Zwiegespräche
Mit freundlicher Genehmigung von Herrn
Prof. Dr. med. Michael Lukas Moeller stelle ich hier seinen Kurz-Überblick
Zwei im Gespräch
vor, den er bei Vorträgen und Seminaren
an Interessierte verteilt. Wie
kommt es dazu?
In der Vergangenheit haben wir, meine Partnerin und ich, uns in vielfältigster
Art bemüht, gut miteinander zu reden und uns gegenseitig verständlich zu
machen. Wir mögen uns sehr, wollen beide wachsen und uns weiter
entwickeln, aber ansonsten sind wir in Sichtweisen, Wünschen und Bedürfnissen
extrem unterschiedlich.
Natürlich versuchte jeder von uns beim Miteinander-reden bei sich zu
bleiben ('ich stelle mir vor, brauche, wünsche mir' und nicht 'du musst,
sollst' usw.) und natürlich bemühten wir uns, auch die Verbindung
zwischen uns beiden zu fördern. Die Ergebnisse waren manchmal wunderbar
und häufig katastrophal.
Es lag nicht daran, dass wir so verschieden waren. Genau das hatte uns ja
wohl gegenseitig angezogen. Sondern es lag daran, dass wir gegenseitig das
jeweilige Anders-sein nicht so erklären und verständlich machen
konnten, dass kein Gegeneinander, sondern ein verständnisvolles,
freundliches und fröhliches Miteinander gefördert worden wäre.
Deshalb schauten wir uns nach Hilfe um. Besser miteinander reden 'lernen' -
das war das erklärte Ziel. Die in Frage kommenden Angebote waren
erschreckend gering. Da entdeckten wir die Vorträge und Seminare von
Prof. Moeller - und haben so wieder eine Menge dazu gelernt. Zu den
'Zwiegesprächen' hat Prof. Moeller vier Bücher geschrieben.
Und
hier nun der Kurz-Überblick von Prof. Moeller:
ZWEI IM GESPRÄCH
Die
Ziele
an
Einfühlung gewinnen
die Erotik beleben
die Beziehung entwickeln
sich selbst besser wahrnehmen
Chancen erkennen und realisieren
Konflikte klären und vor allem verhüten
die Rollen verändern
Die
kleinste Selbsthilfegruppe besteht aus zwei Personen, die miteinander ein
wesentliches Zwiegespräch führen. Diese zwei sind
-
vor allem die beiden Partner eines Paares, womit sie aktiv
beitragen zum Lebendigbleiben ihrer Beziehung - das heißt, auch zu den
bestmöglichen seelischen Entwicklungsbedingungen für die eigenen Kinder
- wie auch lebensverändernde Ereignisse besser verarbeiten zu können
(Verliebtheit, Krisen, Familiengründung, Trauer, Berufsveränderung,
Trennung, Krankheit u.a.),
-
Freunde oder Freundinnen,
-
Vater oder Mutter mit Sohn oder Tochter (soweit die Kinder fähig
sind, sich im Gespräch zu äußern, also etwa ab dem zehnten
Lebensjahr),
-
oder umgekehrt Erwachsene mit Vater oder Mutter,
-
Geschwister die beispielsweise ihre seelische Entwicklung besser
verstehen wollen,
-
Arbeitskollegen, die täglich konkret miteinander zu tun haben und
ihre Arbeitsbeziehung wechselseitig einfühlbar machen wollen,
-
jemand, der in einer psychotherapeutischen oder psychosomatischen
Behandlung die übliche starke Selbstentwicklung erlebt, und sein Partner
damit die "Gleichgewichtsstörungen der Beziehung"
die oft zur Trennung führen, gemildert werden,
-
bei starken lebensverändernden Ereignissen, Menschen, die einander
viel bedeuten, lange Zeit zusammenleben oder intensiver zusammenarbeiten,
-
Mitglieder einer Selbsthilfegruppe zwischen den Sitzungen –
etwa, wenn sie ein Problem so besser zu lösen meinen oder eine Krise es
erfordert.
Zwiegespräche entwickeln
und vertiefen die Beziehung
Zwiegespräche
vertiefen eine Zweierbeziehung durch eine Fülle von Momenten, die den
meisten nicht bewusst werden, vor allem durch die Steigerung der
wechselseitigen Einfühlung Sie folgt aus dieser Form des Gesprächs von
selbst, indem jeder dem anderen berichtet wie er sich selbst, den anderen,
die gemeinsame Beziehung und die jeweilige Situation gerade erlebt. Einer
macht sich im wesentlichen Gespräch dem anderen einfühlbar, er wartet
nicht passiv auf die Einfühlung des Partners. Dieser "Austausch
von Selbstporträts" überwindet auf einfache und oft verblüffende
Weise die schleichende "Beziehungslosigkeit in der
Beziehung" die nach und nach zu einem inhaltsleeren
Nebeneinander statt einem lebendigen Miteinander führt. Die Fähigkeit,
zu reden und zuzuhören, entwickelt sich von selbst weiter: leaming
by doing.
