird. Wenn die anderen schlecht über uns reden und womöglich noch guten Grund dazu haben - dann brauchen wir Freunde. Viele so genannte Freunde sind lediglich "Good-time-friends". Solange es uns gut geht und wir richtig "funktionieren", stehen sie zu uns. Aber in schlechten Zeiten lassen sie uns fallen. Freundschaften werden in guten Zeiten aufgebaut, aber sie bewähren sich in schlechten. Denkt mal nach wer da war, als ihr das letzte mal in eine Krise gekommen seid. Wer das nicht ausnutzen, sondern wirklich helfen wollte. Wer da war, als ihr das letzte mal einen Fehler gemacht habt. Auf diese Freundschaften können wir bauen. Die anderen können wir vergessen.
Freunde stehen zu uns, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Aber das heißt nicht, dass sie diese Fehler gutheißen! Sie sollten uns liebevoll korrigieren. Unsere Freunde können so auf unsere Fehler hinweisen, dass es uns nicht zerstört, sondern weiterhilft. Wenn ein Freund zu mir kommt und sagt: "Hör mal zu, hättest du das nicht so und so machen sollen?", dann macht er das ja nicht, um mich klein zu machen, sondern weil er daran glaubt, dass ich es besser kann. Ein Freund sieht das Potenzial in uns und fördert es. Echte Freunde sind eine Herausforderung an uns. Sie führen uns an unsere Grenzen und fordern uns heraus, diese Grenzen zu sprengen. Wenn wir es nicht schaffen, stehen sie trotzdem zu uns. Aber sie fordern uns heraus. Sie glauben an uns - auch und gerade da, wo wir selbst nicht an uns glauben.
Es ist eine der "Krankheiten" unserer Zeit, dass es kaum noch
echte Freundschaften gibt. Wir haben jede Menge oberflächliche Beziehungen:
Nachbarn, Kollegen, Leute aus dem Fitness-Center usw. Diese oberflächlichen
Beziehungen sind nicht unbedingt schlecht. Aber sie sind eben keine
Freundschaften und wir müssen aufpassen, dass wir uns damit nicht zufrieden
geben.
Durch die Kennzeichen der guten Freunde, die ich eben besprochen habe, ist
ein Qualitätsbegriff für Freundschaft definiert. So wie ein Produkt
gewissen Prüfungen genügen muss, um z.B. einer DIN-Norm zu entsprechen.
Und diese Qualität dürfen wir nicht dadurch abwerten indem wir alle
näheren Bekannten einfach zu Freunden erklären.
Viele Menschen denken, dass die Selbstliebe die Wurzel allen Übels ist. Das trifft sicher für einige zu. Aber es kann auch genau das Gegenteil der Fall sein: dass man sich zu wenig liebt. Wenn die Bibel uns dazu auffordert, unseren Nächsten zu lieben, tut sie das immer wieder mit dem Zusatz "wie dich selbst". Wir können unseren Nächsten nur dann wirklich lieben, wenn wir es gelernt haben, uns selbst zu lieben. Ebenso ist Freundschaft mit anderen nur möglich, wenn wir Freundschaft mit uns selbst geschlossen haben.
Wer sich selbst für uninteressant hält, für nicht liebenswert, der ist auch zutiefst davon überzeugt, dass er dem anderen nichts bieten kann. Und das ist auf Dauer der Tod jeder Freundschaft. Denn dieses Misstrauen, das ich mir selber gegenüber habe, sucht sich Indizien, die die These unterstützen. Ich fange an, an sich ganz harmlose Signale zu meinen Ungunsten zu interpretieren, bis ich schließlich den "Beweis" habe, dass der andere mich nicht liebt. Wer sich selbst nicht annimmt, kann nicht glauben, dass andere ihn annehmen.
Witz: Zwei Kühe stehen auf der Weide und sehen ein Milchlaster vorbeifahren. Auf dem steht: "Allgäu Milch - Homogenisiert, Pasteurisiert, Vitamin A zugesetzt." Die eine Kuh schaut die andere an und sagt: "Wenn ich das so lese fühle ich mich direkt minderwertig."
Wer kein Selbstwertgefühl hat, kann dem anderen auch nichts geben. Freundschaft besteht aber aus Geben und Nehmen. Wenn ich überzeugt davon bin, dass ich nichts habe, das ich dem anderen geben kann, - was will ich in die Freundschaft einbringen? Ich werde mich doch immer nur an den anderen hängen mit der Bitte, meine ungelösten Probleme zu lösen: "Ich nehme mich selbst nicht an, mach du das bitte." - "Ich komme mit mir nicht zurecht - sieh zu, wie du zurecht kommst." Das Problem des fehlenden Selbstwertgefühls kann kein anderer für uns lösen. Wir schaffen so Beziehungen, in der einer der einseitig Gebende und der andere der einseitig Nehmende ist. Echte, tragfähige Freundschaften aber leben davon, dass zwei Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl zusammenkommen und jeder etwas einbringt.
Wie komme ich aus diesem negativen Selbstbild heraus?
