Abgedruckt in der PRO BAHN-Post Sonderausgabe Herbst 2001
Am 5. Juli wurde in Berlin grundlegende Fakten des neue Preis- und Tarifsystems der Deutschen Bahn vorgestellt. Bereits in den Wochen davor wurden einzelne Details veröffentlicht. PRO BAHN war in den Diskussionen immer vorne mit dabei, und ich habe für den Bundesverband dabei mitgewirkt. Mittlerweile sind einige Monate vergangen - Zeit, um Bilanz zu ziehen.
Ein neues Preissystem mit dem Kernbestandteil Relationspreise war schon mehrfach angekündigt und wurde immer wieder verschoben. Ende 2000 zeichnete sich aber ab, daß diesesmal die Ankündigungen ernster zu nehmen waren. So stellte Anna Brunotte von der Deutschen Bahn im Frühjahr 2001 auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin in einem öffentlichen Vortrag Details dar: BahnCard-Rabatt nur noch 25%, Vorausbucher-Rabatte zwischen 10% und 40% bei Zugbuchung und Fahrten über 150 Kilometer, BahnCard-Rabatte auch auf reduzierte Preise und Relationspreise statt Kilometertarif. Doch dieser Vortrag fand kaum Wiederhall in der Öffentlichkeit.
Erst als Klaus Ott in der Süddeutschen Zeitung diese Pläne auf die erste Seite zerrte, gab es Widerstand. Denn ein BahnCard-Rabatt von 25% statt 50% bedeutet zunächst einmal eine Preiserhöhung von 50% für die BahnCard-Kunden. (Fußnote: Unter Einberechnung niedrigerer Kosten für die BahnCard und dafür eine geringe Erhöhung der Basis-Preise müsste man korrekter Weise sagen: Etwa 50%. Aber die Größenordnung ändert sich dadurch nicht.) Im Nahverkehr kann man diese Erhöhung im Gegensatz zum Fernverkehr nicht durch Vorausbucherrabatte oder günstige Mitfahrerpreise kompensieren. Dies laut zu sagen, macht aber unpopulär.
Als Reaktion auf den Artikel von Klaus Ott und auch im Vorfeld der Entscheidungen der Bahngremien kritisierte PRO BAHN die Reduzierungen des BahnCard-Rabattes. Die geplante Regelung führt gerade in einem Flächenland wie Bayern mit wenig Verkehrverbünden zu einer drastischen Mehrbelastung von Stammkunden der Bahn. Gleichzeitig wurden aber auch die Verbesserungen, die die Bahn plant, anerkannt. So fordert PRO BAHN schon lange, daß die Bahncard auch die Mitfahrerpreise reduziert und lobte die Bahn wegen der Umsetzung dieser Forderung. Derzeit macht es bei zwei Fahrgästen über längere Strecken keinen Unterschied, ob einer oder keiner der beiden eine BahnCard hat.
Allerdings ist das Tarifsystem eindeutig ein Tarifsystem des Fernverkehrs: Während dort Vor- und Nachteile vorhanden sind (beispielsweise die Degressivität des Tarifes), gibt es im Nahverkehr nur Nachteile. Und noch ein wesentlicher Unterschied besteht: Im Fernverkehr fährt die Deutsche Bahn zumindest formal eigenwirtschaftlich. Wenn sie glaubt, mit diesem Tarifsystem ihre Marktanteile erhöhen zu können, dann kann man sie daran nur begrenzt hindern. Im Nahverkehr dagegen fährt die Deutsche Bahn (und andere Anbieter) mit Zuschüssen der Länder. Deshalb kann und muß man dort eine viel stärkere Orientierung auf das volkswirtschaftlich sinnvolle fordern.
Die Aussagen von PRO BAHN wurden allerdings verschieden aufgenommen: Während die Deutsche Bahn nur die Kritik sah, wurden von Mitglieder und auch Aktiven häufig nur die Anerkennung der Fortschritte gesehen. Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gekommen, daß es wohl leider nicht mehr(?) möglich ist, komplexe Aussagen "rüberzubringen".
