Widerstreit und Widerspruch
in der frühidealistischen und frühromantischen Philosophie
Der Begriff des Widerspruchs, wie ihn Hegel in
seiner Wissenschaft der Logik entwickelt
hat, gilt immer noch als das Skandalon seiner Philosophie. Mit ihm steht und
fällt die Möglichkeit einer rationalen Rekonstruktion seines Systems im Ganzen
und insbesondre dessen, was er selbst als das »Negativ-Vernünftige" seines
Verfahrens oder die Dialektik namhaft
gemacht hat.[1] Die -
übrigens erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts aufgekommene[2]
- Rede vom »dialektischen Widerspruch" unterstreicht diesen Zusammenhang,
ist aber eher dazu geeignet, das Problem selbst zu verschleiern als
aufzuklären. Wenn das Problem des Widerspruchsbegriffs allein oder vor allem
darin bestehen sollte, daß Hegel einen besonderen, eben »dialektischen",
Widerspruch zur Geltung bringen wollte, so wäre es nur ein spezielles Problem
der Hegelschen Philosophie. Seit Eduard von Hartmann[3]
ist dies in kritischer Absicht immer wieder behauptet worden, während
wohlwollende Interpreten gewöhnlich dazu neigen, das Problem des Widerspruchs
zu marginalisieren oder aber ganz zu übergehen.[4]
Dagegen ist, vor allem von Michael Wolff, geltend gemacht worden, Hegels Begriff des Widerspruchs verdanke sich
vor allem einer Auseinandersetzung mit Kant und sei ein Beitrag zur Klärung von
Problemen, die dieser nur unzureichend gelöst habe.[5]
Tatsächlich hat nicht nur
Hegel, sondern die frühidealistische und frühromantische Philosophie insgesamt
auf diese Problemlage reagiert und sich an ihr abgearbeitet. Diesen bisher
weniger beachteten Diskussionszusammenhang aufzuzeigen, ist die Absicht meiner
Ausführungen. Dessen systematisch gerichtete Rekonstruktion kann - wie ich
hoffe - nicht nur die unmittelbare Vorgeschichte des Hegelschen
Widerspruchsbegriffs weiter aufklären, sondern vor allem auch eine über den
deutschen Idealismus hinaus wirkungsmächtige Gegenposition zu Hegel freilegen,
die sich mit dem Terminus »romantische Dialektik" bezeichnen läßt.[6]
Im ersten Teil meiner
Ausführungen möchte ich zunächst kurz an die Bedeutung und den Gebrauch der
Termini »Widerspruch" und »Widerstreit" bei Kant und Fichte erinnern.
Dabei kommt es mir vor allem darauf an, den spekulativen Gehalt der mit ihnen
verbundenen Problematik herauszustellen, der das Movens ihrer weiteren
Entwicklung bildet. Im Anschluß an diese vorbereitende Klärung möchte ich in
vier Schritten exemplarische Positionen erörtern, in denen das Verhältnis von
»Widerstreit" und »Widerspruch" systematisch Kontur gewinnt und sich
zu einer Konzeption »romantischer Dialektik" verdichtet. Es sind dies die
Positionen von Friedrich von Hardenberg (Novalis), Friedrich Schlegel, Adam
Müller und Friedrich Schleiermacher. Abschließend werde ich noch einmal, in
aller Kürze, auf das Verhältnis dieser Positionen zum Widerspruchsbegriff und
zur Dialektik Hegels zu sprechen kommen.
1. Widerstreit und Widerspruch bei Kant und Fichte
Zunächst also eine Vorerinnerung an die Begriffe, um
die es geht. Für Kant ist Widerstreit
ein amphibolischer Reflexionsbegriff, dem entweder (1) eine logische Opposition
zugrundeliegt, also ein Widerspruch,
oder aber (2) eine reale Opposition,
in der die Entgegensetzung ohne Widerspruch soll gedacht werden können. Dieser
Unterscheidung liegt die Auffassung zugrunde, denkbar sei überhaupt nur etwas,
was sich nicht widerspreche, und insofern sei der Widerspruch das negative
Kriterium der Wahrheit. Nun gibt es für Kant aber darüberhinaus auch noch
Oppositionen, die weder als logische
noch als reale verstanden werden
können: die (3) dialektischen
Oppositionen. Diese sind nicht logischer Natur im herkömmlichen Sinne, denn
sie beruhen auf keinem Denkfehler, sondern entstehen notwendig durch den
Vernunftgebrauch, der sich - nach Kant »unabdingbar" - auf ein Unbedingtes
richtet. Es handelt sich hierbei aber auch um keine realen Oppositionen, denn
der Vernunftgebrauch in Ansehung des Unbedingten ist überhaupt zu keinem
objektiv gültigen Wissen fähig, dem das Prädikat »real" zukommen könnte.
Die dialektischen Oppositionen sind mithin unvermeidbare Widersprüche, die eine
Grenze des Erkennens markieren.
Die Unterscheidung
logischer, realer und dialektischer Oppositionen erweist sich bei näherer
Betrachtung jedoch als unscharf. Alle drei Entgegensetzungen haben die Form des Widerspruchs, aber nur die
logischen und dialektischen Oppositionen gelten als »echte",
kontradiktorische Widersprüche. Die dialektischen sind dies jedoch nur
scheinbar, denn sie sind weder rein logischer Natur (und daher durch diese medicina mentis auch nicht zu eliminieren),
noch sind sie realer Natur. Sie bezeichnen einen unvermeidlichen Schein des
Vernunftgebrauchs, der sich nur auf dessen Bedingungen zurückführen, aber nicht
auflösen läßt. In dieser Hinsicht wiederum kommen die dialektischen
Oppositionen mit den realen darin überein, daß sich Verträglichkeitsbedingungen
angeben lassen, durch welche sie nicht einfach ein negatives Resultat haben:
die Aufhebung des realen Gegenstandes oder der Vernunft selbst. Die
dialektischen Oppositionen stehen daher gewissermaßen in der Mitte zwischen den
logischen und den realen. Verbunden werden diese drei Klassen jedoch durch die Form des Widerspruchs, so daß diese Form
selbst amphibolischen Charakter annimmt. Dies verlangt nach einer
weitergehenden Klärung der Beziehungen zwischen Form und Inhalt der in Rede
stehenden Oppositionen. Wenn nämlich das Vorliegen einer Widerspruchsform
allein nicht hinreicht, die Natur der ihr zugrundeliegenden Opposition zu
bestimmen, so bleibt die Rede vom Widerspruch begrifflich unausgewiesen. In dem angeblich eindeutigen Fall einer
kontradiktorischen Gegensatzbeziehung, bei der logischen Opposition, ist der
Widerspruch lediglich formal bestimmt und daher begrifflich nicht von den
anderen Gegensatzbeziehungen unterschieden. Um diese Unterscheidung
durchzuführen, muß daher das nur
formale fixiert, d.h. der Begriff des
Widerspruchs in Beziehung auf Inhalte bestimmt und d.h.: objektiv verstanden werden.
Aus dieser Problemlage
ergibt sich - nebenbei bemerkt - weshalb Hegel das getan hat, was ihm als besonders
fragwürdig, ja sogar als grober Denk- bzw. Kategorienfehler angekreidet wird:
die Verwischung der angeblich wohldefinierten Kantischen Unterscheidungen
einerseits und die »Ontologisierung" des Widerspruchs andererseits. Im
Zuge dieser Revision hat Hegel den Widerspruch
als denjenigen Begriff etabliert, der die Gegensatzbeziehungen in sich faßt.
Auch in spekulativer Absicht rückt bei ihm der Begriff des Widerspruchs ins
Zentrum, wie es die berühmte Programmformel des Absoluten als der »Identität
der Identität und der Nichtidentität"[7]
anzeigt. Hiermit zieht Hegel seinerseits nur die Konsequenz aus den Aporien der
hier zu betrachtenden Denkbewegung, in welcher eine unmittelbare,
nichtrealationale Identität verabsolutiert und schließlich zum substantiellen
Sein gemacht wurde.
Fichte war der erste, der im
obersten, schlechthin unbedingten Grundsatz der Wissenschaftslehre die unmittelbare Identität zum Prinzip erhob und
mit dem absoluten Ich verschmolz. Die drei Grundsätze der Wissenschaftslehre behandeln nach seinem Selbstverständnis die
logischen Grundsätze der Identität, des Gegengsatzes und des Grundes, womit die
Frage nach deren genetischen Zusammenhang gestellt ist. Als Prinzip der Wissenschaftslehre ist die Identität
nicht mehr nur negatives, sondern positives Kriterium der Wahrheit. Wahr ist
etwas nur, sofern es an dieser Identität teilhat. Für Fichte bedeutet dies, daß
die ursprüngliche Identität des obersten Grundsatzes sich allen anderen Sätzen
mitteilt und diese damit gleichsam an sie bindet. Damit soll der unendliche
Regreß des Begründens aufgefangen werden, was freilich nur dadurch gelingt, daß
die empirischen Subjekte im theoretischen und praktischen Wissen in einen
unendlichen Progreß getrieben werden. Die Identität, aus der sie leben, kann von
ihnen nicht hergestellt werden, sondern sie bewegen sich im unendlich gemachten
Gegensatz von Ich und Nicht-Ich, der fortdauernd sich erneuernden Antinomie von
Bestimmen und Bestimmtwerden. Diese auf die unmittelbar vorausgesetzte
Identität zurückführen hieße, wie Fichte selbst bemerkt, daß das Ich »in seinem
Wesen sich selbst entgegengesezt, und widerstreitend" wäre, es wäre »gar
nichts, denn es höbe sich selbst auf".[8]
Fichtes Lösung besteht darin, daß er diesen für das empirische Ich notwendigen
Widerstreit, Kant folgend, zum Schein erklärt. Dieser kann in einem besonderen
Vermögen, dem der Einbildungskraft, als Schein festgehalten und darin zugleich
in seinen Folgen entschärft werden, indem der Widerstreit als Spiel organisiert
wird: »Dieser Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich, und
unendlich zugleich sezt - ein Wechsel, der gleichsam in einem Widerstreite mit
sich selbst besteht, und dadurch sich selbst reproducirt, indem das Ich
unvereinbares vereinigen will, jezt das unendliche in die Form des endlichen
aufzunehmen versucht, jezt, zurückgetrieben, es wieder ausser derselben sezt,
und in dem nemlichen Momente abermals es in die Form der Endlichkeit
aufzunehmen versucht - ist das Vermögen der Einbildungskraft".[9]
Während Fichte die unmittelbare
Identität in das Selbstbewußtsein eines absoluten Ich setzte, wird sie im
unmittelbaren Anschluß an Fichte, aber über ihn hinausgehend, von den
Frühidealisten des Frankfurt-Homburger Kreises (Hölderlin, Sinclair, Zwilling,
der frühe Hegel und Schelling) in einem bewußtseinstranszendenten »Sein"
verortet. Für diesen Rückgriff auf eine Substanz-Metaphysik spielte der Einfluß
der Jacobischen Kant-Kritik und seiner Sicht des Spinozismus eine entscheidende
Rolle. Unbeeinflußt von Fichte kam aber z.B. Friedrich Schleiermacher bereits
1793/94 zu einer entsprechenden Position allein durch die Konfrontation Kants
mit Jacobi.[10] Auf die
Motive für diese Wendung zur Identität des »Seyns" kann ich mich hier
nicht näher einlassen.[11]
Ich möchte stattdessen auf den logischen
Aspekt dieser Problematik verweisen, der darin besteht, daß die Ontologisierung von Identität ihrerseits
die Kantischen Unterscheidungen neu sortiert.
