Happy Halloween
© by Aisling (Aisling@gmx.net), 2006

 

Disclaimer: Alles gehört Nina. Und ich hoffe, dass es ihr nichts ausmacht, wenn ich mir die Charaktere zum Spielen ausleihe.
Anmerkung: 'Der Tod und das Mädchen' ist ursprünglich ein Online-Comic, den man hier nachlesen kann. Wer dazu keine Lust hat, kann sich auch gerne die Hefte dazu kaufen - Bonusmaterial, dass es online nicht gibt, eingeschlossen. Wer dann immer noch nicht genug hat, schaut am besten einfach mal auf Ninas Seite rein. Es lohnt sich immer.
 

Mercedes war fast fertig. Nur noch schnell kehren, dann konnte sie Feierabend machen. Alle Blumen hatten genug Wasser, das Schaufenster eine neue Dekoration und die Halloweenartikel waren auch schon weggeräumt.

Nichts wies mehr darauf hin, dass ihr Geschäft noch vor wenigen Stunden von schrillen Geistern, Hexen, Dämonen und Vogelscheuchen bevölkert worden war. Einzig den Tod brauchte sie nicht wegzuräumen, denn den hatte sie gar nicht erst aufgebaut.

Dabei sah die Puppe IHM gar nicht ähnlich. Es war ein hässliches Gerippe, das ein Schild mit der Aufschrift ‚Ich bin der Tod' in der Hand hielt.

Trotzdem - Mercedes wollte gar nicht an IHN denken.

Schließlich hatte ER sie im Stich gelassen, schlimmer als Robert es jemals vermocht hätte. Robert war nur ihr Freund gewesen, der sie betrogen hatte, doch ER… ihre große Hassliebe, wie Mercedes sich eingestand.

Und dann merkte sie, dass sie doch schon wieder an IHN dachte.

Um sich abzulenken, nahm sie den Besen und fegte den Boden. Doch das war nicht genug, anschließend nahm sie Wischmopp und Eimer und putze gründlich.

Eigentlich war zu einer Halloweenparty eingeladen.

Seitdem sie sich von Robert getrennt hatte, hatte sie nur noch wenige Freunde, noch weniger wagten es, sie zu einer Feier einzuladen. Was konnte sie dafür, dass sie keine Partymusik mehr hören konnte, ohne an den Brand des Opernhauses zu denken? Und dass ER so reiche Ernte gehalten hatte.

Sie war noch nie ein Partygirl gewesen, aber jetzt vergraulte sie die Leute, indem sie von dem Brand erzählte und davon, dass sie kurz danach versucht hatte, Robert zu erschießen, aber zu feige war abzudrücken. Natürlich erzählte sie nicht über IHN, lies aber sonst kein Detail aus.

Vielleicht war das der Grund, warum Sabine und Tobias sie eingeladen hatten. Bei einer Halloweenfeier wären solche Gruselgeschichten der Renner. Mercedes hatte aber keine Lust, von irgendwelchen Leuten umlagert zu werden.

Sie wollte ihre Ruhe haben. Vergessen, was passiert war. Vergessen, dass sie sich in den Tod persönlich verliebt hatte, vergessen, dass DIESER ihre Gefühle so grausam zerstört hatte.

Und wenn sie bitteschön an IHN dachte, dann alleine in ihrer Wohnung. Wo niemand sah, dass sie weinte.

Sie wollte nicht mehr weinen. Sie hatte sich geändert. Sie war nicht mehr von irgendwelchen Männern abhängig und hatte ihr eigenes Geschäft. Ein erfolgreiches Geschäft.

Was Mercedes daran erinnerte, dass sie den Feiertag nutzen konnte, um den Monatsabschluss zu machen. Am Wochenende würde sie keine Zeit dafür finden, da sie zu einer Sonderführung durch die Gärten von Schloss Schönbrunn eingeladen worden war. Es war ja nicht so, dass sie kein Privatleben hätte.

