Ich bin im Lukas-Evangelium auf einen Text gestoßen, der mir ziemlich unbekannt vorkam. Auf jeden Fall habe ich noch nie eine Auslegung darüber gehört. Das ist eigentlich verwunderlich, weil diese Stelle uns sehr viel zu sagen hat.
Lukas 17, 7-10:
Wer aber von euch, der einen Knecht hat, der pflügt oder hütet, wird zu
ihm, wenn er vom Feld hereinkommt, sagen: Komm und leg dich sogleich zu
Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Richte zu, was ich zu Abend
essen soll, und gürte dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken
habe; und danach sollst du essen und trinken?
Dankt er etwa dem Knecht, dass er das Befohlene getan hat? Ich meine nicht.
So sprecht auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist: Wir
sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.
Jesus spricht in diesem Gleichnis von einem Knecht, der tagsüber auf dem
Feld arbeitet oder Vieh hütet, und abends nach Hause kommt. Er würde
sicher gern seine Füße bequem unter den gedeckten Tisch strecken und sich
entspannen. Mir geht es jedenfalls so, wenn ich nach einem anstrengenden
Arbeitstag heimkomme. Aber ein Knecht damals musste nach der harten
Tagesarbeit noch Hausarbeit verrichten. Er musste unter anderem die Mahlzeit
bereiten für seinen Herrn und bis zuletzt für ihn geschürzt und
dienstbereit bleiben. Beim Essen und Trinken kam zuerst der Herr und dann
der Knecht. Nachdem der Herr gegessen und getrunken hatte, durfte sich der
Knecht bedienen und dann zur Ruhe gehen.
Dazu muss man bedenken, dass ein Knecht damals nicht ein Angestellter mit
fester Arbeitszeit war. Er war eher ein Leibeigener. Die Eberfelder Bibel
übersetzt das Wort mit "Sklave", was unser heutiges Verständnis
eher trifft.
Wer ist der Knecht in diesem Gleichnis? Die Antwort ist ganz klar: Wir
Christen! Wer soll sonst damit gemeint sein? Und die Botschaft des
Gleichnisses lautet dann, dass wir uns einsetzen sollen und zwar ganz und
gar und keinen Dank und Lohn dafür zu erwarten haben. Als geht es schon
wieder um Aktionismus, schon wieder um einen Appell zur Mitarbeit. Schon
wieder ein Aufruf!
Ich möchte aber die Betrachtung von einer anderen Seite her aufziehen!
Ist diese Aussage ist überraschend? Der Knecht in unserem Gleichnis ist
zunächst Jesus selbst. Er ist der Knecht, der alles tut, was Gott ihm
aufgetragen hat und noch eine ganze Menge mehr. Er ist derjenige, der Gottes
Auftrag bis zuletzt erfüllt.
Worin war er denn ganz Knecht Gottes? Darin dass er ganz und gar für
die Menschen da war. Ob er nun umherzieht in den Dörfern und Städten,
seine Jünger um sich sammelt, heilt und predigt.
In allem tut er Gottes Werk. Er ist der Knecht, der Gottes Feld pflügt und bestellt. Er ist der Knecht, der uns, seine Schafe, weidet. Er ist der Knecht, der uns, seinen Jüngern, die Füße wäscht. Er ist der Knecht, der uns, seinen Jüngern, das Abendmahl bereitet, der uns zu essen und zu trinken gibt. Und noch viel mehr. Er ist der Knecht, der am Ende auch noch sein Leben gibt. Er ist ganz für uns da. Darin ist er wahrhaftig Gottes treuer Knecht.
Das ist die Voraussetzung, um das Gleichnis richtig verstehen und vor
allem für uns annehmen zu können:
ER ist Knecht, der für uns da ist und uns dient. Er muss am Ende alles
tun für seine Gemeinde.
Der Knecht, der alles für uns tut, der für uns sorgt, dieser Knecht
ist unser Herr. Auf den wir zu hören haben im Leben und im Sterben. Der uns
nicht im Stich lässt. Der am Ende alles tun muss. Dass er für uns sorgt.
Sich um uns kümmert. Uns nicht allein lässt. Uns unser Leben erhält. Uns
Geduld und den langen Atem schenkt, den wir brauchen. Darin, dass er uns
erhält, darin erweist er sich als unser Herr.
Hier redet also nicht der Sklavenhalter, der seinen faulen Kostgängern
einmal Beine machen will. Aber auch nicht der Bruder Jesus von nebenan. Hier
redet der Herr, der sich selbst als Knecht voll und ganz eingebracht hat.
Hier redet der Herr, der selbst als Knecht gedient hat und damit weiß,
wovon der spricht.
Hier redet nicht ein Herr aus seinem warmen Sessel heraus, von seinem
sicheren Schreibtisch aus, der sich Gedanken darüber macht, dass seine
faulen Sklaven in diesem Jahr nicht das Betriebsergebnis steigern. Hier
redet der Herr, der alles für uns dahin gegeben hat.
