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© by Aisling (Aisling@gmx.net), 2009
Im Gegensatz zu seinem Bruder Scharlih konnte Winnetou nicht den ganzen Tag still an einem Schreibtisch sitzen und Wörter zu Papier bringen. Er brauchte Bewegung, um nicht rastlos zu werden. In seinen ersten Wochen in Deutschland hatte er versucht, immer mit Scharlih zusammen zu sein, doch sein Bruder hatte noch ein Buch zu schreiben, für das er einen Abgabetermin hatte und zog sich oft in seine Kammer zurück, um zu schreiben. Er wurde sehr ungeduldig, wenn Winnetou ihm über die Schulter sah und versuchte zu lesen, was er gerade zu Papier brachte. Genauso wenig konnte man mit ihm reden; immer wenn er sich mit dem Buch befasste, er schien in einer anderen Welt zu weilen. So hatte Winnetou es sich angewöhnt, in der Mittagszeit ihre Wohnung zu verlassen, durch den kleinen Ort zu spazieren und sich in dem Stall am Ortsausgang ein Pferd zu mieten und mit ihm im nahen Wald auszureiten. Die Tiere waren kein Vergleich zu seinem herrlichen Iltschi, aber er brauchte viel Energie, um sie zu einem ordentlichen Tempo anzutreiben, so dass er genug körperliche Betätigung hatte.
Mit genau dieser Absicht verließ er an einem sonnigen Tag Scharlihs Wohnung. Er freute sich auf den Ausritt und ging zügigen Schrittes voran. Es war Markttag und um die Stände drängten sich die Menschen. Winnetou blieb stehen und betrachtete das Treiben. Dabei fiel ihm auf, dass in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ein Mann einen anderen leicht anrempelte, und dabei seine Geldbörse stahl und wegging. Normalerweise wäre Winnetou dem Opfer zu Hilfe geeilt, aber in Deutschland war alles anders. Er hatte schon festgestellt, dass das Recht auf Fremde anders angewendet wurde, als auf Einheimische und wollte nicht mit dem Wachmeister zusammen treffen. Deswegen wartete er ab, wie die anderen reagierten. Er sah sich um, niemand hatte mitbekommen, dass es einen Raub gegeben hatte. Alle waren mit ihren Einkäufen beschäftigt.
Diebstahl! Man hat meine Geldbörse gestohlen! Das Opfer war laut genug, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen. Auch Winnetou blickte ihn an, nur um mit einen anklagend auf sich gerichteten Finger konfrontiert zu werden. Es war dieser unzivilisierte Wilde! Packt ihn! Gelassen sah Winnetou ihn an. Er hatte sich an vieles gewöhnt seit er in Deutschland war und die rassistische Anfeindung berührte ihn nicht mehr. Er verstand immer besser, warum sein Bruder regelmäßig aus diesem Leben ausbrach und in ferne Länder reiste. Deutschland war eng. Beherrscht durch die Kleingeistigkeit seiner Bewohner. Wozu sollte Winnetou Ihr Portemonnaie stehlen? Glauben Sie wirklich, dass Winnetou das nötig hat? Dank Klekih-petras Lehren sprach er fast akzentfrei deutsch. Zudem war seine Kleidung nach der neuesten Berliner Mode geschnitten und damit war er besser angezogen, als der Mann, der ihn anklagte. Die Sachen waren unbequem, aber unter dem hohen Zylinder konnte er seine Haare verbergen. Der Angesprochene wurde rot. Er hatte wohl damit gerechnet, dass Winnetou die Flucht ergreifen würde. Nicht, dass der Apache zum Angriff übergehen würde. Er hatte es auch noch nie mit einem Krieger zu tun gehabt. Das weiß ich nicht. Es ist mir auch egal. Mein Geld ist weg!, antwortete er patzig. Winnetou bemerkte, dass sich Zuschauer in einem weiten Kreis um sie scharten. Es waren zu viele Menschen, um alle besiegen zu können. Er verlagerte sein Gewicht und spannte die Muskeln an, um in Fall der Fälle verteidigungsbereit zu sein. Er wollte nicht kämpfen, nicht in Scharlihs Heimat. Dann sah er, dass der eigentliche Dieb zurückgekommen war und neugierig das Geschehen beobachtete. Winnetou ist kein Dieb. Er hat es nicht nötig zu stehlen. So wie er aussieht, hat er wahrlich genug Geld! Es war der Dieb, der versuchte, Winnetou zu helfen. Es ertönten auch die Stimmen einiger Händler, die ihm ein Leumundszeugnis ausstellten. Über den Köpfen der Leute, sah er einen spitzen Helm, der sich ihnen näherte. Der Wachmeister war auf den Vorfall aufmerksam geworden. Winnetou war schon einmal mit dem Beamten zusammengestoßen und war nur knapp einer Verhaftung aus fadenscheinigen Gründen entgangen. Scharlih hatte nur wenig helfen können, er hatte auch schon den einen oder anderen Zwischenfall mit dem übereifrigen Ordnungshüter gehabt. Faule Ausrede! Wenn der Wachmeister kommt, wird er Sie durchsuchen und dann wird er die Geldbörse bei Ihnen finden. Winnetou wollte nicht die fettigen Finger an seinem Körper fühlen. Es würde ihn beschmutzt zurück lassen. Wenn Sie ihr Geld zurück haben möchten, sollten Sie jemand anders fragen. Winnetou stiehlt nicht. Er zückte seine Taschenuhr ein kostbares Stück, das er zusammen mit seinem Anzug gekauft hatte, wie es der Mode entsprach. Auch ohne einen Blick auf das Zifferblatt zu werfen, wusste er, wie spät es war. Wenn Sie mir nicht glauben, so folgen Sie mir zur Bank. Es ist kurz vor der Mittagspause und man wird Zeit für uns haben. Dort wird man Ihnen gerne bestätigen, dass Winnetou nicht auf den Diebstahl von Geldbörsen angewiesen ist. Mehrere Mensche stimmten Winnetou zu und der Mann sah wohl ein, dass er sich den falschen Täter ausgesucht hatte. Der Dieb war auch zu der Überzeugung gekommen, dass Winnetou nicht für seine Tat zur Rechenschaft gezogen würde. Er wich zurück und lief weg. Winnetou wartete, bis er fast außer Reichweite war, dann deutete er auf ihn. Da läuft Ihr Geld. Der Bestohlene drehte sich um und sah dem weg laufenden Mann ungläubig hinterher. Er warf Winnetou noch einen Blick zu, dann kämpfte er sich durch die Menge und rannte dem Dieb schreiend und zeternd hinterher. Er war laut genug, dass der Wachmeister sich nicht um Winnetou kümmerte, sondern ihm folgte. Der Apache blieb stehen und wartete, bis die Männer um die nächste Ecke verschwunden waren, dann nickte er den umstehenden Leuten dankend zu und ging weiter. Er hatte nicht damit gerechnet, dass so viele Einheimisch für ihn eintreten würden. Seine eigenen Vorurteile waren ihm da im Weg gewesen. Es beschämte ihn, dass er solche Gedanken hatte.
Nur noch drei Tage, bis Scharlih mit seinem Buch fertig war. Danach würden sie verreisen und den Orient besuchen. So sehr Winnetou bisher den Termin herbeigesehnt hatte, so bedauerte er es jetzt, keine Zeit mehr zu haben, die Menschen kennen zu lernen, die für ihn gebürgt hatten.
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