Im Zeichen absoluter,
substantieller Identität erscheint die logische Opposition, der Widerspruch, nicht nur als formaler,
sondern als objektiver Fehler, gewissermaßen als Verletzung der Dinge selbst in
ihrer ontologischen Natur. Dies führt dazu, daß alle Gegensatzbeziehungen im
Angesicht absoluter Identität zu relativieren sind. Kennzeichen der endlichen,
bedingten, relativen »Welt" ist daher die reale Opposition, welche - nach dem Vorgang Kants - als Widerstreit positiver und negativer
Faktoren bzw. »Größen" verstanden wird. Der so gefaßte Widerstreit ist
gewissermaßen der ontologisch entschärfte Widerspruch. Auch die dialektischen Oppositionen bekommen in
diesem Konzept schließlich eine andere Einfärbung. Sie sind weiterhin, wie bei
Kant, das notwendige Produkt eines spekulativen Vernunftgebrauchs. Zugleich
aber heben sie diese Vernunft auf, sofern sie reflektierend verfährt, d.h. sich mit den Mitteln endlichen Denkens
innerhalb endlicher Entgegensetzungen bewegt. An den dialektischen Oppositionen
vernichtet sich die Reflexion selbst und verweist die Vernunft an die
spekulativen Organe der (intellektuellen) Anschauung bzw. des Gefühls.
2. Novalis: Setzen des Widerspruchs als Nichtwiderspruch
Für die Wendung zur absoluten Identität lassen sich
starke Motive angeben, die letztlich in dem Nihilismus-Vorwurf gründen, den
Jacobi gegenüber Kant erhoben hatte. In unserem Zusammenhang ließe sich dieser
Vorwurf wie folgt zuspitzen: das reflektierende Erkennen sei ein Fortschreiten
»in identischen Sätzen",[12]
das mithin schon immer eine Identität in Anspruch nehmen müsse, die es aber
reflexiv nicht erreichen könne, da es sich als bedingtes schon immer in
Entgegensetzungen bewege. Jeder Beweis setzt schon Erwiesenes, d.h. jedes
Identifizieren setzt schon Identität voraus. Der Grund des urteilenden
Identifizierens müsse daher jenseits der Reflexion gesucht werden; sie bedürfe
eines geoffenbarten (d.h. unmittelbaren, nichtreflexiven) Prinzips, um sich
nicht in das Schattenreich einer »durchgängige[n]
absolute[n] Unwissenheit"[13]
zu verlieren. Worauf es demnach ankommt, ist, den Zirkel der in sich selbst
kreisenden Reflexion, den unendlichen Regreß des Begründens, durch ein
Unmittelbares zum Stillstand zu bringen.[14]
Diese unmittelbare Identität wird von Fichte als Selbstbewußtsein, von den
Frühidealisten und Frühromantikern als substantielles Sein modelliert.[15]
Eine nähere Betrachtung
zeigt indessen, daß sich auf diesem Wege der Zirkel der Reflexion lediglich in
die Unmittelbarkeit verlagert; - es sei denn, das begrifflich-reflektierende
Erkennen dankt zugunsten einer nicht weiter explizierbaren Subjektivität ab,
die ihr Meinen im Modus des Glaubens für geoffenbartes Wissen hält. Die
unmittelbare Identität wird nur durch ein Unmittelbares (die Anschauung oder
das Gefühl) zugänglich, welches diese bereits voraussetzt, aber selbst wiederum
nur im Modus der Unmittelbarkeit beglaubigt werden kann. Die unmittelbare
Beglaubigung der Unmittelbarkeit rotiert nicht weniger in sich selbst als der
Zirkel der Reflexion. So, wie die Reflexion nicht das sie bedingende Prinzip
erreichen konnte, so erreicht die Unmittelbarkeit nicht das von ihr
Prinzipiierte. Die Beglaubigung der Reflexion durch die Unmittelbarkeit bedarf
daher ihrerseits wiederum der Beglaubigung durch die Reflexion. Diesen
Sachverhalt brachte Novalis auf den Punkt, als er in seinen Fichte-Studien (1795/96) schrieb: »Das Gefühl
kann sich nicht selber fühlen."[16]
Diese Nicht-Reflexivität des Gefühls
korrespondiert mit der Nicht-Unmittelbarkeit der Reflexion; beide sind sich in
ihrem Verhältnis zueinander jeweils Nichts; wiederum Novalis: »Wenn in der
Reflexion die Reflexion Was ist und das Gefühl Nichts, so ist es in der That
umgekehrt, so ist das Gefühl Was und die Reflexion Nichts."[17]
Beides vernichtet sich wechselseitig und stürzt, so scheint es, haltlos in sich
zusammen.
Einer solchen Diagnose
stimmt Novalis insoweit zu, wie die Philosophie tatsächlich gezwungen ist, auf
einen absoluten Halt zu verzichten und im Entzug des von ihr gleichwohl
vorausgesetzten Absoluten zu leben. Es ist, so Novalis, »ein ewiges Bedürfniß
nach einem absoluten Grunde vorhanden [...], das doch nur relativ gestillt
werden könnte".[18]
Frühromantisch wird die Philosophie daher zur »Sehnsucht nach dem
Unendlichen"[19] (F.
Schlegel); - Sehnsucht, weil sie das Unendliche doch nie erreicht, wie es
Novalis im ersten der Blüthenstaub-Fragmente
(1797) zum Ausdruck brachte: »Wir suchen überall das Unbedingte, und finden
immer nur Dinge."[20].
Es ist aber nicht nur das Bedürfnis nach einem absoluten Grunde vorhanden,
sondern ebenso das Bedürfnis danach, diesem in der Philosophie wenigstens so
Ausdruck zu verschaffen, daß er für die Reflexion mehr ist, als nur Nichts. Das Bedürfnis nach dem
Absoluten, welches Novalis voraussetzt, kann das Bedürfnis der Philosophie,
welche notwendig auf das Mittel der Reflexion verwiesen ist, nicht einfach
überspringen. »Die Reflexion findet das Bedürfniß einer Filosofie, oder eines
gedachten, systematischen Zusammenhangs zwischen Denken und Fühlen - denn es
ist im Gefühl."[21]
Mit diesem Programm wird die
Reflexion vor die Aufgabe gestellt, die unbegreifliche, unmittelbare Identität
des Absoluten mit der Entgegensetzung zusammenzubringen. Sie tut dies mit einer
Darstellung des »Unbegreiflichen" für
die Reflexion, die sich selbst der Mittel der Reflexion bedient. Die Weise, in
der dies geschieht, ist durch die schwierige Figur des ordo inversus charakterisiert,[22]
auf die ich mich hier nicht näher einlassen kann. Festzuhalten ist, daß die
Darstellung ein uneigentliches Bild des Absoluten bleibt. Dabei kommt Novalis
jedoch schon 1795 in seinen Fichte-Studien
zu Formulierungen und Einsichten, die ihn bis an die Positionen des frühen
Jenaer Hegel heranführen. Die »Höchste Darstellung
des Unbegreiflichen", so heißt es dort, sei »Synthese - Vereinigung des
Unvereinbaren - Setzen des Widerspruchs, als Nichtwiderspruchs."[23]
Mit dieser an Hegels Programmformel des Absoluten erinnernden Paradoxie
bezeichnet Novalis die Aufgabe einer systematischen Deduktion der Kategorien.
Diese rekurriert nicht mehr auf die Gewißheit eines obersten Grundsatzes, der
durch eine unmittelbare (intellektuelle) Anschauung beglaubigt wird. Vielmehr
nimmt das Begründen seinen Ausgang bei der Reflexion des Verhältnisses von Entgegensetzung und Reflexion einerseits, Gefühl,
Identität und Unmittelbarkeit andererseits. Beide Seiten bedingen sich
wechselseitig, und erst im Ergebnis dieser »Wechselherrschaft" entsteht
die »intellectuale Anschauung", welche die Widersprechenden als
Nichtwidersprechende zusammenhält und damit der Philosophie »das Unwandelbare,
Feste zu einem Anhalten, was sie suchte" auch gibt.[24]
Der oberste Grundsatz der Philosophie
ist daher nicht schlechthin unbedingt, sondern ergibt sich aus der
Wechselbestimmung durch Synthesis im
Grund. Er ist wesentlich Resultat und nicht unmittelbares Prinzip; in
Novalis' Worten: »Eine Art von Wechselbestimmungssatz, ein reines Associationsgesetz
[...] - ein hypothetischer Satz."[25]
Mit dem Setzen des
Widerspruchs als Nichtwiderspruch knüpft Novalis direkt an Fichtes Bestimmung
der Einbildungskraft als Widerstreit an. In diesem Sinne ist für ihn auch die
»absolute Synthese" die »EinbildungsKraft qua solche".[26]
In ihr wird ein Widerspruch manifest, der das Unternehmen der
Transzendentalphilosophie überhaupt charakterisiert: »Sie widerspricht sich
selbst, weil sie ein Widerspruch begründet - eine nothwendige Täuschung."[27]
Täuschung und Wahrheit, Schein und Sein gehen aber auf dem Standpunkt der
Reflexion notwendig ineinander über: »Was Ist, muß sich zu widersprechen
scheinen, insofern man es gleichsam in seine Bestandtheile auflößt, welches man
doch durch die Natur des Reflexionsvermögens gleichsam gezwungen thun
muß."_ Die Überlegungen, die
dieser Konsequenz zugrundeliegen, können hier nicht in aller Ausführlichkeit
aus den Fragmenten und Andeutungen in den Fichte-Studien von 1795/96
rekonstruiert werden. Ich beschränke mich daher auf die Explikation eines m.E.
zentralen Gedankengangs, in dem die Notwendigkeit des Scheins begründet werden
soll.
