1. Thessalonicher 5, 12-15
12 Wir bitten euch aber, Brüder, dass ihr die anerkennt, die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen,
13 und dass ihr sie ganz besonders in Liebe achtet um ihres Werkes willen. Haltet Frieden untereinander!
14 Wir ermahnen euch aber, Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle!
15 Seht zu, dass niemand einem anderen Böses mit Bösem vergelte, sondern strebt allezeit dem Guten nach gegeneinander und gegen alle!
Der 1. Thessalonicherbrief ist der älteste uns erhaltene Brief von Paulus, etwa um um 50 n.Chr. geschrieben. Paulus hat die Gemeinde dort selbst gegründet und eine Weile dort gelebt. Deshalb fühlt er sich für sie verantwortlich wie ein Vater für sein Kind. Ich sehe eine große Ähnlichkeit dieses Abschnittes mit den Ermahnungen und Ratschlägen, die man seinem Kind mit auf dem Weg in Schullandheim oder ins Ferienlager gibt: Putz dir auch regelmäßig die Zähne, zieh jeden Tag frische Socken an und steck dir ein Taschentuch ein.
Wir bitten euch aber, Brüder, dass ihr die anerkennt, die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen, und dass ihr sie ganz besonders in Liebe achtet um ihres Werkes willen.
In diesem ersten Ratschlag geht es um die Beziehung zu den Leitern der Gemeinde. Jede Gemeinschaft, jeder Verein, braucht Menschen, die verbindlich Dienste tun, die ihre Stelle dauerhaft ausfüllen und nicht von Lust und Laune abhängig machen. Ohne Vereinsvorstand, Kassenführer und andere Ämter wird bald das Chaos ausbrechen.
Es werden zwei Dienste hervorgehoben: Das Vorstehen und das Zurechtweisen. Das Wort
Vorstehen oder Leiten hat im NT nicht den "amtlichen" und "regierenden" Klang, den wir heute darin hören. In 1. Tim. 3, 8 steht
Wenn aber jemand dem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?
Hier kommt deutlich heraus, dass es sich um "fürsorgen", "sich kümmern um" geht. Es ist also ein diakonischer Dienst. Es bezieht sich auf die äußeren Angelegenheiten, die durchdacht und geregelt werden müssen: Miete, Strom und Wasser, Termine planen, Veranstaltungen veröffentlichen, Sonntagsdienste einteilen usw.
Aber die Leitung muss gleichzeitig auch geistlich sein. Wir brauchen auch die
Zurechtweisung, die im Vers 14 noch einmal kommt. Das griechische Wort hier entspricht unserem: "Den Kopf zurechtsetzen". Manchmal müssen in diesem Sinne von der Leitung etwas unangenehme Gespräche mit Einzelnen geführt werden.
Trotz Bekehrung und Wiedergeburt kommt auch bei uns immer wieder das alte Wesen durch. Es kann sich Neid gegen die Leitenden regen: "Warum steht der oder die immer da vorn. Ich könnte das genauso gut." Und dabei vergessen wir die Mühe, die es kostet.
Und sich zurechtweisen zu lassen ist auch nicht leicht. Da rebelliert unser Inneres: "Was hat der mir zu sagen! Der soll erst einmal selber ..."
Paulus fordert uns auf, die Leitung und ihre Arbeit anzuerkennen: die Arbeit sehen und nicht gleichgültig zu übersehen. Und sie auch nicht zu verkennen, indem man die eigene Leistung besonders groß sieht und die der anderen unbedeutend.
In 1. Kor. 16, 15-16+18 steht:
Ich ermahne euch aber, Brüder: Ihr kennt das Haus des Stephanas, dass es der Erstling von Achaja ist und dass sie sich in den Dienst für die Heiligen gestellt haben; dass auch ihr euch solchen unterordnet und jedem, der mitwirkt und sich abmüht. Denn sie haben meinen und euren Geist erquickt. Erkennt nun solche an.
Auch wir haben eine Gemeindeleitung gewählt. Sie sind keine bezahlten Angestellten, die um 16 Uhr den Stift aus der Hand legen. Sie machen diesen Dienst freiwillig und ehrenamtlich. Sie tun einen notwendigen Dienst, der uns allen zugute kommt. Und sie sind nicht nur von uns, sondern auch von Gott eingesetzt. Und deswegen sollen wir sie ganz besonders in Liebe achten um ihres Werkes willen.
Haltet Frieden untereinander!
Muss man das einer christlichen Gemeinde wirklich sagen? Wir sind doch alle wiedergeboren, haben den alten Menschen abgelegt, sind Heilige!
Das Problem entsteht dadurch, dass Gott nicht sortiert, welchen Menschen er in seinen Verein aufnimmt. Gottes Gemeinde ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten, unterschiedlichem Familienhintergrund, ganz eigenem Wissen, Erfahrung und Intelligenz. Dabei muss es immer wieder zu Spannungen und Reibereien kommen, auch wenn unser größtes und wichtigstes Interesse übereinstimmt: Die Gemeinschaft mit Jesus.
