ARD | ARD Erlebnisberichte
02-04-01
20:10:12
  Millenniums-Brevet 2000, Schweden
Aus dem Reisetagebuch
4.01
Von Harald Ophüls
1. Tag
2. Tag
3. Tag
4. Tag
5. Tag
6. Tag
 

1. Tag
Ich nehme mit dem Fahrrad die Fähre von Helsingör nach Helsingborg um 3:00 Uhr. Auf dem Weg zum Start verfahre ich mich, von der HH-Fähre aus trifft die Wegbeschreibung nicht zu. Ich komme aber gerade noch rechtzeitig am Start an.

Start um 4:10 Uhr mit Rüdiger, 6 Dänen und die Engländer 70 und 74 Jahre alt sind schon weg.

Gleich am Anfang in Helsingborg und kurz darauf außerhalb verfahren wir uns um 12 km, wenn das so weitergeht! Wir überholen aber bald die Engländer und die 6 Dänen.

Den ersten Verpflegungspunkt bei km 84 verpassen wir, treffen aber bald eins der Begleitautos.

Erster Kontrollpunkt, Tankstelle in Värnamo bei km 170. Die Dänen sind wieder vor uns abgefahren. Jetzt zeigt Schweden sein wahres Gesicht, die Straße führt nur noch auf und ab. Wir überholen die Dänen wieder. Das Gelände wird immer schwerer, wir kommen kaum noch vorwärts. Rüdiger schwebt die Hügel nur so hoch, ich überhole ihn abwärts wieder. Wir machen zu wenig Essenspausen. Es gibt kaum Möglichkeiten sich zu verpflegen. Ich mache langsam schlapp — Hungerast, oder Rüdiger ist zu stark für mich. Wir retten uns vor einem Schauer in ein Nobelrestaurant. Das Personal weiß nicht so recht, wie es uns behandeln soll. Wir bekommen einen Tisch neben einer Konfirmationsfeier. Auf der Tageskarte gab es „Alte Eier in Vanillesauce“ für umgerechnet 90 DM (ca. 46 EUR). Wir holen uns Kaffee und Plätzchen und machen uns nach dem Schauer wieder auf den Weg. Sich in Schweden gut zu verpflegen ist wirklich ein Problem!

Bald kommt endlich eine kleine Pizzeria in der auch die Dänen bald eintreffen.

Abends wird es flacher und wir bolzen noch mal Kilometer auf schönen Straßen. Es gibt noch ein paar Schwierigkeiten mit der Wegbeschreibung. Rüdiger ist unglaublich stark und schleppt mich die ganze Zeit. Zum Schluß wird die Straße wieder extrem kurvig und hügelig. Wir sind die ersten um 21:30 Uhr im Regna Wandrarhem (Jugendherberge), aber niemand erwartet uns. Später kommen die 6 Dänen, irgendwann die anderen Gruppen, unsere Taschen bekommen wir erst fast 2 Stunden später.

Fahrtstrecke: 448 km in 17,2 Stunden, 15 Stunden auf dem Rad. Ein Schnitt von fast 30 km/h bei nur 2 Stunden Pause in diesem Gelände! Wir sind zufrieden.

2. Tag
Alle fahren Punkt 8:00 Uhr geschlossen von der Jugendherberge aus ab. Eine Dänin ist bereits ausgestiegen und fährt im Begleitbus mit. Die Dänen zeigen sich bereits etwas genervt von dem individualistischen Fahrstil der Deutschen. Die kleinen Hügel werden hochgedrückt, bergab aber die Füße hochgelegt. Ich fahre oft links aus dem Windschatten hinaus, um nicht ständig bremsen zu müssen, rolle dabei oft ohne zu treten an der Gruppe vorbei.

An der Kontrolle in Enköpping bei km 588 lassen die Dänen uns einfach stehen. Fahren wir ihnen zu chaotisch oder klüngeln wir zu lange an den Kontrollen herum? So fahren wir als deutsche Gruppe alleine weiter. Nachmittags erwischt uns eine Kaltfront mit starken, lang anhaltenden Schauern. Auf den letzten Kilometern schwinden bei etwas Gegenwind einigen Teilnehmern die Kräfte. Nach der Ankunft in Sandviken Wandrarhem nach ca. 320 km gehen wir noch in eine Pizzeria. Peter moniert bei Johannes das chaotische Verhalten der Dänen, Johannes kontert mit der Disziplinlosigkeit der Deutschen.