Das Wahre und der Schein, so
Novalis, schließen sich wechselseitig aus oder negieren sich. Beides aber hat
die Form der Identität: Schein ist Schein und Wahrheit Wahrheit. So ist die
Wahrheit »die Form des Scheins" und der Schein »die Form der
Wahrheit".[28] In dieser
Bestimmung sind Schein und Wahrheit gleichgültig gegeneinander. Wir wissen nur,
daß sie sich wechselseitig negieren und für sich gestellt mit sich identisch
sind, aber noch nicht, welche Bedeutung sie haben und mit welchem Recht und wie
sie aufeinander bezogen werden können. Somit erscheinen sie - auf dieser Ebene
- als austauschbare Bestimmungen. Näher erklärt sich Novalis nun dahingehend,
daß Wahrheit »das Ganze" und Schein »nur der Bruch" sei. Sofern der
Satz der Identität als Satz der Wahrheit in Anspruch genommen wird,[29]
besagt dies, daß das Wahre nur das Ganze als das schlechthin mit sich
identische Absolute sein kann. Dieses Ganze aber entzieht sich dem Begriff, der
es insofern immer nur mit »Brüchen" zu tun hat, so daß »Alles Denken"
als »Kunst des Scheins" verstanden werden muß.[30]
So angesehen, ist die ganze endliche, erscheinende Wirklichkeit Schein, sofern
sie auf die unmittelbare Identität des Absoluten bezogen wird. Ein solches
Beziehen verbietet sich indessen, da dann das Absolute selbst ein Relatives
oder Bezogenes wäre. Wenn wir daher für die Philosophie, wie Novalis dies
fordert, freiwillig des Absoluten zugunsten des Relativen zu entsagen haben,[31]
so bekommt die Rede vom »Ganzen" und vom »Bruch" noch einen anderen,
spezifischeren Sinn. Das Ganze ist
dann die Totalität der erscheinenden Wirklichkeit, wie sie aus dieser selbst
heraus mit den Mitteln der Reflexion begrifflich
dargestellt werden kann, und der Bruch
so etwas wie die Vereinseitigung endlicher Verstandesbestimmungen.
Aus dieser Perspektive nun
sind Identität und Widerspruch neu ins Verhältnis zu setzen und zu bestimmen.
Das mit sich Identische, die Bestimmtheit eines Dings, das, was es ist -: dies
ist selbst nur ein »Bruch" des Ganzen. Novalis denkt hierbei offenbar an
den dritten Grundsatz der Fichteschen Wissenschaftslehre,
den der Limitation (»Ich setze im Ich dem
teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen"). Mit Fichte möchte
Novalis Identität und Gegensatz als Hinsichten unterscheiden. Das, was ein
»Ding" ist, seine Bestimmung, worin es mit sich identisch
ist, erscheint als seine positive Größe;
das, was es nicht ist und wovon es
begrenzt wird, das Unbestimmte bzw. Bestimmbare, als seine negative Größe. Das »Ding" ist aber beides, positive und negative Größe: es ist das, was es
ist, indem es nicht das ist, was es nicht ist: »Jede Negation ist Position -
jede Position Negation. [...] Keins ist ohne das andre erkennbar. [...] Seyn
drückt ein Totalverhältniß [...] aus."[32]
Das Verhältnis des Positiven
und Negativen war aber als Ausschlußbeziehung, als wechselseitige Negation
bestimmt. Das Negative, der Schein, greift daher über und bestimmt das Sein des
»Dinges" als Ganzen. Position und Negation sind nicht nur amphibolisch
(also verwechselbar), sondern die Negation, der Gegensatz, konstituiert erst
das »Ding" in seinem Sein. Hieraus ergeben sich zwei Konsequenzen: (1)
»Das Identische am Ganzen ist die besondre Bestimmung", d.h. die
»Identität ist ein subalterner
Begriff";[33] (2)
»Seyn" ist nicht etwas substantielles, fixes, nicht das Absolute, sondern
»ein relativer Begriff".[34] Beides zusammen ergibt: das »Ding" ist
Verhältnis (Relation), d.h. es beruht nicht auf der Identität, sondern auf dem
Gegensatz: »der Gegenstand überhaupt sezt den Gegensatz überhaupt voraus."[35]
Wenn wir also auf der Suche nach dem Unbedingten nur Dinge finden, so sind dies
keine für sich zu stellenden Entitäten, sondern Relationen und als solche
Gegensatzbeziehungen; näher: Gegensatzbeziehungen des Positiven und Negativen,
des Identischen und des Nichtidentischen, kurz: Widersprüche. Im Erkennen
schreiten wir daher auch nicht, wie Jacobi dies angenommen hatte, in
identischen Urteilen fort, denn die »identischen Urtheile sind Parallelismen -
Sie lehren nichts neues - auch liegt in ihnen nichts, als reine Form des
Urtheils, ohne Materie".[36]
Nun hat Novalis, anders als
späterhin Hegel, hier nicht die Stufen von Gegensatzbeziehungen ausdrücklich
reflektiert und diese zu einem Begriff
des Widerspruchs zusammengefaßt. Dies scheint mir daran zu liegen, daß Novalis,
wie eingangs erinnert, an der spekulativen Bedeutung unmittelbarer Identität
festhält, welche die Voraussetzung des Absoluten bezeichnet. Die Depotenzierung
der Identität gilt daher nur für das Relative, Bedingte oder Endliche, für die
Reflexion. Der Widerspruch soll zwar nicht von den Dingen, wohl aber vom
Absoluten ferngehalten werden. Angesichts der spekulativen All-Einheit wird die
paradoxe Rede vom »Setzen des Widerspruchs als Nichtwiderspruch"
mehrdeutig. Sie meint zunächst überhaupt, daß der Widerspruch keinen Bestand
haben kann und daher auf einen Nicht-Widerspruch zurückgeführt bzw. in diesen
überführt werden muß. Dies geschieht nun aber auf zweierlei Weise. Im Blick auf
die Totalität des endlichen Seins hat der Widerspruch ein negatives Resulat. Die Form des Widerspruchs indiziert hier
einen Widerspruch, der sich mit den Mitteln der Reflexion nicht auflösen läßt
und mit ihr die Sphäre des Endlichen insgesamt der Unwahrheit überführt. Am
Widerspruch vernichtet sich die Reflexion selbst. Im Blick auf die endlichen
»Dinge" jedoch hat der Widerspruch durchaus ein positives Resultat. Die Form
des Widerspruchs indiziert hier eine Einheit positiver und negativer Faktoren
oder Größen, durch die der Gegenstand nicht aufgehoben wird. Sie entspricht
damit dem, was Kant als reale Opposition
dachte.
Offenbar vor diesem
Hintergrund unterscheidet Novalis ausdrücklich »Widersprechen und
widerstreiten".[37]
Diese Unterscheidung ist jedoch begrifflich unbefriedigend. In beiden Fällen
besteht die Form des Widerspruchs,
sie indiziert aber jeweils etwas gänzlich Verschiedenes. Was beide miteinander
zu tun haben, bleibt weitgehend unerörtert. Dies dürfte damit zu tun haben, daß
zwar auf der einen Seite die gewöhnliche Vorstellung eines mit sich identischen
Dinges aufgegeben und dem Gegenstand ein Gegensatz unterlegt wird, auf der
anderen Seite aber der den Gegensatz fundierende Widerspruch einer begrifflich
nicht explizierbaren unmittelbaren Identität nachgeordnet wird.[38]
Auf diese Weise fallen Identität und Gegensatzbeziehung unvermittelt
auseinander.
3. Friedrich
Schlegel: Dialektik als Vereinigung positiver und negativer Faktoren
Novalis' Überlegungen gehören wohl zu dem Scharfsinnigsten
und Ambitioniertesten, was die nachkantische deutsche Philosophie in dieser
Periode aufzuweisen hat, aber er kam - auch in seinem weit ausgreifenden Enzyklopädie-Projekt - nicht dazu,
seinen Ansatz zu systematisieren. Dies hat zum Teil Friedrich Schlegel
geleistet, der - wahrscheinlich direkt angeregt durch Novalis[39]
- den Widerstreit als Vereinigung
positiver und negativer Faktoren zur Grundlage einer eigenständigen Konzeption
von Dialektik machte. Diese hat er
seit 1796 in seinen Aufzeichnungen skizziert und schließlich zusammenhängend in
seinen Jenaer Vorlesungen zur Transzendentalphilosophie 1800/01 vorgetragen.
Die Dialektik war für
Schlegel weder bloße Illusion noch notwendige Täuschung, sondern Organon, die
Wahrheit zu suchen und zu erreichen. Wahrheit ist die »Indifferenz [...] zweyer
sich entgegengesetzter Irrthümer"[40].
Hierbei knüpft Schlegel sachlich an Kants Versuch
den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen (1763) an,
indem er eine mathematische Methode der Vereinigung positiver und negativer
Faktoren konzipiert, also das in den Mittelpunkt stellt, was bei Kant als reale Opposition thematisch wird.[41]
Schlegel war sich dabei sehr wohl bewußt, daß er damit das gewöhnliche, formale Verständnis des Logischen hinter
sich ließ. Zwar galt die schulmäßige Logik weiterhin als »Organon der
Wahrheit", indem auch die Dialektik den Satz des Widerspruchs und des
zureichenden Grundes anzuerkennen hatte: »Aber die Quelle der Wahrheit liegt für uns weit höher, als in diesen Sätzen"[42].
Dieser Gedanke entspricht der Forderung nach einer »materialen Logik" in
den Athenaeum-Fragmenten von 1798;[43]
dort heißt es, die formale Logik sei eine »philosophische Groteske"[44]
und nur als »pragmatische Wissenschaft" am Platze.[45]
Außerhalb dieser Grenzen sei der Satz des Widerspruchs allein »auch nicht
einmal das Prinzip der Analyse, nämlich der absoluten, die allein den Namen
verdient, der chemischen Dekomposition eines Individuums in seine schlechthin
einfachen Elemente".[46]
Die Forderung nach einer materialen
Logik besagt hier soviel wie: das bloße Vorliegen der Widerspruchsform kann nicht darüber entscheiden, ob
ein bloßer Denkfehler vorliegt oder aber eine reale Opposition; die Logik muß
daher den objektiven Inhalt des Wissens in der Reflexion auf den Gebrauch ihrer
Formen mitreflektieren.
Auch Schlegel geht dabei von
einer unmittelbaren Identität aus, welche sich dem Begreifen entzieht. Dies
schlägt auf die Philosophie so durch, daß sie sich nur als ein »System von
Fragmenten"[47] zu
begründen und darzustellen vermag, in dem die Bruchstücke des Ganzen
aufeinander bezogen werden, ohne die ursprüngliche Identität zu erreichen. Wohl
aber können die Gegensätze neutralisiert und in eine gleichgültige Indifferenz
überführt werden, so daß sie die Identität des Absoluten nicht verletzen,
sondern ihre relative Identität als Nachbild des Absoluten (genauer: als
Nachbild des vom Absoluten Vorgebildeten) verstanden werden kann. In diesem
Sinne wird die Figur des ordo inversus
auch von Schlegel in Anspruch genommen. Wie bei Novalis kommt es für die Philosophie nicht darauf an, aus
der Entgegensetzung herauszuspringen; vielmehr ist der Gegensatz aufzusuchen,
um die Einheit zu finden. Die Dialektik im Schlegelschen Verständnis sucht
daher zu jedem gegebenen Satz den Gegen-Satz oder die Antithese, um in der
Neutralisierung beider Faktoren die Gegensätze auf Indifferenz zurückzuführen.
