Alles vergebens
© by Aisling (Aisling@gmx.net), 2005

 

Ursprünglich sollte diese Geschichte Antwort zu einem Wettbewerb mit dem Thema „Der Tod in seiner personifizierten Form“ sein. Nur hat dieser Wettbewerb nie stattgefunden.
 

Irgendwie sah alles anders aus. Es dauerte einen Moment, bis ich kapierte, woran es lag.

Ich saß nicht mehr in meinem Auto, sondern stand nur einige Meter von dem entfernt, was früher mal mein ganzer Stolz gewesen war. Ein Audi 100, etwas betagt, aber mit einer fantastischen Beschleunigung. Ja, wenn er sich nicht so elegant um eine Eiche gewickelt hätte - auch wenn es dunkel war, konnte ich deutlich erkennen, dass ein Baum mitten in meinem Wagen stand. Und 'elegant' war eigentlich der falsche Ausdruck. Der Wagen war frontal gegen die Eiche geknallt und, so wie ich es beurteilen konnte, nur noch ein Haufen Schrott.

Aber ich konnte mich nicht erinnern, wie es genau passiert war.

Meine letzte Erinnerung war, dass plötzlich ein Reh auf die Straße gelaufen war, ich wich aus, kam von der Straße ab, und dann… Dann war alles schwarz.

Wie war ich eigentlich aus dem Schrotthaufen rausgekommen? Die Türen waren zwar verzogen, aber zu. Ich ging näher zur Fahrerseite und wollte eigentlich die Tür öffnen, als ich überrascht zurückprallte. Auf dem Sitz saß jemand. Aber wer sollte das sein? Schließlich konnte ich mich genau erinnern, selbst gefahren zu sein, und ich war auch alleine unterwegs gewesen.

Es dauerte einen Moment, bis ich genügend Mut gesammelt hatte, dann ging ich wieder näher. Ich schaute mir die Gestalt genau an. Auch wenn sie vom Unfall übel zugerichtet war, kam sie mir irgendwie bekannt vor. Nur konnte ich mit dem Gesicht keinen Namen verbinden, und das, obwohl ich eigentlich ein gutes Namensgedächtnis hatte.

Als ich endlich begriff, wer da in dem Audi saß, drehte ich mich um und lief weg. Ich versuchte, soweit wie möglich weg zu kommen, und lief so schnell ich konnte.

Einfach nur laufen und hoffen, in einem irrwitzigen Albtraum gefangen zu sein. Denn es konnte einfach nicht real sein. Es durfte nicht die Realität sein.

Doch irgendwann ging es nicht mehr weiter. Ich kam nicht von der Stelle, egal wie schnell ich meine Beine bewegte. Es schien, als ob mich eine unsichtbare Kraft festhalten würde. Da ich wirklich nicht voran kam, gab ich meine Bemühungen auf, blieb stehen und blickte mich um.

Vom Auto war nichts mehr zu sehen, einige Bäume versperrten mir die Sicht; dafür war ein hauchfeiner, stark leuchtender Faden zu sehen, der mich mit diesem Ort verband. Schlimmer noch: Wie ein Gummiband zog er mich zurück. Da ich mich nicht mehr bewegte, spürte ich es besonders deutlich. Ich versuchte, mich zu wehren. Vergeblich: Es zerrte immer stärker. Und Zentimeter für Zentimeter, Schritt für Schritt, musste ich mich dieser Kraft beugen. Je näher ich dem Wagen kam, umso schneller wurde ich.

Dieser Zwang, zum Unfallort zurückzukehren, ließ erst nach, als ich bis auf zehn Meter an den Platz des Geschehens herangekommen war. Ich ging noch einige Schritte weiter und dann war ich wieder am Ausgangspunkt meiner Flucht.

Direkt vor dem Audi. Jetzt konnte ich hören, dass das Radio noch an war. Es war mir eben gar nicht aufgefallen, und es lief noch immer, obwohl der Wagen Schrott war.

Die Tür war noch immer verschlossen. Der leuchtende Faden verband mich mit der Gestalt auf dem Fahrersitz. Er musste schon die ganze Zeit da gewesen sein.

Und so sehr ich mir wünschte, dass es nicht der Wahrheit entsprach: Ich konnte nicht vor der Erkenntnis fliehen, dass die Gestalt, die auf dem Sitz saß, ich selbst war. Nicht so, wie ich mich vom täglichen Rasieren aus dem Spiegel kannte, nein, mein Gesicht wurde von tausend kleinen Glassplittern verziert und war fast schon eine blutige Masse, und in meine Brust hatte sich das Lenkrad gebohrt. Selbst meine Brille war kaputt und die Haare hatten auch Blutspritzer abbekommen.

