Eine sehr dankbare Leistung war der Güterzug Dg51677 von Leipzig Engelsdorf
nach Dresden Friedrichstadt. Seine Ankunft im Dresdener Raum war so gegen
11:00Uhr, aber es kam öfters vor, daß man 13:00Uhr immer noch dastand und sich
nichts tat. Nichts für ungut, als E-Fred war man ja so etwas gewöhnt und ein
Güterzug ist halt kein Reisezug.

Bild 5: 254 153 in Dresden Stetzsch
Ein sehr beliebter Standpunkt war nahe Cossebaude. Vom Talhang zwischen
blühenden Obstbäumen hindurch hatte man die Strecke von Coswig her fest im
Blick. Ließ man die Augen weiter über die Gärtnereien schweifen, konnte man
hinter der Elbe die Weinberge bei Radebeul sehen und bei günstigem Wind hörte
man die Loks des Lößnitzdackels pfeifen.
So auch wieder am 2.April 1990. Beizeiten wurde am Talhang Stellung bezogen.
Mal sehen wie lange es heute wieder dauert.
Zuerst näherte sich, wie so oft, ein Container. 250 114 zog in gemächlicher
Fahrt an mir Richtung Friedrichstadt vorüber. Dann wieder lange nichts. Dann
zeigte sich in der Ferne ein für mich nicht sofort identifizierbares Ding. Ich
hielt sicherheitshalber die Kamera im Anschlag, man weiß ja nie, was es wird.
Das sieht ja wie eine CSD-Maschine aus! T419 1505 stand dran. Was sucht die denn
hier?
Wieder warten ….
250 216 mit einem weiteren Güterzug und danach 211 083 mit dem Berliner
Personenzug gaben sich die Ehre, dann wieder lange nichts.
Was ist mit meinem Eisenschwein? Langsam machten sich Wolken am Himmel und
bei mir Nervosität breit. Kurz nach 12:00Uhr passierte es endlich. 254 153
brummte in ihrer ganzen Herrlichkeit mit einer endlosen Leine am Haken heran.
Zweimal „Klack – Schnurz“ mit der Praktika und zufrieden den Zug mit den Augen
verfolgt. Als der Zug am Horizont verschwunden und das Poltern der Güterwagen
verklungen war schulterte ich meine Fototasche und trollte mich heimwärts. Das
war´s wieder mal, vor meinem geistigen Auge zog 254 153 noch mehrmals an mir
vorüber und ich hoffte, daß Gnoien (bekanntes Groß-Fotolabor im Norden der DDR)
beim Entwickeln des Dia-Films nicht wieder Mist macht!

Bild 6: 254 153 bei Cossebaude
Leipzig Hauptbahnhof am 2.11.1989. Ich marschiere zielgerichtet den
Querbahnsteig entlang und hoffe fündig zu werden. Da, 254 153 vor einem
Reisezug!
Kamera aus der Tasche, Tasche ausgerichtet, Kamera drauf und hoffen, daß ich
beim Auslösen nicht verwackle und keiner ins Bild läuft.
Eisenschweine im Reisezugdienst? Ja, auch das gab es. In diesem Falle
allerdings wurde 254 153 „nur“ zur planmäßigen Zuführung des Wagenparks für
einen Personenzug eingesetzt.

