Die Domestikation des Wolfs

Neue Fakten und Spekulationen

Späte oder frühe Domestikation?
Die Vorstellungen vom Zeitpunkt der Domestikation des Hundes müssen seit jüngster Zeit drastisch verändert werden. Als älteste archäologische Befunde galten bisher Bestattungen Hund-Mensch, so in "Oberkassel" (Deutschland) oder "Ein Mallaha" (Israel), die auf die Zeit vor 15-12 Tausend Jahren datiert werden. Doch nun hat "la grotte Chauvet", das sagenhafte Juwel prähistorischer Forschung im Ardeche-Tal, eine neue archäologische Sensation hervorgebracht: Trittsiegel von Hundepfoten, die ca. 25 Tausend Jahre alt sind (Spiegel 45/1999). Sie ähneln frappierend den Pfotenabdrücken eines Schäferhundes. Damit ist nicht nur der Zeitraum archäologischer Fundspuren auf einen Schlag verdoppelt, sondern wohl auch die bisherige zentrale Theorie von der "späten Domestikation" des Hundes beiseite gefegt worden. Diese Theorie besagt: Erst als der Mensch seßhaft wurde, habe er Wölfe gezähmt und sie für verschiedene Aufgaben gezüchtet, ob als Ungeziefervertilger, Begleiter, Fleischreserve, Jagd-, Wach- oder Hütehund.

Die Theorie der späten Domestikation erschien so verlockend, weil sie bequem in das Bild vom Menschen paßt, wie er sich etwa in der Zeit zwischen 15-8 Tausend Jahren entwickelt hat. Diese Zeit gilt als revolutionäre Umwälzung in der Menschheitsgeschichte. Hier werden die Grundlagen des Ackerbaus und der Seßhaftigkeit des Menschen durch Züchten von mehreren Weizen- und Gerstenarten sowie anderer Pflanzen, aber auch der Domestikation von Schafen, Ziegen und Schweinen gelegt.
Ja, in der ältesten und größten neolithischen (jungsteinzeitlichen) Stadt, Catal Höyük in Anatolien, die man heute auf ein Alter von ca. 9000 Jahren datiert (um 7000 v. Chr.), findet man nicht nur die frühste Metropole, in der man überregionalen Handel feststellen kann, sondern auch die erste Haltung von Großrindern. Da läßt sich die Domestikation des Hundes gleichsam als gezielte züchterische Nutzanwendung aus der zuvor erfolgten Domestikation von Schaf und Ziege erklären: Um diese Nutztiere, -später kommen noch Schwein und Rind dazu-, die mehr Fleisch auf den Rippen haben und für den Menschen noch attraktiver sein mußten, vor den Gefährdungen des Daseins zu verteidigen. Diese bestanden nicht nur in den räuberischen Caniden und Feliden, sondern vor allem auch in Gestalt menschlicher Räuber!

Neue Beziehung Mensch-Hund
Mit der Fährte in der Chauvet-Grotte aber behauptet der Hund nicht nur souverän seine Stellung als züchterische Frühtat des Menschen, sondern seine Domestikation verlangt auch nach einer völlig anderen Sicht der Beziehung zwischen Mensch und Hund als bisher, und damit auch der Motive der Domestikation; ja überhaupt nach einer anderen Vorstellung vom frühen Homo sapiens in Europa.
Zur Orientierung: Bis vor kurzem galt "la grotte Lascaux", gelegen im Tal der Vezere (Dordogne), als absoluter Höhepunkt steinzeitlicher Höhlenkunst und Kultur, und damit auch des Höhepunkts der Entwicklung des steinzeitlichen Menschen. Datiert werden die Bilder der Grotte in eine Zeit etwa zwischen 18-15 Tausend Jahren; - dem sog. Magdalenien (jüngere Altsteinzeit). Doch die Entdeckung der Chauvet-Grotte hat der Vorstellung von der "natürlichen" Entwicklung der Fähigkeiten unserer Vorfahren von frühen Versuchen bis zur Meisterschaft im Magdalenien einen gehörigen Schock versetzt.
Denn in der Chauvet-Grotte haben unsere Vorfahren schon vor 35 Tausend Jahren, also doppelt so früh wie in Lascaux, Werke mit ähnlichen Motiven und gleicher Meisterschaft hinterlassen. Zwar hinken Vergleiche, aber das ist so, als wenn Kolumbus bei seiner Entdeckung der Karibischen Inseln von Präsident Clinton begrüßt worden wäre.
Wenn nun bereits vor 25 Tausend Jahren Hunde den Menschen, wahrscheinlich sogar Schamanen, also besonders Auserwählten, ins Allerheiligste begleiten durften, denn um einen solchen Platz handelt es sich ohne Zweifel bei dieser Grotte, dann stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Bedeutung des Hundes in der menschlichen Gemeinschaft. Aber gleich danach kommt auch die Frage nach dem theoretisch hochrechenbaren Zeitpunkt der Domestikation, also 25 Tausend Jahre plus X!

