Teil 3: Inhaltsangabe - "Wir amüsieren uns zu Tode" - Teil 2
In „Amerika im Zeitalter des Buchdrucks“, dem dritten Kapitel wird erklärt, warum in Amerika einst Bücher einen sehr hohen Stellenwert bei den meisten Bewohnern hatten. Anfangs erwähnt Postman jedoch ein Zitat eines Vertreters einer Religionsgemeinschaft, der erklärt, warum deren Grundsätze nicht zu Papier gebracht werden sollen. Man lerne laut seinen Ausführungen laufend dazu und erkenne Fehler. Würde man diese Grundsätze drucken, liefe man Gefahr, sich daran gebunden und eingeschränkt zu fühlen und vor Änderungen zurückzuschrecken. In dieser Aussage erkennt Postman eine Kritik an der Epistemologie des geschriebenen Wortes.
Wichtig ist ihm abschließend noch die Feststellung, dass „der Einfluss des gedruckten Wortes […] nicht nur wegen der Menge des Gedruckten so stark war, sondern deshalb, weil das Gedruckte über ein Monopol verfügte“. Heute gibt es zwar mehr Gedrucktes als je zuvor, aber daneben noch Filme, Radio und Fernsehen.
Im vierten Kapitel „Leserverstand“ kritisiert Postman die Aufmerksamkeit und das Interesse der heutigen Amerikaner bei politischen Reden und verweißt auf die Lincoln-Douglas Debatten im 19. Jahrhundert, die über mehrere Stunden dauerten und in der damaligen Zeit wichtige gesellschaftliche Ereignisse waren. Die Sätze der Redner waren komplex und immer wieder wurde auf rhetorische Mittel wie Ironie, Paradoxen und weitere Mittel zurückgegriffen. „In einer Fernsehkultur brauchen die Menschen jedoch für das Ohr ebenso wie fürs Auge eine Sprache, die schlicht und einfach ist.“
Auch schreibt er über die Veränderung unserer Erinnerung an berühmte Persönlichkeiten. Früher wurden die Menschen wegen ihrer Reden bekannt, heutzutage erinnern wir uns nur an Bilder der Personen.
„Ich möchte diese Zeit, in der der amerikanische Geist unter der Souveränität der Druckpresse stand, das Zeitalter der Erörterung nennen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts neigte es sich seinem Ende zu. Es kam das Zeitalter des Showbusiness“, schließt Postman dieses Kapitel ab. Als Beleg für seine These nimmt er das Beispiel Werbung: Bis 1890 galt Werbung als etwas Ernsthaftes aus Wörtern, dessen Zweck es war, Informationen zu vermitteln. „In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts zerbrach dieser Kontext zunächst unter dem massiven Druck von Fotografien, sodann durch die Verwendung einer nicht mehr auf Aussagesätze konzentrierten Sprache.“
Im fünften Kapitel „Die Guckguck Welt“ wird vor allem über die Veränderung unserer Informationsqualität und Quantität nach der Erfindung des Telegrafs geschrieben. Bevor Morse ihn erfunden hat, wurden Informationen so schnell verbreitet, wie sie der Mensch transportieren konnte.
„Die dem Telegrafen innewohnende Möglichkeit, Informationen in Ware zu verwandeln, wäre vielleicht nie Wirklichkeit geworden, hätte sich der Telegraf nicht mit der Presse zusammengetan“, beschreibt Postman den Beginn der Untat, „Belanglosigkeiten in den Rang von Nachrichten zu erheben“. Die Informationsumwelt war „dekontextualisiert: Es gab eine Flut von Informationen, aber nur sehr wenig davon war brauchbar.“ Dies hatte zur Folge, dass eine Fülle an irrelevanten Informationen vorhanden war, die das proportionale Verhältnis zwischen Information und Aktion drastisch veränderte: Es gab viel mehr Information als Bedarf an Reaktion darauf.
„Der Beitrag des Telegrafen zum öffentlichen Diskurs […] bestand darin, der Belanglosigkeit zu Ansehen zu verhelfen und die Ohnmacht zu verstärken“. Damit war die Telegrafie das genaue Gegenteil des Buchdrucks.
Der Franzose Lois Daguerre revolutionierte 1838 die Medienlandschaft, als er ankündigte, die Fotografie (auf Deutsch: Schreiben mit Licht) könne die Natur überall zu jeder Zeit „verdoppeln“.
Die Fotografie präsentiert die Welt als Gegenstand und als Fakte, während die Sprache sie als Idee präsentiert. Ein Foto verlangt keinen Zusammenhang – es gibt weder einen Anfang, noch eine Mitte oder ein Ende, nur die Gegenwart, die jedoch keinen Kontext braucht. So wurde „für zahllose Amerikaner das Sehen statt des Lesens zur Grundlage ihrer Überzeugungen“. Das Foto vervollkommnte die Flut telegrafischer Nachrichten.
Eine weitere, maßgebliche Umschichtung im Interesse erkennt Postman: „Während die Menschen früher nach Informationen suchten, um den realen Kontext ihres Daseins zu erhellen, mussten sie jetzt Kontexte erfinden, in denen sich solche nutzlose Information scheinbar nutzbringend gebrauchen ließen.“ Solche waren Kreuzworträtsel und primitive Quizshows.
