Aus: "Hoffnung für alle" 1. Kor. 13, 1-10:
Ohne Liebe bin ich nichts. Selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt, ja mit
Engelszungen reden könnte, aber ich hätte keine Liebe, so wären alle meine
Worte hohl und leer, ohne jeden Klang, wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer
Paukenschlag. Könnte ich aus göttlicher Eingebung reden, wüßte alle
Geheimnisse Gottes, könnte seine Gedanken erkennen und hätte einen Glauben, der
Berge versetzt, aber mir würde die Liebe fehlen, so wäre das alles nichts. Selbst
wenn ich all meinen Besitz an die Armen verschenken und für meinen Glauben das Leben
opfern würde, hätte aber keine Liebe, dann wäre alles umsonst. Liebe ist
geduldig und freundlich. Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, sie prahlt nicht und ist
nicht überheblich. Liebe ist weder verletzend noch auf sich selbst bedacht, weder
reizbar noch nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die
Wahrheit siegt. Diese Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und
hält allem stand. Einmal werden keine Propheten mehr zu uns sprechen, das Beten in
anderen Sprachen wird aufhören, die Erkenntnis der Absichten Gottes mit uns wird nicht
mehr nötig sein. Nur eins wird bleiben: die Liebe. Denn unsere Erkenntnis ist
bruchstückhaft, ebenso wie unser prophetisches Reden. Wenn aber das Vollkommene -
Gottes Reich - da ist, wird alles Vorläufige vergangen sein.
Dieses Kapitel des Korintherbriefs wird als das Hohelied der Liebe bezeichnet. Genauer müßte es eigentlich "der christlichen Liebe" heißen, weil es nicht um gewöhnliche, menschliche Liebe geht. Es ist sprachlich und inhaltlich wirklich hohe Kunst. Goethe äußerte einst, daß er alle seine Werke hingeben würde, wenn er ein solches Kapitel schreiben könnte. Wir sollten aber nicht dabei stehenbleiben, dieses spachschöpferische Meisterwerk zu bewundern.
Es steht zwischen den Kapiteln 12 und 14, in denen Paulus für die Gemeinde in Korinth in einer helfenden und ordnenden Weise über die Gaben des Geistes spricht. Unter den Christen in Korinth war es zu Spannungen und Streit gekommen. Einige hatten ihre Geistesgaben, die Zungenrede und die prophetische Weissagung, überheblich in den Vordergrund gerückt. Darüber waren die anderen innerlich tief verletzt worden. Deshalb schärft der Apostel Paulus den Korinthern ein: Ohne Liebe ist alles nichts! Gottes Gnadengaben besitzen und dann verächtlich auf andere Christen herabschauen, die keine solchen herausragenden Gaben erhalten haben, das führt zum »geistlichen Leerlauf«. Die Liebe, die uns Christus schenkt, ist Maßstab für alles geistliche Wirken und für allen Einsatz der Gaben.
1 Selbst wenn ich in allen Sprachen er Welt, ja mit Engelszungen reden könnte,
aber ich hätte keine Liebe, so wären alle meine Worte hohl und leer, ohne jeden
Klang, wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag.
Das können wir vielleicht noch nachvollziehen: Mag einer noch so sprachbegabt sein,
sozusagen in vielen (Fremd-)Sprachen zu Hause sein, was nützt ihm das für seinen
Glauben und was nützt es anderen, wenn er keine Liebe hat. Mit den "Sprachen der Engel"
dürften wir schon größere Schwierigkeiten haben. ("Englisch" ist ja mit der
"Sprache der Engel" nicht gemeint!). Die Frage ist: Wozu wird die Sprachbegabung eingesetzt?
Um Mitmenschen, die fremd in unserem Land leben, zu erreichen! Um in der Mission zu wirken.
Wird Zungenrede eingesetzt, um anderen zu helfen, ihnen Gott nahe zu bringen?
2 Könnte ich aus göttlicher Eingebung reden, wüßte alle
Geheimnisse Gottes, könnte seine Gedanken erkennen und hätte einen Glauben, der
Berge versetzt, aber mir würde die Liebe fehlen, so wäre das alles nichts.