Deshalb ermahnt Paulus die Thessalonicher und uns: Haltet Frieden untereinander!.
Weist die Unordentlichen zurecht.
Unordentlich bedeutet: Seinen Platz in der Ordnung, der Reihe verlassen, sich drücken, sich seiner Pflicht entziehen. So steht in manchen Übersetzungen auch:
Die Faulen weise zurecht.
Es geht hier um Menschen in der Gemeinde, die sich aus der Ordnung der Gemeinde herausnehmen oder Verpflichtungen versäumen. Mit der Zurechtweisung soll niemand vor den Kopf gestoßen werden. Aber Geschwister einfach außerhalb der Ordnung stehen zu lassen, wäre auch keine Liebe.
Als wir mit den Kindern diesen Abschnitt gelesen haben, hat Linda gesagt: "Das ist doch unverschämt zu jemandem zu sagen: Sei nicht so faul, beteilige dich mal an der Arbeit". Sie hat recht: Es in dieser Art zu sagen, ist unverschämt und führt nicht zum gewünschten Ziel. Aber der Ton macht die Musik.
"Mach die Türe leise zu. Und zieh deine Jacke an!" Wir kennen alle solche wohlmeinenden, hundertfach wiederholten Bitten und Ermahnungen. Häufig in den Wind gesprochen liegen sie uns dennoch immer wieder auf der Zunge. Welche bessere Alternative gäbe es auch?
"Lieber Heinrich, ich sehe, wie viel gute Arbeit du vollbringst mit großem Engagement und Begabung für die Sache. Und in einem Punkt könntest du vielleicht noch besseres vollbringen..."
Kritik mit einem ernsthaften, stimmigen Kompliment versüßt, lässt sich leichter anhören. So kann ich selbst eine Ermahnung auch besser ertragen und komme ins Gespräch mit dem anderen. Wenn es doch immer so einfach wäre, Menschen, für die wir uns verantwortlich fühlen, mit guten Ratschlägen auf den richtigen Weg zu weisen.
Tröstet die Kleinmütigen
Es gibt tatsächlich in jeder Gemeinde Kleinmütige. Obwohl wir wissen, dass wir in der Gnade Jesu stehen und damit schon Großes erlebt haben. Es ist menschlich, sich über die Kleinmütigen zu ärgern oder an ihnen zu verzweifeln, wenn wir ihnen immer wieder Zuspruch aus dem Evangelium geben, ihnen Bibelstellen zeigen und mit ihnen beten, und am nächsten Tag sind sie schon wieder ängstlich und verzweifelt.
In einem normalen Verein wird man sagen: "Lass ihn doch. Dem ist sowieso nicht zu helfen."
Aber wir sollen hier nicht menschlich, sondern göttlich handeln. Gott hat unendliche Geduld mit uns. Wir sind aufgefordert, die Kleinmütigen immer wieder zu trösten und aufrichten, ihren eingeschränkten Blickwinkel erweitern, neue Perspektiven aufzeigen, ihr Selbstvertrauen stärken, Lebensmut wecken, aber
zuvor auch ihre Probleme ernst zu nehmen und gelten zu lassen.
Nehmt euch der Schwachen an.
Schwache gibt es in vielerlei Hinsicht: körperlich, seelisch, an Begabung, finanziell oder schwach im Glauben. Schwache sind in der menschlichen Gesellschaft ein Hemmschuh, sie sind eine Last. Sie halten die Entwicklung auf. Wenn wir die Schwachen loswerden könnten, dann ginge es richtig voran.
Im Fußballverein nimmt man die Schwachen einfach nicht mit zum Spiel. Man lässt sie links liegen und fördert die Asse.
Gottes Vorstellung eines Vereins sieht anders aus. Gerade in christlichen Gemeinden finden Schwache ihren Platz und wir sollen sie nicht nur dulden, sondern uns ihrer annehmen.
Paulus hinterlässt in Ephesus bei seiner Abschiedsrede folgenden Satz (Apg 20, 35)
Ich habe euch in allem gezeigt, dass man so arbeitend sich der Schwachen annehmen und an die Worte des Herrn Jesus denken müsse, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als Nehmen.
Seid langmütig gegen alle.
Manche träumen von einer idealen christlichen Gemeinde. Wenn sie sich auf eine Gemeinde konkret einlassen und mit ihr leben, stellen sie sehr schnell fest, dass wir alle unsere Fehler haben und den anderen zu tragen geben. Dann ziehen sie weiter auf ihrer Suche nach der idealen Gemeinde.
