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![]() © by Aisling (Aisling@gmx.net), 2005 & 2007
Maria wurde von einem vorwitzigen Sonnenstrahl geweckt, der durch einen Spalt der geschlossenen Fensterläden den Weg zu ihrer Nase gefunden hatte. Zuerst versuchte sie, weiter im Reich der Träume zu bleiben. Zu schön war das, was sie gerade erlebt hatte. Sie drehte sich um und zog sich die Decke über den Kopf. Doch kurz darauf holte sie lautes Klappern aus dem unteren Geschoss endgültig aus dem Halbschlaf. Sie streckte sich, rieb sich die Augen und sah sich in ihrer Kammer um. Maria teilte sich normalerweise den Raum und das Bett mit ihren jüngeren Schwestern Barbara und Gabriele. Nur diese Nacht hatte sie das Recht gehabt, allein zu schlafen. Eine einzige Nacht, die sie allein und ungestört verbringen durfte. Und was hatte sie davon gehabt? Das junge Mädchen - sie hatte gerade einmal fünfzehn Sommer erlebt - hatte sich bis in die frühen Morgenstunden von einer Seite auf die andere gewälzt. Erst dann war sie eingeschlafen und hatte nur wenige Stunden Ruhe gefunden. Zu düster waren ihre Gedanken gewesen. Schließlich war es ihre letzte Nacht gewesen, die sie in diesem Bett verbracht hatte. In ihrem Traum war alles ganz anders gewesen. Keine Armut, kein Kampf ums tägliche Brot, doch die Erinnerung verblasste schon, wurde von der harten Realität eingeholt. Nicht, dass sie heute heiraten würde. Wer würde schon ein Mädchen mit einem verkrüppelten Fuß wollen? Nein, sie war vor drei Monaten vom Rat der Stadt dazu auserkoren worden, dem Drachen geopfert zu werden. Und heute war der Tag, an dem sie in den Büchern der Stadt als weiterer Tribut an das wilde Tier aufgelistet werden würde. Einmal im Jahr verlangte es als Opfer eine junge Frau und dieses Jahr war es Maria. Es war nicht so, dass diese Wahl für Maria unerwartet gekommen, sie war sich ihres Wertes – besser gesagt der Tatsache, dass sie nichts wert war – wohl bewusst gewesen. Nur hatte sie tief im Innern gehofft, dass sie es noch nicht dieses Jahr treffen würde. Schließlich gab es in der Stadt noch zwei andere behinderte Mädchen aus armen Familien, die sogar älter waren. Aber sie wusste, dass ihre Familie hundert Goldstücke bekommen hatte, nachdem die Entscheidung verkündet worden war. Von diesem plötzlichen Reichtum hatte auch Maria ihren Vorteil gehabt; sie hatte in den letzten Monaten keinen Hunger mehr gelitten und ihre Kleider waren neu. Nicht, dass dies wirklich notwendig gewesen wäre, da sie den Einbruch der heutigen Dämmerung nicht überleben würde, aber es war ihr trotzdem wichtig gewesen. Weder ihr Vater noch ihre Mutter hatten es gewagt, ihr diesen Wunsch abzuschlagen.
So sehr sich Maria auch wünschte, im Bett bleiben zu können, es ging nicht, weil man sie notfalls mit Gewalt herauszerren würde. Dieses Schauspiel wollte sie den gaffenden Nachbarn nicht bieten. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett, darauf bedacht, ihr rechtes Bein so wenig wie möglich zu belasten, und humpelte zur Waschschüssel. Seit sie als Kind von der Treppe gestürzt war und sich das Bein gebrochen hatte, konnte Maria nicht mehr richtig laufen. Jeder Schritt tat ihr weh. Die Knochen waren schief zusammengewachsen und das Bein war dadurch etwas kürzer. Sie reinigte rasch ihr Gesicht, kämmte ihre langen braunen Haare und dann zog sie ihr neues Kleid an. Das Schnüren des Ausschnitts dauerte wesentlich länger als sonst, da ihre Finger zitterten. Dann steckte sie ihre Haare auf und befestigte darüber ihre Haube. Auch ohne Spiegel wusste sie, dass sie keine Schönheit war – ihre Nase war zu groß und ihre Lippen verkniffen. Ihre Gedanken schweiften ab und suchten nach einer Möglichkeit, den heutigen Tag zu überleben. Und immer wieder kam sie zu dem Ergebnis, dass sie keine Wahl hatte. Mit ihrem verkrüppelten Bein konnte sie nicht weglaufen. Selbst wenn sie entkommen könnte, wovon sollte sie in Zukunft leben? Mit der Behinderung hatte sie noch nicht einmal die Möglichkeit, sich als Magd zu verdingen, um ihr Überleben zu sichern. Der Gedanke tat weh, aber sie wusste, dass ihr Opfer für ihre Familie das Beste war. Von den hundert Goldstücken würde genug übrig bleiben, ihre Schwestern mit einer Mitgift zu versorgen. Am liebsten hätte Maria geweint, aber sie wollte niemandem mit verquollenen Augen gegenübertreten. Sie schluckte die Tränen hinunter und versuchte sich abzulenken, indem sie dem Straßenlärm lauschte. Nichts war anders, die Menschen schienen sich auf der Straße zu drängen und auch ein Eselskarren schien unterwegs zu sein, das Geschrei war laut und deutlich zu hören, genauso wie das Brüllen des Besitzers, der sich über die Sturheit seines Tieres aufregte. Maria blieb noch einige Minuten sitzen, bis sie sich gewappnet fühlte, dem Leben da draußen die Stirn zu bieten. Anschließend öffnete sie die Fensterläden, nahm die Waschschüssel und schüttete den Inhalt, ohne vorher zu warnen, aus dem zweiten Stock auf die Straße. Die entrüsteten Schreie, die zu ihr hoch klangen, bestätigten Marie, dass sie getroffen hatte. Lächelnd humpelte sie zurück zu ihrem Bett, nahm den Nachttopf und goss dessen Inhalt auch aus dem Fenster. Und wieder traf sie. Gedanken über diese Sünde machte sie sich nicht. Schließlich würde sie noch heute zur Beichte gehen. Jetzt war es Zeit, sich ihrer Familie zu stellen. Es war einfach, Mutter und Vater kühl und abweisend zu behandeln, aber ihre Geschwister konnten nichts für ihr Schicksal. Sie waren viel zu jung, um zu verstehen, warum sich ihre sonst so liebevolle und fürsorgliche Schwester in den letzten Monaten so seltsam verhalten hatte. Maria mahnte sich zur Ruhe und öffnete die Tür zu ihrer Kammer. Ihre ‚Ehrenwache' – zwei Bürger, die auch Töchter hatten – stand nicht vor ihrer Tür. Sie hatten eingesehen, dass sie auf der Treppe zu unbeholfen war, um erfolgreich wegzulaufen. Man hatte sie die letzten Monate kaum aus den Augen gelassen. Die ehrenwerten Bürger der Stadt wollten sicher gehen, dass sie kein neues Drachenfutter auswählen mussten.
Dankbar, dass niemand zusah, wie mühsam für sie das Treppensteigen war, machte sie sich auf den Weg in die Küche, die im Erdgeschoss lag. Sie war ein wenig außer Atem, als sie unten ankam und blieb vor der offenen Küchentür stehen, um Luft zu holen. Es roch genau so, wie auch die Wochen zuvor. Der Duft von Hirsebrei, dem Apfelstücke untergemischt waren, der Suppe, die immer über der Feuerstelle hing, gewürzt mit dem Gestank von frisch gewaschenen Windeln. Es war nicht wirklich angenehm, doch unheimlich vertraut und Maria würde es heute zum letzten Mal einatmen. In der Küche waren nicht nur ihre Eltern, sondern auch noch Martin, der Schulze, und Herbert, der Schmied, ihre beiden Bewacher. Diese saßen am Küchentisch und konnten alles beobachten, was sich auf dem Gang tat. Natürlich hatten sie sie schon längst gesehen. Angesichts der Bewacher schluckte Maria den Kloß in ihrem Hals runter. Es war schon eine Erleichterung, dass bis auf Michaela, die gerade von der Mutter, Judith, in die Wiege gelegt wurde, keines der anderen Kinder da war.