Es ging nicht anders, so zugerichtet wie ich war, musste ich tot sein.

Als ich die Brille sah, fuhr meine rechte Hand automatisch hoch, doch da war nichts. Ich trug keine Brille und konnte dennoch für meine Verhältnisse klar und deutlich sehen. Hören konnte ich auch noch, aber alle anderen Sinnesorgane schienen nicht wirklich zu funktionieren. Ich roch jedenfalls nichts, obwohl Benzin ausgeflossen war.

Verstehen tat ich schon lange nichts mehr. Wieso stand ich hier und was passierte gerade mit mir?

Ein Panikanfall wäre vielleicht angemessen gewesen, aber da mir das nichts bringen würde, versuchte ich, die ganze Situation logisch anzugehen. Wozu hatte ich erfolgreich Mathematik und Informatik studiert?

Warum war ich also noch hier? Wenn meine Oma Recht hatte, sollte ich mich jetzt auf dem direkten Weg in die Hölle befinden. Aber nein, ich war hier. Durch so ein seltsames Band mit meiner Leiche verbunden.

Oder war das vielleicht die Hölle? Meine Strafe für all die Sünden, die ich begangen haben soll?

Wenn es wiederum nach meiner Oma ginge, dann hatte ich trotz meiner Jugend – für sie würde ich nie älter als sechs sein - ein sehr langes Sündenregister, aber kam man wirklich in die Hölle, wenn man rauchte, gelegentlich fluchte und vor der Ehe mit seiner Freundin ins Bett stieg? Okay, in den letzten Jahren hatte ich nicht nur eine Freundin, aber dafür war ich keiner untreu gewesen, und von den zehn Geboten hatte ich nur ‚Du sollst nicht lügen!' hin und wieder missachtet.

Gut, meine Oma hatte ich nicht geehrt, aber so verschroben, wie sie war, taten es noch nicht mal Mum und Dad. Dafür hatte ich sie alle zwei Wochen im Altenheim besucht. Der Geruch in dem Haus brachte mich zwar jedes Mal zum Würgen, aber ich überwand mich immer wieder und ertrug zwei Stunden lang ihr Gejammer!

Wieso sollte ich also in die Hölle kommen?

Bevor ich weiter ins Grübeln geriet, hörte ich von der Straße das Geräusch eines näherkommenden Wagens.

Das gab den Ausschlag - so irrational es auch war, das Brummen des Motors brachte meine Panik endgültig zum Ausbruch. So sehr ich mich bemühte, ich konnte es einfach nicht mehr unterdrücken. Ohne Puls und Herzschlag konnte beides nicht rasen, doch meine Gedanken taten es. Ich lief um den Wagen, vielleicht hoffte ich so diesem seltsamen Faden zu entkommen. Ehrlich gesagt bezweifle ich, in diesem Moment überhaupt gedacht zu haben.

Nach zwei Umrundungen kam ich wieder zu mir, bemerkte, wie verrückt das war, und blieb stehen, nur wenige Meter von der Fahrertür entfernt.

So wie meine Leiche aussah, würde derjenige, der sie fand, bestimmt einen Herzinfarkt bekommen. Und was passierte mit mir? Schließlich war ich doch immer noch da - verbunden mit der Leiche.

Das Motorengeräusch war lauter geworden und jetzt sah ich die Scheinwerfer des Wagens. Hell und leuchtend. Er kam direkt auf mich zu und in diesem Licht konnte ich sehen, dass ich eigentlich durchsichtig war. Jedenfalls konnte ich den Boden unter meinen Füßen sehen und einen Schatten warf ich auch nicht. Noch eine Veränderung, die ich registrierte.

Der Motor wurde abgesetzt. Doch die Scheinwerfer blieben an. In dem Moment war es fast zu still. Kein Geschöpf der Nacht gab einen Ton von sich. Endlich ein Geräusch. Es war das das Klappern einer Autotür, und kurz darauf kam eine Gestalt auf mich zu.

Ich schaute zweimal hin. Denn der Typ sah aus wie aus einem Discofilm der siebziger Jahre.

