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© by Aisling (Aisling@gmx.net), 2011
Missmutig starrte Killick auf die Küste. Seit einer Woche lagen sie nun schon vor Anker, hatten Proviant übernommen und warteten nur noch auf frisches Wasser und auf die nächsten Einsatzbefehle. Da der Gouverneur des winzig kleinen Hafens keine Ahnung von der politischen Situation hatte, war Captain Aubrey nichts anderes übrig geblieben, als auf die nächste Depesche zu warten. Das Postschiff sollte jeden Tag eintreffen. Tat es aber nicht.
Killick blickte in den wolkenlosen Himmel. Es war Weihnachten und statt die Festtage im verregneten England zu verbringen, lag die HMS Surprise vor einer gottverlassenen Insel. Die Kneipen hier hatten kaum noch Rum und willige Frauen gab es auch nicht. Weihnachten? Killick grunzte. Bei sommerlichen Temperaturen kam keine Weihnachtsstimmung auf. Und für einen heißen Apfelpunsch konnte er niemanden begeistern.
Stattdessen musste er für den Captain eine Limonade zubereiten. Wäre es nur für Lucky Jack, wäre es schnellgetane Arbeit, drei Orangen gepresst, Wasser dazu und gut. Orangen und Zitronen hatten sie ja erst frisch an Bord bekommen, daran mangelte es nicht, aber frisches Wasser sollte erst am nächsten Tag von einer Quelle geholt werden. Das Süßwasserfass war nämlich so gut wie leer. Und nach zwei Monaten auf See verlangte der Schiffsarzt, dass aller Restbestand sorgsam abgekocht und durchgeseiht werden musste.
Bei den tropischen Temperaturen war es wahrlich keine Freude, die Kombüse zu betreten. Doch was musste er nicht alles tun, um Captain Aubreys Wünsche zu erfüllen?
Als Killick einige Zeit später mit der fertigen Limonade zur Kajüte des Captains ging, verzog er das Gesicht, als er die Geräusche hörte, die von dort kamen. Das Gejammere von Katzen war dagegen eine Wohltat. Nun spielten sie schon so lange Cello und Geige und konnten immer noch keine vernünftige Melodie hervorbringen.
Seufzend füllte Killick die Limonade in Becher, stellte sie auf ein Tablett und atmete tief durch, bevor er die Kajüte betrat. Jetzt würde der Lärm unerträglich werden.
Lucky Jack und Doktor Maturin hatten ihre Uniformröcke ausgezogen und blickten angestrengt auf die Noten. Als der Captain den Kopf schüttelte und Stephen, die Stelle müssen wir noch mal üben, sagte, wusste Killick, dass es heute wirklich schlimmer als sonst war. Besser er suchte sich gleich einen Kerzenstumpen und stopfte sich Wachs in die Ohren. Da sie noch nicht einmal bemerkt hatten, dass er eingetreten war, setzte er wie zufällig das Tablett mit einem lauten Klirren ab, so dass die beiden Herren erschrocken hochfuhren und ihn anstarrten. Da is se. Ihre Limonade. Killick deutete auf die Becher.
Vielen Dank, Killick. Eine Erfrischung können wir jetzt gut gebrauchen. Der Arzt setzte das Cello ab und holte sich einen Becher. Ist es nicht schön, bei so einem herrlichen Wetter vor Anker zu liegen und auf eine Botschaft der Admiralität zu warten? Ich brauche für morgen noch einige Männer, die mich beim Landgang begleiten.
Killick wusste, was der Doktor von ihm wollte. War doch immer das gleiche! Er hatte aber nicht die geringste Lust, mit irgendwelchen Utensilien bepackt durch einen Dschungel zu stapfen. Muss morgen schon hier sein, wenn die Wasserfässer kommen. Und eine weihnachtliche Stimmung wäre mir schon lieber, brummte Killick.
Was fehlt Ihnen? Londons Regen? Auch der Captain trank einen Schluck.
Bitte keinen Regen, ich bin froh, dass ich bei dem Wetter praktisch arbeitslos bin. Es ist keine Freude, wenn die ganze Besatzung hustet.
Manchmal hatte auch ein Arzt Recht, deswegen nickte Killick zustimmend. Das brauch' ich nicht, aber'n paar Weihnachtslieder statt eurem Geschrabbel, wär'n Anfang. Da er schon immer über die Musik gemeckert hatte, wusste er, dass der Captain ihm diesen Kommentar nicht übel nehmen würde.
Statt aber zu lachen und ihn rauszuschicken, kratzte Aubrey sich am Kopf und sah den Arzt an. Was meinst du, sollen wir ihm den Wunsch erfüllen und etwas Weihnachtliches spielen?
Wie du wünschst. Hast du ein bestimmtes Lied im Kopf?
Ich hätte da eine Idee.
Der Captain setzte die Geige an, gab mit dem Fuß den Takt vor und als die ersten Töne erklangen, erkannte Killick das Lied.
Auch der Arzt kannte es und zupfte die Melodie auf dem Cello, dann sang der Captain
On Christmas Day, on Christmas Day; I saw three ships come sailing in On Christmas Day in the morning
I saw three ships come sailing in On Christmas Day, on Christmas Day; I saw three ships come sailing in On Christmas Day in the morning
Bei der nächsten Strophe fiel auch Killick mit ein:
The Virgin Mary and Christ were there, On Christmas Day, on Christmas Day; The Virgin Mary and Christ were there, On Christmas Day in the morning.
Zusammen sangen sie den Rest des Liedes und als der letzte Ton verklang, empfahl sich Killick mit einem für seine Verhältnisse formvollendeten Salut und verließ die Kajüte. Jack Aubreys sprachloses Erstaunen wertete er als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk an sich selbst. Da niemand in der Nähe war, gestattete er sich ein seliges Lächeln. Dafür, so beschloss er außerdem, hatten sich Kapitän und Doktor einen Extrakrug Limonade verdient.
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