„Morgen“, grüßte sie alle Anwesenden und trat ein. Von diesen kam auch ein mehr oder weniger deutliches „Morgen“ zurück. Keiner wagte es, ihr in die Augen zu schauen, genauso wenig, wie sie es wagten, ihr einen 'Guten Morgen' zu wünschen. Maria humpelte die wenigen Schritte zum Tisch, und goss etwas von dem mit Bier vermengten Wasser in einen Becher. Dann ging sie zur Feuerstelle. Sie hatte die Wahl zwischen dem Hirsebrei und der Rindersuppe, die viel zu fettig war. Alleine bei dem Gedanken an Essen rebellierte Marias Magen, also schöpfte sie eine kleine Portion Hirsebrei in ihre Schale und süßte ihn mit ein wenig Honig. Trotz des neuen Reichtums war die Küche noch genauso ärmlich eingerichtet wie vor einigen Monaten. Ein Tisch, eine Wiege für das Baby, zwei Bänke, eine Feuerstelle, die für Wärme, Licht und viel Rauch sorgte, und ein Regal mit Vorräten. „Maria, du gehst doch gleich in die Kirche und empfängst den Leib Christi! Du darfst vorher nichts essen!“ „Ich werde vorher beichten. Irgendeine Sünde muss ich ja begehen, damit mir Pater Benedikt drei ‚Vaterunser' auftragen kann. Willst du mich davon abhalten?“ Damit hatte sie zwar gegen das vierte Gebot verstoßen und würde noch mindestens zehn ‚Gegrüßet seiest du Maria' aufgetragen bekommen, aber das war ihr egal. Maria fragte sich nur, warum es kein Gebot gab, das verhinderte, dass Eltern ihre Kinder verkauften. Und wieso war es wichtiger, die Eltern zu ehren, als nicht zu töten? Das war ja ‚nur' das fünfte Gebot. Ihre Mutter war bei dieser barschen Antwort zusammengezuckt, als hätte sie Schläge erhalten. Maria schüttelte den Kopf und sagte nichts mehr. Auch Marias Vater schwieg, als sie sich eine Scheibe Brot abschnitt und sich zum Essen an den Küchentisch setzte. Ihre Wachen warfen sich Blicke zu. Schließlich nickte Martin Herbert zu. Schweigend standen sie auf und verließen den Raum Dass ihre Eltern sie anstarrten, machte es nicht leichter, zumal der große Kloß schon wieder in ihrem Hals war. Doch Maria wollte die letzten Stunden nicht weinend verbringen. Sie nahm ihren Löffel und probierte den Brei. Sie schmeckte gar nichts, aber sie wusste, dass die Hirse mit Zimt gewürzt war – etwas, das sie sich vor drei Monaten noch nicht hatten leisten können – zudem war das Brot frisch. Irgendwann brach Michaela, gerade mal sieben Monate alt und Marias jüngste Schwester, das Schweigen. An ihrem leisen Wimmern erkannte Maria, dass das Baby einfach nur unruhig und nervös war. Sie beugte sich zur Wiege und nahm ihre Schwester auf den Schoß. Es war tröstlich, dieses kleine, warme, nach Brei riechende Kind in den Armen zu halten. Auch Michaela schien Geborgenheit zu empfinden, denn sie sah sie zu Maria auf und lächelte ihre Schwester an. Dieses Lächeln trieb Maria die Tränen in die Augen. Doch das wollte sie nicht. Sie wollte nicht weinen, das hatte sie in den letzten Wochen mehr als genug getan. Sie beugte sich über das Baby, damit keiner der Erwachsenen ihr Gesicht sehen konnte. Doch lange ließ man ihr nicht die Ruhe. Als sich ihr Vater, Peter, räusperte, wusste Maria, dass ihre kleine Auszeit vorüber war. In letzter Zeit räusperte er sich immer, bevor er sie ansprach. Seine Stimme war leise, dunkel, ein wenig heiser und sehr rau – als ob auch er nicht viel Schlaf bekommen hatte. „Maria, ich möchte dich nicht hetzen, aber Pater Benedikt erwartet dich nach der Sext im Kreuzgang der Kirche. Er will mit dir sprechen und die Beichte abnehmen. Wenn es dir recht ist, dann begleiten Mutter und ich dich.“ „Danke, Vater. Lass mich noch den Brei essen, ich glaube nicht, dass ich sonst etwas bekomme, und es wäre doch peinlich, wenn später mein Magen knurrt. Es wird mir helfen, wenn ihr mich begleitet, damit ich wenigstens einige bekannte Gesichter um mich habe, aber wo sind meine Geschwister, damit ich mich verabschieden kann?“ Ihre Worte waren so gestelzt, doch wie sollte sie es anders sagen, ohne ihre Eltern anzuschreien und für die Ungerechtigkeit verantwortlich zu machen? Aber dies hatte sie in den letzten Monaten schon so oft getan und sie war es leid. Es war sowieso zu spät, um noch etwas an der Situation zu ändern. Zudem wollte sie wirklich nicht allein gehe. Nicht zu ihrer eigenen Hinrichtung. „Sie sind bei Birgitta, der Schwester deiner Mutter und kommen erst morgen wieder zurück, der Rat hat es deinen Eltern empfohlen“, mischte sich Herbert, der die Küche wieder betrat, in das Gespräch ein. Jetzt konnte Maria die Tränen nicht mehr unterdrücken. Sie verlor die Beherrschung, um die sie die ganze Zeit gekämpft hatte. Es war nicht nur ein einzelner Tropfen, sondern die Tränen rannen wie ein Sturzbach die Wangen hinab. Dabei gab sie keinen Laut von sich. Es war so ungerecht. Sie war gut genug, um dem Drachen geopfert zu werden, aber man ließ nicht zu, dass sie sich von ihren Geschwistern verabschiedete. War sie wirklich so wenig wert? Als ihre Mutter einen Arm um ihre Schulter legte, schüttelte sie diesen ab. Durch diese heftige Bewegung wurde auch Michaela wieder unruhig und quengelte. Maria hatte genug. Auch wenn sie tief in ihrem Inneren gehofft hatte, dass es keine letzten Stunden für sie gab, so wollte sie diese nicht in Streit und Unfrieden verleben. Vielleicht schaffte sie es ja, in der Kirche ihren inneren Frieden zu finden. Doch erst kümmerte sich Maria um Michaela. Sie schaukelte die Kleine, bis sie sich beruhigt hatte und legte sie dann wieder in die Wiege. Anschließend wischte sie sich mit einem Tuch das Gesicht ab, dabei wusste sie, dass jeder an ihren verquollenen Augen sehen konnte, dass sie geweint hatte. „Können wir jetzt gehen? Ich möchte noch ein wenig beten, bevor ich Pater Benedikt treffe.“