Gott will nicht, dass wir weiterziehen, wenn uns etwas aneinander nicht passt. Wir sollen bleiben und einander langmütig ertragen! Das ist ausdrücklich eine Frucht des Geistes und eine Eigenschaft der Liebe. Auch Bekehrte brauchen lange, bis sie manche ihrer Ecken und Kanten abrunden, bis sie wachsen im Glauben und dadurch ihr altes Leben verändern, ihre Fehler überwinden.
Bei meinen Kindern bin ich oft am Seufzen: "Warum machen sie immer noch die gleichen Dinge falsch, warum kapieren sie denn das nicht. Wie oft habe ich das schon gesagt."
Mit manchem unserer Geschwister geht es uns wohl ähnlich. Wir brauchen darum in der Gemeinde einen langen Atem, fröhliche Geduld, unermüdliche Zuversicht. Die Liebe ist
langmütig!
Seht zu, dass niemand einem anderen Böses mit Bösem vergelte, sondern strebt allezeit dem Guten nach gegeneinander und gegen alle!
In uns regt sich ständig die Lust, zu vergelten, und sei es auch nur indem wir dem anderen, der uns quer kommt, bewusst missmutig begegnen. Und wenn uns jemand wirklich etwas Böses antut, dann meinen wir das Recht zu haben, das böse Wort oder die böse Tat mit gleicher Münze heimzuzahlen. Man kann sich doch schließlich nicht alles gefallen lassen!
Davon sind wir genauso bedroht wie jeder weltliche Verein. Aber in Gottes Verein soll es anders zugehen. Dieses Umgehen mit dem Bösen, das uns geschieht, ist ein zentrales Anliegen in der Bibel:
Spr. 20,20: Sprich nicht: Ich will Böses vergelten. Harre des Herrn, er wird dir helfen.
Röm. 12, 17-18: Vergeltet niemand Böses mit Bösem; seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen. Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden!
1.Pet. 3,8: Endlich aber seid alle gleichgesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig und vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort.
Hier wird nicht der einzelne persönlich angesprochen, sondern das ist eine Aufgabe für alle zusammen, einander zu helfen um das normale menschliche Verhalten zu ändern. Wie kommen wir von der tief sitzenden Neigung zum Vergelten los? Nicht durch einen direkten Kampf dagegen. Neigungen zu unterdrücken gelingt immer nur bis zu einem gewissen Punkt, dann schnellen sie umso stärker wieder hoch.
Es gibt nur eine positive Überwindung durch stärken der Kräfte, die in die entgegengesetzte Richtung gehen. Darum steht im zweiten Teil des Verses:
sondern strebt allezeit dem Guten nach gegeneinander und gegen alle!
Auch die anderen zitierten Verse gehen so weiter:
1.Pet. 3,9: sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt.
Röm. 12,20-21: Wenn nun deinen Feind hungert, so speise ihn; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken! Denn wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.
Wir sollen einen anderen Weg einschlagen als die Welt: Strebt allezeit dem Guten nach, jagt ihm nach! Wenn wir dem Guten hinterher rennen, dann wird uns das Böse nicht einholen.
Die Mitglieder des Sportclub Pfullendorf kann man zum Teil an den Aufklebern am Auto erkennen: die verschlungenen Buchstaben SCP. In unserem Verein haben manche auch so einen Aufkleber in Form eines Fisches. Aber ist das wirklich ein Erkennungszeichen? Wenn wir aus einem fremden Auto mit Fisch-Aufkleber jemanden aussteigen sehen, dann fragen wir uns unwillkürlich: "Gehört der wirklich zu den Christen? Vielleicht ist das Auto nur ausgeliehen!"
Leider kann man uns auch nicht an einem verklärten Strahlen unseres Gesichtes oder einem Heiligenschein erkennen, wie man es auf alten Bildern bei den Heiligen sieht. Die Bibel nennt doch alle, die zu Jesus gehören, Heilige.
Aber in diesem Sinne sind wir nicht heilig. Wir haben davon gehört, dass wir unsere Leiter kritisieren, dass uns manchmal der Kopf zurecht gerückt werden muss, dass es unter uns Kleinmütige und Schwache gibt und dass wir uns Böses antun. Also sind die Mitglieder in Gottes Verein weit davon entfernt, perfekt zu sein.
Also woran erkennt man die Mitglieder denn nun wirklich? Jesus gibt uns die Antwort:
Joh. 15, 35: Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
Woran erkennt man Liebe? Woran habe ich damals erkannt, dass Christiane mich liebt? An ihrem Verhalten, an der Art wie sie mit mir umging, wie sie mit mir sprach und auf mich einging.
An unserem Umgang miteinander erkennen Außenstehende, ob wir Liebe haben. Dieses Erkennungsmerkmal gibt es in keinem anderen Verein!
Paulus sagt uns ganz konkret, wie Menschen miteinander umgehen, wenn sie einander lieben: