Der Fluch des alten Mannes - Kurzversion
© by Aisling (Aisling@gmx.net), 2005

 

Es ist die Antwort auf den Wettbewerb 'Fantastische Morde' der Story-Olympiade. Und hat noch nicht mal die erste Runde überstanden. Warum die Geschichte ausgeschieden ist, weiß ich nicht.
 

Peter Melzer war zum Sterbebett seines Onkels Matthias Melzer gerufen worden. Er war nicht wirklich freiwillig hingegangen, denn er hatte den alten Mann auf Familienfeiern gut genug kennengelernt, um seine jähzornige Art und seine radikalen Ansichten abzulehnen.
Hätte Peter den Anruf selbst entgegengenommen, dann wäre er nicht gegangen. Aber seine Frau Gaby hatte mit dem Anwalt seines Onkels gesprochen und hoffte nun auf eine Erbschaft.
Dabei wollte Peter von diesem Altnazi gar nichts erben, aber um den Hausfrieden zu wahren, saß er nun doch am Bett seines Onkels und lauschte, wie dieser röchelnd atmete. Peter war nicht der einzige, der darauf wartete, dass der alte Mann endlich starb.
Nicht nur seine Brüder Thomas und Michael waren dort, eigentlich war die gesamte Verwandtschaft, die unter vierzig war, anwesend. Ja, sie waren alle gekommen und drängten sich in dem Zimmer. Peter war einer der wenigen, der einen Sitzplatz ergattert hatte.
Deswegen fragte er sich, was er in Gottes Namen eigentlich hier zu suchen hatte. Er wusste, dass Therese, die direkt am Bett saß, seinen Onkel die letzten Monate gepflegt und all seine Launen ertragen hatte.
Warum waren also alle anderen hierher bestellt worden? Er hatte schon versucht, den Anwalt in ein Gespräch zu verwickeln, aber es war zwecklos gewesen, denn dieser wusste auch nichts Näheres.
Peter schreckte aus seinen Gedanken hoch. Etwas war anders. Und nach einem Moment realisierte er auch, was es war.
Das röchelnde Atemgeräusch war verstummt und eine fast schon gespenstische Stille lag über dem Raum. Hatte er etwa verpasst, wie sein Onkel in eine hoffentlich bessere Welt wechselte?
Bisher hatte er immer auf seine Hände geblickt, um zu vermeiden, mit seiner lieben Verwandtschaft in irgendeinen Konflikt zu geraten. Jetzt schaute er hoch. Direkt in die weit geöffneten Augen seines Onkels. Dieser war wohl gerade erst aufgewacht und blickte sich um.
Auch wenn er im Sterben lag, war der Ausdruck in seinen Augen immer noch fordernd.
„Es sind doch mehr hier, als ich gedacht habe. Wollt ihr eurem armen, alten Verwandten beim Sterben zuschauen oder wartet ihr darauf, dass ich endlich ins Gras beiße, damit ihr euch um mein Erbe streiten könnt?“
Keiner antwortete, was sollten sie auch zu solchen Vorwürfen sagen.
Nach einigen Sekunden, in denen die Stille fast greifbar wurde, kicherte Matthias.
Es war ein gehässiges, schrilles Lachen, wie es nur alte Leute zustande bekamen.
„Habe ich euch durchschaut? Nun, ich habe von euch nichts anderes erwartet, ihr habt mir ja oft genug gezeigt, was ihr von mir haltet, da ihr mich nie besucht habt.“
Diese kleine Rede schien ihn ziemlich anzustrengen, denn seine eingefallnen Wangen färbten sich rot.
„Ich will mein Geld nicht diesem verräterischen Staat vermachen, der auf die alten Traditionen spuckt. Deswegen wird einer von euch mein Erbe.“
Jetzt musste er husten. Therese, die direkt neben ihm saß, nahm vom Nachttisch einen Becher und flößte ihm etwas zu trinken ein.
Nachdem der alte Mann einen Schluck getrunken hatte, schob er die helfende Hand beiseite.
Dann blickte er herausfordernd zu seiner Verwandtschaft.