Ihr Ausgangspunkt ist ein methodischer Skeptizismus, der - in Schlegels Worten
- eine »polemische Totalität von Entgegengesetzten" hervorbringt. Sofern
diese sich wie positive und negative Größen verhalten und widerspruchsfrei
vereinigen lassen, ist diese Dialektik auch
ein sich vollbringender Skeptizismus. Der Gleichklang mit späteren
Formulierungen Hegels ist unüberhörbar, und man versteht leicht, weshalb diesem
unterstellt werden konnte, er habe sich dessen Konzept aufgrund der Jenenser
Transzendentalphilosophie-Vorlesung Schlegels im Winter 1800/1801 angeeignet.[48]
Das dialektische Verfahren
besteht näher darin, die Entgegengesetzten als positive und negative Größen zu
behandeln und ihren gemeinschaftlichen Mittelpunkt zu finden.[49]
Sie auf diese Weise zu indifferenzieren setzt jedoch voraus, daß der Form der
Entgegensetzung ein realer Widerstreit zugrundeliegt. Real ist die
Entgegensetzung dann, wenn dem Streit eine im Absoluten gegründete objektive
Realität zugrundeliegt. In diesem Falle können die Entgegengesetzten wie reale
Oppositionen im Sinne Kants behandelt und widerspruchsfrei vereinigt werden:
»jede Reihe von Versuchen, die etwas Reelles zu Grunde hat, führt zur Wahrheit.
Mehr kann nicht gesagt werden; vernichten wir den Irrthum, so entsteht die
Wahrheit von selbst"[50].
Im spekulativen Verständnis ist der Irrtum die Entgegensetzung, d.h. äußerliche
Trennung von Entgegensetzung und Identität, die Wahrheit aber deren
Indifferenz: »Die Wahrheit entsteht, wenn entgegengesetzte Irrthümer sich
neutralisiren".[51]
Schlegels Konzeption bleibt
aus den gleichen Gründen begrifflich unbefriedigend wie diejenige Friedrich von
Hardenbergs. Dies gilt nicht nur in logischer
Hinsicht, indem die unterscheidende Beziehung von Form und Inhalt der
Oppositionen weiterhin der Klärung bedarf, sondern es gilt auch in spekulativer Hinsicht. Der Widerstreit
soll auf eine vorausgesetzte Identität deuten, die doch nicht erreicht werden
kann. Die fortschreitende Indifferenzierung der Gegensätze muß schließlich auf
einen höchsten Gegensatz führen, der widerspruchsfrei nicht mehr vereinigt
werden kann, weil dies in einem schlechthin mit sich identischen Subjekt
geschehen müßte. Dies hatte bereits Fichte dazu veranlaßt, die Vereinigung von
Ich und Nicht-Ich im Ich selbst durch die Einbildungskraft dem Begriff zu
entziehen. In dieser Hinsicht sind Novalis und Schlegel nicht über Fichte
hinausgekommen. Wenn das (absolute) Ich Fichtes bzw. das Absolute der
Romantiker ein Widerspruch wäre, so höbe es sich als unmittelbare Identität
selbst auf und wäre damit Nichts. Die
absolute Identität aber ist in der Tat für
die Reflexion Nichts, so daß - wie sich dies schon in Novalis' Entsagung
des Absoluten angedeutet hatte - auch nichts dagegen spricht, sie als
gleichgültig fahren zu lassen. Und umgekehrt ist auch die Reflexion Nichts für den Standpunkt des Glaubens
an das Absolute, so daß für ihn nun nichts dagegen spricht, die Reflexion und
Philosophie fahren zu lassen, getreu der von Schlegel in der Rezension von
Jacobis Woldemar zitierten Sentenz
Shakespeares: »Hang up philosophy! Unless
philosophy can make a Juliet".[52]
4. Adam Müller: Universalisierung des Gegensatzes
Beide Positionen werden in einer Krise der
frühidealistisch-frühromantischen Philosophie um 1803 (die von der Forschung
bisher nur unzureichend zur Kenntnis genommen wurde[53])
aktuell. Vertreter des Skeptizismus - wie Gottlob Ernst Schulze[54]
- und der Glaubensphilosophie - wie Friedrich Köppen und Jacobi[55]
- erneuerten den Vorwurf des Nihilismus gegenüber der Philosophie des
Absoluten, und Eschenmayer forderte als Ausweg den Übergang zur
Nichtphilosophie.[56] Dagegen
unternahm es Adam Müller, in seiner 1804 erschienen Lehre vom Gegensatz, »dem Reiche des Absoluten für immer ein Ende
zu machen und die zu Etwas [...] erhobenen Begriffe des absoluten Prinzips,
Anfangs, Endes, Todes; des absoluten Leeren, des absoluten Nichts und dann gar
absoluter Schöpfung aus nichts, absoluter Vernichtung in nichts usw. zu
zerstören".[57] Diese
Konsequenz ergebe sich gleichsam zwanglos aus dem »gegenwärtigen Zustand der
Philosophie",[58]
wobei Adam Müller Novalis, Fichte, Friedrich Schlegel, Schelling und
Schleiermacher als die »eigentlichen Helden der wissenschaftlichen
Revolution" namhaft macht.[59]
Müllers Schrift ist eher ein
geistreicher Programmentwurf als die begriffliche Durchführung der verheißenen
Revolution. Seinen Grundgedanken formuliert er im »Eingang" eher beiläufig
wie folgt: »Sobald wir irgendeine Einheit, sei's nun unter der Gestalt eines
Prinzips, einer Endursache, eines Dinges an sich, vollständig, absolut und
isoliert aufstellen, ebensobald stürzt sie wie versteinert und tot wieder
zurück; wie jede Mannigfaltigkeit, die rein und absolut ohne alle Beziehung auf
irgendeine Einheit dargestellt werden soll, chaotisch ineinanderfließt und sich
augenblicklich verflüchtigt. Ja, es geht aus dem Sinne unsers ganzen Werkes wie
aus dem ewigen Sinne der Welt unbezweifelt hervor, daß der bloße Wille, eine
solche absolute Einheit oder absolute Mannigfaltigkeit aufzustellen, in sich
widersprechend und unmöglich ist."[60]
Müller führt seine
Konzeption des Gegensatzes direkt auf Kants vorkritische Schrift über den Begriff der negativen Größen zurück; die
kritische Philosophie erscheint ihm als Abirrung von den dort erreichten
Einsichten, die dadurch zustandegekommen sei, daß es Kant in der Folge
»vielmehr um den Begriff der negativen Größen als um den reinen Begriff des
Negativen selbst" zu tun war.[61]
Dieser reine Begriff des Negativen wird von Müller indessen auch nicht
ausdrücklich gemacht, sondern nur als »Formel" des Gegensatzes gebraucht,
die auf mehrere Beispiele appliziert und durch diese erläutert wird. Das erste
Buch der Gegensatzlehre behandelt nacheinander die Gegensätze von Objekt und
Subjekt, Positiv und Negativ, Natur und Kunst, Wissenschaft und Religion.[62]
Das Grundsätzliche des dabei geübten Verfahrens wird noch am ehesten in den
Erörterungen zu Subjekt und Objekt deutlich. Aus der »Kritik der
Identität" erwächst »die Pflicht gegensätzischer Vollständigkeit"
(Schlegels »polemische Totalität"), d.h. die Aufstellung einer unendlichen
Antithetik, in der »auch der Begriff der Verschiedenheit nur durch das
Entgegenstehn des Begriffs der Identität möglich wird".[63]
Müller geht also von einer durchgängigen Relationalität aller Begriffe aus, die
es verbietet, sie für sich zu stellen. Ein Subjekt ohne Objekt z.B. ist
»absolut nichts", ein »Widerspruch", da mit dem Entgegenstehenden
sein Begriff aufgehoben wird. Umgekehrt aber ist auch die »absolute Identität
von Objekt und Subjekt" der »vollständigste" Widerspruch, denn dies
schließt »die Behauptung des Entgegenstehens und des Nichtentgegenstehens
beider in ein und demselben Verstande" in sich.[64]
Diese Widersprüche, so Müller, seien nur dann zu vermeiden, wenn dem Gegensatz ein Antigegensatz zugeordnet werde.
Müller unterscheidet demnach
Widerspruch und Gegensatz unter der ontologischen Annahme, daß jede Sache und
jeder Begriff einer Sache auf einem Sachverhalt
beruht, der sich als Gegensatzbeziehung reformulieren läßt. Die
widerspruchsfreie Vereinigung der so Entgegengesetzten als realer Opposition
führt auf den Antigegensatz zum Gegensatz, der seinerseits wieder als Relat
eines Gegensatzes fungiert. Hiermit glaubt Müller eine Formel gefunden zu
haben, durch deren Glieder man »ohne Schwierigkeit die ganze Welt passieren
lassen" könne; er bezeichnet sie als »Gegensatz, von Gegensatz und Antigegensatz".[65]
Unter dieser Voraussetzung ist Identität immer nur relational, d.h. relativ, und
der Gegensatz absolut oder unendlich. Identität und Gegensatz werden dabei in
Wahrheit nicht aufeinander bezogen, sondern bilden austauschbare Relate in der
Universalisierung des Gegensatzes, die sich nun als unendliche Bewegung
darstellt. Auf dieser Grundlage bleibt auch das Verhältnis von Widerspruch und
Gegensatz ungeklärt. In dem unendlichen Wechsel von Gegensatz und Antigegensatz
geht aber der Zusammenhang, die Einheit des Mannigfaltigen, verloren, um die es
Müller zu tun war. Der universalisierte Gegensatz selbst bedarf nach den Regeln
der Gegensatzlehre der Identität als Antigegensatz, um sich nicht zu
widersprechen und dadurch ein Nichts zu werden. Müller ist daher gezwungen,
einen »wahren Antigegensatz" aufzustellen, der dem Gegensatz von Gegensatz
und Antigegensatz entgegensteht. Dieser gewissermaßen höchste Antigegensatz
sind - »wir selbst".[66]
Mit dieser Wendung springt
Müller in die soeben verabschiedete Transzendentalphilosophie wieder hinein und
macht das Selbstbewußtsein zum Grund der Einheit und Mannigfaltigkeit in der
»Welt". Der Gegensatz von Subjekt und Objekt, so zeigt sich hier, hat
konstitutive Bedeutung, denn deren Wechselspiel führt auf nichts anderes als
auf die (von Schelling erborgte) »wahre Geschichte des Selbstbewußtseins".