Heutzutage würde man den Grünton seiner Klamotten und den Schnitt als tuntig bezeichnen, aber damals war es wohl modern. Am auffälligsten waren die Schlaghose und das Rüschenhemd, das fast bis zum Gürtel auf war. Ich bezweifelte, ob er dieses Hemd überhaupt zugeknöpft hatte. Umso unauffälliger war der Mann, der in dieser Kleidung steckte. Nicht besonders groß, weder dick noch dünn, kurze braune Haare. Und auf seiner Brust sprossen drei einsame Haare.

Irgendwie hatte ich es schon erwartet und war nicht besonders erstaunt, dass er mich nicht beachtete, sondern direkt zu meinem Auto ging; schließlich schien ich ein Geist zu sein. Doch was er dann tat, überraschte mich schon.

Er nahm aus seinem Anzug eine Schere - eine ganz gewöhnliche Haushaltsschere - und durchschnitt damit den Faden, der mich mit meinem Körper verband.

Es gab einen Ruck und ich fühlte mich wie losgelöst.

Nicht, dass ich gleich vom Boden abhob und schwebte, sondern ich hatte das Gefühl, dass ich genau das machen könnte, wenn ich es wollte. Aber wieso sollte ich es wollen? Ich wusste nicht, wohin ich gehen – oder schweben - sollte.

Ich verschränkte meine Arme vor meiner Brust und wartete einfach nur ab. Worauf wusste ich nicht, es erschien mir aber sinnvoller als blinder Aktionismus.

„Keine Lust, in den Himmel zu schweben?“

„Was bringt mir das?“

Dieser seltsame Typ grinste mich nach meiner eigentlich eher patzigen Antwort nur an. Und mir ging ein Kronleuchter auf. Das sollte der Tod sein. Nun, ich hatte mir den Tod immer als Knochengerippe mit Sense vorgestellt. Und als Fortbewegungsmittel ein Pferd. Keine Tunte in einem Chevrolet.

„Du hast aber verstanden, was mit dir los ist?“

Ich zeigte auf meine Leiche. „Das ist ja Beweis genug und du müsstest der Tod sein.“

Ein gackerndes Lachen, das gar nicht enden wollte, war die Antwort. Auch wenn ich nicht wusste, wohin, ich war nah dran, mich einfach nur genervt umzudrehen und weg zu gehen, als er sich doch noch zu einer Antwort herabließ.

„Ich entspreche wohl nicht so ganz deiner Erwartung. Ich wette, du hast einen sensenschwingenden, knochigen Kerl erwartet, der in Großbuchstaben redet. Tut mir leid, aber damit kann ich nicht dienen, du musst mit mir vorlieb nehmen.“

Großbuchstaben? Der Kerl, besser gesagt Tod, sprach in Rätseln.

„Muss ich das verstehen?“

„Entschuldige, ich glaube, ich bin urlaubsreif, aber in diesem Job bekommt man einfach keine anständige Vertretung. Ich habe das einmal gemacht und danach fast ein Jahr gebraucht, um das Chaos wieder zu beseitigen. Seitdem lass ich es. Aber was stehen wir hier so rum? Komm mit, ich nehm' dich mit und dann reden wir im Auto weiter.“

Ohne auf meine Antwort zu warten, drehte er sich um. Was blieb mir anderes übrig, als ihm zu folgen? Ich wollte nicht alleine an diesem einsamen Fleck bleiben. Und die Leiche – auch wenn es meine eigene war – machte den Platz nicht heimeliger. Ich wusste wirklich nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Der Gedanke, vielleicht als Gespenst die Gegend unsicher zu machen, behagte mir gar nicht.

 

Doch als ich wenige Minuten später mit Tod unterwegs war, bereute ich es. Gut, ich war bereits tot und konnte nun wirklich nicht mehr sterben, aber musste er so fahren? Man konnte es einfach nur als selbstmörderisch beschreiben.

Ich war mehr damit beschäftigt, mich irgendwo festzuklammern – es gab weder Sicherheitsgurte noch Airbag in dieser alten Kiste - als dass ich mit ihm ein Gespräch führen konnte.

Doch dann bemerkte ich, wie er mich musterte und mir war alles klar. Er wollte, dass ich mich über seinen Fahrstil beschwerte, aber da konnte er lange warten.

Nach einigen Minuten brach der Tod das Schweigen.

„Alles in Ordnung?“

„Klar!“

Ich wollte ihn nicht damit nerven, dass ich fertig war, weil ich gerade gestorben war, mit dem Tod Auto fuhr und noch nicht mal einen Magen hatte, der wegen des Fahrstils rebellieren konnte. Er fuhr jedenfalls wie ein Teufel.

