Sechs Jahre
© by Aisling (Aisling@gmx.net), 2006

 

Disclaimer: Mir gehören die Jungs von SK-Kölsch leider nicht. Umso lieber spiele ich mit ihnen.
Dank: An Birgitt fürs perfekte Beta,
 

Es war ein ganz normaler Arbeitstag. Kein Serienkiller, der Köln unsicher machte, noch nicht mal ein ausgebrochener Schwerverbrecher. Nur ein einfacher, sauberer Mord. Jupp Schatz hoffte, in den nächsten Tagen den Täter dingfest zu machen. Wenn nicht sein neuer Stellvertreter wäre, der alles in den Sand setzte. Martin Ahlborn. Bayer aus irgendeinem Provinznest, stockkonservativ und absolut unfähig, sich mit den Kölner Zuständen zu arrangieren.

Er hatte Jupp schon mehrfach in einen Wutanfall getrieben und wenn sich nicht ganz schnell etwas ändern würde, dann würde die Kripo Köln demnächst einen neuen Mord aufklären müssen. Und für diesen Fall würden sie noch nicht mal fünf Minuten brauchen.

Es war eine Schande, dass Haupt vor wenigen Monaten in Rente gegangen war. Der hätte niemals zugestimmt, dass man ihm einen Stellvertreter wie Ahlborn aufs Auge drückte. Es war zwar richtig, dass er einen ruhigen und besonnenen Partner brauchte, aber das war zu viel. Viel zu viel.

So vergrub sich Jupp in seine Akten, um nicht schon vor zehn Uhr morgens mit Ahlborn zusammenzurasseln. Das würde er sich für den Nachmittag aufheben, wenn sie den Termin in der Pathologie hinter sich hatten. Sein neuer Partner hatte einen schwachen Magen und Jupp gedachte, das weidlich auszunutzen, um für den Rest des Tages nicht ständig seine besserwisserischen Kommentare ertragen zu müssen.

Als er bei einem Bericht das Datum ausfüllen musste und auf den Kalender blickte, wusste er, dass dieser Tag für ihn wichtig war – er hatte es nur verdrängt, ganz bewusst um sich nicht schon Wochen vorher elend zu fühlen. Heute vor sechs Jahren war Ellen gestorben. Seine Ellen. War es wirklich schon so lange her? Sein Sohn, Florian bestand inzwischen darauf, nicht mehr Flo genannt zu werden, und bereitete sich im Internat auf sein Abitur vor. Klaus arbeitete seit über vier Jahren – oder waren es schon fünf? - bei Europol in Brüssel und sie hatten nur noch sporadischen Kontakt. Via Email. Zu viel Arbeit, zu wenig Freizeit und Brüssel war drei Stunden Autofahrt entfernt. Zu weit für ein spontanes Treffen.

Falk war seit zwei Monaten beim BKA in Frankfurt. Er leitete jetzt eine eigene Abteilung. Sie telefonierten mindestens zwei Mal die Woche und Jupp war froh, dass er jemanden hatte, bei dem er ungehemmt über Ahlborn ablästern konnte. Doch über Ellen konnte er mit Falk nicht reden. Er hatte sie noch nicht mal kennen gelernt.

Abrupt stand Jupp auf und schnappte sich seine Jacke.

„Alles in Ordnung, Herr Schatz?“

„Alles bestens. Ich habe nur vergessen, dass ich heute einen wichtigen privaten Termin habe. Ich nehme mir einen Tag frei.“

„Und was ist mit dem Fall? Haben Sie schon mit Frau Westphal darüber gesprochen? Sie ist ihre Vorgesetzte.“

Jupp ermahnte sich, nicht auszurasten und diesen herablassenden Tonfall zu ignorieren. Westphal und Ahlborn passten perfekt zusammen. Sie waren Radfahrer allererster Qualität.

„Ich hatte vor, ihn jetzt darauf anzusprechen. Lassen Sie das mein Problem sein. Den Termin in der Pathologie können Sie doch ohne Hilfe überstehen? Denken Sie bitte daran, Dr. Matties zu bitten, mir den Bericht zu mailen.“

„Wie Sie wünschen, Herr Schatz.“

Jupp sparte sich jeden sarkastischen Kommentar. An Ahlborn würde es wie an einer Mauer abprallen.

„Wir sehen uns morgen.“

Frau Westphal genehmigte ohne mit der Wimper zu zucken den Urlaubsantrag und dann war Jupp frei.