„Nun, ich will wenigstens einmal in meinem Leben erleben, dass ihr nach meiner Pfeife tanzt. Schließlich habe ich Immobilien und Aktien im Wert von etwa zehn Millionen Euro zu vererben.“
Unwillkürlich hielt Peter die Luft an. Er wusste, dass sein Onkel wohlhabend war, hatte aber nicht damit gerechnet, dass er so reich war.
Wieder kicherte der alte Mann und Peter hatte das ungute Gefühl, dass er etwas sehr Übles für sie ausgeheckt hatte.
„Wieso soll ich den ganzen Spaß verpassen? Ich will erleben, wie ihr euch um mein Geld streitet, deswegen wird derjenige von euch erben, der bis zu meinem Tod an meinem Bett ausharrt.“
Das Gegacker seines Onkels, hatte fast schon einen irren Unterton.
„Ach ja, falls es mehrere solange aushalten sollten, dann erben alle, die hier in diesem Raum sind, wenn ich sterbe. Sollte einer auf der Toilette sein, oder gerade auf seinem Zimmer, dann hat er Pech gehabt.“
Betretenes Schweigen herrschte. Peter schaute sich um und sah, dass alle von dieser Eröffnung schockiert waren. Aber wenn sie ehrlich waren, mussten sie zugeben, dass diese Entscheidung typisch für den alten Mann war.
„Gut, und was sagst du, wenn ich nicht mitspiele, auf das Erbe pfeife und jetzt gehe?“
Ja, die Überlegung hatte etwas. Es war sein Cousin Manfred, der diese Frage gestellt hatte.
„Nichts, mein Junge. Du bekommst dann sogar 10.000 Euro als Erbe, denn das akzeptiere ich.“
„Und wenn ich bis zum Schluss bei dir ausharre, aber zur Toilette muss, dann bekomme ich keinen Pfennig? Habe ich das richtig verstanden?“
„Wie stellst du dir das denn vor? Ich muss arbeiten und bekomme so schnell keinen Urlaub!“
„Ich muss mich um meine Kinder kümmern, die kann ich nicht einfach für Tage oder Wochen alleine lassen!“
Alle sprachen durcheinander und einige sprangen sogar erregt auf, um ihrem Ärger Luft zu machen. Peter blieb jedoch sitzen und überlegte, was schlimmer war: Der Stress mit seiner Frau, wenn sie erfuhr, dass er ein Millionenerbe einfach so sausen ließ oder die Zeit, die er hier mit seinen Verwandten verbrachte.
Eingepfercht in diesem kleinen Raum und ständig den garstigen Sprüchen seines Onkels ausgesetzt.
Bevor Peter eine Entscheidung getroffen hatte, stand Therese auf.
„Wenn das so ist, dann müsst ihr ihn selber pflegen. Denn ich habe genug davon, ständig seinen Launen ausgesetzt zu sein. Nur die Tatsache, dass du mich dafür sehr gut bezahlt hast, hat mich bisher aushalten lassen. Aber wenn die andern jetzt hier rumlungert, dann gehe ich!“
Ohne den alten Mann zu Wort kommen zu lassen, drehte sie sich um und ging.
Wenn er es jetzt nicht schaffte, dann würde er einfach sitzen bleiben und gegen die anderen um das Erbe kämpfen. Aber der Preis war nicht hoch genug. Peter verdiente zwar nicht soviel, wie er gerne wollte, aber er konnte gut davon leben und sogar in Urlaub fahren. Warum sollte er also mitmachen?
„Will sonst noch jemand gehen? Das ist eure letzte Chance, um wenigstens noch die 10.000 Moppen mit nach Hause zu nehmen. Na, wer will?“
Matthias hatte sich wohl von der Überraschung erholt, die ihm Therese bereitet hatte. Der Ausdruck seines Gesichts ließ darauf schließen, dass er nicht wirklich damit rechnete, dass jemand absagte.
Gleichzeitig war es Peters letzte Chance und er hatte nicht vor, sie verstreichen zu lassen. „Tut mir leid, Onkel Matthias, aber auch ich spiele nicht mit. Ich kann von meinem Gehalt gut genug leben, um auf dieses perverse Spiel zu pfeifen. Ich will dein Erbe nicht.“
Gleichzeitig stand er auf und schaute sich um. Alle anderen hatten sich wohl entschieden zu bleiben, denn als Peter sich umblickte, sahen alle betreten zur Seite.
„Tja, dann wünsche ich euch noch viel Glück und dir Onkel Matthias, dass du nicht mehr lange leidest.“
Damit drehte er sich um und wollte gehen, wurde aber von dem alten Mann zurückgehalten.
„Bleib stehen Junge! Ich bin noch nicht fertig.“
Warum konnte sich Mattias nicht damit zufrieden geben, dass die anderen bleiben würden? Peter drehte den Kopf und sah in das wutverzerrte Gesicht seines Onkels.
„Aber ich bin fertig mit dir. Und mit deiner Erbschaftsregelung hast du dir jedes Recht auf Mitleid verspielt. Du kannst mich nicht aufhalten.“
„Was bildest du dir ein! Sonst versteckst du dich auch hinter deiner Frau und jetzt kommst du mit solchen Sprüchen an.“
Nein, damit durfte er sich nicht provozieren lassen. Peter versuchte, sich nicht aufzuregen, sagte sich, dass es nur der vergebliche Racheversuch eines hilflosen alten Manns war. Doch im Innern wusste er, dass dieser Spruch einen wahren Kern hatte.
Sich endgültig umdrehend, ging er an seinen Geschwistern vorbei, um den Raum zu verlassen. Im Hinausgehen hörte er, wie sein Onkel hinter ihm herrief:
„Verflucht sollst du sein! Dein Tod soll langsam und qualvoll sein. Und auch all die, die mich so gierig anstarren und auf ihr Erbe hoffen, sollen verflucht sein.“
Matthias' Stimme wurde immer schriller und lauter und erst das Schließen der Türe befreite Peter von den Schmähreden.

Auch wenn ihm der Fluch seines Onkel ziemlich egal war – schließlich kannte er ihn und wusste, dass dieser niemals Entscheidungen gegen seinen Willen wirklich akzeptierte – wusste Peter, dass dies nichts war im Vergleich zu dem Stress, den er mit seiner Frau bekommen würde. Verheimlichen konnte er es auch nicht, die Buschtrommeln der Familie waren dafür zu gut.
Er war kaum zu Hause, als auch Gaby in den Flur kam. Sie war in voller Kampfbemalung obwohl Peter sich nicht erinnern konnte, dass heute noch Besuch kommen würde. Da sie auch ihre Stöckelschuhe anhatte, konnte sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange geben, ohne sich recken zu müssen.
„Hallo Peter. Wie war es bei deinem Onkel? Was wollte er von dir?“
„Lass mich bitte erst etwas trinken. Ich habe dort noch nicht mal ein Glas Wasser bekommen.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, ging Peter in die Küche. Er versuchte Zeit zu schinden und setzte sich entgegen seiner Gewohnheit an den Tisch. Seine Frau setzte sich zu ihm und wartete auch, bis er getrunken hatte. Dann sah sie ihn auffordernd an.
„Und? So schlimm?“
Es gab keine Chance, ihr zu entkommen und so erzählte Peter, dass er sich dagegen entschieden hatte, weiter am Sterbebett seines Onkels auszuharren, um an die Millionen zu kommen, verschwieg ihr aber den Fluch. Als er fertig war, war Gaby einen Moment still. Er konnte aber die Enttäuschung von ihrem Gesicht ablesen. Doch entgegen ihres sonstigen Verhaltens blieb sie ruhig.
„Du hast dich richtig entschieden. Diesen Stress würdest du doch gar nicht durchstehen und stattdessen nach spätestens einem Tag mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus gekommen. Besser jetzt die Zehntausend, als gar nichts. Wenn es mein Onkel gewesen wäre…“
Keine Frage, Gaby überlegte, wie viele Kleider und Schuhe sie sich von so einem Erbe kaufen könnte.
„Was machst du mit dem Geld?“
„Erst muss Onkel Matthias sterben, vorher gibt es gar nichts. Und ich habe mir noch keine Gedanken gemacht. Vielleicht sollten wir davon einen tollen Urlaub machen. Du wolltest doch schon immer eine Kreuzfahrt machen.“
War Gaby vielleicht noch sauer gewesen, so schien sie doch glücklich zu sein, dass Peter das Geld mit ihr teilen wollte.