Judith war mit Michaela zurückgeblieben. Es hatte keine große Verabschiedung gegeben. Sie hatte ihrer Mutter nur die Hand gereicht, sich umgedreht und war zur Tür hinaus gegangen. Dass Judith hinter ihr in Tränen ausgebrochen war, war Maria egal gewesen. Das hatte sie sich selbst eingebrockt. Sie hätten ja kein Judasgeld annehmen müssen. Maria wusste, dass dies die einzige Chance ihrer Eltern gewesen war, wenigstens ihre Geschwister nicht als Dienstboten oder Arbeiter in den Minen verkaufen zu müssen. Seit Marias Vater voriges Jahr von einem Pferd getreten worden und monatelang krank gewesen war, hatte ihre Mutter immer mehr Probleme gehabt, alle sieben Kinder satt zu bekommen. Die Kirche hatte die Familie zwar unterstützt, aber es hatte trotzdem nicht gereicht. Ihre Eltern hatten sie geopfert, um die anderen zu retten. Nur hatte niemand es für nötig gehalten, mit Maria darüber zu reden. Dass sie körperlich behindert war, bedeutete nicht, dass sie dumm war. Jetzt war sie mit ihrem Vater und ihren Bewachern unterwegs zur Kirche. Sie hätte zwar auch eine Sänfte nehmen können, aber damit hätte sie sich vor der Öffentlichkeit versteckt. Maria wollte, dass alle Bewohner der Stadt sahen, wen sie da opferten. Schließlich wurden dadurch alle anderen vor dem Drachen gerettet. Aber nachdem sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, bereute sie es, denn sie spürte die Blicke der Leute. Sie waren nicht anerkennend oder lobend, wie Maria erwartet hatte, sondern neugierig. In einer Art und Weise, die ihr das Frühstück wieder hochkommen ließ. Und dann waren auch noch die meisten Blicke auf ihre Beine gerichtet und einige davon waren mitleidig. Was eigentlich als Triumphgang gedacht war, empfand die Maria als schlimmste Demütigung in ihrem Leben. Sie war froh, als sie die Kirche erreichten und in die Dämmerung des Hauptschiffes eintauchten. Normalerweise hatte ihre Familie keinen festen Sitzplatz – sie hatten kein Geld, um ihn zu bezahlen – doch seitdem Maria als Opfer ‚erwählt' worden war, hatten sie das Recht, in der ersten Reihe zu sitzen. Bisher hatte Maria sich geweigert, ganz vorne Platz zu nehmen, doch heute fühlte es sich richtig an. Nachdem sie ein Kreuz geschlagen hatte, setzte sie sich nieder. Knien ließ ihr Bein nicht zu. Auch war sie von der kurzen Strecke zwischen ihrem Elternhaus und der Kirche etwas erschöpft, so dass sie die Pause gut gebrauchen konnte. Als sich Peter neben Maria setzen wollte, da beugte sie sich zu ihm und flüsterte in sein Ohr. „Bitte lass mich ein wenig mit Gott allein, Vater. Ich brauche es, um etwas Ruhe zu finden.“ Er nickte und verließ sie. Doch die junge Frau hörte, dass er zwei Reihen hinter ihr Platz nahm, genau so wie auch ihre Bewacher. Um ihre Gedanken zu sortieren, fing Maria an, den Rosenkranz zu beten. Es hatte etwas Tröstendes an sich, die Perlen zwischen ihren Fingern laufen zu lassen und sämtliche Gedanken auf die Gebete zu richten. Immer wieder sagte sie das ‚Pater Noster' und das ‚Ave Maria' auf. Und mit jeder Perle, die weiterwanderte, und mit jedem Gebet, das sie aufsagte, wurde Maria ruhiger. Sie war nicht die Einzige, die sich opferte, auch Jesus und so viele Heilige waren für andere gestorben. Wie oft hatte der Priester über die Opfer der Märtyrer gepredigt und jetzt war es an Maria, für ihre Stadt zu sterben. Nicht, dass sie es freiwillig tat. Doch wenn, dann wollte sie auf eigenen Füßen zum Opferplatz gehen und nicht von den Bütteln dorthin gezerrt werden. Dazu trieb sie ihr Stolz. Als Maria anfing, den dritten Rosenkranz zu beten, wurde sie durch eine Berührung an ihrer Schulter aus der Meditation gerissen. Vor ihr stand ein Ordensbruder, der sie mit einem undefinierbaren Ausdruck ansah. „Pater Benedikt wartet im Kreuzgang auf dich, meine Schwester. Folgst du mir bitte?“ Maria brachte nur ein Nicken zustande, erhob sich und folgte dem Frater. Als sie den Kreuzgang betrat, wurde hinter ihr die Tür geschlossen, so dass ihre Bewacher zurück bleiben mussten.
Es war für Maria ein Gefühl der Erleichterung, dass sie von niemandem mehr mit Argusaugen beobachtet wurde. Auch wenn sie dies nur der Tatsache zu verdanken hatte, dass der Klosterteil von der Außenwelt abgeschottet war und lediglich durch zwei Tore betreten oder verlassen werden konnte. „Maria.“ Die ruhige, sehr tiefe Stimme, die ihren Namen rief, gehörte Pater Benedikt. Auch wenn er nicht der Abt des Franziskanerklosters war, wurde sein Rat wegen seines hohen Alters von den Stadtvätern immer berücksichtigt. Die junge Frau drehte sich um und stand direkt vor dem Ordensbruder. Im ersten Moment fehlten ihr die Worte, dann riss sie sich zusammen. „Gelobt sei Jesus Christus.“ „Und in Ewigkeit, Amen. Bitte sei nicht so förmlich, Maria. Bei mir brauchst du keine Rolle zu spielen.“ Als sie in die Augen des alten Mannes blickte, wusste Maria, dass er es ernst meinte. Und ihr kam der Gedanke, dass der Pater nicht zum ersten Mal einem Drachenopfer die Beichte abnahm. „Wie vielen habt Ihr schon die Beichte abgenommen, bevor man sie dem Drachen vorgeworfen hat?“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Viel zu vielen. Und jedes Mal frage ich mich, warum Gott dies zulässt. Es sind die Tage, wo meine Zweifel am größten sind und ich mit meinem Glauben hadere. Aber ich bin hier, um dir Trost und Hilfe zu geben und nicht, um dir von meinen Sorgen zu erzählen. Lass uns ein kleines Stück gehen. Da hinten ist eine Bank, wo du dich hinsetzen kannst, meine Tochter.“ Maria wusste nicht, was sie sagen sollte. Pater Benedikt gab ihr mit diesen wenigen Sätzen so viel und schien es selber noch nicht einmal zu merken. So nickte sie nur und ging an der Seite des Priesters den Kreuzgang hinab. Dabei wurde ihr bewusst, dass sie eine der wenigen Frauen war, der Einlass in dieses Reich gewährt wurde. Schließlich war dies das Refugium der Ordensleute und Frauen der Zutritt verboten. Doch wurde für die ‚Auserwählte' eine Ausnahme gemacht. Im Vergleich zur dreckigen und hektischen Stadt mit den lärmenden Menschen strahlte dieses Fleckchen Erde Ruhe und Frieden aus. Genau wie die Kirche. Pater Benedikt ließ sich auf der Bank nieder. Maria setzte sich in einem sittsamen Abstand neben ihn. Sie wollte mit ihrem Beichtvater ein Gespräch anfangen, aber ihr fehlten – wie so oft – die Worte. Und so blieb sie still. Es war aber kein angespanntes und aggressives Schweigen, wie Maria es in den letzten Monaten so oft mit ihren Eltern erlebt hatte, nein, es schien so, als ob das Schweigen richtig war. Es gelang ihr, sich zu entspannen, und als kurze Zeit später eine Amsel direkt neben ihr anfing zu singen, da empfand sie einen kurzen Augenblick des Glückes. Dann erinnerte sie sich wieder daran, dass der Drache auf sie wartete. Die Traurigkeit kam zurück. Und auf einmal hatte sie den Eindruck, dass das Schweigen sie bedrückte. „Wolltet Ihr mir nicht die Beichte abnehmen?“ Ein Seufzen war die Antwort, doch damit wollte Maria sich nicht zufrieden geben, und sie schaute Pater Benedikt an. Dieser erwiderte den Blick, schaute aber als erstes zur Seite. „Meine Tochter, ich glaube nicht, dass du in deinem bisherigen Leben eine Sünde begangen hast, die eine Beichte rechtfertigt.“ Er hob die Hand, als Maria ihm widersprechen wollte. „Du hast wahrscheinlich in den letzen Tagen deinen Eltern Widerworte gegeben und hast dich auch ansonsten garstig zu deinen Mitmenschen verhalten. Aber glaubst du wirklich, dass Gott nicht sieht, welcher Belastung du ausgesetzt bist? Glaub mir, er hat dir in dem Moment verziehen, als du diese Sünden begangen hast.“ „Und warum habt Ihr mich hierher bestellt?“ „Damit du einen Moment Ruhe hast. Ich bezweifele, dass man dich in den letzten Monaten unbeobachtet gelassen hat. Und dann...“ Maria spürte, wie Pater Benedikt unmerklich zögerte, bevor er weitersprach. „Ich möchte dir ein Angebot machen.“ „Wie könnt Ihr mir ein Angebot machen, wo ich doch nur noch wenige Stunden zu leben habe?“ „Eben darum geht es. Ich möchte dir dies“, gleichzeitig holte er eine Phiole aus den Weiten seiner Kutte hervor. „geben. Es ist eigentlich eine Medizin, die Frater Hermann Schwerkranken im Hospiz gibt, um ihnen die Schmerzen zu nehmen, aber ich möchte dich bitten, sie einzunehmen.“