Die
Grundordnung enthält die Bedingungen, auf die es ankommt. Ohne diesen
Rahmen gelingen Zwiegespräche nicht. Er scheint so leicht, dass er oft
nicht beachtet wird. Doch jedes seiner Elemente ist entscheidend für die
Wirkung der wesentlichen Gespräche. Zwiegespräche brauchen wenigstens
einmal in der Woche anderthalb Stunden ungestörte Zeit. Die Regelmäßigkeit
ist das Geheimnis ihres Erfolges So geht der unbewusste rote Faden nicht
verloren Jeder antwortet auf die innere Frage: "Was bewegt mich im
Moment am stärksten?" Er schildert, wie er gerade sich, den anderen,
die Beziehung und sein Leben erlebt. Er bleibt also bei sich. Das Gespräch
hat kein anderes Thema. Es ist offen. Die freie Assoziation ist auch
gewahrt, wenn man sich zu einem themenzentrierten Dialog entschließt, wie
es hier fokussiert auf die besten eigenen Liebesbedingungen empfohlen wird.
Äußern und Zuhören sollten möglichst gleich verteilt werden. Gelingt
das nicht hat sich der Viertelstunden-Wechsel bewährt. Schweigen und
Schweigenlassen wenn es sich ergibt. So sind ausgeschlossen: bohrende
Fragen, Drängen und sanfte wie heftige Versuche den anderen einfach zu übergehen.
Zwiegespräche sind kein Offenbarungszwang. Jeder entscheidet für sich,
was er sagen mag, auch wenn größtmögliche Offenheit in der Regel am
weitesten führt. Sich wechselseitig einfühlbar zu machen ist das erste
Ziel der wesentlichen Gespräche. Nur so können wir einander wirklich
miterleben. Wenn uns das gelingt, beginnen wir zu begreifen, was eine
Beziehung sein kann. Weitere Ziele ergeben sich von selbst. Sie wechseln
mit der Entwicklung. So erleben viele Paare eine Revolution zu zweit.
Es gibt darüber hinaus kaum Regeln. Wenn beide für dieses Setting
sorgen, sorgt es seinerseits für alles. Vor allem garantiert es die
unbewusste Selbstregulation der Entwicklung zu zweit.
Einige
Erfahrungen können für den Anfang hilfreich sein:
-
Ich kann nie den anderen ändern, obwohl ich gerade das am liebsten
täte. Mit Glück gelingt es mir mich selbst zu ändern. Dann ändert sich
die Beziehung als Ganzes - also auch mein Partner.
-
Ich versuche ständig, den seelischen Schwerpunkt im Gespräch von
mir auf den anderen zu verschieben. Dann befinde ich mich mit meinem
Erleben beim anderen - und habe mich selbst vermieden.
-
Wenn ich dahingerate, im Zwiegespräch meinem Partner Vorwürfe zu
machen - was häufig der Fall ist -, dann sollte ich genau diese Vorwürfe
auf mich "übersetzen". Denn fast ausnahmslos mache ich Vorwürfe
um einen unbewussten Druck von Selbstvorwürfen loszuwerden.
-
Ein starker unbewusster Widerstand - ähnlich dem gegen
Psychotherapie - versucht, die Zwiegespräche zu verhindern. Oft sorgt er
für den Ausfall eines Gesprächs, um dann alles im Sande verlaufen zu
lassen. Deshalb kann man sagen: Regelmäßigkeit, Kontinuität ist alles -
der Rest kommt von selbst.
Viele
verzweifeln an ihrer eigenen Entwicklungsfähigkeit. "Es fehle ihnen
an so gut wie allem", sagen sie. Weder könnten sie sprechen oder
sich selbst wahrnehmen, noch sich entschließen, geschweige denn gut zuhören.
Ihnen hilft der Trost des Liegestützes, weil er so einfach und überzeugend
ist. Will ein körperlich Ungeübter mit großer Entschlossenheit dreißig
Liegestütze demonstrieren, kommt er vielleicht gerade auf zweieinhalb -
so verbissen er seinen Willen auch einsetzt. Jedem und jeder aber werden
die dreißig Liegestütze in einem Vierteljahr gelingen, wenn sie nur
redlich jeden zweiten Tag so weit trainieren, wie sie gerade kommen. Den
Effekt kennt jeder: nach und nach wächst der Muskel. Und genau so auch
die seelischen Fähigkeiten. Bleibt das Paar im Gespräch, lernt es
sprechen und zuhören. Bleibt es jedoch im üblichen sprachlosen
Nebeneinander des Doppelsingle-Daseins, so verlernt es diese Fähigkeiten
- wie ein unbewegter Muskel verkümmert. Man muss also nur eines: am Ball
bleiben. Lernendes Handeln, übendes Erleben nicht einschlafen lassen. Übung
macht auch hier den Meister.
