versuch einer analyse der kunst otto lackenmacher's:
brechts forderung: " realistische künstler stellen die widersprüche in den menschen und ihren verhältnissen zueinander dar und zeigen bedingungen, unter denen sie sich entwickeln "1)
1) b. brecht: ges. werke, edition suhrkamp,frankfurt 1967, bd.19 s. 295
vita:
1927..... Geboren in Saarbrücken
1941-1943 Kunstschule Trier
1944-1947 Krieg und Gefangenschaft
......... Erste Ausstellungen
1947-1953 Studium in Saarbrücken (u.a. bei Frans Masereel)
......... Zwei Parisstipendien
1966..... Anfänge eines umfangreichen Radierwerkes
1972..... Große Radierzyklen
1979..... Berlin Stipendium
1979-1980 Wiederaufnahme der Malerei
......... Gestorben, lebte in Saarbrücken und Berlin
Ausstellungen in Saarbrücken, München, Münster, Krefeld, Stuttgart, Homburg, Kaiserslautern, Schaffhausen, Heidelberg, Bonn, Hamburg, Paris, Ljubljana, Zürich, Berlin, Schweden u.a.
Volker Lehnert :
(Zitat:)"Das Werk des Saarbrücker Malers, Zeichners und Graphikers Otto Lackenmacher, lange Zeit eher einem kleinen Kreis von passionierten Sammlern und Freunden bekannt, vermag heute, vor dem Hintergrund der vielfältigen realistischen Tendenzen der jüngeren Gegenwartskunst, neue Aktualität zu gewinnen.
Der Realismus der 70 er Jahre innerhalb der jungen Generation ist jedenfals kaum vorstellbar ohne das Wiederentdecken und die Neubewertung der 20 er Jahre, deren realistische und gesellschaftskritische Tradition nach dem Krieg nur wenige Einzelgänger entschieden weiterentwickelten. Zu ihnen zählt Otto lackenmacher. Bereits als 14-jähriger an die Trierer Kunstschule gekommen, studierte er nach dem Krieg und Gefangenschaft weiter in Saarbrücken und Paris. Dabei hatte der Krieg und das für alle Zeit prägende Erlebnis der Barbarei bei dem noch nicht 20jährigen die Weichen gestellt: in der Nachkriegszeit ließen ihn konstruktivistische Bauhaustradition und die Abstraktion der Ecole de Paris vollkommen kalt. Gegen den entschiedenen Widerstand seiner Lehrer (mit Ausnahme Frans Masereels) zeichnete er Kriegsgefangene, Heimkehrer, Geschlagene, Hungernde und Zerbrochene. Aber er war ein Einzelgänger. Heute läßt sich die absolute Vorherrschaft der Abstraktion bis weit in die 60er Jahre hinein nicht bloß als Nachholbedarf an moderner Kunst, sondern bisweilen auch als Verdrängung und Beiseiteschieben von dem lesen, was Lackenmachers Thema war und ist. Lackenmacher ist Realist, weil er auf Wirklichkeit reagieren und Verbindlichkeit üben will. Für ihn, den passionierten Menschenmaler ist Wirklichkeit, zu dem gesellschaftliche, nur durch Menschen erfahrbar und folglich vorstellbar. Etwas anderes als den Menschen hat ihn nie interessiert. Einzig die Stadtlandschaft als Lebensraum und Agitationsraum seiner Figuren steht als zweites Grundthema daneben. Als seine engagierte, leidenschaftlich subjektive, im weiten Sinn autobiographische Kunst auf prinzipielle Ablehnung, schlichtes Unverständnis oder moralische Entrüstung stieß, mußte er seinen Lebensunterhalt als Bauhilfsarbeiter oder mit gefälligen Porträts (nicht selten von Hunden und Pferden) verdienen.
Dabei ist sein Engagement nie auf weltanschaulichen Nenner zu bringen, dafür ist seine Kunst zu persönlich. sein engagement ist nicht dasjenige eines Künstlers und Intellektuellen, der aus Distanz heraus Partei ergreift. Das unterscheidet ihn wohl von so vielen kritischen Realisten der jüngeren Generation. Sein Engagement ist das eines Betroffenen, der Zeugnis ablegen muß - Zeugnis von einer Welt, die er kennt und in der er lebt. Eine Welt, jenseits der Fassade unserer Supermarkt-Gesellschaft, seine Welt der Außenseiter, der haltlosen und Getriebenen. Leidenschaftliche Gebärden der Verzweifelung, Sexualität zu Obsession und Zwang geworden, die Frau Haltpunkt und unglückbringende Verfühererin in einer Person. Parias, die Ausgestoßenen, heißt einer der großen Radierzyklen, die Lackenmacher in den frühen 70erJahren schuf; ein anderer in wenigen Monaten auf 36 Kupferplatten geätzt "Hommage a Goya". Das ist Wahlverwandschaft über zwei Jahrhunderte hinweg, der Versuch, die verborgenen Abgründe aufzuzeigen, die sich auftun in den Wohnsilos, den Villenvierteln und den Hinterhöfen des Otto Lackenmacher."
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