Sollte jeder Jugendliche, der die Chance dazu hat, ein Jahr im Ausland verbringen?
Das ist eine gewiß nicht ganz einfache Frage, vor allem deshalb, weil es keine Pauschalantwort gibt. Jeder Jugendliche ist (wie andere Menschen auch) ein Individuum mit eigenen Rahmenbedingungen. Jedes Leben ist anders. Nicht nur, daß vielleicht der eine sich gar nicht für ein Leben im Ausland interessiert, oder der andere sich vor der Trennung von Familie und Freunden fürchtet. Nicht nur, daß man häufig auf gewohnten Komfort oder bestimmte Hobbies verzichten muß - nein, zu allem Überfluß kostet ja so ein Jahr auch noch 'ne ganze Menge. Und zwar fallen nicht nur die regulären Programmkosten an, sondern auch noch ganz individuelle Nebenkosten. Wer weiß denn schon vorher, ob er vielleicht im Ausland die Chance hat, an einer Klassenfahrt teilzunehmen, ob er ein neues (eventuell teures) Hobby entdeckt, oder wie viel die 'lebensnotwendigen Dinge' wirklich kosten...Mein Austauschjahr in Białystok (Polen)Die oben genannten Fragen haben meine Eltern und ich uns auch gestellt. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns dann aber für ein Austauschjahr entschieden. Mit Youth For Understanding ging es also im Jahr 2000/2001 nach Białystok in Polen. Nachdem alle Formulare ausgefüllt waren, die Vorbereitungstagung hinter mir lag, das zehnte Schuljahr mit ziemlich guten Noten abgeschlossen war, ich 16 geworden war, Abschied gefeiert hatte und am Ende manchmal doch lieber zu Hause geblieben wäre, ging es am 5. August 2000 mit dem Zug nach Poznan. Dort ließen wir sechs deutschen und die eine belgische Polenfahrerin einen anstrengenden, aber auch interessanten und sehr wichtigen dreiwöchigen Sprachkurs über uns ergehen. Am schwierigsten war das zweifellos für die Belgierin Sonia, denn der Sprachkurs wurde auf deutsch abgehalten - und das sprach sie nicht. Unsere Lehrerin konnte kein Französisch und nur wenig Englisch, aber alle versuchten, Sonia zu helfen, wo es nur ging. Nach diesen drei Wochen ging es dann weiter Richtung Bialystok, wo Friedemann und ich in Gastfamilien leben und zur Schule gehen sollten. Es begann ein abenteuerliches Jahr mit Höhen und Tiefen, einer wunderbaren Schulklasse, einer sehr lieben Familie und einer - im Nachhinein betrachtet - nicht ganz so lieben, aus der ich dann wegen verschiedener Konflikte herausgewechselt bin. Nicht vergessen werden dürfen natürlich auch die Seminare meiner Austauschorganisation YFU, durch die ich die Städte Gdansk (Danzig) und Kraków (Krakau) kennen gelernt habe und die mich auch persönlich weiter brachten, denn dort konnte ich über meine Probleme sprechen oder einfach nur mit den anderen Austauschschülern quatschen.Alle Einzelheiten kann und will ich hier im Moment nicht beschreiben, vielleicht wird es nach und nach mehr. Nur noch eines: Am Ende des Jahres kam der natürlich traurige Abschied und das fünftägiges Young European Seminar (YES) in Tschechien, bei dem sich alle europäischen YFU-Schüler trafen, die ihr Jahr in einem anderen europäischen Land verbracht haben. Das war noch einmal eine ganz wunderbare Erfahrung zum Abschluss, und von mir aus hätte das YES noch gut zwei, drei Wochen länger dauern können.
Was von meinem Austauschjahr geblieben ist? Nicht nur, dass noch einzelne Kontakte zu Freunden in Polen existieren, nicht nur, dass ich ein immer noch nicht fertiges Fotoalbum hier liegen habe, nicht nur, dass ich jetzt Polnisch spreche. Nein, ich bin auch selbständiger und selbstbewusster geworden, interessiere mich noch mehr als vorher für Europa und seine verschiedenen Völker, lebe bewusster - und ich werde in Frankfurt an der Oder, direkt an der polnischen Grenze, Jura studieren, mit Schwerpunkt internationales Recht ... Dort werde ich meine Sprachkenntnisse (Englisch, Französisch und Polnisch) vertiefen, und sicherlich wird auf diese Weise mein Austauschjahr mein ganzes weiteres Leben beeinflussen. Und das ist auch gut so.
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| © by Cornelia Klaebe 2001, 2003-2005 |