Genetische Studien
1997 wurde von einer Gruppe von amerikanischen Autoren (Vila et al.) eine molekulargenetische Studie veröffentlicht, in der der Zeitpunkt der Domestikation des Hundes auf 135 Tausend(!) Jahre rückverlegt wurde. Die Autoren hatten 140 Hunde aus 67 Rassen und 162 Wölfe aus 27 Populationen genetisch verglichen (zitiert nach Hemmer, Tagung 1998 in Wolfswinkel). Demnach hätte der Mensch, selber erst vor knapp 150 Tausend Jahren als Homo sapiens "körperlich fertig geworden", kaum daß er von Afrika in den Nahen Osten gelangt war, den Wolf "aufgegabelt". Bis dorthin reicht ja schließlich das Verbreitungsgebiet des eurasischen Wolfs, dem Stammvater aller heutigen Hunde.

(Je nach biologischem Blickwinkel und systematischem Ansatz firmiert "eurasisch" als Oberbegriff. Es finden sich manchmal Unterbezeichnungen wie "indischer", "persischer" oder gar "israelischer Wolf". Das Bild zeigt den persisch-indischen Wolf "Schah" aus der Trumlerstation in Wolfswinkel. Es wurde mir mit besonderer Freundlichkeit von Frau Trumler zur Veröffentlichung übersendet.)

Mensch und Hund eroberten dann vom Nahen Osten aus gemeinsam die Welt, "gleichsam beim Gassigehen", wie "Der Spiegel" süffisant bemerkt.

Doch die Zeitangaben der amerikanischen Studie werden von Prof. Hemmer entschieden angezweifelt. Er stellt fest, daß der methodische Ansatz dieser genetischen Berechnung einen "Genauigkeitsgrad" von 135 Tausend Jahre plus/minus 300(!) Prozent aufweist. Eine solche "Ergebnistoleranz" macht diese Zahl natürlich völlig unbrauchbar! Außerdem, so Prof. Hemmer, zeige die Studie im Zusammenhang mit dem errechneten Zeitpunkt einer so frühen Domestikation noch weitere fundamentale Mängel auf.
Doch die Genetiker lassen nicht locker. Kaum zwei Jahre später liegt die nächste Erbgutstudie vor, diesmal von Robert Wayne und einem Team der UCLA. Im Vergleich des Erbguts von Wölfen, Schakalen, Kojoten und Hunden bestätigen sie nicht nur eindeutig, daß alle Hunde nur vom Wolf abstammen. Wie Vila errechneten auch sie eine Dauer von mehr als 100 Tausend Jahren für die Abzweigung des Hundes von der Wolfslinie (Spiegel 13/2000). Über den Wert dieser Studie liegt mir noch keine unabhängige Einschätzung vor. Doch muß man, so von mir befragte Biologen, bei Erbgutstudien immer einen erheblichen Toleranzwert, bis zu 200% plus/minus, kalkulieren. Doch werde dieses bei der Ergebnisfixierung rechnerisch, - wie auch immer -, berücksichtigt. Die Wayne-Studie könne deswegen nicht so einfach vom Tisch gefegt werden.
Kritisch muß man anfügen, daß die Genetik in diesem Teilgebiet zur Zeit eine kleine Krise durchmacht. Schon in der Vergangenheit geriet z.B. das genetische Modell "Eva kam aus Afrika" wegen methodischer Mängel in Bedrängnis. Doch konnte sich die "out of Afrika-These" von der Abstammung des Menschen später auch in verbesserten Studien bestätigen.
Doch jetzt ist ein Grundaxiom der genetischen Berechnungen, die Mitochondrien-Vererbung, angekratzt. Die Mitochondrien der menschlichen Zelle verfügen über eigenes Erbgut und werden immer in weiblicher Linie weiter gegeben. Nun kennt man den, zeitlichen, statistischen Mittelwert von Mutationen bestimmter Genstellen. Von daher kann man aus der Zahl der Mutationen auf die Herkunftszeit zurückrechnen. Jetzt stellt sich jedoch heraus, daß manchmal auch das Erbgut aus Mitochondrien des Vaters mitmischt! Die Genetiker müssen also gegenwärtig an einem Modell arbeiten, das die "Störgröße Vater" bei der Mitochondrien-Vererbung berücksichtigt.