Ein Problem bei diesen Diskussionen war natürlich, daß Tarif tatsächlich ein sehr komplexes Thema ist. Deshalb ist es viel schwieriger als bei anderen Punkten, zu einem Ergebnis zu kommen, mit dem alle zufrieden sind. Schließlich gibt es nicht "den Fahrgast", sondern es gibt viele Fahrgäste mit verschiedenen, einandern teilweise auch widersprechenden Wünschen. Diese Wünsche wurden auch in unseren internen Diskussionen aufgegriffen. Obwohl es zeitraubend ist und ein angestrebter interner Konsens nicht immer erreicht wird, sollten wir ein solches Vorgehen beibehalten, da nur so potentielle Gegenargumente schon in der Diskussionsphase ausgelotet werden können. Es gibt auch keinen mächtigen Vorsitzenden, der durch seine Anweisungen eine bestimmte Linie durchsetzt. Vielmehr faßte der Bundesausschuß bereits weit im Vorfeld einen Beschluß, der Vor- und Nachteile des (damals noch projektierten) Preissystems herausstellte. Eine Einigung auf ein alternatives Tarifmodell gab es aber nicht. Ein eigenes konkretes Gegenmodell wäre zwar in den Tagen nach der Vorstellung von PEP hilfreich gewesen, war aber im gegebenen Zeitraum aufgrund der schwierigen Diskussion nicht konsensfähig. Ein Modell, das nicht zumindest von einer größeren Mehrheit getragen wird, entspräche nicht dem Stil von PRO BAHN und würde uns zumdem auch angreifbar machen. Die geschilderte Arbeitsweise ist trotz der vermeintlichen Ineffizienz für einen ehrenamtlich arbeitenden Verband aufgrund der besseren Absicherung von Forderungen und Vorschlägen unverzichtbar.
Die Tage um den 5. Juli waren anstrengend. Etliche Interviews, Auftritte in Funk und Fernsehen und viele Telephonate mussten absolviert werden. Für den Bundesverband waren zeitweise bis zu fünf Pressesprecher im Einsatz. Dies war am Rande von dem, was wir als PRO BAHN leisten können - und vor vier Jahren hätten wir das nicht einmal im Ansatz schaffen können.
Da PRO BAHN insbesondere schon früh die Speerspitze gegen einige Regelungen des neuen Preissystem bildete, waren wir auch ein Hauptziel für Angriffe von Bahn-Vorstand und seinen Pressesprechern. Uns wurde eine Verletzung der Vertraulichkeit von Gesprächen vorgeworfen, obwohl wir nur bereits veröffentlichte Äußerungen kommentiert haben. Dies muß einem Verbraucherschutzverband aber möglich sein, unabhängig von der Frage, ob gleichzeitig auch vertrauliche Gespräche geführt werden. Uns schon vorab zum Sündenbock für ein eventuelles Scheitern von PEP zu machen und unsere Kritik als unsachgemäß darzustellen ist der Deutschen Bahn aber letztlich nicht gelungen. Die Länder werden nach dem heutigen Diskussionsstand deutliche Nachbesserungen verlangen. Und die Deutsche Bahn hat mittels eines internen Faxes, in dem sie uns angreift, den Namen PRO BAHN bei allen ihren Mitarbeitern bekannt gemacht.
Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht. Ich erwarte aber, daß sich die Länder wehren werden. Für den Fernverkehr wird sich wohl nur etwas durch Konkurrenz wie durch Connex ändern können. Im Nahverkehr dagegen können die Länder durchaus selbst etwas durchsetzen, wenn sie wollen. Auf einer der nächsten Länderverkehrsministerkonferenzen wird es einen Beschluß zu diesem Thema geben. PRO BAHN ist dabei, auch hier seinen Einfluß geltend zu machen.
Andi Barth
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