Zuerst verstand Maria nicht. Sie blickte nur auf das kleine Glasfläschchen und versuchte zu begreifen, was Pater Benedikt ihr sagen wollte. Dann dämmerte es ihr und der Groschen fiel. Entsetzt rückte sie ein Stück zur Seite, fiel dabei beinahe von der Bank und konnte nur so gerade eben ihr Gleichgewicht halten. Maria blieb am äußersten Rand sitzen und sah ihren Beichtvater mit großen Augen an. „Was wollt Ihr mir da anbieten? Es verstößt gegen die Regeln eurer eigenen Kirche.“ „Nein“, der Priester schüttelte den Kopf. „Ich würde gegen das fünfte Gebot verstoßen, wenn ich dir eine größere Menge geben würde. Dies hier lässt dich nur in einen tiefen Schlaf sinken, damit du die letzten Stunden ohne Schmerzen überstehst. Gegen das fünfte Gebot verstoßen die Stadtväter, indem sie dich auserwählt haben und nachher zum Opferplatz bringen.“ „Aber wenn sie es nicht machen, dann wird der Drache über die ganze Stadt herfallen und sie vernichten!“ Der Rosenkranz schien Maria einen Halt zu geben, denn das, was sie gerade mit Pater Benedikt besprach, überstieg beinah ihren Horizont. „Maria, hast du eigentlich lesen und schreiben gelernt?“ „Ich kann meinen Namen lesen und schreiben, aber mehr nicht. Alles, was ich weiß, haben mir meine Eltern beigebracht oder ich habe es aus den Predigten der Sonntagsmesse gelernt.“ „Dann werde ich versuchen, dir die ganze Sache in einfachen Worten zu erklären. Es ist etwas, das auch unter uns Geistlichen viel diskutiert wird. Und zwar, ob ein Einzelner zum Wohle der ganzen Gesellschaft geopfert werden darf, oder nicht.“ „Ihr meint, dass es Unrecht ist, dass ich heute sterben soll.“ Der Priester seufzte. „Recht ist es bestimmt nicht. Du hast niemandem etwas zuleide getan und dabei musstest du auch noch den Spott der anderen ertragen. Aber ob es Unrecht ist, vermag ich nicht zu sagen. Schließlich bin ich nur ein einfacher alter Priester. Doch lass uns über etwas anderes sprechen.“ Dabei drückte er die Phiole in Marias Hand. „Es ist deine Entscheidung, ob du es nimmst oder nicht. Ich war ein junger Priester und neu in diesem Konvent, als ich zum ersten Mal erfahren habe, dass hier junge Mädchen einer Bestie geopfert werden. Damals habe ich geschworen, alles zu unternehmen, um dies zu verhindern. Ich habe es zwar nicht geschafft, dass die Opferungen aufhören, aber wenigstens kann ich eure letzte Stunde mit diesem Fläschchen leichter machen. Bitte denke darüber nach.“ Maria war nur ein einfaches Mädchen, vieles was Pater Benedikt ihr gerade gesagt hatte, verstand sie nicht. Doch sie hatte begriffen, dass er der Meinung war, dass ihr Opfer Unrecht war. „Wenn es wirklich Unrecht ist, was man mir antut, komme ich dann direkt in den Himmel?“ Ihre größte Angst war es, trotz ihres Märtyrertodes in das Fegfeuer oder gar in die Hölle zu kommen. „Du hast nichts anderes verdient, meine Tochter. Und der himmlische Vater ist doch dafür da, dass du für dein Opfer belohnt wirst.“ Es war für Maria eine Erleichterung, dies zu hören. Sie hatte sich zwar manchmal gefragt, ob die Hölle wirklich schlimmer sein könnte als ihr jetziges Leben, wagte es aber nicht, diese Frage Pater Benedikt zu stellen. Sie wollte noch etwas anderes wissen. „Pater Benedikt?“ „Ja, mein Kind?“ „Habt Ihr jemals den Drachen gesehen? Wisst Ihr, wie er aussieht?“ Stille, nur die Amsel sang weiter ihr Lied, aber als Maria es wieder wagte, den Priester anzusehen, schien dieser mit seinen Gedanken ganz weit weg zu sein. Doch dann merkte er, dass Maria auf eine Antwort wartete. „Entschuldige. Ich habe versucht, mich daran zu erinnern. Du bist die Erste, die mich danach gefragt hat. Hat dir niemand erzählt, wie er aussieht?“ Maria schüttelte den Kopf. „Nein, meine Mutter ist vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen, mein Vater hat so getan, als ob er meine Frage nicht gehört hätte und meine Bewacher“, Maria zögerte einen Moment, denn die Erinnerung daran, wie der Mann sie angeschaut hatte, ließ einen Schauer über ihren Rücken fahren. „Nun, einer meinte ‚Das wirst du noch früh genug merken' und hat danach dämlich gekichert und die anderen haben nur gestottert und etwas von riesig, stinkend und Feuer speiend gemurmelt.“ Sie fühlte, wie Pater Benedikt ihre verschlungenen Hände löste und dann ganz sanft festhielt. Es war genau der Trost, den Maria brauchte. Doch seine Antwort erfüllte nicht ihre Erwartungen. „Ich wünschte, ich könnte dir mehr sagen. Aber es ist Sitte, dass die Auserwählte eine Stunde vor Sonnenuntergang zum Opferplatz gebracht und dort an einem Pfahl angebunden wird. Niemand bleibt bei ihr, bis der Drache kommt, denn das würde auch seinen Tod bedeuten. Als ich zum zweiten Mal dieser Zeremonie beigewohnt habe, da bin ich umgekehrt, um das Mädchen zu retten, doch als ein gigantischer Schatten über mich hinweg flog, da bekam ich Angst und bin geflohen. Aber die Schreie des Mädchens begleiten mich seit dieser Zeit nicht nur in meinen Albträumen. Bitte verzeihe einem alten Priester. Ich glaube auch heute noch, dass der Drache sich nicht nur von einem einzigen Mädchen im Jahr ernährt. Ich glaube auch, dass er sich nicht an uns rächen wird, wenn er keine Opfer mehr bekommt. Ich wollte das Mädchen retten und für längere Zeit verstecken und damit beweisen, dass der Drache niemanden angreift, so dass die Stadtväter keinen Grund mehr hatten, weitere Menschen in den Tod zu schicken. Aber ich bin schwach gewesen. Auch die folgenden Jahre hatte ich vorgehabt, etwas zu unternehmen, doch mein Fleisch war schwach.“ Was sollte Maria darauf erwidern? Sie fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit bestätigt und hatte auch das Gefühl, dass Pater Benedikt sie verstand, aber auf der anderen Seite hatte er all ihre bohrenden Zweifel, die sie in den hintersten Winkel ihres Denkens verbannt hatte, wieder erweckt.