„Ja, das hört sich gut an. Aber jetzt entschuldige mich bitte, ich muss in meinem Zimmer noch etwas erledigen.“
Damit stand sie auf und ließ ihn allein. Peter wusste, dass sie jetzt ihre ganzen Freundinnen anrufen würde.

Die nächsten Tage terrorisierte Matthias diejenigen, die unbedingt erben wollten. Doch diese waren auch nicht bereit, um jeden Preis am Sterbebett zu bleiben. Peter erfuhr, dass einer nach dem anderen aufgab und das Haus verließ.

Nach etwa zwei Wochen starb der alte Mann, einsam und verlassen. Keiner hatte durchgehalten.
Dies erfüllte Peter mit tiefer Genugtuung. Ihm war egal, was jetzt mit den Hinterlassenschaften passierte. Auch Gaby wirkte sehr zufrieden. Zum ersten Mal seit langer Zeit schob sie in der darauf folgenden Nacht keine Migräne vor.
Ihr zuliebe gingen sie auch zur Beerdigung. Seine Frau war an seiner Seite und hielt ihren Kopf höher als jemals zuvor. Auch Peter konnte es sich nicht verkneifen, seinen Brüdern ein schadenfrohes Grinsen zu zeigen.
Nach der Beerdigung erfuhr er von Therese, dass in der Nacht Martin, ihr Bruder, einen schweren Herzinfarkt erlitten hatte und er auf der Intensivstation des Krankenhauses lag. Deswegen blieb sie auch nicht um Totenschmaus, sondern fuhr direkt wieder ins Krankenhaus.
Irgendwie musste Peter da an den Fluch seines Onkels denken, denn Martin hatte es am längsten ausgehalten.

Zwei Tage später war Martin tot. Da Gaby so kurzfristig keinen Urlaub bekam, musste Peter alleine zur Beerdigung gehen.
Dort erfuhr er, dass inzwischen zwei weitere Verwandte schwer krank in die Intensivstation des Krankenhauses eingeliefert worden waren.
Die Stimmung war gedrückt und ganz leise wurde darüber diskutiert, ob es dem alten Mann wirklich gelungen war, einen Fluch über alle zu verhängen.
Therese war vollkommen aufgelöst und konnte nicht verhindern, dass die Tränen nur so über ihr Gesicht liefen. Da ihre Eltern vor einigen Jahren gestorben waren, hatte sie engen Kontakt zu ihrem Bruder gehabt. Peter fühlte sich hilflos, als er vor ihr stand und verlegen sein Beileid ausdrückte. Doch schien dies gar nicht richtig mitzubekommen, sondern schüttelte mechanisch jede Hand, die ihr entgegengestreckt wurde.
Froh, dass er die Beerdigung hinter sich hatte, fuhr Peter zwei Stunden später nach Hause.
Dort wurde er von Gaby erwartet, die sogar angefangen hatte, das Abendessen zu kochen.
Normalerweise machte sie dies nur, wenn sie etwas von ihm wollte.
Dementsprechend angespannt war Peter auch beim Essen. Er hatte keine Lust, von ihr zu etwas gedrängt zu werden, was er überhaupt nicht wollte.
Aber erstaunlicherweise kam von Gaby keine Forderung, nichts. Es war Peter fast schon unheimlich, wie zuvorkommend sich seine Frau verhielt.
Die nächsten Tage häuften sich die Todesfälle in der Familie. Einer nach dem anderen starb und jedes Mal war es eine rätselhafte Krankheit.
Die Angst ging um. Jeder fragte sich, ob er der nächste war, der dem Fluch des alten Mannes erliegen würde.
War Peter noch zu den ersten Beerdigungen gegangen, so ging es nicht mehr, da er nicht ständig auf der Arbeit fehlen konnte.

Ein Monat nach dem Tod von Matthias Melzer gab ihm Iris, als er von der Arbeit nach Hause kam, einen Brief vom Anwalt des alten Mannes, er war schon geöffnet.
„Du warst wohl neugierig.“
Ein Achselzucken war die einzige Antwort. Doch Peter störte sich nicht dran. Nur Rechnungen bekam er ungeöffnet zu sehen.