Diese Gedanken dürften uns schon ziemlich vermessen vorkommen: Wer kennt und
versteht alle Zusammenhänge der Welt? Wer hat einen Glauben, der Berge versetzt? In Mt
17,20 wird von Jesus ein solcher Glaube als gar nicht außergewöhnlich
dargestellt: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könntet ihr sagen zu diesem
Berge: Heb dich dorthin! So wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.
Solch ein Glaube ist sehr erstrebenswert. Aber auch er wurde nicht zählen, wenn wir
nicht die Liebe hätten. Kriterium dabei wäre: Wozu wird der Glaube eingesetzt? Um
spektakuläre Kunststücke mit Bergen zu veranstalten oder um Menschen für
Jesus zu gewinnen!
3 Selbst wenn ich all meinen Besitz an die Armen verschenken und für meinen
Glauben das Leben opfern würde, hätte aber keine Liebe, dann wäre alles
umsonst.
Der Vers ist für unseren Denkhorizont völlig abwegig. Alles Hab und Gut zu
verschenken und dann noch einen Märtyrertod zu sterben. Aber auch das wäre ohne
Liebe nutzlose Effekthascherei und Wichtigtuerei.
Von welcher Liebe spricht Paulus überhaupt? Von der Liebe zur Schöpfung? Zum Nächsten? Zum Fernsten? Zum Freund? Zum Feind? Zu Gott? Zum fernen Gott? Er spricht offenbar von der Liebe als der alles bestimmenden Grundkraft unseres Lebens.
4-7 Liebe ist geduldig und freundlich. Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, sie
prahlt nicht und ist nicht überheblich. Liebe ist weder verletzend noch auf sich selbst
bedacht, weder reizbar noch nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut
sich, wenn die Wahrheit siegt. Diese Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft
alles und hält allem stand.
Selten finden Bibelworte überall in der Welt so viel ungeteilte Zustimmung wie
gerade dieser Lobpreis der Liebe aus dem Mund des Apostels Paulus. Aber je länger man
über diese Worte ernsthaft nachdenkt, um so unbequemer werden sie: Da klagt mich jedes
Wort an.
»Die Liebe ist langmütig«, sagt Paulus. Aber ich habe oft nicht
den langen Atem und das weite Herz. Wie schnell fahre ich aus der Haut, wenn ich meine
Kinder immer wieder wegen der gleichen Dinge ermahnen muß.
»Die Liebe sucht nicht das Ihre« sagt Paulus. Meine Liebe sucht aber
meine eigene Erfüllung und Bequemlichkeit. Sie wacht eifersüchtig über mein
Glück.
»Die Liebe rechnet das Böse nicht zu«, sagt Paulus. Und ich kann
das Böse so kange nicht vergessen.
»Die Liebe verträgt alles«, steht da. Und ich vertrage nur wenig.
»Sie duldet alles.« Und ich bin voller Ungeduld wenn etwas nicht
gleich so klappt, wie ich es mir vorstelle. z.B. weil meine Familie ihre Gedanken bei
anderen Dingen hat und ich einige Male nachschieben muß, bis ich alle im Auto
habe.
Wer das Kapitel liest, der muß über diesen hohen und schönen Worten kräftig erschrecken: Das schaffe ich doch nie! So kann ich meine Mitmenschen nicht lieben! Diese Liebe bringe ich nicht auf, und wenn ich mich noch so anstrenge! Von wem redet dann Paulus? Er kann nur von Jesus reden. Jesus ist langmütig und freundlich. Jesus sucht nicht das Seine. Jesus rechnet das Böse nicht zu. Jesus verträgt alles. Jesus duldet alles. Diese Verse wollen nicht entmutigen und uns zugrunde richten. Solche Liebe, wie Paulus sie hier beschreibt, ist keine menschliche Möglichkeit. Wir können sie nicht aus uns herauspressen - da käme nur Krampf heraus! Diese Liebe ist nicht nur ein Wort, sie trägt einen Namen: Jesus Christus. Er ist für uns lieblose Menschen die menschgewordene Liebe Gottes in Person. An Jesus kann man ablesen, wie sehr Gott uns liebt und was wahre Liebe ist, die wir doch so sehr ersehnen. An dieser Liebe können wir Anteil bekommen: Sie ist Gottes Gabe an alle, die sich Jesus Christus anvertrauen und an ihn glauben. Eine noch so große Rede- oder Predigtgabe kann zum leeren Geschwätz werden, wenn sie von Stolz und Überheblichkeit begleitet ist. Selbst wenn wir gewaltige Aktionen zur Hilfe Notleidender starten würden, und Jesus hätte unser Herz nicht durch seine Liebe aufgeweicht, so wäre alles leer. Und wenn man die wunderbarsten religiösen Erlebnisse hätte oder gar für Jesus leiden würde, aber seine Liebe uns nie berührt hätte, dann bliebe man doch nur ein kaltes Stück Eisen.