Als Erstes fuhr er zum nächsten Blumenladen und kaufte einen großen Strauß. Keine Rosen, sondern Nelken. Ellen hatte diese Blumen geliebt. Dann fuhr er zum Friedhof. Er hatte direkt nach ihrer Beerdigung einen Gärtner damit beauftragt, ihr Grab zu pflegen.

Und genau so sah das Grab auch aus. Gepflegt. Unpersönlich. Alles Pflanzen, die nicht viel Pflege brauchten, um den Sommer zu überleben.

Hinter dem Grabstein lag noch die Blumenvase – erstaunlicherweise war sie nicht geklaut worden, obwohl sie so selten benutzt wurde.

Es dauerte nicht lang, Wasser zu holen und die Blumen zu arrangieren. Dann stand er hilflos vor dem Grab. Er war nicht der Typ, der zu Toten sprach. Außerdem wusste er nicht, was er Ellen sagen sollte, außer dass er sie immer noch vermisste.

Nicht mehr ganz so sehr wie in den ersten Monaten und die Schuldgefühle waren auch nicht mehr so stark, aber es gab viel zu oft Momente in seinem Leben, in denen er sich wünschte, dass sie noch lebte und er mit ihr reden, mit ihr lachen und mit ihr streiten konnte. Aber es war vorbei. Für immer und ewig.

Den restlichen Tag fuhr Jupp ziellos durch die Stadt. Suchte Plätze auf, die ihn an Ellen erinnerten, wie die alte Eiche an der Severinskirche. Unter diesem Baum hatte er Ellen den ersten Heiratsantrag gemacht. Sie hatte lachend abgelehnt und gesagt, dass er kein Mann zum Heiraten sei. Zwei weitere Anläufe hatte Jupp gebraucht, um Ellen zu überzeugen.

Doch es hatte nicht geklappt, obwohl sie sich geliebt hatten. Bis zum letzten Augenblick.

 

Abends fand sich Jupp in einer kleinen Kneipe weit ab von der Altstadt wieder. Er hatte sie durch Klaus kennen gelernt. Dass der Besitzer schwul war, hatte ihn noch nie gestört, würde aber garantieren, dass er nicht zufällig auf Ahlborn stieß. Der war auch schon im Rättematäng aufgetaucht und hatte die neue Kellnerin angebaggert. Sehr zu Jupps Freude war er bei ihr so was von abgeblitzt.

Was ihn an seine eigene Situation erinnerte. Er war auch solo. Aber schon lange nicht mehr freiwillig, weil es ihm besser passte. Jupp hatte schon vor einiger Zeit gemerkt, dass er keinen Bock mehr auf oberflächliche Beziehungen hatte. Er wollte mehr. Etwas, das er mit Ellen gehabt hatte. Doch damals war er dumm gewesen und hatte alles verloren, weil er einfach nicht reif genug für so eine Beziehung gewesen war. Es war nicht der Job gewesen, sondern die Tatsache, dass er mit mehr Frauen geflirtet hatte, als Ellen ertragen konnte.

Jupp prostete dem Wirt zu und trank sein Bier aus. Es war das zweite und mehr als drei würden es nicht werden. Saufen bis zur Bewusstlosigkeit würde nichts ändern. Und mit einem Kater würde er Ahlborn noch weniger ertragen können.

Wieso musste Ellen nur an Florians Geburtstag sterben?

Jupp schluckte. Er hatte es tatsächlich geschafft, den Geburtstag seines Sohns zu vergessen. Ein Blick auf die Uhr überzeugte ihn, dass es noch nicht zu spät war, ihn anzurufen. Und ein Geschenk kaufte er dem Jungen schon seit zwei Jahren nicht mehr. Stattdessen machten sie am Wochenende darauf einen Einkaufsbummel. So ersparten sie sich die Umtauschorgien.

Jupp ging raus und rief Florian an. Der war gar nicht erfreut über den Anruf seines alten Herrn, da er eine kleine intime Feier auf seinem Zimmer hatte. Nur er und seine Freundin.

Schnell war das Gespräch beendet.

Frustriert ging Jupp zurück in die Kneipe. Sein Sohn wurde erwachsen. Und er kam sich auf einmal sehr alt vor.

Das dritte Bier leerte er in einem Zug und orderte beim Wirt ein viertes.

