Gefühlsdusselig
© by Aisling (Aisling@gmx.net), 2009

 

Disclaimer: Alles gehört Nina. Und ich hoffe, dass es ihr nichts ausmacht, wenn ich mir die Charaktere zum Spielen ausleihe.
Anmerkung: 'Der Tod und das Mädchen' ist ursprünglich ein Online-Comic, den man hier nachlesen kann. Wer dazu keine Lust hat, kann sich auch gerne die Hefte dazu kaufen - Bonusmaterial, das es online nicht gibt, eingeschlossen. Wer dann immer noch nicht genug hat, schaut am besten einfach mal auf Ninas Seite rein. Es lohnt sich immer.
 

Mit dem Fingerspitzenknochen seines Zeigefingers fuhr der Tod über die geschwungene Haube des Käfers. Er fühlte den Lack und das kühle Metall darunter. Nichts hatte sich verändert, außer... der Tod berührte mit dem Daumenknochen den Fingerknochen, ja, es hatte sich Staub abgesetzt.

Er ging zum Schrank und holte den weichen Lappen heraus.

Liebevoll wischte er über die gerundeten Oberflächen. Jede Stelle war mit einer Erinnerung verbunden. Das Dach: dort hatte er versucht, Mercedes das dumme Buch zu entwenden. Die Motorhaube am Heck. Wie oft hatte er sich dagegen gelehnt, um Mercedes zuzusehen, wenn sie sich gerade mal wieder aufregte. Sie war süß gewesen, wenn sie wütend war.

Sinnend bückte sich der Tod und polierte das Kennzeichen, D 810.

Er fragte sich, ob Mercedes gewusst hatte, wofür diese Abkrürzung noch stand. Leise seufzte der Tod. Er würde es nie erfahren.

Vorne die Kofferraumhaube wischte er mit besonders viel Liebe. Er konnte die Beulen fühlen, die er dem armen Auto zugefügt hatte. Damals, als Mercedes versucht hatte, ihn abzuschütteln und er sich mit Gewalt am Rahmen festgehalten hatte.

Was waren das für Zeiten gewesen? Wann hatte sich jemals wieder ein Sterblicher so verbissen gewehrt?

Der Tod ertappte sich dabei, dass er die Tür öffnete und sich auf den Beifahrersitz setzte. Er konnte inzwischen Auto fahren, aber der Fahrersitz war ihr Platz. Im Käfer roch es immer noch nach ihr.

Er berührte den Rückspiegel und richtete ihn. Da war kein Harry auf den Rücksitz. Zärtlich fuhr er über den Kunststoff der Ablage. Was hatten sie sich in diesem Auto gestritten? Ach, Mercedes!

„ERWISCHT!“

Der Tod zuckte zusammen, dann seufzte er nur laut. Auf dem Fahrersitz saß der kleine Tod.

„Das war kein übermäßiger Gefühlsausbruch“, wies er den Frechdachs zurecht. „Ich bin nur ein wenig gefühlsdusselig geworden. Nach so einer harten Woche darf ich das.“

„Du hast immer eine Ausrede, hier hin zu kommen.“

„Du spionierst mir hinterher!“, warf der Tod ihm vor.

„Nein, das ist der einzige Ort, wo du außer Wut noch andere Gefühle zeigst. Deswegen werde ich hierhin gezogen, Onkelchen“, verteidigte sich der kleine Tod.

„Erstens sind wir nicht verwandt und wenn du zweitens nicht sofort verschwindest, wirst du merken, zu welchen Ausbrüchen ich in der Lage bin.“ Der Tod war stolz, wie leise und ruhig er das sagte. Es verfehlte nicht seine Wirkung. Es machte ‚Puff' und die Nervensäge verschwand.

 

Der Tod blieb noch einen Moment sitzen, dann schüttelte er den Kopf. Das brachte doch alles nichts.

Mercedes war schon vor einer Ewigkeit gestorben.

Die Lebensspanne eines Menschen war endlich. Er hätte ihr keinen Gefallen getan, sie darüber hinaus leben zu lassen, auch wenn er sie schrecklich vermisste.

 

Er stieg aus und betrachtete den Käfer. Noch einmal wischte er über das Dach, dann räumte er den Lappen weg. Er verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzublicken. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, schwor er sich, dass er den Raum nie wieder betreten würde.

 

So wie nach jedem Besuch.

 

Ende??