Meine Antwort schien ihn auch nicht wirklich zu interessieren, denn er fing an, etwas über sich zu erzählen. Nicht, dass es mich kümmerte, aber es lenkte von diesem Höllenritt ab.

„Weißt du, es ist schon komisch. Ich arbeite seit dreißig Jahre in diesem Job. Niemand mag mich, nur die Alten und wirklich Todkranken scheinen froh zu sein, wenn ich komme, um sie von ihrem lästigen Körper zu befreien, aber mögen … Nein, mich mag keiner. Noch nicht mal die Liebe empfindet etwas für mich.“

„Und warum machst du es dann?“

„Weil die Bezahlung einfach fantastisch ist. Weißt du, für jedes Jahr, das ich in diesem Job ausharre, bekomme ich ein Jahr normales Leben zurück, und anschließend komme ich nicht ins Fegefeuer, sondern direkt in den Himmel.“

Ah, ja. Irgendwie hatte ich mir das doch etwas anders vorgestellt. Dass es nur ein ganz normaler Job sein sollte… Nein, ich zwang mich, nicht weiter darüber nachzudenken.

Denn wenn ich damit anfing, dann kam doch direkt die Frage auf, was mit mir war. Ich bezweifelte, dass ich in den Himmel kommen würde, schließlich hatte ich nicht wie ein Engel gelebt. Und alleine die Erwähnung des Fegefeuers hätte eine Gänsehaut über meinen Rücken gejagt, aber in meiner jetzigen Form war das noch nicht mal möglich.

Jetzt hatte ich es doch getan. Trotz Tods Fahrstil hatte ich über meine Zukunft – wenn man es denn noch eine Zukunft nennen konnte – nachgedacht.

„Fertig mit Grübeln?“

Tods Kommentar schreckte mich aus meinen Gedanken. Aufblickend bemerkte ich, dass wir in einer Parkbucht standen. Direkt vor einem Haus. Es war eher eine Villa als ein Haus. Es schien von innen heraus zu strahlen. Wie es beleuchtet wurde, kann ich nicht erklären, es erschien so unwirklich. Scheinbar waren wir in einer Zwischenwelt, denn auf der Erde, die ich kannte, gab es so eine Beleuchtung nicht.

Doch Tod wartete wohl auf eine Antwort.

„Nicht wirklich, ich frage mich, was ich hier soll.“

„Das erzähle ich dir, wenn du mitkommst. Ich spendiere dir auch einen Drink.“

„Ja, den kann ich jetzt gebrauchen, vorausgesetzt ich kann in meiner jetzigen Daseinsform überhaupt noch trinken.“

Schon wieder lachte Tod. Und ich hatte das Gefühl, dass er sich über mich lustig machte. Dabei stieg er aus und ich folgte ihm.

„Oh, Gott, du bist wohl ein Studierter! ‚Jetzige Daseinsform', hast wohl lange lernen müssen, um dich so auszudrücken.“

Jeder hat so seine Vorstellungen vom Leben nach dem Tod, aber ich hatte keine nervige Quasselstrippe, die zudem noch ziemlich leicht angesäuert war, als Tod erwartet. Und dass er sich so intensiv um mich kümmerte, gehörte auch nicht zu meiner Jenseitsvorstellung. Dementsprechend fiel auch mein Kommentar aus.

„Das müsstest du doch wissen, du hast doch bestimmt Akten über mich bekommen.“

Die Antwort schien Tod gar nicht zu gefallen. Er hielt an und drehte sich zu mir. So amüsant er in seinen grünen Klamotten auch aussah, das Glitzern in seinen Augen glich dies jetzt aus. Mir wurde klar, dass ich mit ihm keinen Streit haben wollte.

„Jetzt hör' mir mal gut zu! Glaubst du wirklich, ich habe die Zeit, alle Akten durchzulesen? Auch hier gibt es Rationalisierungen. Vor zehn Jahren hat man mir mein Einsatzgebiet vergrößert, und ich habe noch nicht mal mehr Zeit, mit meinen Kollegen hin und wieder einen Plausch zu halten.“

Er schien also nicht auf mich sauer sein und seine nächsten Worte bestätigten diesen Eindruck.

