Andreas Arndt
Vernunft – Kritik
Kritik setzt Distanz voraus zu dem, was ist, dem bloß Hergebrachten, bloß Faktischen, kurz: zu allem, was durch sein bloßes So-Sein unmittelbare Geltung beansprucht. Sie bestreitet dogmatische Setzungen auf allen Feldern der Theorie und Praxis. Insofern konnte Kant die Moderne mit ihrem Projekt der Aufklärung auch als das Zeitalter der Kritik bestimmen. Kant selbst radikalisierte die Kritik: mit der Vernunft fiel auch jene Instanz der Kritik anheim, in deren Namen und nach deren Maßstäben Kritik geübt worden war. Die Kritik, so schien es, verzehrte sich selbst. Es war daher kein Zufall, dass im Gefolge Kants die Gespenster des Skeptizismus und erstmals auch des Nihilismus umgingen.
Der vermeintlichen (und heute noch gern beschworenen) Alternative zwischen einem bodenlosen Relativismus einerseits und einer Rückkehr zu unmittelbaren Gewissheiten andererseits trat Hegel dadurch entgegen, dass er die Kritik in die Bewegung der Sache selbst verlagerte. Deren immanente Negativität galt als der Maßstab der Kritik in dem Kritisierten selbst. Die Dialektik als der sich vollbringende Skeptizismus ist zugleich die sich vollbringende Kritik, welche die Negation alles Endlichen in die Selbstaffirmation des Absoluten umkehrt. Liberale und nachhegelsche Revolutionäre sahen darin, wenn nicht gar eine Akkomodation an das Bestehende, so doch wenigstens einen Attentismus der Vernunft: die Kritik erschien als ein Spiel des Absoluten mit sich selbst, das uns nur das bloße Zuschauen ließ. Das Bewusstsein einer Krise, die zum entscheidenden Eingriff drängte, wollte das Geschäft der Kritik wieder den gesellschaftlichen Individuen zusprechen: sei es theoretisch, wie in der Religionskritik und ‚kritischen Kritik’, sei es praktisch, wie in der ‚Philosophie der Tat’.
Dem gegenüber beharrte Marx mit Hegel auf einer immanenten Negativität der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Diese war für ihn aber nur die objektive Voraussetzung einer auch subjektiv zu vollziehenden Kritik, die sowohl theoretisch als auch praktisch-politisch anzusetzen hatte. Theoretisch, weil das Bestehende, so die Diagnose des ‚Kapital’, notwendig verkehrt erscheint und damit auch ein falsches Bewusstsein der Akteure über die Bedingungen ihres Handelns erzeugt. Praktisch-politisch, weil die immanente Negativität der kapitalistischen Verhältnisse nur die Bedingungen einer anderen Gesellschaft, nicht aber diese selbst herbeizuführen vermag. Dabei ging Marx von der Überzeugung aus, dass auch die Träger der praktischen Kritik im Proletariat schon bereitstanden. Hieraus nährte sich bis in die leninistischen Praxis-Modelle das Bewusstsein einer unmittelbaren Aktualität der Revolution; Kritik wurde verstanden als Moment einer akuten Krisis, in der es um Alles oder Nichts ging.
In der Unmittelbarkeit des potentiell immer je schon revolutionären Augenblicks wurde jedoch die Distanz getilgt, deren Kritik bedarf. Gegen solche Erstarrung des kritischen Geistes opponierte außerhalb des parteiamtlichen Konformitätszwanges eine ‘Kritische Theorie’, der auch die Überzeugung eines an sich schon daseienden revolutionären Subjekts entschwunden war. Epigonale Versuche um 1968, von hier aus noch einmal eine traditionell-revolutionäre Praxis in Gang zu setzen, endeten – wie bekannt – in Sektenmentalität, Terrorismus und Resignation. Das Ende des sich als real existierend proklamierenden Sozialismus tat ein übriges, die Kritik an dem Bestehenden über ihren tatsächlichen Rückhalt und ihre potenziellen Adressaten zu ernüchtern. Angesichts der Wucht des erst jetzt sich voll durchsetzenden kapitalistischen Weltmarktes und angesichts des weltweiten Rückfalls in archaische Identitätsstiftungen wie rassistische und nationalistische Hordenmentalitäten sowie religiöse Fundamentalismen, scheint kritisches Denken vollends ohnmächtig geworden zu sein.
In dieser Situation, in der es weitgehend auf sich selbst zurückgeworfen ist, liegt aber auch die Chance für das kritische Denken, jene Rücksichtslosigkeit gegenüber allen interessierten Vorurteilen zurückzugewinnen, welche eine wissenschaftlich begründete Aufklärung von Kant bis Marx einmal eingefordert hatte. Statt der bloßen Geste der Empörung, die den Grund des Empörenden schon immer zu wissen meint, hat es die Anstrengung des objektiven Begreifens auf sich zu nehmen. Die Obszönität des sich seiner Macht bewussten und in seiner Macht unverhüllt darstellenden Bestehenden ersetzt nicht das kritische Geschäft der Aufklärung. Denn obszön ist solches Zur-Schau-Stellen dadurch, dass es noch immer etwas verhüllt, und sei es – wie in würdelosen medialen Selbstinszenierungen – die eigene Banalität. Die spezifischen Bedingungen dessen bloßzulegen, was sich selbstgefällig als alternativlos präsentiert, bleibt Aufgabe der Kritik. Nur wenn es gelingt, den inneren Zusammenhang der erscheinenden Wirklichkeit erneut zu buchstabieren, gewinnt kritische Theorie ihren objektiven Gehalt zurück.
Ein solches Begreifen von Zusammenhängen über alle Bornierungen hinaus wurde einmal als Vernunftgebrauch bezeichnet. Vernunft und kritisches Denken bestehen nur zusammen – oder sie sind beide Nichts. Mit ihnen steht die dünne Schicht aufgeklärter Humanität auf dem Spiel, die uns von der Barbarei trennt.