Die Liebe ist langmütig...
Da könnte ein guter Vorsatz daraus werden: Ich will versuchen, mit meinem
Urteilen zurückhaltender zu sein. "Die oder der ist nun mal so. Die oder der
ändert sich nie. Da wird nichts mehr draus. Da ist nichts zu machen. Die ist bei mir
unten durch. Mit dem rede ich nie mehr ein Wort." Ich will langmütig sein - das
würde heißen, immer wieder eine Chance geben, die andern nicht festlegen auf das,
was und wie sie heute sind. Vielleicht ändern sie sich ja.... Und auf einmal erkenne
ich: Ich bin selbst vielleicht ja auch so, daß andere von mir sagen: Mit dem kann ich
nicht mehr. Und auf einmal merken wir, daß wir allesamt Gottes Langmut brauchen und -
Gott sei Dank haben können - denn er gibt uns täglich neu die Möglichkeit so
zu werden, wie wir sein sollen. "Er läßt seine Sonne aufgehen über Böse
und Gute. Seine Liebe und Güte ist alle Morgen neu."
Die Liebe ist freundlich...
heißt es weiter. Das könnte konkret werden mit: Ich will nicht immer gleich
das Gesicht verziehen und die Augenbrauen heben, wenn ich jemand Bestimmtes reden höre
oder wenn es von ihm heißt, er hätte dies und das gesagt. Warum soll von ihm oder
ihr denn immer nur Schlechtes kommen. Besser ist es doch sicher, es erst einmal offen,
wohlwollend und ohne Abwehr aufzunehmen, eben freundlich. Vielleicht ist es ja auch eine
Botschaft, die ich dann höre, die mich erfreut, mir weiterhilft, mich bereichert und
mir neue Erkenntnisse schenkt? Und umgekehrt: Wieviele Male mag schon etwas an mir
vorbeigegangen sein, was mir geholfen, mir genützt hätte - nur habe ich es gleich
abgetan, weil es von diesem oder jeder herkam?
Die Liebe eifert nicht...
Wegen welcher Kleinigkeiten geraten wir uns manchmal in die Wolle! Wie oft schon hat
ein heftiges Wort die an sich schöne Stimmung eines Tages oder Abends verdorben. Und um
was ist es dabei gegangen? Ob etwas dann oder dann oder erst später gewesen ist. Ob man
nun dies oder jenes gesagt hat, damals vor Jahren. Das ist alles eigentlich völlig
unwichtig und man könnte sich ja auch heute korrigieren. Aber im Augenblick gibt ein
Wort das andere und der schönste Krach ist da. Gut wäre es, zu lernen, uns nicht
immer gleich so aufzuregen über Nichtigkeiten. Wie oft haben wir schon gedacht: "Wenn
er oder sie doch immer erst langsam für sich bis 10 zählen wollten, bevor sie so
aufbrausen." Vielleicht müßten manche das zu sich selbst sagen?
Die Liebe treibt nicht Mutwillen...
