Gedankensplitter

Radwanderer = Jeder für jeden.
Radtouristikfahrer = Jeder wie er kann.
Rennfahrer = Jeder gegen jeden.
Marathonfahrer = Jeder gegen sich selbst.
|
PARIS-BREST-PARIS
21.25.8.1995
 |
Ein großartiges Fahrradspektakel rollt in St. Quentin in der Nähe von Paris ab. Da ich mich in diesem Jahr für diesen Fahrradmarathon qualifiziert habe, darf ich auch daran teilnehmen. Am Sonntag, 21. August 1995, bin ich wie die anderen auch zur Fahrzeugkontrolle geladen und erhalte meine Startpapiere. Am Montag, 22. August, abends um 22:00 Uhr stehe ich inmitten vieler, vieler Starter und kann genauso wie sie kaum den Startschuß abwarten. Bei milder Temperatur, Windstille und sternklarem Himmel jage ich zwischen Massen von stark motivierten Fahrradfahrern und den am Straßenrand stehenden und Beifall klatschenden Zuschauern in die dunkle Nacht hinaus, dorthin, wo keine Straßenlaternen mehr die Fahrbahn erhellen. Das anfangs noch wellige Gelände steigt langsam an. Es gibt laufend herrliche Abfahrten, und mit diesem Schwung sause ich auch wieder jedesmal ein ganzes Stück den nächsten Anstieg hoch. Wie eine lange leuchtende Glühwürmchenschlange bewegt sich vor mir bis weit vorne eine rote Rücklichterkette durch die Dunkelheit. Allein daran erkenne ich mit einem Blick, wie die Straßenführung vor mir verläuft. Der Fahrtwind sirrt in den Speichen der mich überholenden Räder. Herrlich ist es. Je weiter ich mich von Paris entferne, desto höher werden die Ab- und Auffahrten der Berge, die ich überrolle. Grillen erfüllen zeitweilig die Nacht mit ihrem zarten Zirpen. Ein Genuß ist es, mit meinem kleinen Rennrad durch die schlafende französische Landschaft zu sausen. Während dieses ganzen Rennens liegen an unserer zu befahrenden Straße verteilt Cafés und Restaurants, die während der ganzen Nachtzeit geöffnet haben, damit wir dort essen, trinken oder auch kurz schlafen können. Am nächsten Tag bricht erst gegen 6:00 Uhr die Morgendämmerung durch. Und eine ganz kurze Zeitspanne braucht es nur, um die Natur um mich herum in helles Licht zu tauchen. Mit der Dunkelheit verschwindet meine einsetzende Müdigkeit. Bald erreichen mich die ersten Sonnenstrahlen. Unmengen von Radfahrern überholen mich weiter. Eigentlich befinde ich mich nie allein auf Frankreichs Straßen. Hin und wieder durchradele ich kleinere Orte, selten größere. Die Streckenführung ist sauber durchdacht. Der große Autoverkehr rollt weit ab dieser Landstraßen. Über Tag brennt die Sonne vom strahlend blauen Himmel auf die Erde. Ist es Gegenwind oder Fahrtwind, der angenehm mein Gesicht streichelt? Mein Sturzhelm schützt meinen Kopf vor der sengenden Hitze. Meine Beine kurbeln unermüdlich im Takt. Ich bin mit meinem Fahrrad wie verschmolzen. Überall verstreut stehen oder sitzen Franzosen an der Straße und klatschen auch mir Beifall zu. Oft haben sie oder auch nur Kinder große Wasserflaschen bei sich stehen und reichen mir eine Flasche, um mich zu laben. Ihre Augen strahlen, wenn ich ordentlich viel trinke und mich herzlich bei ihnen bedanke. Die an der rechten Straßenseite angebrachten pinkfarbenen großen Pfeile weisen mir meine zu fahrende Richtung. Nachts muß ich genauer aufpassen, um sie nicht zu verpassen und damit die Richtung zu verlieren. In großen Abständen liegen die Kontrollstellen auf meiner Strecke von Paris bis Brest und wieder zurück verteilt. Es handelt sich um die Orte Mortagne (141), Villaines (220), Fougéres (303), Tinténiac (356), Loudéac (441), Carhaix 517) und Brest (604) und zurück Carhaix (681), Loudéac (758), Tinténiac (843), Fougéres (899), Villaines (980), Mortagne (1059), Nogent (1143) und St. Quentin [Paris] (1204). Da mir nur eine bestimmte Zeitspanne zur Verfügung steht, um dort jeweils einzutreffen, meine Papiere zum Abstempeln vorzulegen, um im Rennen zu bleiben, befinde ich mich in einem zügigen Tempo, das von den sich laufend wiederholenden Bergen mit ihren Auffahrten unterbrochen wird. Langsam gewöhne ich mich an diesen Rhythmus. Eine wunderschöne Landschaft darf ich durchradeln. Während der zweiten Nachtfahrt ich befinde mich auf der Strecke nach Loudéac komme ich in eine Gruppe fünf spanischer Fahrradfahrer aus dem Gebiet Catalunya. Als der eine dieser jungen Männer sagt, er habe einen dormire-break und anfängt, auf der Teerstraße Schlangenlinien zu fahren, verlassen uns die anderen. 