Es war eine Einladung zur Testamentseröffnung, die in zwei Wochen stattfinden sollte. Während er seine Jacke auszog und in die Küche ging, dachte er nach, ob er wirklich dorthin wollte. Wenn er es schaffte, pünktlich Feierabend zu machen, dann würde er sogar rechtzeitig dort sein.
„Willst du hingehen?“
„Ich weiß doch schon, was ich erben werde. Und…“
Peter zögerte, doch dann sprach er weiter.
„Irgendwie habe ich Angst, den Rest von meiner Familie zu treffen. Ich will einfach nicht wissen, wer noch an dem Fluch gestorben ist. Was ist, wenn irgendwann nur noch Therese und ich übrig geblieben sind? Wird uns auch der Fluch treffen?“
„Du bist nicht mehr auf dem neuesten Stand“, wurde er von Gaby belehrt.
„Inwiefern?“
Es standen Töpfe auf den Herd, Gaby hatte schon wieder gekocht.
„Die Polizei hat Therese verhaftet. Sie steht unter Mordverdacht.“
„Das kann nicht sein.“
Wie er es schaffte, sich auf den Stuhl zu setzten, wusste Peter nicht. Er sah nur Therese's tränenverquollenes Gesicht, als Martin beerdigt wurde. Er bezweifelte, dass sie jemanden getötet hatte.
„Ich glaube es auch nicht, schließlich kennen wir sie. Sie ist zu gut für diese Welt. Sonst hätte sie es auch nie geschafft, Matthias zu pflegen, ohne ihn umzubringen. Ich bezweifle auch, dass sie alle anderen getötet hat. Genauso wenig glaube ich aber an diesen Fluch.“
Darüber hatten sie schon oft gesprochen. Wie konnte es Gaby auch glauben, sie hatte auch nicht miterlebt, wie Matthias den Fluch ausgesprochen hatte.

Zwei Tage später wurde Therese aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Obduktionen der Toten hatten ergeben, dass alle eines natürlichen Todes gestorben waren. Kein Mord weit und breit.
An diesem Abend kamen Peters Brüder zu Besuch. Sie hatten kurz zuvor angerufen und waren dann gekommen, was Gaby gar nicht passte. Sie sagte zwar nichts, aber Peter kannte sie gut genug, um das an ihren Gesten zu erkennen. Thomas und Michael wirkten gehetzt und unsicher.
Es war für Peter eindeutig, dass sie Angst hatten. Sie wollten kein Opfer des Fluches werden, doch sie wussten nicht, wie sie sich schützen sollten. Zwar war Martin, der es am längsten am Sterbebett von Matthias ausgehalten hatte, zuerst gestorben. Aber danach folgten die Todesfälle keinem Schema mehr. Der Fluch schien sich willkürlich seine Opfer zu suchen. Und deswegen waren sie so verunsichert und wollten mit Peter sprechen. Die Brüder hatten auch eine Einladung zur Testamentseröffnung erhalten, wollten aber nicht hingehen.
Es wurde spät, ehe sie aufbrachen und irgendwie hatte Peter ein ungutes Gefühl, als er sie zur Haustüre begleitete. Gaby erzählte er aber nichts davon.
Zwei Stunden später wurden sie geweckt, weil die Polizei an ihrer Haustüre Sturm klingelte.
Sie überbrachten die Botschaft, dass Thomas und Michael bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren. Der Wagen war in einer Kurve ins Schleudern geraten und frontal gegen einen Baum geprallt. Beide waren noch am Unfallort gestorben.
Die Beamten wollten wissen, ob etwas Besonderes vorgefallen war und ob Thomas, der Fahrer, Alkohol getrunken hatte.
Peter verschwieg den Fluch. Er bezweifelte, dass die Polizisten dies begreifen würden. Stattdessen erzählte er ihnen, dass sie über Familienahngelegenheiten geredet hatten und dass Thomas ein Glas Wein und ansonsten nur Wasser getrunken hatte.
Anschließend war an Schlaf nicht mehr zu denken. Ruhelos wanderte er im Wohnzimmer auf und ab. War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, der Polizei nichts zu erzählen? Warum hatte er seine Brüder nicht gebeten, noch zu bleiben? Er hatte doch dieses seltsame Gefühl gehabt. Aber nein, er war wieder einmal zu feige gewesen und hatte stattdessen seinen Mund nicht aufgemacht.
