ARD | ARD Erlebnisberichte
03-09-14
12:11:32
  Heiße Füße
Paris-Brest-Paris 2003 (18.8.2003–22.8.2003)
4.01
Von Burkhard Sielaff
 
Wir hatten nur leichte Schwierigkeiten die richtige Abfahrt von der Autobahn zu finden, ansonsten verlief die Anreise mit dem Auto von Hamburg problemlos. 950 km in etwa 9 Stunden und das Radio voller Staumeldungen. Wir hatten unseren Stau bei der Anmeldung vor dem Campingplatz.

Der Platz liegt nur ca. 3 km vom Start entfernt, und ist zumindest bei trockenem Wetter, die ideale Übernachtungsmöglichkeit für Paris-Brest-Paris. Ich denke, etwa die Hälfte der auswärtigen Teilnehmer findet sich hier auf dem Platz. Vor uns in der Autoschlange steht Bernd aus Lüneburg mit seinem Golf. Wer schon untergekommen ist, erledigt seine Besorgungen mit dem Rad. Am Tresen trifft man noch jemanden, den man 4 Jahre nicht mehr gesehen hat. Es dauert ein wenig, ein Auto und 3 kleine Zelte. Ich glaube wenn ich ein Zelt mit 3 Mann angemeldet hätte, wäre es schneller gegangen. Wir sind drin und irgendwie interessiert es mich auch nicht mehr, was die Handwerker zu Hause treiben, die nicht rechtzeitig fertig wurden und denen ich einen Haustürschlüssel überlassen habe.

Wir bauen unsere Zelte auf, kucken bei Heino vorbei und fahren dann ins Zentrum von Montigny. Jens (Tatoo-Jens) aus Kiel hat sich uns angeschlossen. Es geht zum Italiener. Gar nicht so gut, dass man jetzt nach dem Euro nichts umrechnen muss. Die Preise schmerzen jedenfalls etwas.

Sonntag stehen noch einige Pflichttermine auf dem Programm. Das Rad muss vorgeführt werden (Beleuchtungskontrolle), dann bekommt man seine Startunterlagen (Magnetkarte/Kontrollbuch). Anschließend ist noch ein Fototermin für alle deutschen Teilnehmer vorgesehen. Nach dem Ärger, den unser Audax-Club Schleswig-Holstein mit der deutschen ARA hat, wollte ich mich davor eigentlich drücken. Heino drängt aber ein wenig auf die Teilnahme und auch ich bin da. Abseits dieser Probleme freue ich mich aber, den einen oder anderen wieder zu treffen.

In diesem Jahr sind über 200 deutsche Starter angemeldet, und keiner kennt mehr jeden. Es ist jedenfalls schwierig, alle aufs Foto zu bekommen.

Immer nur italienisch ist auch nicht das Wahre. Aber die Suche nach einem französischen Gasthof verläuft etwas chaotisch. Wir fahren durch den nahegelegen Park, auf den Wiesen vergnügen sich die zugezogenen Franzosen (auf deutsch würde man wohl Asylbewerber sagen) beim Grillen. Unsere Fahrt führt dann auch durch Stadtgebiete, die erklären, warum der Park so voll ist. Jens findet den gesichteten Gasthof nicht und wir fahren zurück ins Zentrum und essen mexikanisch (auch nicht billig).

Merkwürdige Geräusche auf dem Zeltdach, es regnet. Ich stehe auf und packe eine Plane über unsere Räder, aber eigentlich sind sie schon nass. Es regnet ergiebig und ich habe leichte Feuchtigkeitseinbrüche in mein Zelt. Aber die Natur braucht den Regen. In der Samstags-Welt stand auch ein Artikel über Hitzetote in Frankreich und dass die Beerdigungsunternehmen gar nicht nachkommen. Regen ist gut!

Am nächsten morgen ist es wieder trocken , wenn auch leicht schwül. Wir treffen uns bei Heino am Wohnmobil. Der Regen hat die ausgefahrene Markise dahingerafft. Den Rest des Tages verbringe ich mit rumdösen im Zelt, Mittag am Campingplatzkiosk und wieder rumdösen. Wer hat sich nur den Starttermin Montag Abend ab 20:00 Uhr ausgedacht? Ivo hat mir erklärt, dass dies schon lange so sei und dass sich das aufgrund der Verkehrssituation bewährt hat. Aus Teilnehmersicht ist trotzdem etwas nervig.

Vor dem Start gibt es noch das vorbestellte Essen, dann den Startstempel in der Turnhalle, die lange Wartezeit auf den Sportplatz und irgendwann geht es mit der zweiten Startgruppe (20:15 Uhr) wirklich los!