26 km fahre ich hinter ihm her und passe auf, daß er immer in der Mitte der Fahrbahn auf der weißen durchbrochenen Leitlinie fährt und sich von Zeit zu Zeit sein Gesicht mit dem Wasser seiner Trinkflasche anfeuchtet. Der Nachtwind kühlt auf diese Weise sein Gesicht ab, so daß er wach bleibt. Auch singe ich ihm in Abständen ein lustiges Lied vor, über das er lacht, obgleich er nichts vom Text versteht und den Refrain lachend nachsingt. Er kann kein Deutsch und ich kein Spanisch. Aber einige Brocken Englisch versteht er. Diese 26 km werden auf diese Weise zeitlich sehr lang. Als die anderen Fahrradfahrer an der Kontrollstelle Loudéac schon wieder aufbrechen, um die nächste Kontrollstelle pünktlich zu erreichen, treffen wir erst in Loudéac ein und erzählen unser gut ausgegangenes Drama. So langsam komme ich in Zeitnot. Auch fehlt mir eine Mütze voll Schlaf. Ich bin totmüde. Kurzerhand gehe ich nochmals zur Kontrollstelle und erbitte mir eine halbe Stunde zusätzlicher Freizeit, um ein wenig schlafen zu können. Der Kontrolleur, der unser Ankommen mitbekommen hat, schreibt mir einen Entschuldigungszettel aus. Eine halbe Stunde später weckt mich ein junger Mann. Ungewaschen und ohne Frühstück muß ich aus Zeitnot weiter und folge zwei jungen Rennfahrern, um mit ihnen Richtung Brest wegzufahren. Nach vier Kilometern erkenne ich an der einen hohen Felsenwand zur linken Seite, daß ich hier auf der Fahrt nach Loudéac schon vorbeigekommen bin. Also handelt es sich bei den zwei Fahrradfahrern um welche, die schon in Brest waren und sich jetzt auf dem Weg zurück nach Paris befinden. Ganz frustriert halte ich an, drehe um und fahre so schnell ich kann zur Kontrollstelle zurück. Das sind also 8 km, die nicht hätten sein müssen. Hier warte ich kurz auf wieder einen Fahrer, der aus der Kontrollstelle kommt und frage ihn, in welche Richtung er will. Dieser sag: nach Brest. In seinen Schatten hänge ich mich, um auf diese Weise auf die richtige Spur gesetzt zu werden. Feuchter Nebel liegt stellenweise auf der Fahrbahn. Die Sicht verhält sich dementsprechend. Aber zum Glück liegen diese Nebelschwaden nur in den Tälern. Deshalb fahre ich auch vorsichtiger, um keinen Unfall zu erzeugen. In einer der ersten Täler steht mein junger Spanier mit seinem Fahrrad und begrüßt mich sehr freundlich und glücklich. Ich grüße nur zurück und sehe zu, möglichst schnell vor-anzukommen. Glücklicherweise schwindet die Nacht bald, da ich Loudéac erst gegen Morgen verlassen habe. Ein neuer herrlicher Tag bricht an. Fahrradfahrer in jeder Menge begleiten weiterhin meinen Weg. Aber alle ziehen an mir vorbei. Das bergige Profil hält an. In Carhaix habe ich das Gefühl, als würde ich mich auf See befinden, als würde sich der Erdboden um mich herum wellenförmig bewegen. Als ich hier zur Kontrolle gehe, steht mein Spanier mit zwei weiteren seiner Freunde und einer größeren blonden und jungen Frau vor der Eingangstür und klatscht in die Hände und ruft meinen Namen. Ich grüße nur freundlich hinüber. Nach einer Essenspause, die ich mir gönne, lege ich mich trotz der Zeitnot bei einer Masseurin auf die Pritsche und lasse mir meine brennenden Beine massieren. Von einer Berührung an meiner Schulter wache ich erst wieder auf. Die junge Frau sagt , daß ich sofort eingeschlafen sei und schüttelte unbegreiflich darüber ihren Kopf. In meinem Kopf dreht sich alles. Die Zeit drängt. Aber ich sehe ein, daß ich so nicht weiterfahren darf. Darum gehe ich zum Kontrolleur und schildere ihm meinen Fall. Er sieht sich meine Kontrollkarte an und liest den Brief seines Kollegen aus Loudéac durch und gibt sie seinem Kollegen mit dem roten Kreuz auf seinem weißen Kittel. Auch er liest sich alles durch. Daraufhin überzieht völliges Verständnis für mich sein Gesicht. Er verordnet mir eine Stunde Schlaf und schreibt mir noch eine Gutschrift über eine weitere Stunde aus und wünschte mir alles Gute. Bei einsetzendem Regen setze ich später meinen Weg nach Brest fort. Der warme Regen erfrischt mich so, als führe ich durch eine Dauerdusche. Aber nun gibt es erstmal den hohen Paß vor Brest zu überqueren. Der Regen versiegt, und die Sonne kommt gleich darauf durch die Wolken. Nur