Einzig auf eine Beziehung wollte Mercedes sich vorerst nicht mehr einlassen. Davon hatte sie seit Robert genug. Ganz besonders, wo er vor zwei Wochen noch einmal angekrochen gekommen war und beteuert hatte, wie sehr er sie liebe, dass sie die einzige Frau sei, die er heiraten wolle, und dass er mit niemand anderen Kinder haben wolle.

Er war wütend abgerauscht, nachdem sie ihm mit sehr viel Genugtuung gesagt hatte, dass es bei seinen Genen besser sei, sich nicht zu vermehren. Und dass er sich ein anderes Heimchen für den Herd suchen solle.

Zuerst war da dieses Hochgefühl gewesen. Aber das hatte nicht lang angehalten, und für den Rest des Tages war sie in ein tiefes Loch gefallen. Warum musste sie auch gleichzeitig auf zwei so völlig unterschiedliche Männer reinfallen? Robert konnte Mercedes ja noch verstehen, aber der Tod?

Verdammt, jetzt dachte sie schon wieder an IHN.

Sauberer konnte der Laden nicht mehr werden. Der Boden glänzte schon wie frisch gewienert, obwohl sie kein Wachs verwendet hatte. Kein Grund mehr, länger da zu bleiben und sich vor der Halloweenparty zu drücken.

Mercedes hatte schon morgens ihr Kostüm mitgenommen und zog sich schnell im Hinterzimmer um. Es war ein 08/15 Hexenkostüm: Weite Röcke, eine viel zu große Bluse, eine Perücke mit Zottelhaaren und eine Maske, die ein verhutzeltes, altes Gesicht mit einer riesengroßen Nase zeigte.

Sie betrachtete sich kritisch im Spiegel, drehte sich einmal um ihre Achse. Irgendwie rechnete sie damit, dass ER erschien und sie darauf hinwies, dass ein Schweinchenkostüm doch viel lustiger sei. Aber ER kam nicht. Würde nie wieder unverhofft auftauchen. Vielleicht noch nicht einmal an ihrem Todestag.

Seufzend nahm Mercedes ihre Handtasche, schaltete die Alarmanlage an und verließ das Geschäft durch die Hintertüre. Bevor sie abschloss, musste sie eine Minute warten, damit der Alarm nicht losging. Bei Regen war das unangenehm und im Winter würde sie frieren, aber diese Sicherheitsvorkehrung war ein notwendiges Übel.

Im Geiste zählte sie die Sekunden rückwärts, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Verärgert wollte Mercedes den Mann anfahren, dass sie keine Lust hatte, angemacht zu werden, als sie feststellte, dass die Finger kein Fleisch mehr auf den Knochen hatten. ER war zurückgekehrt.

Statt einen Luftsprung zu machen, schüttelte sie die Hand ab.

„Der Trick zieht nicht, du kannst mir keine Angst einjagen.“

Statt eines sarkastischen Kommentars hörte sie nur das Kichern eines Kindes.

Mercedes drehte sich langsam und vorsichtig um und sah zwei Kinder, die mit einer Skeletthand herumfuchtelten.

„Süßes oder Saures!“, riefen sie dann auch noch im Chor.

„Erstens habt ihr nicht geklingelt, zweitens habt ihr mir schon einen Streich gespielt und drittens habe ich nichts Süßes mit. Also verschwindet und sucht ein anders Opfer, sonst verhexe ich euch noch.“

Die Kinder blickten sie enttäuscht an, zogen dann aber ohne zu meckern ab.

Mercedes reichte es. Sie wollte keine Party, wollte nicht der Freak in der Freakshow sein. Sie wollte nur in ihre Wohnung, eine Tasse Kakao mit viel Rum und ein Buch. Von Terry Prattchett und Neil Gaiman hatte sie ‚Ein gutes Omen' auf ihrem Nachttisch liegen. Sie hatte es schon einmal gelesen und wusste, dass sie dabei nicht nur Robert, sondern auch IHN für einige Stunden vergessen konnte.

 
Ende??