Stimmen
© by Aisling (Aisling@gmx.net), 2005

 

Nur um es klarzustellen: Das habe ich nicht selbst erlebt.
 

Auf der Arbeit habe ich mit vielen Kunden nur telefonischen Kontakt. Einer davon ist Vincent gewesen. Wie es der Name schon verrät, ist er Franzose. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen spricht er fließend Deutsch.

Es war nicht der einzige Punkt, der ihn so sympathisch machte. Es war seine Stimme, die mich dazu brachte, ihn anders zu behandeln, als meine anderen Kunden.

Es war ein samtiges, fast schon rauchiges Timbre, das eine Frau um den Verstand bringen kann.

Ganz soweit hatte er mich nicht, aber wenn Vincent anrief und mich um etwas bat, dann hatte ich große Probleme ‚nein' zu sagen.

Dieses Deutsch mit einen leichten Französischen Akzent war für mich einfach nur unwiderstehlich. Doch ich musste im Interesse meiner Firma rational denken, auch wenn es sehr schwierig war.

Seine Stimme folgte mir in das Privatleben. Letztens habe ich sogar von ihm geträumt.

Wie er mir leise Kosewörter ins Ohr hauchte. Alleine schon das Wort ‚mignonne' zauberte eine Gänsehaut auf meinen Nacken. Vincent hatte es wohl bemerkt, denn er hauchte Küsse dorthin. Zuerst ganz sanft und zärtlich. Doch dann biss er. Nicht wirklich feste, nur so, dass ich seine Zähne spürte. Es war…

Okay, das ist eine andere Geschichte. Zurück zum Thema.

Wenn ein Mann schon so eine außergewöhnliche Stimme besitzt, dann will Frau unbedingt wissen, wie der Besitzer der Stimme nun aussieht. So ist es auch mir ergangen.

Aber alles Betteln und Flehen half nicht. Vincent blieb stur und weigerte sich eine Mail mit seinem Bild zu schicken. Da war nichts zu machen. Sein einziger Kommentar dazu war: „Meine Maße sind neunzig/sechzig/neunzig. Leider sieht der andere Oberschenkel genau so aus.“

Als er mir das am Telefon erzählte, da war ich erst einmal sprachlos – das passiert übrigens recht selten – und dann konnte ich einfach nur grinsen.

Solche Sprüche sind nämlich typisch für ihn. Vincent sagt immer das, womit man überhaupt nicht rechnet.

Ja, es gab mal Zeiten, in denen ich wirklich verliebt in ihn war. Aber ich gab mich da keiner Illusion hin. Schließlich wohnte er fünfhundert Kilometer weit weg und war auch verheiratet. Aber es machte wirklich Spaß mit ihm zu flirten.

 

Letzte Woche war es dann so weit. Es war ein Meeting in Paris angesetzt und ich musste mit. Im Gegensatz zu den meisten anderen geschäftlichen Terminen freute ich mich wirklich darauf, denn zum ersten Mal würde ich nicht nur Vincents Stimme hören, sondern auch den dazugehörigen Köper sehen. Und ich war so etwas von neugierig.

Ihr könnt euch wahrscheinlich schon denken, wie er aussieht: dick, Halbglatze, einen großen Zinken im Gesicht, schlicht potthässlich.

Auch ich bin mit dieser Erwartung hingefahren. Wurde aber angenehm enttäuscht. Er war groß, dunkle Haare, wirklich gutaussehend und recht sportlich und ich bezweifle, dass ich ihn von der Bettkante stoßen würde, sollte er mich einmal fragen. Allerdings würde ich ihn vorher ins Bad schicken, um sich die Zähne zu putzen, denn er rauchte wie ein Schlot.

Doch als wir am Abend noch essen waren, da wurde mir klar, dass er genau das vorhatte. Vincent flirtete nicht nur mit mir, er baggerte wie ein Wahnsinniger.

Und irgendwie hat das den Zauber zerbrochen. Ich weiß nicht wieso. Zum Abschied bestand er auch noch darauf, mich zu meinem Zimmer zu begleiten. Da er nicht nur einen Wein getrunken hatte, schien er immer noch von seinen Qualitäten überzeugt zu sein und hatte all meine Absagen, die ich zuerst nett und höflich, schließlich aber sehr direkt formuliert hatte, ignoriert.

Jedenfalls machte ich in der Nacht die Tür vor seiner Nase zu.

 

Am Montag verlangte er eine andere Sachbearbeiterin.

 
Ende