„Maria, wenn du bereit bist, dann gehen wir in die Kapelle, wo ich mit dir die Messe feiern werde. Ich denke, dass es dir recht ist, wenn kein anderer dabei ist.“ Dankbar für die Ablenkung nickte sie. Bevor sie aufstand, verstaute sie die Phiole in ihrem Beutel, der am Unterrock befestigt war. Pater Benedikt führte Maria zu einer kleinen Kapelle, die am anderen Ende des Gartens war. Wie er es gesagt hatte, waren sie dort allein. Noch nie hatte Maria eine so intime und persönliche Messe erlebt, aber das Mädchen hatte auch noch nie einen Priester für sich allein gehabt. Viel zu schnell war die Feier vorbei und Pater Benedikt spendete Maria den letzten Segen. Eine kurze Zeit blieb Maria noch in der Kapelle und betete dann stand sie auf und ging ins Sonnenlicht. Pater Benedikt erwartete sie „Leider ist die Zeit, die du hier bleiben kannst, um. Draußen wartet man bereits auf dich.“ Als Maria begriff, dass ihre letzte Gnadenfrist verstrichen war, stieg ein Gefühl der Beklemmung stieg in ihr hoch. „Gibt es keine Möglichkeit, dass ich hier bleiben kann?“ Eigentlich rechnete sie nicht mit einer positiven Auskunft, denn dann hätten ihre Bewacher gewiss verhindert, dass sie überhaupt einen Fuß über die Schwelle setzt. „Doch, das kannst du. Du kannst uns um Asyl bitten. Aber selbst wenn wir es dir gewähren würden, werden die Stadtväter dafür sorgen, dass der Drache heute sein Opfer bekommt.“„„„„2 Der Gedanke, dass ein anderes Mädchen an ihrer Stelle sterben würde, bereitete Maria Magenschmerzen. „Vor vielen Jahren, lange bevor du geboren wurdest und auch bevor ich hierher kam, hat einmal ein Mädchen um Asyl gebeten und der Prior hatte es ihr auch gewährt. Aber unsere Klosterregeln untersagen die Anwesenheit von Frauen und das Mädchen sollte in Begleitung einiger Brüder in ein Damenstift gebracht werden. Sie kamen nie dort an.“ „Was ist passiert?“ Letzendlich wollte Maria keine Antwort wissen, aber die Neugierde trieb sie zu dieser Frage. „Es ist nie ganz geklärt worden. Man fand die Leichen der Mönche am Wegesrand und das Mädchen war brutal zu Tode gefoltert worden und die Mönche hat man im nahen Bach ertränkt. Die Aufzeichnungen des Klosters beschuldigen den Rat, ein Exempel statuiert zu haben, aber es wurden keine Beweise gefunden. Deswegen kann ich dich zu dieser Entscheidung nicht ermutigen.“ „Ja, ich verstehe. Es gibt wirklich keine Hoffnung für mich.“ Ihre Stimme wurde immer leiser. Wieso trug sie auch die törichte Hoffnung in ihrem Herzen, doch noch gerettet zu werden? Maria war keine Prinzessin und deswegen würde es auch keinen Prinzen geben, der - wie in den alten Sagen – den Drachen besiegt und sie rettet. Maria fühlte Pater Benedikts Hand auf ihrer Schulter und sie sah in seine traurigen Augen. „Es tut mir so leid, aber sei dir sicher, dass du sofort in den Himmel kommst. Man wird dich mit offenen Armen empfangen.“ Ja, damit hatte Pater Benedikt Recht. Und für Maria war es der einzige Trost. Schweigend gingen sie zur Pforte. Pater Benedikt öffnete das leise quietschende Tor. Davor stand der Ältestenrat. Bei ihrem Anblick wurde Maria schlecht, derart selbstgefällig sahen diese alten Männer aus. Sie trugen ihre besten Sachen: wertvolle Brokatstoffe mit Hermelin oder Feh gefüttert. Und es schien ihnen egal zu sein, dass sie jetzt ein junges Mädchen zu seiner Hinrichtung brachten. Bevor Maria das Klostergelände verließ, beugte sich Pater Benedikt zu ihr. „Ich werde dich auf deinem letzten Weg begleiten und nachher mitkommen. Du wirst nicht alleine gehen müssen. Hast du die Phiole eingesteckt?“ Maria nickte. Zu groß war der Kloß in ihrem Hals. Dann riss sie sich zusammen und trat erhobenen Hauptes über die Schwelle. Ihre Kleidung war zwar neu und für ihre Verhältnisse schon teuer gewesen, aber sie war bei weitem nicht so reich und kostbar wie die der Ratsherren. Aber darauf kam es ja gar nicht an. Maria wusste, dass sie niemals einen anderen Menschen in den Tod schicken würde. Und schon gar nicht mit so einem selbstgefälligen Lächeln auf dem Gesicht.
Sie hörte, wie die Tür zum Kloster mit einem dumpfen Lau ins Schloss fiel. Maria hatte das Gefühl, als ob ihr letzter Ausweg versperrt wurde. Es war jetzt zu spät, um doch noch um Asyl zu bitten. Auch ohne Schlupfloch wollte sich Maria ihren letzten Stolz bewahren. Sie straffte ihre Schultern und sah dem Bürgermeister in die Augen. Dieser hatte wohl nicht mit so etwas gerechnet, denn er blickte zur Seite und Maria merkte mit einem gewissen Stolz, dass sein Lächeln verschwunden war. Bevor man sie dazu aufforderte, ging – besser gesagt humpelte – sie zum Ausgang. Sie ließ sich mehr Zeit als sonst, wollte jeden Moment bewusst auskosten. Am kleinen Marienaltar, der im Seitenschiff lag, machte das Mädchen kurz halt. Sie zündete eine Kerze an und sprach ein Gebet. Die Ratsherren standen hinter ihr, doch niemand wagte es, sie zu drängeln. Maria genoss, diesen Moment. Es gab ihr eine gewisse Genugtuung. Nachdem sie ihr Gebet beendet hatte, verließ sie die Kirche. Am Eingangsportal blieb sie einen Moment stehen. Die Hitze, die ihr entgegenschlug, nahm Maria den Atem. War es am Vormittag nur warm gewesen, so brannte die Sonne jetzt erbarmungslos auf die Stadt nieder. Wahrscheinlich würde es heute noch ein Gewitter geben. Die ersten Wolkenberge waren auch schon zu sehen. Unwillkürlich schüttelte sich Maria. Sie war zwar für die sommerliche Wärme passend gekleidet – es war ein leichtes Wollkleid –, aber für heftige Regenschauer war ihre Kleidung nicht gedacht und sie würde bis auf die Haut nass werden. Dann schalt sie sich. Denn ob sie nun nass würde oder nicht: Da sie nicht mehr lange leben würde, konnte sie auch nicht mehr krank werden. Und zu ihrer Stimmung passte ein Sommergewitter besser als alles jedes andere Wetter. Am liebsten wäre es Maria, wenn das Regen einsetzen würde, bevor die ach so noblen Ratsherren wieder in ihre trockenen Stuben zurückgekehrt waren. Irgendwie musste sich das doch einrichten lassen. Maria drehte sich um. Direkt hinter ihr stand der Bürgermeister, der einen Schritt zurückwich, als sie ihm in die Augen sah. „Kann ich noch einen Wunsch äußern, bevor man mich zum Drachen bringt?