Es geht los, wie Radfahrer so im Pulk starten. Flott, wenn auch zunächst nicht als zu hektisch. Man passt auf dass keine Lücken entstehen und sieht zu, dass man irgendwie dranbleibt. Irgendwann kommen dann die ersten Hügel, bergab ist mein Roberts mit Packtaschen nicht gerade das Stabilste, außerdem ist es nicht gerade langsam. Auf der Straße ein blutender Radfahrer (so richtig schlimm sah es nicht aus) Klaus Heine und Jens sind jedenfalls erst mal weg. Ich hänge mich in die Gruppe ein und bleibe erst mal auf der Position. Dann wird es auch langsam dunkel. Es rollt gut durch die Nacht. Der erste Haltepunkt steht nach 141 km (in Wirklichkeit, zumindest nach meinem Tacho, gut 5 km mehr) auf dem Streckenplan. Zu weit für mich mit zwei Trinkflaschen, die dritte steckt dummerweise in der Packtasche. Die letzten Kilometer nach Mortagne fahre ich alleine.

In Mortagne treffe ich Michael Wiegand, aber Klaus und Jens sind schon weg. Stempeln (In Mortagne auf dem Hinweg noch nicht), Toilette, Essen, Trinken und weiterfahren ist die Routine an den Kontrollstellen. Bis auf das Flüssigkeitsproblem auf dem ersten Teilstück hatte ich keinen wirklichen Bedarf für Verpflegung zwischendurch. Meine Kekse für den Notfall habe ich jedenfalls in der Packtasche von Paris über Brest wieder zurück nach Paris transportiert.

Bis Fougeres (km 308) bin ich alleine unterwegs, d.h. wenn es sich ergibt hänge ich mich auch an kleinere Gruppen ohne großartig aktiv zu werden. Auf einem Teilstück fahre ich zusammen mit einem Franzosen das Loch zur Gruppe voraus zu. Wir reden nicht, aber er scheint mit mir zufrieden zu sein.

In Fougeres treffe ich Jens Möller und Siggi. Ich will essen und die beiden wollen los. Jens will in Carhaix-Plouguer (km 529) wie ich schlafen. Er will ein wenig länger schlafen um dann den Rest der Strecke mit mir gemeinsam zurückzulegen . Schon in Tinteniac (km 366) treffe ich ihn wieder, Siggi fährt ihm die Berge zu sportlich hoch.

Wir (ich fahre den Rest bis Paris jetzt mit Jens zusammen) fahren gemeinsam unser Tempo, Gruppen bilden sich nur gelegentlich. Hin und wieder hat man mal eine Mitfahrer. Kurz vor Loudeac gibt es eine Cola und Kekse am Straßenrand. Die beiden Frauen mit Ihren Kindern sprechen sogar deutsch! So ein Halt lohnt sich doch, auch wenn Jens und der Italiener jetzt erst mal weg sind. In dieser Gegend gibt es übrigens viele Stände, vor allem von Kindern, die uns Radfahrern Getränke anbieten. Man kann leider nicht überall anhalten.

Gegen 20:00 Uhr erreichen wir Carhaix. Ich gönne mir ein zweites Bier nach dem Duschen, bevor ich mich auf die Liege in der Turnhalle begebe. Die Turnhalle ist noch fast leer.



Um 1:00 Uhr werden wir geweckt Es dauert ein wenig bis man sich findet, dann noch Frühstücken und schon ist wieder eine Stunde weg, ehe wir uns auf den Weg nach Brest (km 615) machen. Kurz vor Brest wird der höchste Punkt der Tour , der Roc Trevezel (371 m nach Karte) überfahren. Oben steht ein Sendemast, den man besonders in der Nacht sehr gut sieht. Wenn man oben ist, denkt man, Brest ist nicht mehr weit, aber es zieht sich noch ein ganzes Stück. Vor der Kontrolle muss man dann bereits in Brest einen dieser mittellangen Anstiege hochfahren, von denen es bei PBP unzählige gibt. Es ist kurz vor 6:00 Uhr und noch dunkel, als wir eintreffen. Michael Wiegand ist bereits da.

In Brest halten wir uns nicht lange auf. Wir genießen den Sonnenaufgang über dem Fluss bei Landernau. Deshalb fährt man PBP! In Sizun halten wir und trinken ein Kaffee.

Nach Sizun geht es wieder über den ROC Trevezel. Zahlreiche Gruppen kommen uns entgegen. Wir haben die Sonne von vorne, die Brille ist verschmiert, man erkannt kaum jemanden. Aber Heino kommt uns entgegen und kaum 10 Minuten später auch Claus Czycholl.

Oben wartet Jens auf mich und bald darauf überquert auch Karl Weimann den Berg Richtung Brest.

Zwischen Loudeac (km 773) und Tinteniac (km 859) treffen wir auf Ian, einem Schotten. Die Leute die er im Windschatten hatte sind bald abgehängt und wir machen ordentlich Fahrt. So nach 60 Kilometern bitte ich um eine etwas ruhigere Gangart. Die beiden anderen sind zum Glück nicht richtig abgeneigt. Diese Etappe hat richtig Spaß gemacht.