Auch das ist einen Vorsatz wert: Ich will darauf achten, daß ich die Menschen
nicht ärgere, beleidige, verletzte... Ich weiß doch, wie empfindlich ich selbst
bin, wenn andere immer ausgerechnet in den Wunden und Schwachpunkten herumstochern. Warum
rühre ich nur so gern an das, was den anderen wehtut? Warum schleudere ich ihnen die
spitzen Bemerkungen so hin, warum vermeide ich nicht bestimmte Anspielungen und Hinweise auf
schmerzliche Ereignisse, von denen ich weiß, daß sie mein Gegenüber
treffen, unangenehm berühren und ihm das Herz schwermachen?
Die Liebe bläht sich nicht auf...
Der Hochmut, unsere Dünkelhaftigkeit, die hohe Meinung von unserer Person, der
Mangel an Selbsteinschätzung... Was wir können und besser können. Wie falsch
die anderen alles machen. Ja, wenn man uns ran ließe! Und der Neid, der von
daherkommt. Das Konkurrenzdenken. Die manchmal bösen Versuche, dem andern den Rang
abzujagen und ihn auszustechen. Und warum das alles? Damit wir im Mittelpunkt stehen.
Daß alle nach uns sehen und sagen: Was der, was die doch alles fertigbringt. Wie oft
geht daran die Liebe kaputt und die gute Sache vor die Hunde. Was ist denn wichtiger,
daß eine gute Sache gut gemacht wird - oder daß ich sagen kann, ich habe sie
gemacht? Daß den Menschen geholfen wird - oder daß ich am Ende den Ruhm
dafür habe? Daß jemand tut, was er nun mal kann - oder ob ich es vielleicht doch
besser gekonnt hätte? Prüfen wir einmal, wie oft es unter uns nicht um die Dinge
geht, die jetzt wichtig sind, sondern um Personen, um ein "warum denn die" und "ausgerechnet
der" und um mein Ansehen.
Die Liebe läßt sich nicht erbittern...
Auch das ist sehr konkret! Wieviele Verhältnisse gibt es, in unserer Stadt, mit
unseren Nachbarn (hoffentlich nicht unter uns hier) die von jahrelangem Schweigen, von
grußlosem aneinander Vorbeigehen geprägt sind, von einer Verbitterung, die schon
seit damals in uns ist, seit....ja, manchmal wissen wir gar nicht mehr recht, wann das
anfing. Es mag ja alles verständlich sein, warum wir so geworden sind, warum es so
gekommen ist, und er hätte doch auch damals wirklich nicht und sie durfte das doch
einfach nicht tun... Nur irgendwann muß Schluß sein damit. Wollen wir diese Last
noch mit ins Grab nehmen?
Liebe rechnet das Böse nicht zu...
Das letzte, was wir uns vornehmen könnten, aber sicher nicht das geringste! Ja,
unser Kollege hat uns gekränkt, das war nicht richtig. Und das hat der Nachbar neulich
extra gemacht, der wollte mich ärgern mit seinem provozierenden Verhalten. Vielleicht
aber tut es ihnen schon wieder leid? Vielleicht würden sie es gern ungeschehen machen?
Auch ich sage ja manchmal Worte und tue vorschnell Dinge, die ich gleich wieder bereue. Was
aber, wenn wir uns nicht gegenseitig Gelegenheit geben, wieder dahin zurückzukommen, es
auszuräumen und einander die Hand zu reichen? Schrecklich wäre das,
bedrückend für das eigene Wohlbefinden und tödlich für die
Gemeinschaft.
Wenn das Vollkommene kommen wird, wenn wir Jesus von Angesicht zu Angesicht sehen, werden wir die Geistesgaben nicht mehr benötigen. Bis dahin aber sind sie, auch als Stückwerk, kostbare und notwendige Hilfen. Aber nicht die Christen mit ihren Sonderbegabungen überzeugen und beeindrucken, sondern ganz einfache Christen, denen man ihre Liebe zu Jesus und ihre Liebe zu den Menschen abspürt. Diese Liebe ist das alles Durchdringende, das Bleibende. Glaube und Hoffnung begleiten uns wie die Liebe unser Leben lang, aber die Liebe wird auch in der Ewigkeit dieselbe Liebe Gottes sein, die uns schon jetzt in Jesus begegnet.