Dies kann aber nur dann geschehen, wenn die unendliche Gegensatzbeziehung sich
an einem subjektiven Antigegensatz bricht und damit stillgestellt, d.h. wenn
das Verhältnis von Subjekt und Objekt als subjektive
Subjekt-Objektivität konzipiert wird. Dies freilich widerspricht den
Voraussetzungen der Gegensatzlehre. In der reflexiven Wendung auf das
Selbstbewußtsein wäre dieses vielmehr die Einheit von Gegensatz und
Nichtgegensatz, also ein Widerspruch und damit Nichts. Oder aber der
»wahre" Antigegensatz wird wiederum zum Glied einer weiteren
Gegensatzbeziehung gemacht, dann aber wäre er eben nicht mehr der wahre
Antigegensatz und die Totalität des Mannigfaltigen müßte angesichts des
einseitig verabsolutierten Gegensatzes ebenso in Nichts zerfließen. Müllers
Gegensatzlehre flieht den Widerspruch um den Preis, daß sie sich selbst
widerspricht. Sie läßt damit nur zwei Auswege offen: entweder wird - wie Hegel
dies tun wird - der Widerspruch als objektiv begriffen, um den immanenten
Zusammenhang der durchgängig relational verfaßten »Welt" aufzeigen zu
können, oder aber die unendliche Bewegung des Gegensatzes wird durch ein
Unmittelbares - das Selbstbewußtsein oder das Absolute - stillgestellt, das als
der wahre Antigegensatz nichts anderes als schlechthinnige Identität bezeichnen
kann.
Karl Leonhard Reinhold hat
auf Müllers Schrift 1805 mit einer bemerkenswerten Rezension in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung
reagiert, worin er deren innere Widersprüchlichkeit bloßlegt und die
Gelegenheit zu einem Rundumschlag gegen die zeitgenössische Philosophie seit
Kant nutzt.[67] Müllers »Nichtidentität des Identischen und des
Nichtidentischen" sei nicht weniger befremdlich als die »Identität des
Identischen und Nichtidentischen" (Hegel), die Charakterisierung der
Nichtidentität als Abfall von Gott (Schelling), die Fichtesche Einheit von Ich
und Nichtich sowie Kants ursprüngliche Einheit der Apperzeption.[68]
Bemerkenswert ist Reinholds Rezension aber vor allem deshalb, weil er den
Aporien und Begriffsverwirrungen dadurch ein Ende machen will, daß er ein
»unwandelbares, wechselloses ewiges Verhältnis"[69]
der Identität zur Nichtidentität statuiert, welches darin bestehen soll, »daß
die Nichtidentität, als solche, die Hypothesis unter der Identität, als der Thesis sei", so daß sie
weder von der Identität getrennt noch ihr gleichgesetzt werden könne. Die bloße
Versicherung eines Vorrangs der Identität dürfte indessen kaum geeignet sein,
die neueren Philosophen seit Kant von der Bedenklichkeit ihres Weges zu
überzeugen, denn Reinholds Unterscheidungen bleiben - an dieser Stelle
wenigstens - rein formal, während es dort um die objektive Bedeutung des
Gebrauchs dieser Begriffe zu tun ist. Reinholds scharfsinnige Rezension vermag
nur davon zu überzeugen, daß man sich dabei offenbar in Widersprüche verstrickt
hat. Damit ist aber nur gesagt, daß
ein Widerspruch begangen wurde, und nicht, was
dies bedeutet.
5. Schleiermacher: Dialektik ohne Negativität und Widerspruch
Am Schluß seiner Ausführungen behandelt Müller den
Gegensatz von Wissenschaft und Religion. Während die Wissenschaft sich über das
Mannigfaltige der erscheinenden Wirklichkeit ausdehnt, gibt die Religion einen
festen Standpunkt für einen Gesichts- und Wirkungskreis, durch den allererst
die Einheit des Mannigfaltigen konstituiert wird. Religion und Wissenschaft
bedingen daher einander, so daß es darauf ankommt, »daß wir die neben- und
ineinander bestehenden beiden Reiche der Wissenschaft und Religion mit aller
Strenge [...] voneinander scheiden und sie dann mit der ganzen Kraft unsers Gefühls
wieder vereinigen."[70]
Hier erst tritt die volle Konsequenz dessen zutage, was in dem Rekurs auf das
Selbstbewußtsein sich andeutete. Die auseinandergetretenen Reiche der Religion
und der Wissenschaft, des Unbedingten und des Bedingten, des Absoluten und der
relativen Entgegensetzungen, die füreinander Nichts waren, werden dadurch wieder zusammengebracht, daß eine
subjektive Unmittelbarkeit statuiert wird, die sich dem Begreifen entzieht.
Adam Müllers Lösungsversuch
ist nicht nur für die Aporien seiner eigenen Position aufschlußreich, sondern
charakterisiert die Problemlage der frühidealistisch-frühromantischen
Philosophie insgesamt und bringt ihn insbesondre in eine Entsprechung zum
Ansatz Schleiermachers.[71]
Dieser hatte bereits in den Reden über
die Religion (1799) - die Müller mit Sicherheit gekannt haben dürfte - mit
aller Schärfe Metaphysik und Moral (und mit ihr die ganze Wissenschaft) von der
Religion geschieden und an dieser Trennung zeitlebens festgehalten. Zugleich
war er der Ansicht, daß beide Bereiche sich nicht widersprechen, sondern
miteinander zu kommunizieren vermögen, ohne in ein wechselseitiges
Begründungsverhältnis zu treten.[72]
Hierfür aber bedarf es eines Indifferenzpunktes, in dem sie sich berühren, ohne
in einen Gegensatz zu treten oder miteinander zu verschmelzen. Dieser Punkt
wird bereits seit den Reden durch die
Selbigkeit des Gegenstandes konstituiert, d.h. letztlich durch das Absolute.
Weil aber das Absolute als unmittelbare Identität nicht Gegenstand für das
Bewußtsein sein kann, fällt der Indifferenzpunkt letztlich in das unmittelbare
Selbstbewußtsein als Gefühl. Dieses Gefühl indessen bedarf, wie es in
Schleiermachers Brief an Jacobi (1818) heißt, der »Dolmetschung des
Verstandes",[73] um sich
seines Inhalts zu versichern. Der Verstand aber kann sich dabei nur an dem je
Gemeinten des Gefühls orientieren. Deutlich tritt dies am Anfang der ersten
Auflage der Glaubenslehre (1821)
hervor, wo Schleiermacher das religiöse Gefühl vor philosophischen Auslegungen
gleichsam in Schutz nehmen will. Das letzte Auskunftsmittel dabei ist, daß eine
»unfromme Erklärung" des Gefühls den Frommen »nicht zusagt", so daß
der Verdacht nicht einfach abzuweisen ist, hier werde die blanke Subjektivität
zum Richter über den Gehalt der Gefühlsunmittelbarkeit gemacht.[74]
Die Gefühlsinhalte will
Schleiermacher dadurch unterschieden wissen, daß sich die unfrommen und frommen
Auslegungen auf je eigene Ideen beziehen: die unfrommen auf die Idee der Welt
als eine »getheilte Einheit, welche zugleich die Gesammtheit aller Gegensäze
und Differenzen ist"; die frommen auf die Idee Gottes als »ungetheilte
absolute Einheit".[75]
Diese Unterscheidung, die auch in der Dialektik
durchgeführt wird,[76]
erweist sich jedoch bei näherer Betrachtung als äußerst fragwürdig. Wenn sie
nicht bedeuten soll, daß Religion und Philosophie, das Absolute und die
Totalität des Endlichen, Identität und Entgegensetzung, beziehungslos
auseinanderfallen und füreinander Nichts sind,
so müssen diese Ideen zueinander in Beziehung gesetzt und miteinander vermittelt
werden. In der Dialektik spricht
Schleiermacher sie daher auch als Korrelata an, ohne freilich angeben zu
können, auf welche Weise sie zusammen bestehen bzw. »gesetzt" sind.
Zugleich wird aber die Idee der Gottheit als Prinzip alles Seins und Wissens von
der Dialektik durchgängig in Anspruch
genommen, denn die in sie gesetzte absolute Identität des Seins und Wissens,
des Realen und Idealen, begründet allererst die Entsprechungsverhältnisse
zwischen diesen Bereichen, die Schleiermacher auf allen Ebenen unterstellt. In
logischer Hinsicht bedeutet dies: die vorausgesetzte absolute Identität
garantiert die Relativität aller Entgegensetzungen und Differenzen, welche
sonst dem Widerspruch anheimfallen würden.
Vor diesem Hintergrund wird
das Problem des Widerspruchs marginalisiert. Bereits in den frühesten
Aufzeichnungen zur Dialektik heißt
es: »Der Saz des Widerspruchs ist wol nur eine Limitation der allgemeinen Form
des Zusammenseins der Gegensäze."[77]
Der Widerspruch ist dasjenige, was den Gegensatz so aufhebt, daß ihm keine
Realität mehr zukommt. Schon deshalb kann die Dialektik, welche die Einheit des Idealen und Realen voraussetzt,
den Satz des Widerspruchs nur als formale Grenzbestimmung des realen Wissens in
Anschlag bringen. Unter der ontologischen Annahme, daß sich alle Gegensätze auf
Identität zurückführen lassen und gewissermaßen eine Mitteilung von Identität
darstellen, wird jede Beziehung der Widerspruchsform zur realen Entgegensetzung
getilgt. Der Widerspruch fällt ganz in die logische Form, weil er für
Schleiermacher tatsächlich nur formal möglich ist. Die herkömmliche formale Logik hat daher für die
Dialektik (die gleichwohl als Einheit von Logik und Metaphysik konzipiert ist)
nur den Status einer untergeordneten Hilfswissenschaft. Bündig heißt es noch in
der Einleitung zur Dialektik (1833):
»Die Logik [...] kann nur solche Regeln zum Verfahren im Denken hervorbringen,
welche zu irgend welchem Inhalt desselben gar kein Verhältniß haben. Solche
können dann nur die Form betreffen, und daher auch höchstens nur
Mißverständnisse aufdekken, die auch von selbst leicht zum Vorschein kommen;
sie sind aber so weit entfernt zur Auflösung des eigentlichen Streites
beizutragen, daß sie nicht einmal die Entstehung neuen Streitstoffes zu
verhindern vermögen."[78]
Mit dieser Auffassung des
Verhältnisses der formalen (Schul-) Logik zum spekulativ begründeten Wissen
reiht sich Schleiermacher in die von Salomon Maimon und Reinhold in Gang
gebrachten Bemühungen ein, die formale Logik von der transzendentalen aus zu
begründen. Anders als die hier betrachteten Positionen der
frühidealistisch-frühromantischen Philosophie rekurriert Schleiermacher dabei
jedoch nicht auf eine Konzeption von Negativität, um die Entgegensetzungen im
Endlichen zu begründen. »Man darf zur Ableitung keinen negativen Gegensaz
gebrauchen, sondern nur einen positiven", denn »auf diese Weise kann jeder
Begriff jedem der nur theilbar ist angebracht werden."[79]
Dahinter steht nicht nur das Mißtrauen gegen einen leeren Formalismus der
Konstruktion, wie er z.B. bei Adam Müller deutlich hervorgetreten war; vielmehr
geht es Schleiermacher vor allem darum, die Identität innerhalb der
Entgegensetzungen des Endlichen durchgängig zur Geltung zu bringen. Mit Kant
ist er offenbar der Auffassung, daß negative Sätze nur dazu taugen, den Irrtum
abzuhalten, nicht aber dazu, den Inhalt unserer Erkenntnis zu erweitern. Jede
Erweiterung unserer Erkenntnis aber ist für Schleiermacher zurückbezogen auf
eine schlechthinnige, unmittelbare Identität, die sich in den Entgegensetzungen
mitteilt. Deren Relate sind als positive eo ipso mit sich identisch und
zugleich Glieder einer ursprünglichen Einheit.
