"Je älter man wird, desto näher kommt man der Zukunft", heißt es. Das kann man so sehen, wenn man "die Zukunft" als etwas Feststehendes betrachtet. Doch wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Ein Bergsteiger zum Beispiel. Will auf einen Berg, der weit hinter dem Horizont liegt. Also macht er sich auf zur Anreise. Vielleicht mit dem Zug, velleicht mit dem Auto. Er überwindet Horizonte, kommt dem Gebiet, in dem der Berg liegt, näher. Irgendwann muss er sein Fahrzeug verlassen und steht am Fuße des Berges, wo es nur noch per Fuß weiter gehen kann. Vielleicht sieht er schon den Gipfel. Vielleicht liegt dieser hinter einem weiteren Horizont, weil der Mensch klein ist oder weil der Berg sich aus Klüften und welligen Hängen erhebt. Sei's drum. Er beginnt den Aufstieg. Täler schwinden, er steigt in die Höh'. Dann erreicht er den Punkt, den er sich für seine Zukunft vorgestellt hatte - den Gipfel. Er steht oben, seine Zukunft ist wahr geworden. Er sieht sich um - herrliche Aussicht, oder auch totaler Nebel. In beiden Fällen kann man von Glück sagen, dass er sein Ziel erreicht hat.
Hier wäre man am Ende, wenn die Zukunft ein fester Punkt in der Landschaft wäre. Der Punkt wäre das Ende. Es gäbe nichts weiteres mehr. Vielleicht ist es der Tod.
Doch jeder Bergsteiger weiß, den Gipfel zu erreichen ist ein Ziel. Wieder gesund nach unten zu kommen, ist ein weiteres. Und wer ehrlich plant, strebt den Gipfel als Station zwischen zwei Raststätten an. Soll heißen, a) es gibt auf den wenigsten Gipfeln eine Herberge oder b) wenn es eine gäbe, dann denkt der Autor dabei an eines der vielen Burgeo‘s wie in Umbrien, welche damit aber kein Ziel für Bergsteiger wären. c) gibt es bestimmt auch noch, doch das tut hier nichts zur Sache.
Versetzen wir uns nochmal auf den Gipfel, auf dem unser Bergsteiger derzeit verweilt. Er hat den Horizont überwunden, der zwischen seinem Zuhause und dem Gipfel lag. Denn wenn er jetzt vom Gipfel aus in diese Richtung schaut, kann er sein Zuhause ebenso nicht sehen, wie vormals den Gipfel. Der Erdkrümmung und dem welligen Gelände seien Dank. Und während er unterwegs zum Gipfel war, sollte man doch denken, dass es möglich gewesen wäre, beides - den Gipfel und das Zuhause zu sehen. Vielleicht, wenn die Anreise nicht zu weit war (man spricht dann eigentlich vom sog. Hausberg von dem aus sich sehr schnell nächste Horizonte und Ziele auftun), doch in den meissten Fällen legt sich ein Schatten auf die Sichtbarkeit des Zurückliegenden wie sich das Kommende lichtet.
Oft sagt man, 'Reisen erweitert den Horizont'. Nun ja, das mag stimmen, wenn man es vom Start aus betrachtet. Doch wenn man unterwegs ist, trägt man seinen Sichtkreis mit sich herum, soweit das Auge reicht, von Horizont zu Horizont. Und je schneller man rennt, desto schneller flieht der Horizont auf den man zusteuert; desto schneller und höher schiebt er sich zwischen einen selbst und den Punkt, den man verläßt.
Vielleicht ist die Zukunft ja nur ein Horizont, und wenn man seinen Standort ändert, sieht alles ganz anders aus.