Jemand
erfährt von den Zwiegesprächen zuerst. Nun will sie oder er dem Partner
oder der Partnerin die Idee vermitteln. Das könnte auf vermehrten
Vorbehalt stoßen. Es genügt daher zu sagen: "Ich habe etwas über
Zwiegespräche gelesen und finde das eine gute Idee auch für uns. Darüber
möchte ich gern mit dir sprechen, wenn du dir selbst ein erstes Bild
davon gemacht hast." Welche Bücher in Frage kommen, das sagt der
Literaturhinweis am Ende der Broschüre.
Der zweite Schritt besteht in gemeinsamen "Vorgesprächen". Das
sind noch keine Zwiegespräche, sondern ungestörte, einigermaßen
konzentrierte Gespräche von ausreichender Länge über Für und Wider der
Zwiegespräche. In diesen "Vor-Zwies" sollte jeder möglichst
offen seine Vorbehalte, Bedenken und Ängste äußern und mit den
Argumenten abwägen, die dafür sprechen. So schwindet mit der Zeit eine
Polarisierung (der eine dafür der andere dagegen).
Falls
beide Partner Zwiegespräche für gut befinden, besteht der dritte Schritt
in einer gemeinsamen Vereinbarung der Zwiegesprächszeiten. Dazu suchen
beide einen anderthalbstündigen festen Termin in der Woche, der am
wenigsten durch anderes gestört wird. Dieser Haupttermin allein reicht
jedoch erfahrungsgemäß nicht aus. Es ist günstig, auch gleich einen
festen Ersatztermin zu vereinbaren, der dann gilt wenn der Haupttermin
ausfallen muss. Der unbewusste Widerstand sorgt nicht selten dafür, dass
beide Zeiten verstreichen. Dann kann spontan ein Termin in der laufenden
Woche festgelegt werden.
Die
vorherige Vereinbarung der Termine ist seelisch von Bedeutung. Gerade
deswegen wird sie als "künstlich" abgewehrt. Spontane
Abmachungen versanden erfahrungsgemäß schnell im unbewussten Widerstand.
Fünf Bedingungen
einer guten Beziehung
Fünf
Einsichten machen den "Geist" der Zwiegespräche aus. Sie sind
Entwicklungsziele, nicht etwa vollendete Tatsachen oder vorgegebene
Regeln. Sie gleichen eher einer Sprache der Zweierbeziehung. Wir können
sie mit der Zeit erlernen. Jede Einsicht bringt eine Reihe fundamentaler
Änderungen im Alltag des Paares mit sich.
1.
Wir können lernen von der wechselseitigen Unkenntnis auszugehen, statt
von der gleichen Wellenlänge: "Ich bin nicht du und weiß dich
nicht".
2.
Wir können lernen, unser gemeinsames unbewusstes Zusammenspiel
wahrzunehmen, statt uns als zwei unabhängige Individuen aufzufassen: "Wir
sind zwei Gesichter einer Beziehung und sehen es nicht".
3.
Wir können lernen, regelmäßige wesentliche Gespräche als Herz und
Kreislauf einer lebendigen Beziehung zu begreifen, statt mit Worten unsere
Beziehung nur noch zu verwalten: "Dass wir miteinander reden,
macht uns zu Menschen".
4.
Wir können lernen, in konkreten, erlebten Beispielen statt in abstrakten
Begriffen zu sagen, was wir meinen: "In Bildern statt in
Begriffen sprechen".
5.
Wir können lernen, auch unsere Gefühle als unbewusste Handlungen mit
geheimer Absicht zu verstehen, statt zu meinen, sie überkämen uns wie
Angst und Depression von innen oder würden uns von außen zugefügt wie
Kränkung und Schuldgefühl: "Ich bin für meine Gefühle
selbst verantwortlich".
Was
tun, wenn Zwiegespräche nicht regelmäßig zu führen sind?
Wenn
Zwiegespräche - aus äußeren oder inneren Gründen - nicht wöchentlich
stattfinden können, kann man sie auch bündeln.