“ Es bereitete Maria eine diebische Freude zu sehen, wie alle zusammenzuckten, als sie das Wort ‚Drache' aussprach. Selbst ihr Vater, der sich im Hintergrund hielt, zog den Kopf ein. Dabei hatte das Mädchen ihm in den letzten Monaten ganz andere Sachen an den Kopf geworfen. Einmal hatte sie es sogar gewagt, ihn ‚Judas' zu nennen. Er hatte ihr eine gewaltige Ohrfeige gegeben und sie auf ihr Zimmer geschickt. Maria hatte dieses Wort danach nie wieder laut ausgesprochen, obwohl sie es oft gedacht hatte. „Was wünschst du denn? Viel Zeit haben wir nicht mehr, die Sonne steht schon recht tief.“ Ein Blick zum Himmel bestätigte diese Aussage, nicht nur einige Wolken zeigten sich am Horizont, sondern auf der anderen Seite neigte sich die Sonne der Erde entgegen. Maria war gar nicht bewusst gewesen, so viel Zeit im Kloster verbracht zu haben, doch sie war froh, dass Pater Benedikt es geschafft hatte, sie einen Großteil dieser Zeit von dunklen Gedanken abzuhalten. „Ich weiß, aber ich hätte gerne einen Mantel. Denn es wird gleich anfangen zu regnen und ich möchte nicht nass werden.“ Maria sah die herrische Handbewegung des Bürgermeisters und bemerkte auch, wie sich Herbert aus dem Gefolge löste und die Straße runter lief. Er wollte ihr wohl den Mantel holen. Kurz darauf war er auch schon wieder zurück. Mit einem Umhang, den Maria nicht kannte. Es war nicht der ihre, aber sie nahm ihn mit einem dankbaren Nicken an. Noch war es zu warm, um ihn anzuziehen, doch in der kurzen Zeit hatte sich der Himmel zugezogen und dunkle Wolken standen drohend über der Stadt. „Hast du noch einen Wunsch, Mädchen? Wir müssen jetzt los fahren.“ Der drohende Unterton in der Stimme des Bürgermeisters entging Maria nicht. „Nein.“ Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Außer ein langes Leben zu führen, wünsche ich mir nichts mehr. Aber diesen Wunsch könnt ihr mir nicht erfüllen. Wo ist der Wagen, der mich zum Opferplatz bringt?“ Und sie zuckten schon wieder zusammen. Maria hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. Der Bürgermeister räusperte sich, dann hob er einen Arm und fast augenblicklich kamen mehrere geschlossene Kutschen aus einer Seitengasse. Sie wurden von edlen Pferden gezogen. Zum Schluss bog auch ein einfacher Erntewagen um die Ecke, gezogen von zwei Ochsen, der direkt vor Maria hielt. Für jeden anderen wäre es kein Problem gewesen, auf die Ladefläche - die in der Mitte mit zwei Sitzgelegenheiten ausgestattet war – zu steigen. „Habt Ihr die Güte, mir hoch zu helfen? Mit meinem Bein schaffe ich es nicht.“ Bewusst blickte Maria den Bürgermeister an. Und sie siegte erneut. Er zögerte einen Moment, dann reichte er ihr die Hand und Maria stützte sich mit ihrem ganzen Gewicht darauf. Es fiel dem Mädchen schwer, sich das Grinsen zu verkneifen, über den düpierten Gesichtsausdruck hätte sie am liebsten laut losgelacht.. Maria sagte sich, dass es ihr gutes Recht war, so zu handeln. Und bestrafen konnte er sie auch nicht; der Drache würde schneller sein. Plötzlich war der Kloß in ihrem Hals wieder da. Sie war nicht unterwegs, um sich an all ihren Peinigern zu rächen, sondern um zu sterben. „Auch wenn ich ein Priester bin und es eigentlich Unrecht ist, so etwas zu sagen: Das hast du gerade gut gemacht. Der Pfeffersack hat genau so eine Behandlung verdient.“ Pater Benedikt war auf den Erntewagen geklettert und hatte sich neben sie gestellt. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich nicht alleine lassen werde, mein Kind. Ich werde dich begleiten.“ Bevor Maria etwas erwidern konnte, gab der Kutscher den Ochsen ein Zeichen und mit einem harten Rucken setzte sich das Fuhrwerk in Gang. Das Mädchen musste sich mit beiden Händen am Sitz festhalten, um einen Sturz zu verhindern. Als sie ihr Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, setzte sie sich hin. Pater Benedikt nahm neben ihr Platz. Ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Maria wusste nicht, was sie sagen sollte, auch der Priester schien keine passenden Worte zu finden. Verlegen blickte sie zur Seite – und bemerkte zum ersten Mal die Schaulustigen, die sich am Straßenrand versammelt hatten. Ihre Blicke waren weder mitleidig noch neugierig, sondern verachtend. Maria verstand es nicht. Sie opferte sich für die Menschen und bekam dafür noch nicht mal ihre Achtung. „Sie wissen nicht, dass du heute dem Drachen geopfert wirst.“ Die Information drang nur ganz langsam zu Maria durch. Dann drehte sie sich entsetzt zu Pater Benedikt um. „Aber wieso? Ich wusste es doch auch schon, lange bevor man mich auserwählte.“ „Weil du schon lange eine Anwärterin bist. Aber es wissen die wenigsten Einwohner, dass es überhaupt einen Drachen gibt. Der Rat vertuscht es, um keine Abwanderungswelle auszulösen.“ Maria überdachte ihre Situation. Sie saß allein mit einem Priester auf einem Leiterwagen und wurde von mehreren Kutschen begleitet. Normalerweise wurden so Verbrecher auf ihrem letzten Gang transportiert. Ein Klatschen riss das Mädchen aus ihren Gedanken. Sie sah, dass auch Pater Benedikt zusammen gezuckt war. Dann erkannte Maria an dem Geruch, was es verursacht hatte. Es war ein faules Ei, das man ihr hinterher geworfen hatte. Das war zuviel. Erneut rannen Sturzbäche über ihr Gesicht und sie konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. So eine Behandlung hatte sie doch nicht verdient. „Warum unternehmt Ihr nichts?“, stieß sie hervor. Dann fühlte sie die Hand des Priesters, die sich sanft auf ihre Schulter legte. „Wenn ich es von der Kanzel predigen würde, dann würde ich mich am nächsten Morgen im tiefsten Kerker wieder finden. Und den Schlüssel zu dem Verließ hätte man rein zufällig verloren. Der Abt würde nicht helfen, sondern meine Erzählung widerrufen. Er ist schließlich der Bruder des Bürgermeisters. Man würde mir nicht glauben und mein Opfer wäre umsonst. Es tut mir so leid, aber ich bin nur ein einfacher Mann, dessen Macht zu gering ist, um zu helfen.“ Er bückte sich rasch, um einigen Pferdeäpfeln zu entgehen. Sie landeten zu Marias Füßen und stanken bestialisch. Sie hatte nicht die Kraft, sich wegzudrehen und so dem Geruch zu entgehen. Der Priester ergriff die Initiative. Er zog das Mädchen zu sich heran und nahm es in seine Arme. Es war etwas, das Marias Eltern schon lange nicht mehr getan hatten, und sie genoss dieses Gefühl der Geborgenheit. Zuerst konnte sie noch die Geräusche der Stadt hören, aber dann wurden sie immer leiser, bis sie ganz verstummten.