3. Tag

Nach der gemeinsamen Abfahrt bei kräftigem Gegenwind und zunehmend bergigem Gelände fahren die Dänen, die wohl diszipliniert in Zweierreihe fahren wollen, immer nervöser und drängliger. An der Kontrolle in Bollnäs bei km 814 lassen die Dänen die deutsche Gruppe, die etwas länger pausieren will, wieder stehen.

Ich bolze alleine hinterher und schließe mich alleine den Dänen an. Die Dänen fahren diszipliniert in Zweierreihe, was sich bei dem stürmischen Gegenwind auszahlt. Fallen langsamere an Bergen aus der Gruppe heraus, wird gewartet. An der Kontrolle in Rättvik bei km 944 erkundigten sich die Dänen, wie weit die Deutschen zurück liegen (1–1,5 Std.). Als dann die Gruppe kurz darauf überraschend mit Ulrike eintraf, hatten es die Dänen plötzlich eilig. Ich schloß mich wieder an. Jetzt wurde wesentlich schneller gefahren. Das bergige Gelände wurde zum Schluß dieser Etappe flacher. Wir überholten Michael, der gegen den Sturm aufgegeben hatte und 80 km mit dem Taxi zurückgelegt hatte. Zur 6'ten Kontrolle in Mora wurden wir vom Begleitfahrzeug eskortiert. Ich bekam Probleme mit meinem linken Knie, was mich aber nicht daran hinderte noch ein paar Bergsprints mitzufahren. Der Sturm flaute ab.

Wir erreichten Järna Wandrarhem als erste Gruppe. Die Hälfte war geschafft.


4. Tag

Die dänische Gruppe ist gleich morgens alleine losgerauscht. Wir folgen mit einem kleinen Rückstand und treffen sie an der 8'ten Kontrolle in Borlänge wieder. Die Berge werden immer höher. Die Schmerzen im Knie nehmen zu und ich muß mich an den Steigungen zurückfallen lassen. Auch Ulrike kommt nicht mehr mit. In Koppaberg liegt unsere Gruppe auf dem Rasen und ruht in der warmen Sonne aus. Als alle endlich weiter wollen und sich das aber immer wieder verzögert, starte ich vor den anderen, um die Steigungen langsamer nehmen zu können. Von da an fahre ich alleine und komme gut vorwärts, aber in Forshaga, Karlstadt und Kio verfahre ich mich dauernd, frage Passanten. 8 km vor der Unterkunft suche ich die Jugendherberge vergeblich im falschen Ort. Als ich auf die Hauptstraße zurückkehre treffe ich die anderen wieder. Im Wandrarhem Edane, km 1.408, gibt es ein warmes Abendessen.


5. Tag

Mein Knie macht weiter Schwierigkeiten und ich lasse die anderen fahren um meinen eigenen Rhythmus zu finden. Eine Weile fahre ich mit Johannes Kristiansen dem Organisator, der sich mit einigen weniger schnellen Dänen zusammengetan hatte. Ich erfuhr, daß schon 5 Teilnehmer aufgegeben hatten. Wir holen einige Deutsche ein und halten bei einer Elchkuh, die sich knapp 10 Meter von der Straße weder von haltenden Radlern noch von Autofahrern stören ließ. Nach dem Zwischenstopp mußte ich die Gruppe in dem hügeligen Gelände wieder ziehen lassen. Eine Weile fahre ich wieder alleine. Ich überhole die Gruppe, die herumsteht und über die Route rätselt, oder auf Ulrike wartet erneut und fahre alleine zur nächsten Kontrolle nach Vänersborg, wo ich die Dänen wiedertreffe. Hier gibt es ein wirklich Randonneurmäßiges Menü. Auch Martin, der ständig allein fährt trifft bald ein und wir beschließen zusammen weiterzufahren. Wir fahren flott und entspannt und kommen bei Rückenwind gut vorwärts. Irgendwann überholt uns Rüdiger am Berg mit einem Affenzahn. Er hatte Bier und mehrere Marsriegel getankt und verfolgte nun die Spitzengruppe der Dänen (die langsameren hatten sich zu einer eigenen Gruppe formiert), die er auch überholte und nach einer Pause ein zweites Mal an ihnen vorbeifuhr. Stig, der schnellste Däne, nahm die Verfolgung auf und lieferte sich mit Rüdiger ein handfestes Rennen. Erst als Stig die Kette absprang, pausierten beide und fuhren gemeinsam zum Tagesziel. Borås Wandrarhem bei km 1.743. Inzwischen fuhren Martin und ich ruhig dem Ziel entgegen. Nach einer flachen Strecke am Nachmittag verhinderten steile, hohe Rampen, die sich endlos aneinanderreihten, ein zügiges Vorwärtskommen. Die letzten Kilometer fuhren wir bewußt locker als Regeneration für den letzten Tag. Wir trafen als drittes Team nach den schnellen Dänen ein.