Hund als Sozialschmarotzer
Dennoch: Die Studien über die frühe genetische Abzweigung des Hundes vom Wolf bringen die Zoologen/Kynologen und Anthropologen in Erklärungsnöte. Vor mehr als 100 Tausend Jahren waren nämlich unsere Vorfahren zwar anatomisch bereits ausgereift, besaßen aber noch keineswegs die intellektuellen Fähigkeiten, den Wolf zu domestizieren. Sie waren selber noch nicht vollständig domestiziert! Zwar belegen wir heute diese Vorfahren schon mit dem Beinamen "sapiens", weise, aber die archäologischen Funde bestätigen dieses Attribut noch keineswegs. Fast 60 Tausend Jahre gehen noch ins Land, ohne daß sich wesentliche Fortschritte, etwa in der Werkzeugkultur, gegenüber den anderen Hominiden sichtbar machen.
Einen Ausweg aus dem Dilemma bietet die Theorie vom Hund als "Sozialschmarotzer". Danach hat sich der Hund selber domestiziert und "in der Nähe des Menschen eine neue ökologische Nische gefunden". Äußerlich hätte man diesen Hund nicht von den im benachbarten Lebensraum beheimateten Wolfsverwandten unterscheiden können, lediglich im Verhalten sind die Unterschiede zu beobachten. Das könnte erklären, warum man aus dieser frühen Zeit keine Knochenfunde als zum Hund gehörig identifizieren kann. Das veränderte Verhalten jedoch muß dann bereits genetisch fixiert gewesen sein.
Was bot diese "ökologische Nische" den frühen Hunden, und welchen Vorteil hatte der Mensch, Hunde in seiner Nähe zu dulden? "Abfallbeseitigung" ließe sich als Stichwort nennen, und auch die Vorstellung Konrad Lorenz` vom Wolf als Jagdbegleiter kommt in dieser Theorie wieder zu Ehren. Danach entwickelte sich der Wolf/Hund zu einem "Allzweckkameraden" des Menschen. Erst als der Mensch seßhaft wurde, viel später also, ging er daran, die Gestalt des Hundes auf züchterischem Wege zweckgerichtet zu ändern. Mit dieser Überlegung hätte man dann auch wieder die bisherige Theorie von der "späten Domestikation" modifiziert eingebunden.

Zweifel
Doch hat die Theorie vom Hund als erfolgreichen Sozialschmarotzer einige Haken. Zunächst: Man weiß nur sehr wenig über die Lebensweise unserer frühen Ahnen. So kann man zur Zeit überhaupt nicht abschätzen, ob diese Lebensweise genügend Ansatzpunkte für eine "Selbstdomestikation" des Hundes bot. Daher fehlt bisher der entscheidende Aspekt für die Beweisbarkeit dieser Theorie. Es mag sein, daß der unbelastete Leser diesen Gesichtspunkt für wenig belangvoll hält. Doch liegt genau darin sogar der Schlüssel für das Verständnis, warum der Neanderthaler verschwunden, unsere Ahnen aber sich in der Evolution durchgesetzt haben.
Außerdem gibt es Unstimmigkeiten auf der "Zeitschiene". Einig sind sich nämlich alle Experten, daß der Mensch mit dem eurasischen Wolf, und nur der kommt für die Domestikation in Frage, erst im Nahen Osten in Berührung kam. Die Vorhut des Homo sapiens gelangte aber, ebenfalls nach genetischen Studien, "erst" vor 90 Tausend Jahren dorthin! Eine nicht unbedeutende Zeitlücke tut sich da auf, zu Vila von mehr als 40 Tausend Jahren und zu Wayne immer noch deutlich mehr als 10 Tausend Jahre. Man muß schon gewaltige "Fehlertoleranzen" gelten lassen, um das zu "harmonisieren", und solche Fehlertoleranzen ließen dann den Wert solcher Studien generell fragwürdig erscheinen.

Wolf, Mensch, Neandertaler
Im Nahen Osten allerdings hatten der Wolf und unsere Vorfahren genügend Zeit, sich aneinander zu gewöhnen. Denn dort hing die Vorhut des Homo sapiens schlichtweg fest: Vor einem Bollwerk namens "homo neanderthaliensis"! Die Neandertaler, Vettern hin oder her, verteidigten gewiß mit ganzer Kraft ihren Lebensraum und ihre Nahrung gegen den neu erschienen Rivalen. Eine friedliche Koexistenz erscheint mir undenkbar. Beide Menschengruppen waren unmittelbare Nahrungskonkurrenten, und für die Neandertaler wurde es eine Frage des Überlebens, die Ressourcen ihres Gebiets zu behaupten. Und lange hatten sie auch die besseren Karten! Denn hier trafen "Schwarzeneggers" auf "Ottos", und nicht nur in der schieren Kraft, sondern auch bei den Werkzeugen und Jagdgeräten waren die Neandertaler unseren Vorfahren teilweise überlegen.
Mehr als 50 Tausend(!) Jahre lang verwehren diese fernen Vettern unseren Ahnen den Weg aus der "Haustüre" Afrikas gerade "links um die Ecke" nach Europa.