Mit dem Lärm der Stadt verschwanden auch Marias Tränen. In den Armen des Priesters fühlte sie sich geborgen, fast schon sicher. Doch Maria wusste, dass es nur eine Illusion war. Mit leisem Bedauern löste sie sich aus der Umarmung und setzte sich wieder aufrecht. Dankbar nahm sie das saubere Leinentüchlein, das Pater Benedikt ihr reichte. Sie trocknete sich das Gesicht ab und schnäuzte sich. Dann schaute sie sich um. Wenn sie die Straße zurückblickte, konnte sie die Silhouette der Stadt erkennen. Der wuchtige Kirchturm beherrschte das Bild. Ringsherum lagen die Felder. Die Wintergerste war schon abgeerntet, doch der Weizen stand goldgelb mit schweren Ähren auf den Äckern, noch nicht ganz reif. Es versprach, eine reiche Ernte zu werden. Weiter vorn waren die ersten Ausläufer der Berge zu erkennen, die bis in den Horizont zu reichen schienen. Die Sicht war trotz der dunklen Wolken am Himmel so gut, dass sie die schneebedeckten Gipfel sehen konnte. Das war aber nicht das Ziel der Reise. Maria wusste, dass die Wagen gleich rechts abbiegen, durch den Gemeindewald fahren und auf der anderen Seite halten würden. Sie konnte das Wäldchen auch schon erkennen und kurz darauf fing sie der kühlende Schatten der Bäume ein. „Maria?“ Die leise, fast schon fragende Stimme von Pater Benedikt holte sie wieder zurück in die Gegenwart. „Ja, Pater?“ „Es wäre jetzt an der Zeit, die Phiole zu leeren.“ Diese Worte waren für Maria wie ein Schlag in den Magen. Sie machten ihr endgültig klar, dass es keinen Ausweg gab. „Habt ihr erlebt, dass eins der Mädchen überlebt hatte?“ Ein Kopfschütteln war die Antwort. Scheinbar hatte Pater Benedikt Probleme, mit ihr zu reden. Er wirkte unheimlich hilflos. Genauso fühlte sich auch Maria. Wie sollte sie sich entscheiden? Sollte sie wirklich die letzten Minuten halb betäubt verbringen und beim Angriff des Drachen keine Schmerzen verspüren? Oder war sie bereit, die Schmerzen zu ertragen und dafür die letzten Momente ihres Lebens mit klarem Kopf erleben? Wieder begann sie zu schluchzen. Der Priester wollte sie erneut tröstend in seine Arme nehmen, aber Maria ließ es nicht zu. Sie hob abwehrend ihre Arme und schüttelte ihren Kopf. „Es ist meine Entscheidung. Niemand kann mir helfen.“
Der Wald lichtete sich. Wie der Pater sagte, es war Zeit, die Phiole zu leeren, sollte der Trank seine Wirkung entfalten, bevor der Drache erschien. Entschlossen nahm sie den Stöpsel ab und leerte das Fläschchen in einem Zug. Es schmeckte widerlich und das Mädchen schüttelte sich. Danach sah sie Pater Benedikt an. „Wie geht es weiter, was werde ich noch fühlen?“ „Du wirst schmerzunempfindlich werden und dir wird – ganz gleich was auch immer um dich herum passieren mag – alles egal sein.“ „Warum ich? Ich bin doch noch so jung.“ Der Priester gab keine Antwort, sondern zog sie wieder in seine Arme. Dankbar verbarg sie den Kopf an seiner Schulter. So musste sie wenigstens nicht mit ansehen, wie sie sich ihrer Todesstätte näherten. Bald darauf hielt der Wagen an. Es fiel Maria schwer, sich nicht einfach hängen zu lassen und zu zeigen, wie es ihr wirklich ging, aber ihr Stolz siegte. Sie löste sich von Pater Benedikt und blickte auf. Maria erschrak. Sie hatte zwar damit gerechnet, dass ein Unwetter aufziehen würde, aber der Himmel war jetzt fast rabenschwarz und man konnte den Eindruck haben, als wäre die Nacht bereits hereingebrochen. Jetzt konnte sie auch ein dumpfes Donnergrollen hören. Ihre Eskorte schien nicht glücklich über das Wetter zu sein. Verängstigt war das richtige Wort für den Ausdruck auf ihren Gesichtern und Maria empfand wieder eine tiefe Genugtuung. Hocherhobenen Hauptes und fast ohne zu hinken ging sie zum Ende des Wagens und kletterte ohne fremde Hilfe hinab. Sie stand kerzengerade, als eine Sturmböe den Saum ihres Kleides zum Flattern brachte und an ihrer Haube zerrte. Der Bürgermeister baute sich vor dem Mädchen auf und wollte ihr wohl noch etwas sagen. Doch die Naturgewalten kamen ihm zuvor. Es blitzte und fast sofort war ein lautes Donnern zu hören. Maria hatte das Gefühl, taub zu sein. „Mein Kind, du hast den Mantel vergessen.“ Die fürsorgliche Stimme von Pater Benedikt überzeugte sie vom Gegenteil. Dankbar nahm sie das Kleidungsstück und legte es sich um. Dann sah sie sich um. Es gab nicht viel zu sehen. Es war eigentlich nur eine Waldlichtung, mit kniehohem Gras, das von der Sonne braun gebrannt worden war, bedeckt. Auf der linken Seite lagen einige Felsbrocken. Und auf dem größten der Felsen war ein Holzpfahl aufgestellt. Die Opferstätte. Maria schluckte. Sollte ihr nicht eigentlich alles gleichgültig sein? Warum setzte die Wirkung des Trankes nicht endlich ein? Der Bürgermeister hatte seine Stimme wieder gefunden. „Es ist Zeit. Solltest du dich wehren, sind hier genügend Männer, um dir hoch zu helfen.“ „Ja, all diese Männer sind so schrecklich mutig. Statt einen Drachen zu töten, ermorden sie wehrlose Mädchen.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, marschierte Maria zum Opferfelsen. Sie konnte hören, wie die Männer nach Luft schnappten. „Wer begleitet mich nach oben? Ich denke doch, dass ich festgebunden werde. Braucht Ihr dafür auch Eure Lakaien, Herr Bürgermeister?“ „Du unverschämtes Gör! Dir werde ich noch zeigen-“ „Das bezweifle ich, denn ich bin doch als Drachenfutter gedacht. Und nun beeilt Euch, ich habe keine Lust, vorher noch nass zu werden.“ „Maria, übertreib nicht“, hörte sie die warnende Stimme von Pater Benedikt. „Wenn du ihn zu sehr in die Enge treibst, dann könnte er zurückschlagen. Ich weiß, dass er diese Erniedrigung verdient hat, aber was ist, wenn er aus Rache von deiner Familie die hundert Goldstücke zurückverlangt?“ Dann wäre ihr Opfer umsonst und ihre Geschwister müssten hungern. „Ihr habt Recht“, gab Maria zu. Schweigend stieg sie die Felsbrocken hoch. Es fiel ihr gar nicht auf, dass ihr Bein nicht mehr schmerzte. Dann stand sie vor dem Pfahl. Er war aus Eiche. Nichts Besonderes und doch so bedrohlich. Maria fragte sich, warum sie bei diesem Anblick nicht in Tränen ausbrach, doch dann fiel ihr wieder der Trank ein. Er schien endlich zu wirken. Sie drehte sich um, um nachzuschauen, wer ihr Henker sein würde. Doch allein Pater Benedikt war ihr nachgeklettert. Die anderen standen am Fuß der Felsen und schienen zu diskutieren, wer hochgehen musste. Der Himmel entsprach Marias Stimmung. Die Wolken waren fast schwarz und ein Blitz nach dem anderen jagte zu Boden, gefolgt von lautem Donnern. Sturmböen peitschten über die Lichtung. Ihre Haube hatte Maria zwar am Morgen festgesteckt, doch der Wind riss die Kopfbedeckung von ihren Haaren. Zuerst wollte das Mädchen das Tuch wiederholen, sah aber ein, dass es auf den Felsen nicht möglich war, ohne hinzufallen. Ein weiterer, sehr verzweigter Blitz fing ihre Aufmerksamkeit ein. Fasziniert beobachtete sie ihn. Noch kein einziger Regentropfen war bisher gefallen. „Maria?“ Die besorgte Stimme des Priesters brachte Maria dazu, ihre Aufmerksamkeit von dem Naturschauspiel zu lösen. „Die Medizin wirkt, Pater Benedikt. Ich fühle noch nicht mal mehr Trauer, dass mein Leben gleich vorbei sein wird. Und doch kann ich die Schönheit dieser Welt noch schätzen.“ Maria zeigte zum Himmel. „Schön finde ich das nicht, Maria. Eher erschreckend. Aber du hast es geschafft, alle einzuschüchtern.“ „Scheint so. Und wenn sie sich noch länger beraten, dann kommt der Drache, bevor sie weg sind. So dunkel wie es ist, müsste er doch jeden Moment eintreffen.“ Oh ja, das würde sie den Pfeffersäcken gönnen. Nur Pater Benedikt sollte kein Opfer werden. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf. „Pater, könnt Ihr mir einen letzten Willen erfüllen?“ „Ich werde tun, was in meiner Macht steht.“ „Geht. Geht sofort. Ich möchte nicht, dass Euch etwas passiert.“ Es schien, dass der Priester widersprechen wollte, doch nachdem er sie einen Moment angesehen hatte, nickte er. „Leb wohl, Maria. Ich werde nicht zulassen, dass dein Opfer vergebens sein wird.“ Er zog das Mädchen kurz an sich, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und stieg dann hinab. Unten angekommen lief er zum Waldrand. Maria beobachtete ihn, bis er im Unterholz verschwand.