Wir wollen in Fougeres (km 910) übernachten. Auf einmal läuft es bei mir, mit Jens im Windschatten fahre ich immer deutlich über 35 km/h. Wo kommt das auf einmal her! Gegen 22:00 Uhr sind wir in Fougeres . Duschen , Bier und Übernachtung in einem Klassenraum. Wir lassen uns um 2:00 Uhr wecken. Rainer Maßen den wir immer wieder treffen, berichtet, man hätte ihm während des Schlafes die Decke geklaut. Ich habe mit Decke durchgeschlafen, bloß das Wecken war arg früh.

Bernd Wegner rollt vom Hof, als wir noch an unseren Rädern rumpacken. Nach einigen Kilometern haben wir ihn eingeholt. Er fährt zusammen mit Robert durch die Nacht. Roberts Unterrohr ist gebrochen, und wurde in einer Garagenwerkstatt mit 2 Flacheisen und einigen Bolzen geschient. Er ist damit bis Paris zurückgekommen.

Wir rollen gemächlich bis Villaines la Juhel (km 1.002). Robert hat es eilig und will gleich weiter. Er ist aus der 5:00 Uhr Startgruppe und hat uns jetzt schon 9:00 Stunden abgenommen (auf den letzten 200 km kommen aber nur noch 15 Minuten hinzu, trotz der ausgefallenen Pause). Bernd mit seinem gewaltigen Trainingspensum hat aufgrund der Startzeit auch schon 2 Stunden gewonnen. Im Moment wirkt er aber etwas angeschlagen und wir wollen erst mal zusammen weiter fahren.

In 70 Stunden wollen wir es schaffen, hatten wir verkündet. Langsam wurde die Zeit knapp und wir müssen uns beeilen. Noch ist es Möglich! Ich bin noch vergleichsweise gut drauf , und übernehme auf dem jetzt flacher werdenden Gelände einen Grossteil der Führungsarbeit. Wir haben leichten Gegenwind, es soll flott gehen, es sollen alle dranbleiben und die Kräfte sollen bis Paris reichen. Die Beine funktionieren auch noch überraschend gut. Aber die Füße! Ich habe Druckstellen und es fühlt sich richtig heiß an.



Von Nogent le Roi (km 1.167) sind es noch knapp 60 km bis zum Ziel . Wir haben 2,5 Stunden Zeit. Es gibt wieder einige Hügel, dann sind wir an der Stadtgrenze und Jens ist wieder zu Kräften gekommen. Ich habe Mühe zu folgen, es geht über Ampeln und durch dichten Verkehr. Meine Stempelzeit ist 18:13 und ein paar Sekunden. Gestartet sind wir um 20:15 Uhr. Wenn die Franzosen so rechnen wie ich, dann sind das 69:58 Stunden. Punktlandung.

Anja, die Lebensgefährtin von Bernd begrüßt uns mit einer Rose. Schön das man so empfangen wird, auch wenn ich damit nicht so recht was anzufangen weiß.

Gegen 20:00 Uhr sind wir wieder auf dem Campingplatz. Rad ins Auto und Duschen, danach gibt es Abendbrot bei Anja. So schnell gehen ca. 1.250 Kilometer (Nach Plan 1.225 km ) vorbei.

Um 23:00 Uhr liege ich in meinem Zelt und nach einiger Zeit weckt mich Jürgen. Leif soll gestürzt sein und wie er mit Nachnamen heißt. Ich brauche einige Zeit bis ich auf „Tretbar“ komme und wieder einschlafe.

In der Nacht sind dann auch nach und nach alle Kollegen, insbesondere Benno und Uwe eingetroffen. Ich erfahre das Leif zwar in ambulanter Behandlung war, aber dann weitergefahren ist. John Omlo, der niederländische Organisator unserer Qualifikationsbrevets hatte Glück im Unglück. Sein Gabelrohr ist gebrochen, aber er hat es rechtzeitig gemerkt.

Benno muss Samstag Geburtstag feiern und auch ich will nach Hause. Wir Frühstücken noch gemeinsam bei Anja und Bernd und um 11:00 Uhr rollen wir vom Campingplatz. Kurz nach 21:00 Uhr sind wir bei Benno zu Hause. Benno: „Es war toll“ Maria: „Ehe Du jetzt weiter erzählst: In der nächsten Woche muss der Garten gemacht werden!“. So werden Helden empfangen.

© Copyright 2003, Burkhard Sielaff

PS: Die im Original-Bericht von Burkhard vorgestellten Ergebnisse gibt es als komplette Liste, sobald der Audax-Club-Parisien diese im Internet veröffentlicht hat.
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