Gaby hatte sich, nachdem die Polizisten weg waren, wieder hingelegt. Peter gestand sich ein, dass er froh darüber war. Er brauchte ihre besserwisserischen Kommentare jetzt nicht.
Am nächsten Morgen informierte er seinen Chef über den Tod seiner Brüder und teilte ihm mit, dass er seinen Sonderurlaub nehmen müsste.
Nach heftigen Diskussionen bekam er ihn auch.
Da seine Brüder obduziert wurden, dauerte es einige Tage, bis ihre Leichname von der Kriminalpolizei freigegeben wurden. Es gab jedoch kein Hinweis auf Mord, noch hatte Thomas Blut einen zu hohen Alkoholgehalt gehabt.
Da Thomas und Michael nie geheiratet hatten, war es nun an Peter, sie anständig unter die Erde zu bekommen. Um Zeit zu sparen organisierte er eine Doppelbeerdigung und packte sie in das Familiengrab seiner Eltern. Soweit lief alles gut. Von der Verwandtschaft konnte, wie Peter erwartet hatte, fast niemand, da sie alle in den letzten Wochen an zu vielen Trauerfeiern hatten teilnehmen müssen. Wenn da nicht Tatjana aufgetaucht wäre, die mit den Brüdern eine heftige Affäre gehabt hatte. Die Szene, die sie Peter machte, empfand er als sehr überflüssig.
In der Nacht nach der Beerdigung stellte Peter fest, dass er überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet hatte, um um seine Brüder zu trauern, dafür war irgendwie keine Zeit gewesen. Jetzt fühlte er nur eine große Leere und den Wunsch, dass sein Onkel hoffentlich in der Hölle schmorte.
Eine Woche nach der Beerdigung war die Testamentseröffnung. Von denjenigen, die sich einen Monat zuvor an Matthias' Sterbebett versammelten, hatten nur Therese und Peter überlebt. Ob an Herzinfarkt, Gallenkolik, Gehirnschlag oder etwas profanem wie ein Autounfall, keiner war unter besonders mysteriösen Umständen gestorben. Das einzig wirklich seltsame war, dass es innerhalb dieser kurzen Zeit passiert war. Und das wirklich nur diejenigen gestorben waren, die hinter dem Erbe her waren.
Peter hatte es geschafft, pünktlich Feierabend zu machen, um rechtzeitig beim Anwalt zu sein. Er hatte nicht wirklich Wert darauf gelegt, aber Gaby hatte ihn darum gebeten.
Und da ihr Zusammenleben in der letzten Zeit sehr harmonisch war – eigentlich schon zu harmonisch, um normal zu sein -, hatte er ihrem Wunsch entsprochen.
Im Wartezimmer des Anwalts trafen sie Therese. Sie sah schrecklich dünn aus. Peter hatte fast schon Angst, sie in den Arm zu nehmen, aus Sorge, sie zu erdrücken. Ihr Lächeln bei der Begrüßung wirkte sehr gezwungen.

Sie waren die Einzigen, die zur Testamentseröffnung gekommen waren – ansonsten hatte niemand überlebt.
Viele Worte wechselten sie nicht, irgendwie waren sie viel zu befangen, um miteinander zu reden. Peter war froh, als sie kurz darauf in ein kleines Büro gebeten wurden. Sie wurden kurz von Herrn Meischer, dem Testamentsvollstrecke, begrüßt.
Das Schreiben, das er anschließend vorlas, war vom Inhalt identisch mit dem, was Matthias ihnen auch gesagt hatte, doch dann wurde eine Videokassette eingeschoben.
Peter wollte alles, aber ganz bestimmt nicht seinen verhassten Onkel wieder sehen, auch wenn es nur ein Video war. Deswegen wollte er schon aufstehen, als er Gabys Hand auf seinem Oberschenkel spürte. Ihre langen Fingernägel bohrten sich in sein Fleisch und nur mit Mühe konnte Peter einen Schmerzensschrei unterdrücken. Ihr Blick tat ein Übriges, dass er keinen Gedanken mehr daran verschwendete, das Büro zu verlassen.
Dann ertönte Matthias' Stimme aus den Fernseherlautsprechern.