Jetzt erst kommt der zweite Teil:
Wir sollen also als Knechte oder besser sogar als Sklave dienen? Knechte
sind bei uns in Europa ausgestorben. Abgeschafft. Die Zeiten der Knechte
sind vorbei. Sogar schon in den Texten des Neuen Testaments sind diese
Zeiten vorbei: Jesus hat alle Menschen zur Freiheit berufen, völlig
unabhängig von Rang und Stand und Hautfarbe. Die Sklaven nannte er seine
Brüder. Und Sklaven galten als Ware!
Aber Jesus hat uns auch klipp und klar gesagt: Gott ist unser Herr. Ihm sind
wir verpflichtet. Zum Dienst verpflichtet. Alle.
Gott nimmt uns in seinen Dienst. Und worin besteht unser Gottes-Dienst?
Er besteht darin: Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, ihn über
alles heben und ihm vertrauen. Über alle Dinge. Es gibt also keinen Punkt,
wo ich sagen kann: So, und jetzt ist's genug. Hier hat Gott nichts zu sagen
und zu suchen.
Was hat er uns nun konkret aufgetragen? Wir könnten jetzt anfangen
aufzuzählen, was Jesus und später die Apostel in seinem Auftrage alles
geboten haben. Und wir könnten überlegen, was da alles dazugehört. Da
käme viel zusammen. Und über der ganzen Aufgabenliste wüssten wir nicht,
wo wir anfangen sollen.
Der Knecht muss mit dem Selbstverständlichen anfangen: Den Acker pflügen,
den Tisch decken und abräumen. Dienen heißt: Das Selbstverständliche tun!
Und das Allereinfachste zu tun, dazu sind wir geschickt: Liebe üben,
verzeihen und Verständnis haben, gütig sein und barmherzig. Das hat er uns
aufgetragen. Das ist der Anfang unseres Dienstes!
Das Wort Dienst hat bei uns in Deutschland einen unguten Geschmack. Wir
sagen jemand habe gedient und meinen damit, daß er seinen Militärdienst
abgeleistet hat. Oder wir sprechen davon, dass jemand im Krankenhaus Dienst
tut, oder fragen, wer der "diensthabende Arzt" ist. Aber bei all
den Verzerrungen bleibt eines klar: Dienen bedeutet für die Anderen
dazusein.
Dienen heißt sich einzusetzen für das Wohl der Anderen. Dienen hat
mit Hingabe zu tun um Gottes willen.
Der bayrische Pfarrer Wilhelm Löhe sagte: "Was will ich? Dienen
will ich! Wem will ich dienen? Dem Herrn in seinen Elenden und Armen! Und
was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank
und Liebe; mein Lohn ist, dass ich darf! Und wenn ich dabei umkomme?
"Komme ich um, so komme ich um" sprach Esther, die doch Ihn nicht
kannte, dem zuliebe ich umkäme und der mich doch nicht umkommen lässt! Und
wenn ich dabei alt werde? So wird mein Herz grünen wie ein Palmbaum (Ps
92), und der Herr wird mich sättigen mit Gnade und Erbarmen. Ich gehe in
Frieden und sorge nichts."
Das Dienen für Menschen hat seine Gefahren und Grenzen. Zu Recht sagen manche: "Schaut wohin es führen kann, wenn man zu sehr dient, wenn man zu sehr für die anderen da ist. Immer schön die Mitte halten. Nur nicht zuviel davon. Immer mit Maß und Ziel."
Aber wir sind nicht von Menschen als Knechte angestellt, sondern von
Jesus selbst. Wie ich im ersten Teil erklärt habe, hat Jesus zuerst den
vollkommenen Knecht für uns gemacht und weiß daher, was er erwarten und
verlangen kann.
Er hat uns zum Dienst berufen. Und zwar ganz und gar. Mit allen Kräften,
mit allem Vermögen. Und wer dies tut, darf es freudig tun. Nicht weil er es
muss. Denn er hat mich ans Werk gestellt. Ich darf Gott und
meinem Nächsten dienen.
In allem, was wir tun, dürfen wir Gott dienen. Im Arbeiten und lernen, in
der Hausarbeit und beim Kochen, in der Gemeinde und in der Freizeit. Alles
darf unter diesem großen Vorzeichen stehen: Ich bin zum Dienst gerufen.
Vielleicht ist es ein neuer Gedanke wenn wir unsere Familie einmal als
Gemeinschaft der Dienenden verstehen. Als eine Gemeinschaft in der einer
für den andern da ist. In der jeder seinen Beitrag leistet und jeder tut,
was dem anderen dient. Darin erfüllen wir Gottes Gebot an uns, dass wir
einander dienen. Ein jeder an dem Ort an den ihn Gott gestellt hat. Und dass
auch meine Arbeitsstelle nicht ein bloßer Job ist, den ich abhaken muss,
weil er mir am Ende des Monats Geld bringt. Es ist auch ein Dienst und wenn
es nur ein Dienst an meiner Familie ist. Und wer sagt denn, dass in der
Schule nur der Lehrer den Schülern dienen muss als Prellbock oder als
Lexikon. Ist es nicht vielmehr so, dass auch die Schüler den Lehrern dienen
können. Dienen zur Freude?