"Fratze" des Neanderthalers? - Gezeichnet als Zerrbild seiner selbst von einem Cro-Magnon-Vorfahren? - aus einer südfranzösischen Grotte -

So kommt es, daß der Homo sapiens in einem neuen Anlauf, vor bereits 60 Tausend Jahren, zuerst die Fernroute nach Indien nimmt und dann Australien besiedelt. Die Querung des Roten Meeres muß dabei, wenn DER HERR nicht gerade zufällig für einen späteren Pharao geübt hat, per Boot oder Floß erfolgt sein, und erst recht die Überwindung des 90 km umfassenden Seewegs nach Australien! Ein verlockender Gedanke, den Dingo, den es ja als urtümlichen Schensi-Hundetyp auf der Anmarschroute zum Kontinent "down under" selber in verschiedenen Ausprägungen gibt (z.B. Halstöm-Hund in Neuguinea), dabei auf den Flößen oder dem Dollbord von Booten herumkläffend sich vorzustellen.
Zu schön um wahr zu sein! Der Dingo soll sich frühstens vor ca. 4000 Jahren ausgewildert haben.

Durchbruch nach Big Bang?
Vor ca. 40 Tausend Jahren haben dann unsere Vorfahren endlich das Bollwerk der Neandertaler im Nahen Osten geknackt, und zwar hintenherum. Von der Ausgangsbasis am Schwarzen Meer drangen sie im Sturmlauf donauaufwärts vor. Zeitgleich soll eine weitere Einwanderungswelle über Südspanien erfolgt sein. Heute wie damals benötigt man schwimmfähige Untersätze zur Überquerung der Meerenge von Gibraltar!
Kaum 5000 Jahre später stehen einige der Einwanderer aus dem Osten tief im Neandertaler-Land, im Tal der Ardeche, und gestalten im spirituellen Triumph mit der Chauvet-Grotte ein großartiges Heiligtum. Was war mit dem Homo sapiens geschehen, das ihn zu diesem "Siegeszug", aber auch zu dieser kulturellen Großtat befähigte?
Bis heute tun sich die Anthropologen schwer mit einer Erklärung, aber die Veränderung ist so dramatisch, daß viele vom geistigen "Big Bang" des Homo sapiens sprechen. Danach zettelte dieser eine "atemberaubende kognitive und kulturelle Umwälzung" an (Spiegel 12/2000). Und viel spricht dafür, den Motor dieser "Leistungsexplosion" in dem Wettbewerb mit einem ebenbürtigen Rivalen, dem Neandertaler, zu sehen. Doch dieser setzte sich verbissen zur Wehr. Es dauerte weitere 12 bis 15 Tausend Jahre, bis unsere Vorfahren, die Cro Magnons, Oberkassler oder Aurignac-Menschen, alle Begriffe stehen für Homo sapiens, den Neandertaler endgültig verdrängt hatten. Was auch immer die genauen Ursachen für das Aussterben unserer fernen Vettern waren, letztlich ist unsere Art, der Homo sapiens, zweifellos die eigentliche Ursache dafür (Ian Tattersal).

Kronzeuge Hundepfote
Und dann taucht in der Chauvet-Grotte das anatomisch eindeutige Trittsiegel von Hunden, vier Zehen, auf! Diese physische Veränderung des Wolfs, vor mehr als 25 Tausend Jahren entstanden, kann nur das Ergebnis eines züchterischen Eingriffs des Menschen sein. So wird eine Hundepfote zum Kronzeugen gegen die teilweise wiederbelebte Vorstellung von der späten Domestikation im Mantel der Theorie von der Selbstdomestikation als Sozialschmarotzer!
Gleichzeitig wird der archäologische Befund aus der Chauvet-Grotte zum, aus heutiger Sicht, entscheidenden Fixpunkt für neue Spekulationen über den Zeitpunkt der "aktiven" Domestikation des Hundes durch den Menschen. Denn selbst wenn vor 25 Tausend Jahren der allererste Hund in dieser Gegend die Trittsiegel in die Grotte gebracht hat, - wie lange dauerte es, in der "jüngeren Altsteinzeit", bis ein Zuchterfolg in einem kleinen Wolf-Hund-Inzestrudel im Nahen Osten seinen Weg bis in den Besitz eines höhlenmalenden Schamanen im südfranzösischen Ardeche-Tal gefunden hat?

