Ein chinesisches Sprichwort sagt: Menschen stolpern nicht über Berge,
sondern über Maulwurfshügel.
Dieses Sprichwort hat eine tiefe Weisheit in
sich. Große Berge mögen bedrohlich aussehen. Aber man sieht sie
rechtzeitig, erkennt sie ganz klar als Hindernis und kann sie umgehen. Aber
die kleinen Maulwurfshügel, die man im Gras gar nicht bemerkt, die sind die
wirkliche Gefahr.
Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.
Über
diese Weisheit freuen sich Kriminalbeamte, wenn ein Täter eine winzige
Kleinigkeit übersehen hat und deswegen ermittelt und überführt werden
kann. Über dieses Sprichwort klagen Versicherungsagenten, wenn sie die
Ursachen von Unfällen in Haushalt und Verkehr untersuchen. Und es ist auch
der tägliche Begleiter des Ingenieurs: Die großen Probleme sind meist
leicht lösbar, aber die Details ärgern und halten lange auf.
Als ich dieses Sprichwort neulich im Radio gehört habe, ist mir spontan
ein Bibelvers eingefallen:
Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die
die Weinberge verderben! Denn unsere Weinberge stehen in Blüte.
Ich musste
eine Weile suchen, bis ich ihn gefunden hatte im Hohenlied 2, 15. Ich hatte
sofort den Eindruck, dass mir Gott mit dieser gedanklichen Verbindung den
Auftrag gibt, unsere Gemeinde vor den Maulwurfshügeln oder kleinen Füchsen
zu warnen. Und die Predigt von Hubert letzte Woche war dafür noch einmal
eine Bestätigung, als er von den Problemen und Gefahren sprach, die das
enge Verbundensein mit sich bringt.
Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben! Denn unsere Weinberge stehen in Blüte.
Große Tiere lassen sich leicht
durch einen Zaun aus dem Weinberg fern halten. Und wenn einmal eines
eingedrungen ist, sieht man die kaputte Stelle schnell. Das Tier ist schnell
aufzuspüren und zu fangen. Die Füchse schlüpfen aber durch die kleinsten
Lücken im Zaun oder graben sich darunter durch. Wenn sie drin sind, findet
man sie nicht, weil sie klein sind und sich zudem in ihren Bauten verstecken
können. Und Füchse richten durchaus auch Schaden an, weil sie gerne die
süßen Beeren fressen und außerdem dem Boden unterhöhlen. Füchse sind
ein Symbol für Schlauheit und Verschlagenheit. Das kennen wir aus vielen
Märchen und Fabeln. Auch Jesus benutzt dieses Wort, indem er den
Pharisäern gegenüber Herodes als Fuchs bezeichnet (Lk 13, 22): Und er
sprach zu ihnen: Geht hin und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen
aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tag werde ich
vollendet.
Hesekiel vergleicht die falschen Propheten mit Füchsen (Hes 13,
4): Wie Füchse in den Trümmerstätten sind deine Propheten geworden,
Israel.
Und Füchse stehen als Symbol für Zerstörung, Verwüstung und
Verlassenheit wie in Klagelieder 5, 17-18: Deswegen ist unser Herz krank
geworden; wegen dieser Dinge sind unsere Augen verdunkelt, wegen des Berges
Zion, der verödet ist; Füchse streifen auf ihm umher.
Das
können kleine Streitigkeiten sein, die sich einschleichen und unbemerkt vor
sich hin schwelen. Wenn sie nicht völlig ausgeräumt werden, sondern man
immer einen kleinen Vorbehalt gegen den anderen behält, dann nagen sie
unser Verhältnis zueinander von unten her an.
Ein Fuchs könnte die
fehlende Anteilnahme sein. Wenn uns das Schicksal des anderen nicht mehr
berührt, wenn wir nur noch oberflächlich zuhören bei Gebetsanliegen, wenn
wir nicht mehr nachfragen "Ist es besser geworden mit deiner
Krankheit?", dann unterhöhlt das unsere Beziehung bis sie wegen
unserer Oberflächlichkeit einbricht.