Wie beides begrifflich
zusammengebracht werden kann, ist indessen für Schleiermacher kein Thema, da er
es überhaupt unterläßt, »Gegensatz" begrifflich zu bestimmen, es sei denn,
man hält die Behauptung, daß der Gegensatz immer relativ sei, schon für eine
solche Bestimmung. »Relativ" heißt hier soviel wie: auf eine
vorausgesetzte Einheit bezogen. Um diese nicht zu verletzen, werden wir mit der
Forderung konfrontiert, »daß man keinen Gegensaz absolut seze und daß man das
Gebildete nicht als durch den Gegensaz allein bestimmt denke, sondern alles
übrige davon in der Identität liegend."[80]
Die Erweiterung des Wissens im Deduktionsgang erfolgt daher auf der Linie der
Identität. Dies führt paradoxerweise dazu, daß dem ontologisch tieferstehenden
Sein ein Plus an Identität zukommt, sofern es auf der Identität einer Reihe von
Gegensätzen beruht. Es wird nicht durch eine Folge von Teilungen einer ursprünglichen
Einheit, d.h. von Entgegensetzungen bestimmt, die erst in einer gegenläufigen
Bewegung auf diese Einheit zurückgeführt werden müssen, sondern seine
Bestimmung akkumuliert vielmehr die Identitäten der vorangegangenen Gegensätze:
»Es ist kein Sein zu sezen welches nur durch Einen Gegensaz bestimmt wäre,
vielmehr müssen die Identitäten aller anderen Hauptgegensäze mit darin sein.
[...] Je tiefer herab, desto mehrerer Gegensäze Identität muß in jedem
sein."[81] Dies hat
zur Konsequenz, daß schließlich jedes Sein zum Individuellen, d.h.
Nicht-Teilbaren gerinnt, sofern es auf Identität basiert, und damit strukturell
der vorausgesetzten Identität analog wird, obgleich es nur als deren Mitteilung
besteht. Die Unaussprechlichkeit des Individuellen erfordert, daß sich die
Reden vom Gegensatz dem Begriff verweigert.
Dies gilt nun auch für die
gegenläufige Bewegung in Richtung auf das Transzendente. Dieses ist, nach einer
Definition Schleiermachers, das »vorausgesezte Sein an sich (die
Gedankengrenze), worin der Gegensatz zusammengefaßt ist".[82]
Im Unterschied etwa zu Novalis führt die Totalität der endlichen
Verstandesbestimmungen nicht auf einen Widerspruch als Grenzbegriff, woran das
Endliche der Unwahrheit überführt wird, sondern das Problem wird abgebogen in
die Unausdenkbarkeit des Gegensatzes im Verhältnis zur Identität, welche
bereits dem dialektischen Verfahren insgesamt zugrundelag. Das Geschäft der
Dialektik nämlich besteht darin, Streit zu eliminieren, d.h. Identitäten im
Wortsinne »festzustellen". Der Widerstreit oder Gegensatz umspielt daher
nur die Identitäten, ohne sie wesentlich zu affizieren.
Ohne Zweifel bringt dieses
Konzept Schleiermacher in eine gewisse Entsprechung zur platonischen
Gegensatzlehre und Dialektik, wie dies auch von der Forschung hervorgehoben
wurde.[83]
Indessen muß bezweifelt werden, daß die Versicherung dieser Tradition
hinreicht, das Verfahren der romantischen Dialektik angesichts der von Kant und
der nachkantischen deutschen Philosophie aufgeworfenen Probleme auch
begrifflich zu rechtfertigen.
6. Schluß
Hegel selbst hat in seinen 1820 veröffentlichten Grundlinien der Philosophie des Rechts[84]
in der Anmerkung zum Paragraphen 31 seine Auffassung von Dialektik gegenüber
konkurrierenden zeitgenössischen Positionen polemisch abgegrenzt: »Das
bewegende Prinzip des Begriffs, als die Besonderungen des Allgemeinen nicht nur
auflösend, sondern auch hervorbringend, heiße ich die Dialektik, - Dialektik also nicht in dem Sinne, daß sie einen dem
Gefühl, dem unmittelbaren Bewußtsein überhaupt gegebenen Gegenstand, Satz usf.
auflöst, verwirrt, herüber und hinüber führt und es nur mit Herleiten seines
Gegenteils zu tun hat, - eine negative Weise, wie sie häufig auch bei Plato erscheint. Sie kann so das
Gegenteil einer Vorstellung, oder entschieden wie der alte Skeptizismus den
Widerspruch derselben, oder auch matter Weise eine Annäherung zur Wahrheit, eine moderne Halbheit, als ihr letztes
Resultat ansehen." Der Adressat dieser Polemik ist - was meines Wissens
bisher noch nicht gesehen wurde - eindeutig zu identifizieren: die Kombination
der Stichworte »Gefühl", »unmittelbares Bewußtsein" und
»Platonismus" mit der »modernen Halbheit" verweist auf Friedrich
Schleiermacher als Repräsentanten der »romantischen Dialektik".[85]
Wie ich zu zeigen versucht
habe, stellt Schleiermachers Dialektik
aber nur den Endpunkt einer Reihe von Versuchen dar, endliche
Gegensatzbeziehungen unter der Prämisse absoluter Identität zu denken. Ihre
Eigenart besteht darin, daß sie die Probleme des Widerspruchs und der
Negativität, an denen sich die Diskussion nach Kant entzündet hatte, durch den
ungehemmten Rückgriff auf eine vorkritische Ontologie beiseiteschaffen will.
Tatsächlich hatten ja die in spekulativer Absicht unternommenen Versuche, die
objektive Bedeutung des Gebrauchs logischer Bestimmungen zu klären, in Aporien
geführt. Novalis war der erste und wohl einzige vor Hegel, der eingesehen
hatte, daß dieses Programm die Anerkennung objektiver Widersprüche nahelegen,
die nicht nur zum Schein bestehen, sondern den Schein konstituieren und seinen
wesentlichen Zusammenhang bestimmen. Er hat diese Einsicht jedoch zugunsten
einer unvordenklichen Identität wiederum fallen lassen, die nicht vom
Widerspruch berührt werden dürfe. Hierin sind ihm Schlegel und Schleiermacher
gefolgt, die den Widerstreit - auf der Linie von Fichtes Konzeption der
Einbildungskraft - zugunsten der Identität als Spiel organisieren. Während
Schlegel dabei - wenn auch inkonsequent - im Anschluß an Kant an einem durch
Negativität geprägten Begriff der
Entgegensetzung festhält, gibt Schleiermacher auch diesen zugunsten einer bloß
metaphorischen Redeweise auf. Die Flucht vor dem Widerspruch endet in der
Flucht vor dem Begriff. Demgegenüber hat Adam Müller - wenn auch mit völlig
unzulänglichen begrifflichen Mitteln - versucht, eine Totalität von
Entgegensetzungen ohne den Rückgriff auf absolute Identität als in sich selbst
begründet zu legitimieren. Müller scheitert daran, daß er das Selbstbewußtsein,
welches die unendlichen Entgegensetzungen zur Totalität vereinigen soll, diesen
äußerlich entgegensetzt. Er läßt es äußerlich auf die Gegensätze reflektieren,
aber nicht aus deren immanenter Reflexivität hervorgehen, so daß es wiederum
den Status eines Unmittelbaren gewinnt.
Hegel versucht diesen
Aporien dadurch zu entgehen, daß er die Negativität nicht als äußerliche Form
auf Gegensatzbeziehungen aufträgt, sondern sie immanent sowohl dem Absoluten
als auch den (endlichen) »Dingen" zukommen läßt. Sie sind und sie sind das, was
sie sind, nur im Widerspruch. Ob Hegel diese Auffassung mit Recht vertreten
kann oder nicht, steht hier nicht mehr zur Erörterung an. Ich möchte
stattdessen abschließend nur noch zwei kurze Anmerkungen vortragen, welche alle
der hier betrachteten Positionen betreffen: die erste zur spekulativen, die zweite zur logischen
Problematik des Widerspruchs.
Das spekulative Problem ist
dadurch charakterisiert, daß Widerspruch und Widerstreit unter der Prämisse
absoluter Identität gedacht werden, bzw. daß das Denken der Entgegensetzungen
(wie bei Müller) in diese Prämisse zurückfällt. Die Prävalenz absoluter
Identität gilt auch für Hegel, dessen Motiv für die Anerkennung einer
spekulativen Bedeutung des Widerspruchs gerade darin besteht, die reine
Selbstbezüglichkeit des Absoluten begreifen
zu wollen. Jenseits solcher spekulativen Voraussetzungen scheint das
Problem des Widerspruchs für das intendierte »nachmetaphysische Denken"
schlicht zu entfallen. Indessen wäre es verfehlt, die Notwendigkeit einer
begrifflichen Reflexion auf die objektive Bedeutung von Widerspruchsformen
allein an die Voraussetzungen spekulativer Systeme zu binden und dadurch für
obsolet zu erklären. Vielmehr ist zu fragen, wie Selbstsein in den Vernetzungen
der durchgängig relational verfaßten »Lebenswelten" anders sollte begriffen werden können, wenn nicht
wiederum Unmittelbarkeiten als letztes Auskunftsmittel herhalten sollen.
Was das logische Problem
betrifft, so ist zu berücksichtigen, daß die nachkantische Philosophie den
Gebrauch logischer Bestimmungen unter transzendentalen bzw. ontologischen
Annahmen allererst inhaltlich zu rechtfertigen suchte. Das seither (beginnend
mit Schopenhauer) zur allgemeinen Geltung gelangte Verständnis des Logischen
will dagegen die Logik vielmehr sich selbst überlassen, was unter
reduktionistischen analytischen Annahmen dann umgekehrt auch dazu führt, daß
die inhaltisch erfüllte »Welt" sich ebenfalls selbst überlassen wird und
dem Gebot des Beschweigens anheimfällt (Wittgenstein). Tatsächlich aber kann
auf diesem Wege nur festgestellt werden, daß ein Widerspruch formal besteht, nicht aber, ob er einen
Inhalt indiziert, der ihm eine andere Bedeutung als die eines bloßen
Argumentationsfehlers gibt.