„Ich bin es so satt, du glaubst es gar nicht. Ach ja, wo wir gerade dabei sind. Wie heißt du eigentlich?“

Toll, da beendete er mein Leben und wusste noch nicht mal meinen Namen. Was für eine Organisation! Ich hielt es aber für besser, dazu nichts zu sagen, schließlich war ich auf ihn angewiesen. Auch wenn ich dieses Wissen in den letzten Minuten verdrängt hatte.

„Peter Mertens. Und wie soll ich dich anreden?“

Es dauerte einen Moment, bis ich eine Antwort bekam. Tod schien wirklich darüber nachdenken zu müssen. Das Glitzern war aus seinen Augen verschwunden und er hatte sich wieder beruhigt.

„Nenn mich Tod.“

Im Gegensatz zu seiner sonstigen Geschwätzigkeit fügte er keine Erklärung hinzu. Er ging weiter und schloss die Haustür auf.

Innen wirkte es auf mich wie eine normale Wohnung. Zwar etwas altertümlich eingerichtet, aber durchaus normal.

Ich folgte Tod ins Wohnzimmer. Er holte aus einem Schrank eine Flasche und zwei Gläser. Eine Minute später drückte er mir ein volles Glas in die Hand.

Ich hätte diesen Drink wirklich genießen können, wenn ich ihn hätte riechen und schmecken können. So war es unbefriedigend auf dem Etikett zu lesen, dass es sich meinen Lieblingswhiskey handelte und ich absolut nichts davon hatte.

„Du brauchst nicht die ganze Zeit stehen zu bleiben. Setz dich. Dann kannst du dir in Ruhe anhören, was ich dir erzählen will.“

Die Couch schien ganz bequem zu sein und so setzte ich mich vorsichtig auf die äußerste Kante. Tod setzte sich nicht hin, sondern lief unruhig auf und ab. Dabei leerte er sein Glas und füllte es auch wieder nach.

Egal, was ich sagen würde, Tod schien in einer Stimmung zu sein, wo er jedes Wort in den falschen Hals kriegen würde. Also schwieg ich, obwohl tausend Fragen auf meiner Zunge lagen.

Zum Beispiel, warum er mich hier hergebracht hatte, ich bezweifelte, dass er sonst seine Arbeit mit nach Hause nahm.  

So beobachtete ich, wie er mehrmals im Raum auf- und ablief. Scheinbar suchte er nach den richtigen Worten. Seinen Drink hielt er zwar in der Hand, trank aber nichts mehr. Nach einigen, mir endlos erscheinenden Minuten, blieb er stehen und sah mich an.

„Ich bin auf der Suche nach einem Nachfolger.“

„Bitte?“

Der wollte was von mir?

„Wie du vielleicht schon gemerkt hast, macht mir der Job keinen Spaß mehr. Selbst die Aussicht, noch mehr Jahre auf der Erde zu leben, macht das nicht wett. Und ich kann nur aufhören, wenn ich einen Nachfolger gefunden und eingearbeitet habe. Was hältst du davon?“

Gut, dass ich saß. Mein Kinnlade hatte sich in dem Augenblick selbstständig gemacht und mein Mund stand auf. Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen.

Da hatte ich mich auf eine Karriere als Lehrer vorbereitet und nun bot man mir an, Tod – nicht zu verwechseln mit tot, was ich eh schon war - zu sein. Es war einfach unglaublich.

Tod schien nicht sofort mit einer Antwort zu rechnen, war aber so nett, mir mein Glas noch mal zu füllen und es mir zu reichen.

Ich leerte es mit einem Zug. Und bereute es sofort, denn auf einmal spürte ich, wie der Alkohol in meiner Kehle brannte. Ich hustete und keuchte und irgendwann wurde es besser. Als ich danach hochblickte, sah ich das fette Grinsen auf Tods Lippen. Der Kerl hatte ganz genau gewusst, was mit mir passieren würde.

„Ach ja, hatte ich ganz vergessen, dir zu sagen! Seit dem Moment, wo ich dir das Angebot gemacht habe, hast du alle Eigenschaften, die du für den Job brauchst. Nett, nicht?“

Ob es die Eigenschaften auch zuließen, ihm den Hals umzudrehen? Selten war ich so versucht gewesen, einen Mord zu begehen.

Erst starb ich, und dann ging mir dieser Kerl ganz schön auf den Zeiger. Kein Wunder, dass meine Nerven blank lagen.

Doch ich beherrschte mich. Ich schluckte meine ganze Wut und meinen ganzen Ärger runter.