Als Füchse könnten unsere Ansichten
über Details der Glaubenslehre funktionieren: Muss es beim Abendmahl Wein
sein oder dürfen wir auch Saft nehmen? Ist eine Taufe nur gültig, wenn der
Täufling ganz untergetaucht wird? Darf auch eine Frau den Gottesdienst
leiten und sogar den Segen sprechen? Wenn solche kleinen Streitfragen immer
nur in kleinen Gruppen diskutiert werden und nicht mit der ganzen Gemeinde
eine für alle befriedigende Antwort gefunden wird, können sie zu
Parteiungen und schließlich zur Trennung der Gemeinde führen.
Vielleicht ist es mein persönlicher Fuchs, oder der Maulwurfshügel,
über den ich immer wieder stolpere, meine Ansicht über das Verhalten
meines Bruders. Es passt mir nicht, wie er etwas anpackt, ich finde seine
Verhalten im Alltagsleben unmöglich, seine Ansichten finde ich höchst
unpassend für einen Christen. Und darüber rede ich hinter vorgehaltener
Hand mit anderen. Das baut Gerüchte und Urteile auf, die es dem anderen
vielleicht unmöglich machen, bei uns zu bleiben.
Zunächst einmal ist es wichtig, dass wir sie gleich einfangen! Solange sie klein sind stand im Hohenlied. Wir dürfen nicht warten, bis sie sich häuslich niedergelassen haben und zusammen mit ihrem Nachwuchs den ganzen Weinberg zerstört haben. Wir müssen an den Problemen arbeiten, sobald wir sie erkannt haben. Sie sind wie ein kleiner Splitter, den wir uns im Finger zugezogen haben. Erst ist er kaum sichtbar und kann leicht ignoriert werden. Am nächsten Tag wird der Finger dicker, später eitrig und schließlich kann er gar nicht benutzt werden. Am Anfang reicht eine Pinzette um ihn zu entfernen. Wenn wir aber zu lang gewartet haben, muss der Arzt den Finger mit dem Skalpell aufschneiden.
Die Probleme, dich ich angesprochen habe, treten auf ganz verschiedenen Ebenen auf. Und genau auf dieser Ebene müssen sie auch gelöst werden.
Da sind zunächst einmal ganz persönliche Punkte. Wenn ich über meine
Kritiksucht, meine Besserwisserei stolpere, dann muss ich an meiner
Einstellung arbeiten. Wenn ich mich an jemandem störe, sollte ich
versuchen, das ganz objektiv zu prüfen. Verhält sich wirklich der andere
falsch oder nervt nur mich etwas. Manche regen sich über kleine,
wiederkehrende Gesten auf, wenn sich z.B. jemand an der Nase zupft. Da muss an mir arbeiten und nicht versuchen, den anderen zu ändern. Ich
muss hier
noch einmal den Vers aus Eph 4, 1-2 wiederholen, den uns Hubert so
eindrücklich ausgelegt hat:
Ich ermahne euch nun, ich der Gefangene im
Herrn: Wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, mit
aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander in Liebe ertragend.
Mit
besonderer Betonung auf das Wort ertragen.
Andere Probleme sind auf zwischenmenschlicher Ebene angesiedelt. Wenn ich
einen Streit habe, dann muss ich den mit meinem Bruder regeln und nicht die
große Gemeindekommission als Schiedsgericht anrufen. Oder wir bemerken, dass
jemand wirklich bewusst Sünde tut. Auch dann sollten wir versuchen, ihn
zunächst unter vier Augen anzusprechen.
Aber im richtigen Ton, so wie in
Gal. 6, 1: Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt wird,
so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen im Geist der Sanftmut wieder
zurecht. Und dabei gib auf dich selbst acht, dass nicht auch du versucht
wirst!
Die dritte Art von Problemen, also z.B. die erwähnten Meinungsverschiedenheiten in der Lehre, müssen schließlich auf Gemeindeebene gelöst werden. Dafür wird oft das Wort "Gemeindezucht" verwendet.