„Komm, Mädchen. Mach keinen Ärger, dann mach' ich deine Fesseln nicht zu fest. Ich will weg hier, das Ganze ist mir unheimlich.“ Maria hatte gar nicht bemerkt, dass man sich geeinigt hatte und jemand hochgestiegen war. Es war Herbert, der wohl gar nicht glücklich über seinen Auftrag war. Jetzt berührte er sie am Arm und deutete zum Holzpfahl. Mit einem ergebenen Nicken folgte sie ihm. Er hielt Wort und knotete die Schnüre, die er mit hoch gebracht hatte, gerade so fest, dass das Mädchen sich nicht befreien konnte, ließ ihr aber genug Raum, sich hinsetzen zu können. Als er fertig war, wagte er es nicht, ihr in die Augen zu schauen. Er presste ein „Es tut mir leid“, heraus und verließ sie.
Aufrecht trotzte Maria dem Sturm. Der Wind fuhr durch ihr Haar und lockerte den Zopf. Trotz des Betäubungstrankes fühlte sie sich in diesem Moment so lebendig wie selten zuvor. Angst hatte sie keine. Immer wieder fuhren Blitze nieder, bisher war noch keiner eingeschlagen und sie fragte sich, was eher ihren Tod verursachen würde: der Drache oder ein Blitzschlag. Es war Maria egal, dass die Honoratioren der Stadt in ihre Kutschen stiegen und wegfuhren. Mit diesem Kapitel ihres Lebens hatte sie abgeschlossen Dann geschah es. Ein Blitz traf das vorderste Gefährt und es ging sofort in Flammen auf. Das Holz war so trocken, dass die Insassen in Brand gerieten, ehe sie wussten, was geschah. Das Mädchen konnte das entsetzte Wiehern der Pferde hören, die auch von dem Feuer ergriffen wurden, und eine weitere Sturmböe trieb den Gestank des verbrennenden Fleisches zu ihr. Sie empfand nichts dabei. Die Flammen griffen um sich, verschlangen das trockene Gras und auch die anderen Kutschen fingen Feuer. Die Schreie wurden lauter und auch einige Flüche waren zu hören, bis sie von verzweifelten Rufen übertönt wurden. Eigentlich wollte Maria wegschauen, aber sie konnte nicht. Fasziniert starrte sie zu dem schrecklichen Ereignis, das direkt vor ihren Augen mehreren Menschen das Leben kostete. Dem Bürgermeister war die Flucht gelungen und er rannte auf den rettenden Wald zu. Das Mädchen erkannte ihn an seiner kostbaren Jacke. Er hatte gute Chancen zu überleben, denn er rannte gegen den Wind. Auch wenn er Schuld war, dass Maria dem Drachen geopfert werden sollte, wünschte das Mädchen, dass er überlebte, denn niemand hatte es verdient, bei lebendigen Leibe zu verbrennen. Doch wieder einmal wechselte die Windrichtung und der Sturm peitschte die Flammen schneller voran, als der Mann laufen konnte. Maria konnte genau erkennen, wie seine Kleidung in Brand geriet. Dann verdunkelte der Rauch ihr Blickfeld. Wenig später drehte sich der Wind und der Rauch trieb genau auf Maria zu. Eigentlich hätte sie husten müssen, aber das Mädchen verspürte weder Schmerzen noch Unbehagen. Sie merkte nur, wie Asche und Ruß sich in ihren Kleidern festsetzten und dass ihre Haare, mit denen der Wind spielte, dreckig wurden. Die Kutschen waren in sich zusammengefallen und nur noch Glutberge. Sie hoffte, dass Pater Benedikt nicht am Waldrand stehen geblieben und alles mit angeschaut hatte. Und dann, dann ließ der Sturm nach und es fing endlich an zu regnen. Kein Wolkenbruch, sondern ein warmer, angenehmer Sommerregen, der allen Dreck von Maria abwusch. Es war so schön, dass das Mädchen mit geschlossenen Augen ihren Kopf emporreckte, um so viel wie möglich abzubekommen. Nach einiger Zeit wurden die Tropfen kleiner und dann versiegte der Regen. Als ihr Gesicht getrocknet war, öffnete Maria die Augen. Es war immer noch genau so dunkel wie kurz vor dem Unwetter, doch inzwischen musste es die Dämmerung sein, die eingesetzt hatte. Wenn die Vorhersage des Priesters stimmte, dann war das auch die Zeit, in der der Drache kommen würde. Maria hoffte, dass es nicht zu dunkel war, wenn er vor ihr landete, denn sie wollte wissen, wie er denn wirklich aussah. Das Warten zerrte an ihren Nerven, klar denken konnte sie nicht und dann war da noch der Gedanke, dass soeben vor ihren Augen Menschen eines grausamen Todes gestorben waren. Um sich abzulenken, nahm Maria ihren Rosenkranz und fing an zu beten. Sie hatte gerade ein Gesetz gebetet und war beim ‚Vater unser', als ein Geräusch sie innehalten ließ. Es war zuerst sehr leise und wurde dann lauter. Sie vermutete, dass es der Drache war, der sich näherte. Maria blickte in den Himmel. Zuerst konnte sie nichts erkennen, doch dann sah sie eine massige Gestalt, die die Lichtung überflog. Der Drache war groß, wesentlich größer, als Maria ihn in ihren schlimmsten Albträumen gesehen hatte. Und dann landete das Tier auf dem Felsen vor ihr. Es war eine elegante, geschmeidige Bewegung, die überhaupt nicht zu der Größe zu passen schien. Gebannt betrachtete Maria den Drachen, merkte nicht, dass ihre Hände den Rosenkranz fest umklammert hielten. Er war furchterregend und schön. Das Tier war mindestens so groß wie das Rathaus, das auf dem Marktplatz, gegenüber der Kirche, stand. Dann brach ein Strahl der untergehenden Sonne durch die Wolken und gab Maria die Möglichkeit, den Drachen genau zu betrachten. Seine Haut wirkte bronzefarben. Warm und einladend. ‚Berühr mich!' schien sie dem Mädchen zu sagen. Wenn sie nicht immer noch angebunden gewesen wäre, dann hätte sie es versucht, so konnte sie dieses fast schon überirdische Wesen nur anschauen. Es hatte große, kräftige Hinterbeine und sehr kleine, nahezu verkrüppelte Vorderbeine. Die Flügel waren gigantisch, mindestens vier Mal größer als der Rumpf. Und dann war da noch der Kopf. Er war nicht besonders groß, sondern er wirkte eher zierlich. Doch dann öffnete der Drache sein Maul und brüllte. Laut, durchdringend, alles übertönend und einfach nur schrecklich. Dann schickte er noch einen Feuerstrahl hinterher. Der Drache zielte aber nicht auf das Mädchen, sondern auf einen Wolf, der wohl gehofft hatte, dass das gefesselte Mädchen eine leichte Beute sein würde. Er wurde bei lebendigem Leib gebraten. Maria fand es faszinierend. Das Tier, das ihr Leben beenden würde, war schön. Machtvoll und imposant. Irgendwie konnte sie die Stadtväter verstehen, dass sie einen Kampf mit dieser Bestie vermeiden wollten. Der Drache beugte sein Haupt herab und verschlang den Wolf. Das Knacken der Knochen hallte unangenehm in Marias Ohren und auch der Gestank des halbgaren Fleisches – ganz zu schweigen und der Mundgeruch des Drachens – war eklig. Dann war außer einigen Haaren nichts mehr vom Wolf übrig. Der Drache hob seinen Kopf, rülpste einmal und näherte sich Maria. Jetzt war der Anblick nicht mehr angenehm für sie. Denn jetzt konnte sie seine Zähne sehen. Sie konnte es nicht mehr ertragen und kniff ihre Augen ganz fest zu. Maria erinnerte sich an den Rosenkranz, den sie in ihren Fingern hielt, und fing an zu beten. Laut und deutlich, um jedes Geräusch des Drachen zu übertönen. Und um nicht weiter nachzudenken zu müssen auf Latein. „Ave, Maria, gratia plena, Dominus tecum; benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, Iesu. Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis nostrae.“ Eine raue Zunge fuhr über Marias Gesicht, sie roch den entsetzlichen, schwefelhaltigen Atem des Drachen. Schmerzen fühlte sie keine. Dann wurde alles dunkel.
The End
Und ob der Drache sie nun frisst oder nicht, das bleibt eurer Phantasie überlassen.
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