Ein doppeltes Zwiegespräch dauert mit einer notwendigen Pause von einer
Viertelstunde dazwischen dreieinviertel Stunden - also an einem Abend von
19.00 bis 22.15 Uhr beispielsweise.
Sind wochenlang die Zwiegespräche ausgefallen, wird es höchste Zeit,
genau darüber intensiv Zwiesprache zu halten. Dies ist deswegen
bedeutsam, weil längere Unterbrechungen meist der Anfang vom Ende sind.
Ziel sollte bleiben, insgesamt auf eine Anzahl von Zwiegesprächen zu
kommen, die den vertanen Wochen entspricht.
Selbstverständlich kann bei Bedürfnis oder Notwendigkeit in intensiven,
veränderungsreichen Zeiten mehr als ein Gespräch pro Woche vereinbart
werden. Viele Paare führen in der ersten Verliebtheit oder in Krisen
regelmäßig zwei Gespräche pro Woche. Manche nehmen sich zum Beginnen
ein ganzes Wochenende, an dem sie die schwierige erste Zeit stark gebündelt
durchmachen.
Misslingen
Zwiegespräche so liegt es fast immer daran, dass Bestandteile der
Grundordnung unbeachtet blieben. Abhilfe bietet die Untersuchung folgender
Fragen:
-
Haben die Zwiegespräche regelmäßig einmal in der Woche stattgefunden
oder - wie beschrieben - ersatzweise gebündelt? Wenn nicht ist der
unbewusste rote Faden gerissen.
-
Gingen sie über anderthalb oder zwei Stunden? Waren sie zu kurz, so
blieben sie oberflächlich und enttäuschten. Waren sie zu lang, so hat
sich das Paar überfordert.
-
Ist jeder bei sich geblieben, erkannten beide die Formen ihres
Kolonialisierens? Häufig agieren Paare ihre unbewussten Schuldgefühle in
einem "Streitgespräch zum festen Termin" aus. Sie entwickeln
die Abwehrform der "Beziehungskiste" in der jeder seinen inneren
Schwerpunkt in den anderen verlagert hat.
-
Blieben die Gespräche ungestört durch äußere Einflüsse? Jede
Ablenkung, ja schon die Erwartung einer Störung, behindert die unbewusste
Wahrnehmung und die Konzentration. Dadurch geht beim Spaziergang übers
Feld, im Auto, durch Telefon, viel Austausch verloren.
-
Hat sich jeder von beiden für die Zwiegespräche entschlossen, sind sie
gemeinsam für diesen Termin vereinbart worden? Viele Partner gehen auf
die Wünsche ihres Partners ein ohne es selbst zu wollen. Wer Zwiegespräche
"für den anderen mitmacht", ist sich noch nicht der Kollusion
mit ihm bewusst.
-
Ist das Sprechen - über mehrere Zwiegespräche hin - ungefähr gleich
verteilt? Im Schweigenden sammelt sich oft das, was aus der Beziehung
herausgehalten werden soll. Sein Wort ist wesentlich. In vielen Paaren
gibt es eine Seite, die viel und leicht redet, und die andere Seite, der
zu sprechen es schwerer fällt. Beide sollten dafür sorgen, dass jeder
gleichviel Zeit während des Zwiegesprächs erhält - und sei es indem der
fließend Sprechende einfach schweigt. Manche Paare brauchen lange, bis
sich das Ungleichgewicht ausbalanciert hat. Auf keinen Fall sollte die
Asymmetrie dazu führen, dass sich die Polarisierung verfestigt.
Die
folgende Viertelstundenregelung hat sich bewährt: Jeder hat fünfzehn
Minuten ganz für sich, die er für Sprechen oder Schweigen verwenden
kann, danach ist der andere "dran" für seine Viertelstunde. Und
so weiter. Partner, die sich schwer tun, etwas für sich zu beanspruchen,
schätzen diese Ordnung sehr.
Michael
Lukas Moeller
1
"Ich bin nicht Du und weiß Dich nicht". Ein Briefessay
über die Zwiegespräche. In "Die Liebe ist das Kind der
Freiheit". Reinbek: Rowohlt 1986, rororo Tb 1998
2
"Die Wahrheit beginnt zu zweit. Das Paar im Gespräch".
Reinbek: Rowohlt 1988, rororo Tb 1998
3
"Worte der Liebe. Erotische Zwiegespräche. Ein Elixier für
Paare". Reinbek: Rowohlt 1996, rororo Tb 1998
4
"Gelegenheit macht Liebe. Glücksbedingungen in der
Partnerschaft". Reinbek: Rowohlt (erscheint im August 2000)
© Copyright:
Prof. Dr. med. Michael Lukas Moeller, 60590 Frankfurt
Weiterführende
Informationen: www.dyalog.de
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