Wir befinden uns in bester Gesellschaft. Denn Christus war sich auch nicht
zu schade, für nichts, für gar nichts. Es geht um ganzen Einsatz dabei.
Und nun stellt sich die Frage, mit der ich den dritten Abschnitt überschrieben habe:
Jesus sagt: "Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren."
Das ist eine ungewohnte Tonart. Jesus sagt uns: Ihr seid unnütze
Knechte. Das klingt in unseren Ohren gar nicht fein. Aber da hat ein
Theologe entdeckt, dass das griechische Wort, das Luther mit
"unnütz" (also faul, unzuverlässig) übersetzte, eigentlich
"armselig" bedeutet. Das klingt schon besser: "Wir sind
armselige Knechte."
In er Wuppertaler steht: "Ihr seid entbehrliche Knechte". Schon
mancher hat gedacht, er sei an seiner Arbeitsstelle unentbehrlich,
unersetzbar. Und hat dann nach einer Kündigung feststellen müssen, dass
seine Arbeit von einem anderen getan wird. Auch wird sind für Jesus
entbehrlich. Wenn wir den Dienst nicht tun, an den er uns stellt, dann
findet er einen anderen dafür. Gott wird seine Pläne durchführen, ob mit
oder ohne uns.
Jesus spricht davon, dass es unser Auftrag ist zu dienen und daß wir
nicht nach Verdienst, Leistung, Anerkennung und Orden zu schielen haben.
Paulus sagt in 1. Kor 9, 16: Denn wenn ich das Evangelium verkündige, so
habe ich keinen Ruhm, denn ein Zwang liegt auf mir; denn wehe mir, wenn ich
das Evangelium nicht verkündigte!
Vielleicht ist es so wie bei Friedrich dem Großen. Es wurde eine Eingabe
an ihn gemacht, einen besonders verdienten Beamten aus einer Provinz zu
ehren. Schließlich habe er dem Volk lange und treu gedient. Die
Randbemerkung Friedrichs fiel recht knapp und ärgerlich aus: "Sage er
dem Kerl, dass es seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit sei."
Nun gut. Verdammt ist die Pflicht und Schuldigkeit sicher nicht. Sie ist
eher selig zu nennen. Auch wenn sie uns nicht selig macht. Es ist auch
weniger eine Pflicht, sondern vielmehr ein Auftrag, den wir zu hören haben
und den wir zu tun haben. Es geht hier um Bescheidenheit und Demut.
Wir sollten beachten, dass nicht Jesus oder der Herr im Gleichnis die
Knechte als wertlos beurteilt, sondern dass diese Worte ein Selbstbekenntnis
der Knechte sein sollen: Wenn ihr alles getan habt, dann sagt: "Unnütze
Knechte waren wir. Denn wir haben nur getan, was du uns aufgetragen
hast."
Jesus nennt die Jünger sonst seine Freunde. Aber sie sollen trotzdem
nicht ihren Stand zu ihm vergessen. Sie dürfen sich Jesus gegenüber nie so
benehmen, wie gegeneinander. Sie müssen trotzdem in der demütigen Haltung
eines Knechts bleiben, der nichts zu fordern hat.
Denn auch wenn wir uns abarbeiten, wenn wir uns aufbrauchen in dieser
Arbeit: Am Ende ist das Ziel damit nicht zu erreichen. Und wer dient um
damit die Seligkeit zu erreichen, muss daran scheitern. Mit diesem Satz will
Jesus jedem Wahn von Verdienst und Leistung vorbeugen. Alles ist nur
Gnade!
Ist Gott also einem Hundebesitzer, der seinen Windhund in der Rennbahn
dem rasenden Karnickel hinter herrennen lässt, das der nie erreichen wird?
Nein. Gerade weil ich es nie erreichen werde, bin ich gelassen. Gerade, weil
ich es nie schaffen werde, diene ich um so freudiger. Ich werde und kann mir
damit nichts verdienen. Ich kann damit nichts bei Gott erreichen.
Ich bin schon restlos geliebt. Er ist schon ganz und gar bei mir. Wir sind
schon restlos geliebt und angenommen. Wir sind schon seine Geliebten. Und
was wir tun ist nicht Leistung und Verdienst. Nicht die harte Fron im
Weinberg des Herrn, sondern durch und durch Dankbarkeit, dass wir zu seinem
Haus gehören, dass er sich an unserer Seite abarbeitet. Dazu hat er uns in
die Welt gesetzt.
Es ist eine Ehre, für Gott und an seinem Reich Dienst zu tun. Und wir sind
gefordert, weil wir Gottes Hausgenossen sind.