6. Tag

Am letzten Tag wurde bereits um 7:00 Uhr gestartet, das Abschiedsbuffet in Helsingör wartete!

Bereits die erste lange Steigung aus Boras heraus zersplitterte das Feld. Kurz vor dem höchsten Punkt setzten sich Stig und ein zweiter, starker Däne ab. Ich blieb hinter ihnen und als sie das bemerkten, warteten sie auf die anderen etwas stärkeren Fahrer. Ich hielt auf der langen Abfahrt mein Tempo bei und führte einige Kilometer. Nur Dieter war mir gefolgt. Ich fuhr mit den schnellen Dänen, denen sich auch Rüdiger, Martin und der Norweger angeschlossen hatten weiter.

Dann riß bei mir der Schaltzug für den hinteren Umwerfer. Ich versuchte zunächst auf dem kleinsten Ritzel weiterzufahren, aber mit dieser Übersetzung waren einige Steigungen nicht zu überwinden. Also bastelte ich. Nach einer Weile gelang es mir, den Umwerfer in die Ritzelmitte zu stellen und mit einem Knoten im gerissenen Schaltzug zu fixieren. Mit den zwei verbliebenen Gängen fuhr ich ehrgeizlos weiter. Ich wollte nur noch ankommen. An der Kontrolle in Hyltebruk traf ich meine Gruppe wieder. Nach der Pause ließ ich sie zunächst fahren, sprintete dann aber entschlossen hinterher und stellte fest, daß das Mitfahren trotz des Handicaps nicht aussichtslos war. Ich hielt mich also ran. Es begann zu regnen und es wurde kalt. Alle froren. Zum Glück fuhren wir gleichmäßig und kamen mit leichtem Rückenwind gut voran. Auf den letzten Kilometern vor Helsingborg wurde die Orientierung schwierig. Wir rätselten immer wieder über den richtigen Kurs, fuhren mal zurück und mußten immer wieder anhalten. Wir holten Thomas ein. Er hatte auf die Übernachtung in Boras verzichtet und war die Nacht durchgefahren. Aber auch er hatte Schwierigkeiten mit der Wegbeschreibung und hatte Stunden mit Suchen und Umherirren vertan. Kurz vor dem Ziel rutschte meine linke Pedale heraus. Ich verlor die Gruppe und irrte noch etwas durch Helsingborg, bevor ich das Ziel fand. Auf dieser Irrfahrt begegnete ich nochmals Thomas, der in übelster Laune zur Fähre fuhr.

Auf dem Schiff nach Helsingör traf ich meine Gruppe wieder. Es gab einige lustige Szenen mit den Duschen im Hafen und den wenigen Pouletten (Münzen) für warmes Wasser, als sich vier halberfrorene Randonneure unter einer Dusche abwechselten.

Beim Abschlußessen erfuhren wir, das einige der anderen Gruppen inzwischen auch angekommen waren.

Wir warteten noch bis nach 24:00 Uhr um zu sehen, wer noch alles angekommen war und fuhren zum Campingplatz.

© Copyright 2000, Harald Ophüls

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