Haustierwerdung und Geistesgeschichte
Für die Dauer der züchterischen Umwandlung vom Wolf zum Hund liegen uns keine Analogien vor. Der einzige, dem es in diesem Jahrhundert gelungen ist, aus einem Wildtier ein Haustier zu züchten, ist Professor Helmut Hemmer. Für die Domestikation vom Damwild zum Damtier brauchte er ca. 20 Jahre. Doch ihm standen die neusten Kenntnisse der Vererbungslehre wie der Domestikationsforschung zur Verfügung, und er hatte ein klares Zuchtziel. Beides fehlte den Menschen der Altsteinzeit. Es scheint mir völlig undenkbar, daß dem ersten Menschen, der einen Wolfswelpen zu sich nahm, höchst wahrscheinlich eine Frau oder ein Kind, auch nur die Möglichkeit einer Haustierwerdung faßbar gewesen ist.
So verlockt es geradezu, die Domestikation des Hundes in den Zusammenhang mit dem erwähnten "Big Bang" der Kultur- und Geistesgeschichte des Menschen vor ca. 40 Tausend Jahren zu bringen: Konfrontiert mit der "Fratze" des Neandertalers,- vielleicht empfunden als Zerrbild des eigenen Angesichts -, besinnt sich der Homo sapiens auf seine eigene Identität und fragt nach den spirituellen Wurzeln seiner Existenz. Tiere als Seelen- oder Wesensverwandte spielen dabei eine wichtige Rolle, wie uns auch heute noch z.B. die Aborigines Australiens, einige urspüngliche Indianervölker in den USA oder sibirische Schamanentraditionen zeigen. Und Jäger- und Sammlerkulturen waren von jeher vom Wolf fasziniert, bevor er von unseren bäuerlichen Vorfahren, viele Tausend Jahre später, zum bösen Wolf und zum ingrimmig verfolgten Feind gemacht wurde.

Ergebnisszenario
Vielleicht konnten unsere Vorfahren im Nahen Osten wirklich auf eine Verhaltensmutation des eurasischen Wolfs als Sozialschmarotzer zurückgreifen. Vielleicht aber erwählten sie sich statt dessen selber den auch farblich auffälligen Jäger in ihrem eigenen Lebensraum als Totemtier. Im Gegensatz nämlich zum Bauern, der um sein Vieh fürchtet, sehen Jägervölker den Wolf nicht als Nahrungskonkurrenten an. Denn der Wolf erledigt fast ausschließlich die kranken Exemplare unter seinen Beutetieren und sorgt so für die Gesunderhaltung der Herden. Diese Erkenntnis hat sich bis zu den Innuit Kanadas herumgesprochen!
Vor 40 Tausend Jahren ist also folgendes Szenario denkbar: Kaum ist der Riegel der Neandertaler im Nahen Osten geschleift, reihen sich unsere Cro Magnon-Ahnen schleunigst in den Treck gen Westen ein. Sie weichen einerseits nachdrängenden Gruppen aus, und andererseits werden sie womöglich von den ungeheuren Herden der Pflanzenfresser in den Kältesteppen vor dem Eis angelockt, Fleischtöpfe auf vier Beinen! Und "bei Fuß" begleiten sie bereits die "Prototypen" unserer heutigen Hunde. In der Gestalt stehen diese noch dem indisch-eurasischem Wolf sehr nahe, doch in der Farbe sind sie bereits zu rötlichen oder sandgelben Tönen verändert; genetisch auf dem Wege zu den Schensi-Typen, die wir noch heute als urtümlichste Hunde kennen. Schließlich tappt mindestens einer dieser Vierbeiner sogar im weichen Boden der Chauvet-Grotte herum.

War das wirklich so? Nun, auf Fakten basierende Spekulation macht einen wesentlichen Teil der Wissenschaft aus, - und bereitet ein besonderes Vergnügen. Aber Spekulation erhebt nicht den Anspruch, endgültige Wahrheiten zu verkünden. Doch in die Paläo-Archäologie ist neue Bewegung gekommen, und damit sind die spannenden Fragen "Wer sind wir?" und "Woher kommen wir?" neu aufgelegt. Mehr als wir je zugegeben, aber vielleicht geahnt haben, scheint dabei der Hund zum Begleiter oder gar Spiegel unserer selbst und unserer Menschwerdung geworden zu sein.