langsam ziehe ich mich die Dauersteigung hoch. Mir kommen aus der entgegengesetzten Richtung glückliche Fahrradfahrer in sausender Bergabfahrt entgegen, von denen mich einige freundlich grüßen. Auf dem Gipfel des Berges befindet sich eine Geheimkontrollstelle. Als ich meine Kontrollkarte vorlege, weiß der Kontrolleur überhaupt nicht, was er damit anfangen soll und dreht sie dauernd herum; denn meine eigentliche Zeit ist schon lange überschritten. Was er sagt, kann ich nicht verstehen. Aber ich begreife, was er meint und zeige ihm die Zeitentschuldigungsschreiben der beiden anderen Kollegen. Er liest sie mit großem Staunen durch, reicht mir die Hand und sagte zu mir wohl etwas sehr Freundliches, drückt seinen Stempel in meinen Paß und schreibt noch etwas mit der Hand daneben. Dann wünscht er mir auch eine bon chance. Von einer freundlichen Frau werde ich gerufen, die mich fragt, ob ich gut geschlafen habe und bekomme von ihr eine Schale heißen Milchkaffees gereicht, den ich unbedingt austrinken soll. Sie kann wenigstens Englisch sprechen. Auch sie wünscht mir eine glückliche Weiterfahrt und weg bin ich. Mein Weg führt mich hier oben auf dem fast baumfreien Berggipfel um die Bergkuppe herum. Als ich wieder auf die große Straße stoße, auf der der ganze Autoverkehr fließt, denke ich erst, dort sei ein Unfall passiert: Viele Autos stehen nämlich dort und die Insassen daneben. Fahrradfahrer sitzen und liegen auf der anderen Straßenseite im verdorrten Gras, während ihre Räder neben ihnen liegen. An der Kreuzung werde ich von einem Funktionär den hohen Paß hinuntergeschickt. Nun sehe ich, was los ist: Diese Menschenmenge ist eigens für unsere den Gipfel aus Richtung Brest heraufkämpfenden Fahrradfahrer gekommen, um ihnen für ihre grandiose Leistung Beifall zu spenden. Es sieht aus, als sei die Tour de France noch unterwegs. Dieses herrliche Erlebnis möchte ich auch bald haben und sause wie der Blitz den langen Paß hinunter. Aber die Strecke bis Brest hat es noch in sich. Und als ich die lang ersehnte Stadt endlich rechts neben mir unten im sonnigen Talkessel liegen sehe, bin ich von dem Anblick der besonderen und großen Brücke, die sich über den Fluß spannt, inmitten des rechts und links ansteigenden und mit Häusern bebauten Berges begeistert. Ich jage hinunter und über die Brücke. Vor mir fährt auch ein Pärchen unserer Rennfahrer. Aber wie bin ich enttäuscht, als ich auf der anderen Brückenseite noch mehrere Kilometer ziemlich steil immer weiter bergauf fahren muß, ehe ich endlich die heiß ersehnte Kontrollstelle erreiche. 18:15 Uhr zeigt die Uhr. Die Sonne scheint, als sei das alles normal. Aber ich bin völlig platt und geschafft. Dieser letzte lange Berg in Brest hat mir den Rest gegeben. Zeitlich hätte ich auch nicht mehr die nächste Kontrollstelle auf der Rückfahrt Richtung Paris geschafft. So lasse ich meinen Verstand walten, der mir sagt, hier in Brest diese wunderschöne und starke Fahrradtour nach 625 km abzubrechen und per Eisenbahn über Nacht im Liegewagen nach Paris mitsamt meinem kleinen Rennrad zurückzufahren. Gesagt, getan. Hier in Brest habe ich nach meiner gefällten Entscheidung noch eine halbe Stunde Zeit. Zwischen Duschen, Massieren und Essen kann ich wählen. Ich wähle das Essen und bekomme noch ein sehr gutes und umfangreiches Abendessen und werde mit noch einer jungen kanadischen Frau und zwei älteren kanadischen Männern unserer Fahrradfahrer, die hier auch die Tour abbrechen, in einem Minibus samt Fahrrädern zum Bahnhof gefahren. Während unsere verpackten Räder zwischen unseren Liegebetten stehen, fahren wir schlafend und entspannt durch die Nacht nach Paris.

Mit einer so schweren Geländestrecke habe ich nicht gerechnet. Es war meine schwerste, aufregendste und schönste Marathonfahrt. Mein Training hat lange nicht ausgereicht. Mein Fahrrad hätte eine andere Übersetzung haben müssen. Mein Gepäck war viel zu schwer und fast überflüssig. Die großen Pausen hätten jeweils mindestens auf zwanzig Minuten verkürzt werden müssen. Aber vielleicht komme ich in vier Jahren wieder hierher zurück, um dann die ganze Strecke in der richtigen Zeit unter meine Räder zu nehmen. Ob mich dann Karl begleitet? Das wäre meine Erfolgsgarantie! Bitte!!!

© Copyright 1995, Hermine Stampa-Rabe |