„Leider kann ich nicht sagen, wie viele jetzt hier sind und ob es überhaupt einen Haupterben gibt. Gönnen tue ich es niemandem.“
Ein kurzes Lachen und dann redete der alte Mann weiter.
„Falls einer wirklich zäh genug war, so lange an meinem Sterbebett zu wachen, bis ich den Löffel abgegeben habe, so gratuliere ich ihm jetzt. Du hast dir das Erbe verdient. Aber falls keiner durchgehalten hat, so war ich besser“, wieder dieses Lachen, dass Peter schon immer gehasst hatte.
„Dann, ja, dann gibt es trotzdem einen Erben.“
Jetzt schwieg Matthias und Peter hatte den Eindruck, dass der alte Mann versuchte, zu erahnen, wer zur Testamentseröffnung gekommen war. Vielleicht wollte er aber auch nur die Spannung steigern.
Peter war jedoch eher genervt. Er wollte weg, raus aus dem muffigen Büro, doch Gaby saß neben ihm und würde alles unternehmen, um ihn daran zu hindern. Um den lieben Frieden willen, blieb Peter sitzen und harrte der Dinge, die kommen würden.
„Wenn es wirklich keiner geschafft hat, dann erben diejenigen mein ganzes Vermögen, die eigentlich damit gerechnet haben, nur zehntausend Euro zu bekommen… Therese, meine Liebe, so wie ich dich kenne, gehörst du dann zu den Glücklichen. Ich wünsche dir alles Gute, denn irgendwie bist du meine Lieblingsnichte und ich traue dir soviel Rückrat zu, einfach zu gehen. Eigentlich ist es schade, wenn du es wirklich getan hast, denn du hast dich sehr gut um mich gekümmert und das, wo ich nicht wirklich nett zu dir war.“
Während dieser kurzen Rede hatten sich Gabys Fingernägel erneut schmerzhaft in seinen Oberschenkel gebohrt, doch Peter bekam es irgendwie gar nicht richtig mit. Genauso wenig, wie er seinem Onkel zuhörte.
Er hatte geerbt, nicht nur zehntausend Euro, sondern die Hälfte von Matthias' Vermögen. Es würden mehrere Millionen sein. Was sollte er mit dem ganzen Geld anfangen?
Ein Blick auf seine Frau ließ ihn in die Realität zurückkehren. Er, Peter würde gar nichts damit anfangen. Gaby würde bestimmen und ihm keine Freiheit lassen. Wollte er das?
Was wäre, wenn er sich jetzt von ihr trennen würde? Ihre Beziehung war doch schon lange kaputt und er war nur zu faul gewesen, um sich von ihr zu trennen. Nein, er berichtigte sich: Er hatte nie den Mut gehabt, sich mit ihr zu streiten.
Würde er ihn jetzt haben? Bevor Peter weiter darüber nachdenken konnte, wurde er von Gaby, die ihn jetzt am Arm berührte, abgelenkt. Sie deutete nach vorne, wo Herr Meischer wohl auf eine Reaktion von ihm wartete.
„Es tut mir leid, aber ich habe gerade nicht zugehört. Können Sie es bitte noch einmal wiederholen?“
„Ich brauche eine Unterschrift von Ihnen, dass sie das Erbe annehmen. Normalerweise empfehle ich immer, sorgfältig zu prüfen, ob man die Erbschaft wirklich akzeptieren will, schließlich kann man ja auch Schulden erben, aber Matthias Melzer hat mir die letzten Jahre seine Vermögensverwaltung überlassen, so dass ich Ihnen sagen kann, dass sie etwa fünf Millionen erben werden. Bitte unterschreiben Sie dort.“
Damit zeigte er auf einen eng beschriebenen Bogen, wo ganz unten Platz für seine Unterschrift gelassen wurde.
„Peter, du unterschreibst jetzt.“
Oh ja, diesen Ton in Gabys Stimme kannte er zu genau. Und alles in ihm kribbelte, nein zu sagen. Doch das konnte er sich nur leisten, wenn er das Erbe wirklich annahm.
So nahm er den angebotenen Stift und unterschrieb.

