Welches Gebirge überquert die Bagdadbahn?
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Welches Gebirge überquert die Bagdadbahn?
I Es war ein gewaltiges Unternehmen mit gewaltigen Schwierigkeiten und großem Frust: „Ich pfeife auf die Bagdadbahn", erregte sich Georg von Siemens, der sonst so besonnene Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Er war es leid, beim Bau der Bagdadbahn immer neue Verhandlungen zu fuhren und dabei immer neue Verzögerungen, Hinhaltemanöver und Rückschläge erleben zu müs-
„Als Geschäft? Du lieber Himmel! Da bleibt
SIE IMMER EINE NEBENSACHE. _Georg von Siemens über die Bagdadbahn
sen. Der Grund: Die 2500 Kilometer lange Verbindung von Istanbul über Bagdad bis an den Persischen Golf war von Anfang aller Planungen an in die Mühlen der internationalen Politik geraten. England, Frankreich, Russland, Deutschland und natürlich die heutige Türkei [damals das Osmanische Reich] versuchten ihre Interessen durchzusetzen.
Die Geschichte der Bagdadbahn hatte in den 1880er-Jahren mit der Planung einer 600 Kilometer langen Strecke begonnen, die von Haidar Pascha, einemVorort Konstantinopels [später: Istanbuls], nach Ankara führen sollte. Mehrere Bewerber rangen um die Konzession für die Ausführung der Arbeiten. Doch weder ein englisch-italienischer noch zwei französische Kandidaten entsprachen den Wünschen des osmanischen Sultans Abdul Hamid II. Der beauftragte einen Vermittler, Kontakte zu deutschen Banken aufzunehmen, und im Oktober 1888 erhielt ein Konsortium unter Leitung der Deutschen Bank den Zuschlag. Die Bauarbeiten gingen trotz logistischer Hürden [zwei Drittel des Baumaterials kamen aus Deutschland] und einiger Rückschläge, zum Beispiel durch Krankheiten, die unter den Arbeitern grassierten, zügig voran. Dafür sorgte vor allem eine speziell entwickelte Gleislegemaschine. So konnte schon im Dezember 1892, einige Wochen früher als geplant, die Trasse zwischen Istanbul und Ankara in Betrieb genommen werden.
Vier Jahre später besaß die Bagdadbahn einen südlichen Streckenausläufer, der bis nach Konya in Anatolien reichte. Nun begannen neue Verhandlungen über die weitere Streckenführung und die am Bau zu beteiligenden Länder. Die Deutsche Bank und ihr Vorstandssprecher wünschten sich einen Verbund deutscher, englischer und französischer Unternehmen.
Das würde auch dem internationalen Postverkehr Auftrieb verleihen, denn hier lag, so Georg von Siemens, die einzige Chance der Bagdadbahn, sich zu einem wirtschaftlich rentablen Projekt zu entwickeln. Doch ein gutes Jahrzehnt vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs herrschte bereits ein zu großes Misstrauen zwischen den Verhandlungspartnern, und so scheiterte die Sache schließlich.
Auf Drängen Kaiser Wilhelms II. bekam die deutsche Seite die alleinige Konzession für den weiteren Bau der Bagdadbahn, auch wenn Georg von Siemens sich weiter skeptisch zeigte: „Als Geschäft? Du lieber Himmel! Da bleibt sie immer eine Nebensache."
Er sollte Recht behalten. Wirtschaftlich erfüllte die erst im Jahre 1940 fertiggestellte Verbindung - also 52 Jahre nach Vertragsabschluss - nicht die in sie gesetzten Erwartungen. Doch die Reisenden dürften angesichts der grandiosen Landschaften, durch die die Strecke führt, daran kaum je einen Gedanken verschwendet haben. Welches Gebirge überquert die Bagdadbahn? mobil 01.04
Text: Olivier Meyer