Bild 7: 254 153 Leipzig Hbf.
In den letzten Einsatzjahren waren alle noch betriebsfähigen Loks der BR 254
im Bw Engelsdorf beheimatet und befuhren von dort aus den ganzen Süden der DDR.
So konnte man sie u.a. in Riesa, Dresden, Reichenbach, Zwickau, Erfurt aber auch
in nördlicheren Gefilden wie Falkenberg und Seddin antreffen.
Ein Studienkollege arbeitete eine Zeit lang als Praktikant im Bw Engelsdorf.
Er erzählte, daß die Wartung der Maschinen eine echte Knochenarbeit war. Sehr
„beliebt“ beim Werkstattpersonal war das Bremsen nachstellen. Danach sah man aus
wie ein Schwein und wusste abends was man gemacht hat! Die letzten Jahre waren
geprägt von immer größer werdenden Ersatzteilproblemen, was dann und wann auch
die endgültige Abstellung einer Maschine bewirkte. Dem wirkten die Reichsbahner
im Bw Engelsdorf und im Raw Dessau mit viel Erfindungsgeist und
Improvisationstalent entgegen, denn die Volkswirtschaft brauchte jede Lok, koste
es was es wolle!
Zwischen 1979 und 1982 erwarb das Braunkohlenkombinat Bitterfeld von der DR
vier Maschinen der BR 254. Diese Maschinen standen nicht sehr im Interesse der
bahninteressierten Öffentlichkeit. Für mich ergab sich im Jahre 1989 die
Möglichkeit nahe Delitzsch eine dieser Maschinen in ihrem neuen Einsatzgebiet zu
erleben.
1-1122 stand in großen Lettern an der Seitenwand. Dahinter verbarg sich 254
058.

Bild 8: 1-1122 (ex. 254 058) in Delitzsch
Die Maschine wurde genutzt, um Kohleganzzüge im Anschluß an das
Braunkohlennetz zu befördern und die mit Kohlezügen in den mit 16 2/3 Hz.
Bahnstrom elektrifizierten Übergabebahnhof eingefahrenen abgebügelten Grubenloks
El2 zu verschieben.
Äußerlich war unsere 058 in einem der Umgebung angepassten Zustand,
gezeichnet von Kohlenstaub und Dreck. Diese Lok ist auch heute noch
erhalten bei der Ferropolis Bergbau- und Erlebnisbahn e.V.

Bild 9: 254 153 auf der Fahrt von Dresden
Friedrichstadt nach Leipzig Engelsdorf nahe Röderau
Im Mai 1989 erfuhr ich von einer Sonderfahrt der 218 031, die von Riesa
kommend nach Leipzig fuhr. Die Zeitangabe war wie immer etwas vage, früher
Nachmittag hieß es. Ich zog also beizeiten los und suchte mir eine geeignete
Stelle bei Dahlen. Erstaunlicherweise musste ich gar nicht lange warten und 218
031 rauschte mit ihrem Sonderzug durch. Na das war zwar ganz nett aber irgendwie
alles viel zu schnell vorbei! Vielleicht kommt noch eine 254´er. Ich fuhr nach
Dornreichenbach, peilte die Lage und erfuhr, daß gleich eine aus Richtung Wurzen
kommen sollte.
254 115 brummte mit ihrem Güterzug in den Bahnhof herein und baute sich
„fotogerecht“ auf. Im Anschluß daran wurde wild „gehobelt“, da der Zug in ein
Anschlussgleis bugsiert werden musste. Das war natürlich ein Fest für mich und
bescherte etliche schöne Aufnahmen. An diesen Nachmittag denke ich noch gerne
zurück, hatte ich da ja auch genug Zeit am Objekt meiner Begierde zu sein.

Bild 10: 254 115 in Dornreichenbach
Im Dezember 1990 war es dann soweit. Nachdem in den vorangegangenen Monaten die
Leistungen der letzten 254´er immer weiter zusammengestrichen wurden, sicher
auch wegen zurückgehenden Transportbedarfes, hieß es vom Plandienst Abschied
nehmen.
Dazu wurde am 15.Dezember eine großangelegte Sonderfahrt mit zwei Maschinen
organisiert, die das sächsische „E“-Dreieck nochmals befuhren.
Mit einigen anderen Kollegen wurde diese Fuhre in Edle Krone erwartet. 254
106 brummte gemeinsam mit 254 056, der heimlichen Museumslok, aus dem Tunnel
heraus um mit dem Sonderzug am Bahnsteig zum Stehen zu kommen. Das Wetter war
dem Anlaß angemessen, bewölkter Himmel und Schneeregen. Während wir uns alle
fotografisch betätigten war mir noch nicht klar, daß es tatsächlich meine letzte
Begegnung mit dieser Baureihe unter DR-Regie sein sollte. Mit einem langen Pfiff
verabschiedeten sich beide Maschinen bei der Abfahrt und rollten Dresden
entgegen.