Indem ich das Freundschaftsangebot Gottes annehme! Die Erkenntnis, dass
Gott mich liebt und dass er mich bedingungslos annimmt, ist der Schlüssel
zur Selbstannahme. Wenn ich Freundschaft mit mir selber schließen will,
muss ich damit beginnen, das Freundschaftsangebot Gottes anzunehmen. Dann
kann ich allmählich das Bild von mir sehen, das Gottes Augen sehen. Gott
liebt mich. Er hält mich für wertvoll. Und er hält mich trotz aller
Fehler und Schwächen für ungemein liebenswert. Deshalb kann ich die
Selbstvorwürfe und Selbstkritik loslassen und mich ganz der Gnade Gottes
ergeben.
Die Bibel sagt: Unser Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Korinther 6,19). Manche lassen diesen Tempel verlottern, weil sie sagen: Es kommt nur auf den Inhalt an. Das stimmt aber nicht. Unser Äußeres ist nicht nur eine Äußerlichkeit, sondern Gestalt gewordenes Inneres. Es soll ein Tempel sein und keine Bruchbude. Darum schließen wir alle mit Recht instinktiv von diesem Körper zurück auf den Geist, der in dem betreffenden Menschen wohnt. Damit meine ich nicht das "Rohmaterial": Wenn jemand eine schiefe Nase hat, hat er sie. Ich rede von dem, was man aus dem Rohmaterial macht. Nach Untersuchungen von Psychologen macht das, was wir sagen, nur 7% des Bildes aus, das wir uns von einem Menschen machen. Der Rest sind die sog. Äußerlichkeiten. Das heißt nicht, dass wir jeden Körperkult und jede Mode mitmachen, aber die Botschaft, die wir mit unserem Äußeren vermitteln, sollte lauten: "Gott liebt mich. Ich mag mich auch. Und du wirst mich auch gut finden."
Das Lächeln in unserem Gesicht ist ein wichtiges Zeichen unserer inneren Lebendigkeit, unserer Geisteshaltung und unserer Kontaktbereitschaft. Vielleicht denkt jetzt jemand: "Das liegt mir aber gar nicht: Immer künstlich lächeln!" Das Lächeln soll auch nicht künstlich sein. Es soll signalisieren: "Ich freue mich ehrlich, dich zu sehen." - "Schön, dass es dich gibt." - "Deine Gegenwart tut mir gut." Und wenn ich das dem anderen nicht signalisieren will, darf ich mich nicht wundern, warum er sich lieber bei Menschen aufhält, die ihm dieses Gefühl geben.
Wenn wir Freunde suchen und Freundschaften erhalten wollen, müssen wir es lernen, nicht nur von unserem, sondern in zumindest gleichem Maße ungeheuchelt (!) auch vom Interesse des anderen her zu denken. Indem wir Dinge erzählen, die den anderen interessieren. Indem wir Fragen stellen, die den anderen ermutigen, von sich selber zu reden etc. Dale Carnegie sagt: Wer sich für andere interessiert, gewinnt in zwei Monaten mehr Freunde als jemand, der immer nur versucht, andere für sich zu interessieren, in zwei Jahren.
Viele Menschen brauchen keinen Ratschlag, sie brauchen nicht einmal eine helfende Hand, sie brauchen einfach ein Ohr, das ihnen zuhört. Vielleicht sähe es in dieser Welt besser aus, wenn es weniger gute Redner und dafür mehr gute und ehrliche Zuhörer gäbe. Ein bekanntes Sprichwort lautet: "Gott hat dem Menschen zwei Ohren und einen Mund gegeben, damit er doppelt so viel zuhört wie redet." Das gilt in besonderer Weise, wenn ich Freunde suche oder eine Beziehung zu jemandem aufbauen will. Nicht so viel reden sondern lieber zuhören, was der andere sagen will.
15,14 sagt Jesus zu seinen Jüngern: "Ihr seid meine
Freunde." Eine der großartigsten Aussagen der Bibel: Gottes Sohn
will unser Freund sein. Das heißt: Er will in eine Beziehung des Geben und
Nehmens mit uns treten. Er versteht uns. Er baut uns auf. Er hilft und
fördert uns. Er steht zu uns, egal was passiert und was wir tun. Und er
fordert uns heraus.
Jesus ist unser erster und wichtigster Freund. Denn menschliche Freunde
werden immer enttäuschen und diesem hohen Ideal nicht gerecht werden. Kein
Freund ist fehlerlos, kein Freund ist ideal. Jeder Freund wird uns auch
einmal enttäuschen. Nur Jesus enttäuscht uns nicht. Und das ist gut auch
für unsere anderen Freundschaften. Wenn wir sein Freundschaftsangebot
annehmen, haben wir eine grundlegende Freundschaft in unserem Leben, die wie
ein Netz unter all unsere anderen Beziehungen ausgebreitet ist. Die unsere
anderen Freundschaften entlastet. Unsere Freunde müssen nicht mehr
fehlerlos sein.
Es genügt, einen fehlerlosen Freund zu haben. Und weil der uns versteht und
uns aufbaut und uns fördert und herausfordert, wird er uns auch helfen, die
richtigen Freunde zu finden bzw. Freundschaften aufzubauen, die - trotz
aller Unzulänglichkeiten - diesen Namen auch verdienen.