„Was muss ich über den Job wissen?“

„Erst mal musst du unendliche Geduld haben. Leute, die frisch gestorben sind, können wirklich nervig sein. Aber da du bisher nicht ausgerastet bist, hast du gute Voraussetzungen, das durchzuhalten.“

Jetzt setzte Tod sich hin und trank einen Schluck.

„Ansonsten entspricht es etwa den allgemeinen Vorstellungen. Du bekommst von der Arbeitsgruppe Fegefeuer jeden Tag eine Liste mit Leuten, die noch am selben Tag den Löffel abgeben müssen. Du begibst dich zu den Personen, musst die Verbindung zwischen Körper und Geist trennen und zeigst ihnen, wo sie hin müssen. Je nachdem, ob sie in den Himmel, Hölle oder ins Fegefeuer kommen, ist es eine andere Richtung.“

Wenn es so einfach war, warum wollte er denn aufhören?

„Und wo ist da der Haken?“

„Du arbeitest sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Geregelte Arbeitszeiten gibt es nicht. Dafür wirst du aber auch nie müde. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Toten einfach nur furchtbar anstrengend sind. Du musst aufpassen, dass sie auch wirklich dorthin gehen, wo sie hin sollen, denn wenn nicht, bleiben sie als Geist auf der Erde. Du bekommst dafür einen Anschiss, weil du sie nicht gut genug eingewiesen hast, und musst sie bei Gelegenheit wieder einsammeln. Und dann erwischst noch einen Arsch, der gerne Geist ist und nicht mitkommen will. Danke, mir reicht es.“

Wollte er wirklich, dass ich den Job machte? Das hörte sich eigentlich so an, als ob er mir davon abraten wollte.  

Tod schien das auch gemerkt zu haben. Jedenfalls stockte er und starrte in sein Glas.

Es dauerte einige Minuten, bis er fortfuhr.

„Aber wie schon gesagt, die Gegenleistungen sind nicht übel, aber ich will sie jetzt endlich genießen können. Dreißig Jahre sind genug, auch wenn mein Vorgänger hundertfünfzig Jahre gearbeitet hat. Aber das waren andere Zeiten, die Menschen waren anders.“

„Habe ich Bedenkzeit?“

„Du wirst es nicht glauben, aber es gibt einen Arbeitsvertrag mit einer dreimonatigen Probezeit. Danach wirst du übernommen, wenn ich nicht einen wirklich guten Grund habe, der dagegen spricht. Und nachdem ich meinen letzten Tag hatte, wirst du diese Wohnung übernehmen, solange müssen wir uns hier arrangieren. Natürlich kannst du sie anschließend neu einrichten. Die Kosten werden von der Arbeitsgruppe Fegefeuer übernommen. Dienstwagen und Arbeitskleidung bekommst du natürlich gestellt.“

 

Was soll ich sagen, ich habe den Job angenommen, schließlich hatte ich keine Lust, im Fegefeuer zu landen. Es sollte zwar wegen geringer Sünden nur für zwei Jahre sein, aber selbst das war mir zuviel, da probierte ich es lieber als Tod.

Schließlich stand in meinem Arbeitsvertrag, dass mir das Fegefeuer erlassen würde, wenn ich mehr als tausend Seelen erfolgreich begleitet hatte. Die Klausel erfüllte ich innerhalb von fünf Monaten.

Seit einem Jahr mache ich es jetzt und mir gefällt es, seit mein Vorgänger endgültig in Rente gegangen ist. Mit seiner Geschwätzigkeit hatte er mich so manches Mal an den Rand des Wahnsinns getrieben.

Ich habe auch etwas an der Dienstkleidung geändert. Ich trage schwarz - bevorzugt Leder - fahre einen schwarzen Porsche – alle zwei Jahre bekomme ich einen neuen - und statt einer Schere nehme ich eine Sense.

Seit ich diese Tradition wieder eingeführt habe, sind die Toten wesentlich kooperativer geworden. Ich brauche sie nur leicht zu heben und schon schweben die Geister in die Richtung, die ich ihnen angebe. Der einzige Nachteil ist, dass ich nur noch mit offenem Fenster fahren kann, weil die Sense sonst nicht ins Auto passt, aber das ist es mir wert.

 

So schnell werde ich den Job nicht wechseln und die Liebe ist eine echt heiße Frau. Sie mag mich. Und vielleicht wird es in fünfzig Jahren mehr als nur Zuneigung sein.

 

 
Ende