Bild 11: DR Abschied mit 254 106 & 056 in Edle Kron
Anfang 1991 verschlug es mich aus beruflichen Gründen nach Bayern. In
diversen Eisenbahnzeitschriften habe ich schon mit Faszination verfolgt, daß die
E94 unter ÖBB-Flagge noch täglich in größerer Stückzahl im Einsatz steht. Nach
dem zweiten Weltkrieg verblieben 44 ehemalige DRB Maschinen in Österreich. Drei
weitere wurden nachgebaut. In den siebziger Jahren wurden die Maschinen
modernisiert, was man z.Bsp. deutlich an der Stirnfensteranordnung erkennen
kann.

Bild 12: 1020 012 in der Zf. Wörgl
Die Zf. Wörgl setzte die 1020 genannten Maschinen u.a. regelmäßig auf der
Brennerstrecke und Richtung Saalfelden ein.
Mein erster Besuch dort ließ mich begeistert durchatmen. Gut geputzt in
leuchtendem „Blutorange“ standen etliche Maschinen aufgerüstet in der Zf. Für
einen „Reichbahnenthusiasten“ war die Farbgebung schon etwas
gewöhnungsbedürftig, aber es war unser Eisenschwein.
Ein Tag schon an der Brennerstrecke brachte gute „Beute“. Größtenteils wurde
RoLa oder Containerzüge gefahren. Alles war gut ausgelastet und häufig wurde
nachgeschoben. Für Irritationen sorgte ab und an die Tatsache, daß auf der
Brennerstrecke links gefahren wird, was einen aus Gewohnheit schon mal einige
Fehleinschätzungen zum Bildaufbau machen lies.

Bild 13: 1020 015 im Tiroler Winter nahe St. Johann
Die Atmosphäre an den genannten ÖBB-Strecken ist einfach Klasse, grandiose
Landschaft, lange Züge, große Zugdichte. Langeweile ist da nie aufgekommen. Die
Einsätze bei der ÖBB waren bis 1993 konstant. Ab da wurde schrittweise der
Einsatz reduziert, im Raum Villach fanden 1995 die letzten Planeinsätze statt.
Zwei bekannte DR Maschinen (254 110 und 040) traf ich Ende der neunziger
Jahre im ehemaligen Munitionsdepot „Altes Lager“ bei Jüterbog wieder. Beide
sahen noch recht gut beieinander aus, besser als die meisten der sie umgebenden
Dampfrösser, obwohl die Spuren der letzten Jahre nicht mehr zu leugnen waren.
Ich wünsche den beiden, daß sie doch noch eine optische Frischzellenkur
bekommen, verdient hätten sie es.

Bild 14: 254 040 in Jüterbog „Altes Lager“
Aber das war noch nicht das endgültige „Aus“. Wie robust und zuverlässig
unser Eisenschwein ist sieht man an den heutigen Einsätzen einiger dieser
Maschinen im Dienste von privaten Bahnunternehmen und diverser Eisenbahnmuseen.
So befinden sich im Bestand der PEG Cargo die 194 051 und die 254 052 sowie
bei der Mittelweserbahn (MWB) die 1020 041. Diese Maschine war davor schon im
Dienste der ESG, wo sie mir eher zufällig im Jahr 2002 in München Ostbahnhof
ganz rüstig vor die Linse fuhr. Leider stellte die ESG Ende 2003 ihren Betrieb
ein.

Bild 15: 1020 041 ESG in München Ostbahnhof
Ich wünsche den noch vorhandenen E94 einen repräsentativen Standplatz,
liebevolle, pflegende Hände und den echten Unruheständlern unter ihnen noch
viele unfallfreie Einsätze zur Freude der einsetzenden EVU´s bzw.
Eisenbahnmuseen. Mich freut es immer, wenn eine E94 in ihrer unverkennbaren Art
unterwegs ist und an mir vorüber brummt. Laßt beim Anfahren bitte noch oft die
Erde beben!

Bild 16: 254 153 im nächtlichen Hauptbahnhof von
Leipzig
München im Juli 2004, (C) by Ralf Auraß