Zucht ist ein heute sehr unübliches und auch unbequemes Wort. Wer will
schon gezüchtigt werden. Vielleicht ist das Wort eher annehmbar, wenn wir
uns die Wortverwandtschaft ansehen: ziehen, erziehen, züchten (d.h.
heranziehen durch Pflege).
Das Ziel der Gemeindezucht ist, dass sowohl der
einzelne als auch die ganze Gemeinde züchtig (d.h. wohlerzogen) sind. Wir
sollen vorbildlich in Wandel und Lehre sein. Paulus schreibt in Phil 2,
12+15:
Daher, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht
nur in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit,
bewirkt euer Heil mit Furcht und Zittern! ... damit ihr tadellos und lauter
seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten
Geschlechts, unter dem ihr leuchtet wie Himmelslichter in der Welt.
Das muss unser Ziel sein: gehorsam gegen Gott, unbescholten damit man uns nichts
nachsagen kann.
Dieses Streben nach Vorbildlichkeit kann im Extremfall dazu führen, dass
uneinsichtige Sünder ausgeschlossen werden müssen (1. Kor. 5, 11-13):
Nun
aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der
Bruder genannt wird, ein Unzüchtiger ist oder ein Habsüchtiger oder ein
Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit
einem solchen nicht einmal zu essen. Denn was habe ich zu richten, die
draußen sind? Richtet ihr nicht, die drinnen sind? Die aber draußen sind,
richtet Gott. Tut den Bösen von euch selbst hinaus!
Durch Predigt, also Lehre wird die theoretische Grundlage geschaffen, für das was wir dann praktisch leben sollen (Jak 1, 22): Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen.
Indem einer direkt angesprochen wird (Mat 18, 15-17):
Wenn aber dein
Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein.
Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber
nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder
dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde. Wenn er aber nicht auf sie
hören wird, so sage es der Gemeinde; wenn er aber auch auf die Gemeinde
nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide und der Zöllner.
Und auch für die anderen kann diese öffentliche Zurechtweisung ein heilsames Beispiel sein (1. Tim 5, 20): Die da sündigen, weise vor allen zurecht, damit auch die übrigen Furcht haben.
Natürlich soll nicht jeder jeden
Züchtigen und zurechtweisen. Die erste Voraussetzung ist die Gemeinde
selbst. Zitat:
Biblische Gemeindezucht ist nur möglich in einer auf
biblischem Grund stehenden Gemeinde. Darunter ist vor allem solch eine zu
verstehen, in der grundsätzlich nur Bekehrte (Wiedergeborene) aufgenommen
werden und die ständig nach Reinheit in Wandel und Wort strebt. Nur solch
eine Gemeinde hat Leben aus Christus, ihrem Haupt. Damit aber hat sie auch
die Lebenskraft zur Pflege des Lebens und zur Ausscheidung von
Fremdkörpern.
Die Ältesten oder Apostel, deren Aufgabe u.a. die Gemeindezucht ist,
müssen einige wichtige Eigenschaften haben:
Verschwiegenheit, vorher
gehört in Mat 18, 15: zwischen dir und ihm allein
Wahrhaftigkeit, 1. Tim
5:19: Gegen einen Ältesten nimm keine Klage an, außer bei zwei oder drei
Zeugen.
Sanftmut, Gal 6,1: Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt
übereilt wird, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen im Geist der
Sanftmut wieder zurecht.
Und vor allem Bruderliebe, 1. Pet 4, 8: Vor allen
Dingen aber habt untereinander eine anhaltende Liebe, denn die Liebe bedeckt
eine Menge von Sünden.
Diesen letzen Teil habe ich ziemlich kurz gefasst, weil es mir nicht darauf ankommt, auf die einzelnen Punkte einzugehen. Sie sollten nur zeigen, dass diese Aufgabe große Anforderungen an den eigenen Lebenswandel stellt und sehr verantwortungsvoll ist. Es braucht sich also keiner darum reißen.
Ich möchte einfach ermutigen, die Maulwurfshügel um uns selbst und zwischen uns anzugehen möglichst schnell zu beseitigen. Bevor wir darüber stolpern und sie zu einem echten Problem werden.
Amen.