Somit ist die
Auseinandersetzung mit den hier betrachteten Positionen noch immer aktuell für
die Etablierung der Begriffe einer Philosophie, die ihre Aufgabe darin sieht,
sich »auf die Sache selbst" einzulassen und sich dabei nicht mit
Formalismen einerseits und einer empiristisch verstandenen Faktizität
andererseits begnügt.
[1] Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im
Grundrisse (1830). Hg. F. Nicolin und O. Pöggeler, Hamburg 1959, § 79-81; vgl.
Andreas Arndt: Dialektik und Reflexion. Zur Rekonstruktion des
Vernunftbegriffs, Hamburg 1994, S. 344-348.
[2] Vgl. Michael Wolff: Der Begriff des Widerspruchs. Eine
Studie zur Dialektik Kants und Hegels, Königstein/Ts. 1981, S. 17.
[3] Vgl. E. v. Hartmann: Über die dialektische Methode, Berlin
1868.
[4] Vgl. zuletzt Pirmin Stekeler-Weithofer: Hegels Analytische
Philosophie. Die Wissenschaft der Logik als kritische Theorie der Bedeutung,
Paderborn u.a. 1992, S. 25-27. Der Satz vom zu vermeidenden Widerspruch wird
hier als normatives Ideal eines praktisch unabschließbaren Erkenntnisprozesses
verstanden. Damit freilich wird Hegels Dialektik als das genommen, was sie
ausdrücklich nicht sein will: eine
Theorie der Annäherung an die Wahrheit.
[5] Vgl. neben der oben (Anm. 2) genannten Monographie ders.:
Über Hegels Lehre vom Widerspruch. In: Hegels Wissenschaft der Logik: Formation
und Rekonstruktion. Hg. D. Henrich, Stuttgart 1986, S. 107-128; ders.: Der Satz
vom Grund, oder: Was ist philosophische Argumentation? In: Neue Hefte für
Philosophie 26 (1986), S. 89-114; ferner Burkhard Tuschling: Widerspruch und
Konsistenz. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 42 (1988), S. 72-94;
ders.: Necessarium est idem simul esse et non esse. Zu Hegels Revision der
Grundlagen von Logik und Metaphysik. In: Logik und Geschichte in Hegels System.
Hg. H.-C. Lucas und G. Planty-Bonjour, Stuttgart-Bad Cannstatt 1989, S. 199-226.
[6] Vgl. meine in Anm. 1 genannte Monographie; ferner vom
Verf.: Dialettica romantica. Friedrich Schlegel e Schleiermacher. In:
Fenomenologia e Società 15 (1992), S. 85-107.
[7] Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems (1801),
Gesammelte Werke, Akademie-Ausgabe, Bd. 4, S. 64.
[8] Johann Gottlieb Fichte: Werke, Akademie-Ausgabe 1, 2, S.
389f.
[9] Ebd., S. 359. - Mit der dabei implizit vorgenommenen
Unterscheidung von Widerspruch und Widerstreit greift Fichte wohl die
Terminologie des Kantianers Kiesewetter auf, der den Vorschlag gemacht hatte,
auf diese Weise kontradiktorische und konträre Gegensätze zu bezeichnen
(J.G.C.C. Kiesewetter: Grundriß einer reinen allgemeinen Logik, 1791).
[10] Vgl. A. Arndt: Gefühl und Reflexion. Schleiermachers
Stellung zur Transzendentalphilosophie im Kontext der zeitgenössischen Kritik
an Kant und Fichte. In: Transzendentalphilosophie und Spekulation. Der Streit
um die Gestalt einer Ersten Philosophie. Hg. W. Jaeschke, Hamburg 1993, S. 105-126.
[11] Vgl. Dieter Henrich: Konstellationen. Probleme und Debatten
am Ursprung der idealistischen Philosophie (1789-1795), Stuttgart 1991.
[12] Vgl. Friedrich Heinrich Jacobi: Werke. Hg. F. Roth und F.
Köppen, Bd. 4, 1, S. 223.
[13] Ebd., Bd. 2, S. 310.
[14] Vgl., im Bezug auf aktuelle Diskussionen, Manfred Frank:
Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis. Stuttgart 1991.
[15] Ich sehe hier ab von der besonderen Problematik einer
philosophischen Theorie des Selbstbewußtseins, da diese m.E. nur einen
Spezialfall des Verhältnisses von Unmittelbarkeit und Reflexion darstellt, dem
nur unter weitergehenden transzendental- und bewußtseinsphilosophischen
Voraussetzungen eine ausgezeichnete Stelle zukommt.
[16] Novalis: Schriften. Hg. R. Samuel, H.-J. Mähl und G. Schulz,
Bd. 2, S. 114.
[17] Ebd., S. 118.
[18] Ebd., S. 269
[19] Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Hg. E. Behler u.a.,
Bd. 18, S. 418.
[20] Novalis: Schriften, Bd. 2, S. 413.
[21] Ebd., S. 115f.
[22] Zum Terminus »ordo inversus" vgl. ebd., S. 127f, 131,
133. - Die Figur des ordo inversus bezeichnet,
kurz gesagt, eine Reflexion der Reflexion, in der innerhalb der Reflexion (d.h. auf uneigentliche Weise) eine durch
die Reflexion bewirkte Verkehrung rückgängig gemacht wird. Vgl. Manfred Frank
und Gerhard Kurz: Ordo inversus. Zu einer Reflexionsfigur bei Novalis,
Hölderlin, Kleist und Kafka. In: Geist und Zeichen. Festschrift Arthur Henkel.
Heidelberg 1977, S. 75-92.
[23] Novalis: Schriften, Bd. 2, S. 111.
[24] Ebd., S. 116.
[25] Ebd., S. 177; Friedrich Schlegel greift diese Formel 1796 in
seiner Rezension von Jacobis Woldemar
auf, wo es heißt, es sei ein »von außen unbedingter, gegenseitig aber bedingter
und sich bedingender Wechselerweis
der Grund der Philosophie" (Friedrich Schlegel: Werke. Studienausgabe. Hg.
E. Behler, Bd. 1, S. 188). Daß hier offenbar ein Rekurs auf Novalis
stattfindet, ist meines Wissens bisher noch nicht bemerkt worden. - Gegenüber
Fichtes Wissenschaftslehre ist
festzuhalten, daß die in der Grundlage des theoretischen Wissens (§ 4, C.)
explizierte »Synthesis durch Wechselbestimmung" (womit Fichte Kants
Begriff der Relation übersetzt) hier
zum Grundsatz der Philosophie gemacht wird, also an die Stelle des obersten
Grundsatzes tritt, während die dort modellierte absolute Identität in den
Bereich des Transzendenten verwiesen wird.
[26] Ebd., S. 168.
[27] Ebd., S. 138; in diesem Zusammenhang wird die
Transzendentalphilosophie als »Sofistik" ausgezeichnet, was darauf
hindeutet, daß sich für Novalis die Kantische Unterscheidung von
transzendentaler Dialektik und der »polizeilosen", sophistischen
Verstandesdialektik verwischt: logische
und dialektische Oppositionen werden
nicht mehr als von vornherein unterschiedene gesehen. Gleichwohl kommt Novalis,
im Unterschied zu Friedrich Schlegel, nicht dazu, den Begriff der Dialektik
gegenüber Kant umzuwerten. Indem er aber »Alles Denken" als »Kunst des
Scheins" und den Schein als »die Urform der Wahrheit [...] die Wahrheit
auf sich selbst bezogen" bestimmt (ebd., S. 181), bereitet er eine solche
Umwertung vor und könnte darin durchaus auch Schlegel beeinflußt haben.
[28] Ebd., S. 267.
[28] Ebd., S. 179.
[29] Ebd., S. 182.
[30] Ebd., S. 181.
[31] Vgl. ebd., S. 269f.
[32] Ebd., S. 183.
[33] Ebd., S. 187.
[34] Ebd., S. 219.
[35] Ebd., S. 199. - Ich übergehe hier Novalis' subtile
Unterscheidungen von Ding, Gegenstand, Setzen, Gegensetzen, Entgegensetzen
usw., da es mir hier nicht auf eine detaillierte Rekonstruktion ankommt (die im
übrigen fortlaufend den Bezug zur Wissenschaftslehre
zu erheben hätte), sondern allein darauf, daß für das
begrifflich-reflektierende Erkennen die Identität zugunsten der
Gegensatzbeziehungen depotenziert wird.
[36] Ebd., S. 247.
[37] Ebd., S. 279.
[38] Vgl. ebd., S. 127: »Der Widerstreit ist, als Widerstreit,
blos im mittelbaren Ich und gerade deswegen nothwendig, weil es kein
Widerstreit ursprünglich ist".
[39] Friedrich Schlegel und Novalis hatten sich im Januar 1792 in
Leipzig kennengelernt und eine - zunächst sehr wechselhafte - Freundschaft
begründet. Zu ihren bevorzugten Gesprächsthemen gehörte auch die Philosophie,
wobei entscheidende Anregungen zunächst von Novalis ausgingen (u.a. in Bezug
auf Platon, Hemsterhuis und Kant). Erst nach dem Abschluß von Novalis' Fichte-Studien im Herbst 1796 zog
Schlegel nach und kündigte dem Freund am 1.12.1796 die Übersendung von Heften
zur spekulativen Philosophie an (Novalis: Werke, Bd. 4, S. 463), die dieser
auch erhielt und am 1.1.1797 zurückschickte: »Hier mit vielem Danke Deine
Philosophica zurück. Sie sind mir sehr werth geworden. Ich habe sie ziemlich im
Kopfe und sie haben derbe Nester gemacht" (ebd., S. 193). Sowohl die Novalis-
als auch die Schlegel-Ausgabe beziehen dies auf den Anfang der Philosophischen Lehrjahre (KFSA, Bd. 18,
S. 3-23), der nur in späteren Abschriften überliefert ist. Zu denken ist aber
wohl vor allem an die als »Beilage I." edierten philosophischen Fragmente
(ebd., S. 505-516), die - wenn auch nicht vollständig überliefert - in der
Urschrift von 1796 vorliegen. Sie sind nicht nur diskursiver angelegt als der
Anfang der Lehrjahre sondern
enthalten darüber hinaus in der Tat bahnbrechendes Neues, nämlich Schlegels
Konzeption von »Dialektik". Vgl. hierzu A. Arndt: Dialettica romantica,
a.a.O. (Anm. 6) sowie ders.: Zum Begriff der Dialektik bei Friedrich Schlegel
1796-1801. In: Archiv für Begriffsgeschichte 35 (1992), S. 257-273.
[40] KFSA, Bd. 12, S. 92.
[41] Vgl. ebd., 4; zu Schlegels Rezeption von Kants Schrift vgl.
das Athenaeum-Fragment 3; KFSA 2, S. 166.