„Ist hier noch frei?“

Er hatte schon den Mund zu einer schroffen Entgegnung geöffnet, als er begriff, dass er die Stimme kannte. Er sah hoch. Es war Klaus Taube.

„Was treibt dich denn nach Köln?“

Klaus setzte sich und orderte beim Wirt auch etwas zu trinken – ein Pils. Für Jupp war es eine Krankheit, kein Bier.

„Zu behaupten, dass ich zufällig hier bin, wirst du mir bestimmt nicht abnehmen.“

„Stimmt.“ Jupp nickte. „Dafür fehlen fünf Bier und mindestens genau so viele Kurze. Raus mit der Wahrheit.“

„Ich habe heute Mittag bei dir im Büro angerufen, weil ich über den kleinen Dienstweg eine Information brauchte. Dein neuer Kollege hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass du heute nicht wiederkommen würdest. Ich wusste sofort, warum du allein sein wolltest.“

„Netter Kollege, nicht?“

„Wenn der sich überall so verhält, dann gebe ich ihm nicht lange. Man muss sich in Köln anpassen, oder man geht unter.“

„Gluck, gluck, gluck.“

„So schlimm?“

„Schlimmer. Nicht mehr lang und ich raste total aus. Da bin ich lieber von einem Dutzend Tunten umgeben als von so einem Bayern. Aber du hast immer noch nicht erzählt, wieso du hier bist.“

„Ich dachte mir, dass du heute einen Freund brauchst. Einen, der Ellen kannte und weiß, was du für sie empfunden hast.“

„Danke.“ Jupp fühlte sich wirklich ein wenig besser. „Aber das erklärt immer noch nicht, wieso du hier bist.“

„Mir war klar, dass du nicht im Rättematäng zu finden sein wirst. Besonders wo dein neuer Kollege geunkt hat, dass du wohl keine Kellnerin für den Abend hättest und kellnern müsstest.“

„Das hat der Arsch gesagt? Der wird mich morgen kennen lernen!“

Jupp schwor sich, den letzten Rest von Erziehung fallen zu lassen und Ahlborn so fertig zu machen, dass der nach Bayern zurück kroch. Auf allen Vieren.

„Er meinte wohl, gegenüber einem Profiler von Europol angeben zu müssen. Was sagt denn Haupt zu diesem Supermann?“

„Gar nichts.“

Klaus sah Jupp ungläubig an.

„Das glaube ich dir nicht.“

„Doch, er ist in Rente und mit unserer guten Frau Westphal hat mein Stellvertreter eine verwandte Seele gefunden.“

Der Wirt brachte Klaus sein Pils und reichte Jupp auch ein Pils – es war sein fünftes Bier. Jupp betrachtete die Schaumkrone, verzog sein Gesicht und fügte sich in sein Schicksal. Sie stießen an und tranken den Schaum ab.

„Und wie kommst du damit klar?“

„Wie schon? Überhaupt nicht. Wenn ich nicht so an Köln hängen würde, würde ich mich woanders bewerben. In Dortmund suchen sie jemanden, um die SoKo zu leiten. Das wär doch was für mich.“

„Schade, denn ich trage mich mit dem Gedanken, zurück nach Köln zu gehen, und hatte mich gefreut, mich hin und wieder mit dir zu treffen.“

Jupp verschluckte sich an seinem Bier und bekam einen Hustenanfall. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte.

„Kannst du mich nicht vorwarnen? Wenn du bei mir anfangen willst, ich würd' dich mit Kusshand nehmen.“

Klaus schüttelte lächelnd den Kopf.

„Nein, nicht zur SoKo. Bei der Sitte geht Meyer in Rente und ich wollte dich bitten nachzuhören, ob es schon einen inoffiziellen Nachfolger gibt. Wenn nicht, möchte ich zurück nach Köln.“

„Ist es in Brüssel so schlimm? Oder hast du Sehnsucht nach dem Kölschen Klüngel?“

„Der Kölsche Klüngel hat schon was. Eine raue Herzlichkeit, die ich in Brüssel schmerzlich vermisse.“

„Nicht zu reden von den ganzen Szenekneipen.“

„Die gibt es in Brüssel auch. Du ahnst nicht, wie viele Politiker schwul sind. Hilfst du mir?“

Jupp blickte Klaus an. Er trug wie immer einen seiner Anzüge. Außer dass er etwas älter geworden war, hatte er sich nicht verändert. Soweit Jupp das ohne Abendessen und mit fünf Bier intus beurteilen konnte.