Noch schlimmer war jedoch die Einführung des Fernsehens als Informationsbeschaffungsmedium. „Das Fernsehen hat den Status eines Meta-Mediums erlangt“, weiß Postman: „es ist zu einem Instrument geworden, das nicht nur über unser Wissen über die Welt bestimmt, sondern auch unser Wissen darüber, wie man Wissen erlangt.“
Im Kapitel „Das Zeitalter des Showbusiness“ wird gut erkennbar, dass das Fernsehen sich rein der Unterhaltung widmet. Vor allem Nachrichten sind, obwohl sie es nicht sein sollten, zur Unterhaltung gedacht. In diesem Kapitel kommt auch die wichtigste These zum Ausdruck: „Unser Fernsehapparat sichert uns eine ständige Verbindung zur Welt, er tut dies allerdings mit einem durch nichts zu erschütternden Lächeln auf dem Gesicht. Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“
Gutes Fernsehen hat viel mit der Wirkungsweise von Bildern zu tun. Es erfordert die Kunst der Darstellung und Denken ist keine darstellende Kunst. Sendungen wollen zum Schluss Applaus erreichen, nicht Nachdenklichkeit.
Im folgenden Kapitel „Und jetzt…“ kritisiert Postman vor allem, dass, obgleich wichtig oder nicht, Nachrichtenblöcke immer direkt aufeinander folgen oder durch Werbung unterbrochen werden, sodass der Zuschauer keine Zeit zum Nachdenken hat, und es durch beruhigende Musik oder wegen des Aussehens des Reporters für belanglos hält. Er sieht Nachrichten als banale Unterhaltung und weist auf einen „äußerst beunruhigenden Sachverhalt hin: Wir verlieren das Gefühl dafür, was es bedeutet, gut informiert zu sein. Unwissenheit lässt sich beheben. Aber was sollen wir tun, wenn wir die Unwissenheit für Wissen halten?“
Um noch einmal auf den anfangs erwähnten Vergleich zwischen Orwells und Huxleys Theorie zurückzukommen, zieht Neil Postman ein kleines Fazit, in dem er noch einmal Huxley Recht gibt: „Man hat die Lüge nicht als Wahrheit definiert und die Wahrheit nicht als Lüge. Es ist nichts weiter geschehen, als dass die Öffentlichkeit sich an die Inkohärenz gewöhnt hat und in die Teilnahmslosigkeit hineinamüsiert hat.“
In „Im Wiegeschritt nach Bethlehem“ wird ersichtlich, dass im Fernsehen auch die Religion einschränkungslos ohne Nachsicht als Unterhaltung präsentiert wird. Prediger erkennen offen, dass sie den Inhalt so gestalten, dass sie möglichst hohe Einschaltquoten erzielen. „Den Fernsehpredigern machen nicht ihre eigenen Schwächen zu Feinden der Religiosität, sondern die Schwächen des Mediums, in dem sie arbeiten.“
In „Sie haben die freie Wahl“ zeigt Postman auf, wie oft wir vom Fernsehen beeinflusst werden und „dass die Fernsehwerbung die Denkgewohnheiten der Amerikaner nachhaltig geprägt hat“. Beispiele dafür sind etwa Werbungen, die nicht mehr von Aussagen sondern vielmehr von Gefühlen beherrscht werden: „Indem sie Behauptungen durch Bilder ersetzte, machte die Bildwerbung den emotionalen Appeal statt einer rationalen Prüfung zur Basis der Verbraucherentscheidungen.“ Man erfährt du die Werbung nicht mehr, wer der Beste ist, sondern wessen Image die Tiefenschichten unserer Unzufriedenheit am Ehesten erreicht und diese beschwichtigt. Das Erfolgsgeheimnis bei Fernsehwerbungen ist einfach erklärt: „Wer einen Werbespot in Auftrag gibt, muss nicht die Stärken seines Produkts, sondern die Schwächen des Käufers kennen.“
Fernsehen beeinträchtigt die Lesefreiheit der Leute mit unschuldigen Händen. Fernsehen verbietet die Bücher nicht, es verdrängt sie.
In „Unterricht als Unterhaltung“ verweißt Postman auf die Theorie, dass Sendungen wie „Sesam Straße“ Kindern das Lesen durch Spaß am Lernen beibringen sollen. Doch ist in der Schule der Spaß das Mittel zum Zweck, im Fernsehen ist jedoch der Spaß der eigentliche Zweck. Er weist auch darauf hin, dass das Fernsehen die Macht erlangen kann, die Erziehung zu kontrollieren, wie es früher bei der Druckpresse der Fall war.
Die Bildungstheorie des Fernsehens gliedert er in drei wesentliche Gebote:
Postman folgert aus diesen Geboten, dass man „einen Unterricht ohne Vorraussetzungen, Irritation und ohne Erörterung wohl als Unterhaltung bezeichnen darf“.
Das letzte Kapitel namens „Huxleys Warnungen“ berichtet über die zukünftigen Gefahren des Fernsehens, wenn nicht ernsthaft etwas geändert wird: „Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Geist einer Kultur beschädigt werden kann. Im ersten Fall (Orwell) wird die Kultur zum Gefängnis. Im zweiten Fall (Huxley) verkommt sie zum Varieté.“
Der einzige Weg zur Rettung der Kultur vom Masseneinfluss dieses omnipräsenten Mediums ist, sich selbst Gedanken darüber zu machen. Zur Anregung dazu hat Postman einen originellen Vorschlag, der aus der heutigen Zeit der Zigarettenpackungshinweise kommen könnte: „Jedem politischen Werbespot sollte eine Erklärung vorangehen wie ‚Der gesunde Menschenverstand: Politische Fernsehwerbung gefährdet die Urteilsbildung des Gemeinwesens’“.
Abschließend zitiert er noch Huxley aus „Schöne neue Welt“: „Die Menschen leiden nicht daran, dass sie lachen, statt nachzudenken, sondern, dass sie nicht wissen, worüber sie lachen und warum sie aufgehört haben, nachzudenken.“
Zum nächsten Teil (Teil 4 - Interpretation: "Wir amüsieren uns zu Tode")
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