[42] KFSA 12, 3; vgl. hierzu auch den Bericht von Jakob Friedrich
Fries, der sich im Winter 1800/1802 in Jena auf seine Promotion vorbereitete:
»Man kann jetzt im Gebiete der Philosophie in Deutschland allen möglichen
Unsinn geltend machen, wie Schelling, Bardili u.s.w. die besten Beweise geben,
wo manche Leute noch glauben wunder was für Weisheit dahinter steckt. In
Schelling ist die philosphirende Vernunft rein toll geworden, [...] er ist
wieder hier und wird täglich alberner. Jetzt liest auch Friedrich Schlegel hier
Transcendentalphilosophie und hat nicht übel angefangen, die gesunde Vernunft
zu ohrfeigen; gestern war er albern genug zu sagen, der Satz des Widerspruchs
und des zureichenden Grundes wären durchaus nicht von absoluter Gültigkeit, sie
sind nur praktisch, gelten nur in einer gewissen Sphäre; die Philosophie
besteht in nichts als einer unendbaren Reihe von Widersprüchen, und das glauben
denn eine Menge hiesiger Studenten mit größter Leichtigkeit, als ob sie sich
wirklich etwas dabei denken könnten" (Ernst Ludwig Th. Henke: Jakob
Friedrich Fries, Berlin 1937, S. 73f. - Vgl. zusammenfassend Ernst Behler:
Friedrich Schlegels Vorlesungen über Transzendentalphilosophie Jena 1800-1801.
In: Transzendentalphilosophie und Spekulation, a.a.O. - Anm. 13 -, S. 52-71).
[43] Fragment 28; KFSA, Bd. 2, S. 170; vgl die gleichlautende
Formulierung in der Transzendentalphilosophie-Vorlesung in KFSA 12, S. 101.
[44] Fragment 75; KFSA, Bd. 2, S. 176.
[45] Fragment 91; ebd., S. 179.
[46] Fragment 83; ebd., S. 178.
[47] Fragment 77; ebd., S. 176.
[48] Vgl. die anonyme Schrift Über
die Hegelsche Lehre oder: absolutes Wissen und moderner Pantheismus
(Leipzig 1829), 152ff.; dazu die Rezension Hegels
in den Jahrbüchern für wisenschaftliche
Kritik, 1829 (Hegel: Werke. Theorie-Werkausgabe. Hg. E.
Moldenhauer und K.-M. Michel, Bd. 11, s. 390ff.; vgl. bes. S. 434 über sein
Verhältnis zu Schlegel). Als Replik erschien 1831 in Breslau - ebenfalls anonym
- Über die Wissenschaft der Idee, wo
in der Einleitung (XXVII) der Vorwurf der Abhängigkeit von Schlegel
spezifiziert und durch Zitate aus dessen Vorlesung untermauert wurde. Verfasser
der anonymen Schriften ist nach Johann
Eduard Erdmann (Grundriß der Geschichte der Philosophie, Bd. 2. Berlin 41896,
S. 642) ein nicht näher identifizierter Hülsemann; hierfür ist jedoch Erdmann
der einzige Zeuge; zudem konnte dem von ihm erwähnten bloßen Nachnamen auch von
der neueren Forschung noch keine eindeutig identifizierbare Person zugeordnet
werden.
[49] Vgl. KFSA, Bd. 12, S. 32f.
[50] Ebd., S. 93.
[51] Ebd.
[52] KFSA, Bd. 2, S. 70.
[53] Vgl. aber Kurt Rainer Meist: »Sich vollbringender
Skeptizismus". G.E. Schulzes Replik auf Hegel und Schelling. in:
Transzendentalphilosophie und Spekulation, a.a.O. (Anm. 13), S. 192-230.
[54] Vgl. Gottlob Ernst Schulze: Aphorismen über das Absolute (1803). In: Transzendentalphilosophie
und Spekulation. Quellenband. Hg. W. Jaeschke, Hamburg 1993, S. 337-355.
[55] Friedrich Köppen: Schellings Lehre oder das Ganze der
Philosophie des absoluten Nichts nebst drey Briefen verwandten Inhalts von
Friedr. Heinr. Jacobi, Hamburg 1803.
[56] Carl August Eschenmayer: Die Philosophie in ihrem Übergang
zur Nichtphilosophie, Erlangen 1803.
[57] Adam Müller: Kritische, ästhetische und philosophische
Schriften. Hg. W. Schroeder und W. Siebert. Bd. 2, Neuwied und Berlin 1967, S.
212. - Dem 1804 bei Reimer in Berlin erschienen ersten Buch sollten noch zwei
weitere über Wissenschaft und Staat sowie Religion und Kirche folgen (vgl. ebd.,
S. 200), jedoch steiß der erste Band beim Publikum auf Kritik und Unverständnis
und mußte schließlich wegen Unverkäuflichkeit makuliert werden.
[58] Ebd.
[59] Ebd., S. 230. Für Novalis bezieht sich Müller auf die
nachgelassenen Schriften, die 1802 in zwei Bänden bei Reimer in Berlin
erschienen waren und eine stark redigierte Auswahl von »Fragmenten" aus
seinen Papieren enthielten; vgl. S. 211. - Müller war mit Friedrich Gentz
befreundet und stand im Briefwechsel mit Carl Gustav von Brinckmann, wodurch er
in die frühromantischen Diskussionszusammenhänge eingebunden war. Zur
Biographie, zu zeitgenössischen Zeugnissen und zur Entstehung und Wirkung der Gegensatzlehre vgl. den Anhang der
zitierten Ausgabe.
[60] Ebd., S. 208.
[61] Ebd., S. 204.
[62] »Positiv und Negativ" (ebd., S. 221-228) behandelt
dabei die Geschichte der Mathematik, nicht den Begriff der Negativität als
solchen.
[63] Ebd., S. 217.
[64] Ebd., S. 219.
[65] Ebd., S. 220.
[66] Ebd.
[67] Abgedruckt im Anhang ebd., S. 541-547.
[68] Ebd., S. 544.
[69] Vgl., auch zum folgenden, ebd., S. 546.
[70] Ebd., S. 247.
[71] Zu dieser Entsprechung vgl. A. Arndt: Unmittelbarkeit als
Reflexion. Voraussetzungen der Dialektik Friedrich Schleiermachers. In:
Internationaler Schleiermacher-Kongreß Berlin 1984. Hg. K.-V. Selge, Berlin und
New York 1985, S. 470.
[72] Vgl. Hans-Joachim Birkner: Theologie und Philosophie.
Einführung in Probleme der Schleiermacher-Interpretation, München 1974.
[73] An Jacobi, 30.3.1818. Auf der Grundlage der Handschrift neu
ediert von A. Arndt und W. Virmond. In: Religionsphilosophie und spekulative
Theologie. Quellenband. Hg. W. Jaeschke, Hamburg 1994, S. 395.
[74] Vgl. Schleiermacher: Kritische Gesamtausgabe (KGA). Hg.
H.-J. Birkner u.a., 1, 7, Teilbd. 1, S. 124 (§ 36, 2). - Diesem Verdacht ist
nicht dadurch zu begegnen, daß auf die Unterscheidung von Gefühl im
spekulativen Sinne und bloßen Affekten verwiesen wird, denn das spekulative
Konstrukt des Gefühls entzieht sich qua Unmittelbarkeit jeder begrifflichen
Begründung, so daß auch seine Explikation nur ein Gemeintes zum Inhalt haben
kann. Zu Schleiermachers Konstruktion des Gefühls im Ausgang von moral-sense-Theorien, der
Schulphilosophie des 18. Jahrhunderts und der Neologie vgl. demnächst vom Verf.
den Kommentar zu Schleiermacher: Philosophische Schriften. Frankfurt/M 1995.
[75] Ebd. (KGA 1, 7, 1).
[76] Vgl. A. Arndt: Einleitung. In: Schleiermacher: Dialektik
(1811), Hamburg 1986, S. XXXIVf.
[77] Notizheft zur Dialektik (1811-1818): In: ebd., S. 69.
[78] Schleiermacher: Dialektik (1814/15). Einleitung zur
Dialektik (1833). Hg. A. Arndt, Hamburg 1988, S. 148f.
[79] Ebd., S. 103 (Dialektik 1814/15, technischer Teil). Vgl.
auch Dialektik (1811), S. 54: »Kein Gegensaz darf so construirt sein daß er
eine positive und eine negative Seite hat. Man ist dann aus dem Gebiete des
Lebens heraus und keine relative Vereinigung ist möglich. Dies wird leere
Abstraction."
[80] Dialektik (1811), S. 78 (Notizheft).
[81] Ebd., S. 54 (Technischer Teil; Begriffsbildung durch
Deduktion).
[82] DialO, MS Schl., S. 183; vgl. NS, S. 186: »Der höchste
Gegensatz, als das Sein an sich erschöpfend, ist also die Grenze des wirklichen
Wissens, die wir immer denken wollen und nicht denken können."
[83] Vgl. Gunter Scholtz: Die Philosophie Schleiermachers,
Darmstadt 1984, S. 54; ders.: Schleiermacher und die Platonische Ideenlehre.
In: Internationaler Schleiermacher-Kongreß 1984. Hg. K.-V. Selge, Berlin und
New York 1985, S. 849-871. Zu Platon vgl. W. Beierwaltes: Art.
»Gegensatz". In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 3, Sp.
107-109.
[84] Der Druck trägt die Jahreszahl 1821. Zitiert wird die Ausgabe
von H. Klenner, Berlin 1980.
[85] Da der erste Band der Glaubenslehre
1820 noch nicht erschienen war, dürfte Hegel seine Kenntnis aus Berichten
Studierender oder auch durch Einsichtnahme in eine Nachschrift - damals kein
unüblicher Weg - gewonnen haben. - Bereits im Dezember 1820 wurde
Schleiermacher von de Wette auf die soeben erschienene Rechtsphilosophie aufmerksam gemacht (vgl. Aus Schleiermachers
Leben. In Briefen, Bd. 4, Berlin
1863, S. 266f); ob und ggf. wann er diese zur Kenntnis genommen hat, läßt sich
nicht mit Sicherheit sagen. In einem Brief an den Theologen Lücke von Anfang
1821 (ebd., S. 272) heißt es: »Hegel'n denke ich gar nicht in die Parade zu
fahren; ich habe keine Zeit dazu. Auch ist es mehr eine Herabsezung der
Religion überhaupt, die ihm eine niedere Stufe bezeichnet als des Christenthums
[...]. In philosophische Polemik kann ich mich gar nicht einlassen, weil ich
sie als einen Unsinn ansehe." Diese Stelle könnte mit Hegels Polemik in
der Rechtsphilosophie in Verbindung
gebracht werden; der vorangehende Brief Lückes, auf den Schleiermacher
antwortet, ist jedoch nicht überliefert, so daß hierüber keine letzte Klarheit
zu gewinnen ist.