Und anschließend ging alles viel zu schnell für Peter. Er hatte vorgehabt, noch mit Therese zu reden, zu fragen, was sie, die auch unterschrieben hatte, mit dem Geld machen würde. Aber keine halbe Stunde nach dem entscheidenden Federstrich saß er mit Gaby in seinem Wohnzimmer und hatte ein Glas Sekt in der Hand. Seine Frau wollte unbedingt mit ihm anstoßen. Er ließ es zu, schließlich wollte er ihr verheimlichen, dass er am nächsten Tag einen Scheidungsanwalt aufsuchen wollte. Und das ging am besten, wenn sie dachte, ihn kontrollieren zu können.
„Auf meinen Ehemann, der um ersten Mal in seinem Leben die richtige Entscheidung getroffen hat.“
Alleine dieser Toast ließ Peter zusammenzucken. Wie sehr er seine Frau inzwischen hasste. Und nun konnte er sich von ihr trennen, ohne finanzielle Einbußen zu riskieren.
„Auf uns!“
‚Und eine möglichst schnelle Scheidung', fügte er in Gedanken hinzu. Dann leerte Peter das Glas in einem Zug, nur um anschließend einen Hustenanfall zu bekommen. Der Sekt schmeckte anders als sonst. Viel bitterer.
Als er sich erholt hatte, bemerkte er, wie lauernd er von Gaby beobachtet wurde und Angst stieg in ihm hoch.
„Was war das?“
„Glaubst du wirklich, dass ich dir das sage? Nein“, Gaby schüttelte den Kopf. „Ich habe extra ein so seltenes Gift ausgesucht, damit du nicht noch in letzter Minute gerettet werden kannst. Dann werde ich doch nicht so dumm sein, dir zu sagen, was ich dir gegeben habe.“
Gift! Oh, mein Gott.
Peter wurde schlecht. Er fühlte geradezu, wie das Gift sich vom Magen aus in seinen ganzen Körper ausbreitete. Alles krampfte sich in ihm zusammen und er fühlte die Schmerzen.
„Warum? Warum willst du mich umbringen?“
„Denkst du, ich habe heute nicht deine Blicke bemerkt? Du willst mich verlassen, ohne auch mir auch nur einen Cent von dem Erbe abzugeben. Und dabei habe ich so hart dafür gearbeitet.“
Die Beine wollten Peters Gewicht nicht mehr tragen. Er knickte ein und fiel auf den Teppich. Sein Magen brannte inzwischen so höllisch, dass er die Schmerzen vom Sturz noch nicht einmal mehr richtig wahrnahm.
„Hast du etwa alle umgebracht? Woher wusstest du…?“
Er spürte, wie er immer schwächer wurde, selbst das Sprechen fiel ihm schwer.
„Da du im Bett eine absolute Niete bist, habe ich schon seit einiger Zeit einen Liebhaber. Und das ist Johannes Meischer, der Testamentsvollstrecker. Er hat mir erzählt, dass du wohl einer der Haupterben sein wirst.“
„Du hast alle…“
„Nein, nur deine Brüder. Damit sie kein Erbe einfordern können, wenn du tot bist.“
Gaby beugte sich zu Peter runter und tätschelte seine Wange.
„Es war sehr einfach. Da Thomas auf Aspirin allergisch reagiert, brauchte ich ihm nur eine Tablette in seine Apfelschorle zu geben und wusste, dass er auf der Heimfahrt ein Problem haben würde. Doch was der Rest deiner Familie angeht“, Gaby seufzte. „Es tut mir leid, ich bin dafür nicht verantwortlich. Aber du kannst ja deinen Onkel fragen. Du wirst ihn sicherlich gleich treffen.“
Verzweifelt bemühte Peter sich, seine Augen offen zu halten. Er wollte nicht sterben, nicht so. Doch er konnte es nicht verhindern. Alles wurde dunkel.
„Weißt du eigentlich, dass dieses Gift einen großen Vorteil hat? Es ist so gut wie nicht nachweisbar und eine flüchtige Obduktion wird ergeben, dass du an Herversagen gestorben bist.“
Gaby redete weiter, doch Peter konnte nichts mehr verstehen, er wusste, dass er vorbei war.
„Ich verfluche dich!“
Seine einzige Hoffnung war, dass die Kraft des Verfluchens erblich war.
 

 
Ende