„Bist du dir sicher, dass du dir die Sitte antun willst? Es ist ein Scheißjob und viel zu viele Fälle drehen sich um Kindesmissbrauch und ähnlich perverse Dinger. Ich war damals heilfroh, als ich dort wegkam – bevor ich daran kaputt ging.“

„Danke für deine Ehrlichkeit. Hast du schon einmal versucht, in den Kopf eines Kinderschänders hineinzusehen? Oder einen Drogendealer, der im großen Stil seine Ware an Schulhöfen absetzt? Ich habe Albträume, wenn ich nur an meinen aktuellen Fall denke. Und dagegen ist die Sitte für mich ein Kinderspiel. Als Kriminaloberrat habe ich auch den notwendigen Abstand, um nicht daran zu zerbrechen.“

„Seit wann bist die Karriereleiter hochgefallen? Hast du dir dabei weh getan? Herzliches Beileid!“

„Danke für dein Mitgefühl. In Brüssel wird man befördert, wenn man gute Arbeit abliefert. Aber der Preis ist mir zu hoch.“

„Wenn du es sagst, wird es stimmen. Ich werde mich morgen diskret umhören und darauf achten, dass von meinen Kollegen keiner was mitbekommen. Das wär' was, ein Schwuler auf dem Chefsessel bei der Sitte. So was braucht Köln.“

„Hör auf, so zu reden, Jupp. Ich will den Job, weil ich ihn kann, nicht wegen meiner sexuellen Orientierung.“

„Is ja gut. Ich werd schweigen wie ein Grab. Vorausgesetzt, du zahlst das nächste Bier.“

„Wie viele hast du denn schon getrunken?“

Klaus musste mal wieder das mahnende Gewissen sein. Leider hatte er Recht. Abwehrend hob Jupp seine Hände.

„Zu viel, wenn man bedenkt, dass ich morgen arbeiten und Ahlborns Visage ertragen muss. Du lädst mich aber pikfein zum Essen ein, wenn du den Job bekommen hast. Ist das ein Deal?“

„Nicht nur zum Essen, wenn du willst?“

Dabei lächelte Klaus so hintergründig, dass Jupp stockte. Versuchte eins und eins zusammen zu zählen und doch kam immer wieder drei raus. Und es fühlte sich noch nicht mal schlecht an. Auch wenn er berücksichtigte, dass er sich vor wenigen Stunden so elend gefühlt hatte.

Aber Ellen war tot und begraben, seit sechs Jahren. Jupp wusste, dass sie ihm ein neues Glück nicht missgönnen würde Ganz im Gegenteil, sie würde sich freuen.

Mit Klaus?

Für Jupp zählte es schon lange nicht mehr, dass er ein Mann war. Ein Kölner musste für alles offen sein. Warum also nicht auch dafür?

„Darüber denk ich nach, wenn ich nüchtern bin. Nur muss ich dich warnen?“

„Wovor?“

„Ich bin auf der Suche nach etwas Dauerhaftem. Bin zu alt, um ständig irgendwelchen Eroberungen hinterherzujagen.“

„Das ist für mich kein Problem. Ganz im Gegenteil. Komm, trink aus, ich bring dich nach Hause. Über das andere reden wir, wenn ich den Job habe.“

Gehorsam trank Jupp sein Bier aus und stand auf. Er schwankte leicht, schaffte es aber ohne Hilfe auf den Beinen zu bleiben.

Draußen fiel ihm noch etwas Wichtiges ein.

„Wir machen es nicht davon abhängig, ob du denn nun ein Sesselfurzer in Köln wirst oder nicht. Ich komm am Wochenende zu dir und dann klären wir das.“

Klaus nickte.

„Hast du meine Adresse?“

„Sicher und wenn nicht, hab ich Beziehungen, um sie rauszubekommen. Bin nicht umsonst Bulle.“

„Dachte ich mir. Samstag zum Brunch?“

„Einverstanden.“

Als Jupp an der Ecke zu sehr ins Schwanken geriet, war Klaus stützender Arm da. Und es fühlte sich richtig gut an.

Musste er wirklich warten, bis er nüchtern war, um eine Entscheidung zu treffen? Aber dann ließ Jupp den Gedanken fallen. Er hatte so viele Jahre gewartet, da kam es auf einige Tage nicht mehr an.

 
Ende