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Der Koloss von Rhodos



I. Vorgeschichte


Als im Jahre 307 vor Christus der ehemalige Feldherr Alexanders des Großen und Diadoche [2] Antígonos I. Monóphtalmos (dt.: "der Einäugige" – ca. 382 – 301 v. Chr.) an die Bevölkerung der Insel Rhodos das Ansinnen stellte, an seiner Seite gegen den ägyptischen König Ptolemaios Sotér (dt.: "der Retter" – ca. 367/366 – 283/282 v. Chr.) zu kämpfen, lehnten die Rhodier ab, um nicht ihre hervorragenden Handelsbeziehungen mit Ägypten zu gefährden. Aus diesem Grund beauftragte er 305 vor Christus seinen kriegserfahrenen Sohn Demetrios I. mit dem Beinahmen Poliorkétes (dt.: "der Städtebelagerer" – ca. 336 – 283 v. Chr.), die Insel zu unterwerfen. Dessen Plan war es zuerst, die Stadt von der Seeseite anzugreifen und den Hafen einzunehmen, um sich so einen Landstützpunkt zu schaffen. Aber obwohl Demetrios mit einer großen Flotte von Kriegs- und Lastschiffen erschienen war, erkannte er doch bald, dass er auf diese Weise nichts gegen die Rhodier ausrichten konnte, welche mit ihren kleinen, wendigen Schiffen immer wieder die Blockade durchbrachen und so die Versorgung der Stadt aufrecht erhielten.
Ihm blieb also nur übrig, die Stadt von der Landseite zu bezwingen. Zu diesem Zweck entwarf Demetrios die größte Belagerungsmaschine der damaligen Kriegswelt: Die "Helépolis" (dt.: "Städtebezwingerin"). Die "Helépolis" war ein 66 Ellen (ca. 30 m.) hoher fahrbarer Eichenholzturm von neun Stockwerken, ausgerüstet mit Rammböcken und Katapulten, welche die Mauern der Stadt zum Einsturz bringen sollten. Zusätzlich konnte sich im oberen Teil des Turmes, welcher hoch über der Stadtmauer lag, ein Heer von Bogenschützen verschanzen, um die Feinde mit einem Hagel von Pfeilen zu überschütten. Die nur äußerst schwer bewegliche Maschine erforderte angeblich 3400 Mann zu ihrer Bedienung. [3]
Die Rhodier, welche den Bau des Ungetüms tatenlos mitansehen mussten, beteten zu Helios, dem Gott und Beschützer ihrer Insel [4] und gelobten, ihm ein Denkmal zu errichten, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, wenn er ihnen beistehen und die Stadt vor dem Untergang bewahren würde.
Zunächst waren sie machtlos, als der Turm gegen die Stadtmauer vorrückte und sie durchbrach. Dann aber begingen die Belagerer einen taktischen Fehler, indem sie den endgültigen Durchbruch auf den nächsten Tag verschoben. So bekamen die Rhodier die Möglichkeit, im Schutze der Dunkelheit quer über den Weg, auf dem die Maschine weiter vorrücken würde, einen breiten Graben auszuheben, welchen sie dann durch Tarnung für die Gegner unkenntlich machten. Als die "Helépolis" am nächsten Morgen weiter vorrückte, senkten sich ihre Räder in diese Falle, wodurch die Maschine bewegungsunfähig wurde und gleichzeitig die Bresche, welche sie in die Mauer gebrochen hatte, durch diese selbst wieder verschlossen wurde.
Nach diesem Misserfolg gab Demetrios 304 vor Christus die Belagerung auf und ging auf den Vermittlungsvorschlag der Athener ein, denen es gelang, die beiden Gegner nicht nur zu einem Friedensschluss, sondern sogar zu einem Freundschaftsvertrag zu bewegen, der sie zu Verbündeten gegen alle Feinde machte, ausgenommen gegen das mit Rhodos befreundete Ägypten.
Nachdem so die Gefahr glücklich überstanden war, besannen sich die Rhodier wieder auf ihr Gelöbnis und errichteten ihrem Schutzpatron zum Dank jenes kolossale Standbild, welches als Weltwunder in die Geschichte eingehen sollte.




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[2] Diadochen (dt.: "Nachfolger") – die Feldherren Alexander des Großen, die nach seinem Tod sein Reich teilten. In der Zeit der Diadochen (323 – 278 v. Chr.) bildeten sich drei hellenistische Reiche: Ägypten unter den Ptolemäern, Asien unter den Seleukiden, Makedonien unter den Antigoniden.

[3] vgl. Diodoros "Βιβλιοθήκη ἱστορική" 20, 91, 2ff.

[4] Nach der 7. olympische Ode des berühmten griechischen Dichters Pindar zufolge soll bei der Landverteilung unter den Göttern Helios einfach vergessen worden sein. Deshalb hob Zeus die Insel aus dem Meer und schenkte das paradiesische Eiland dem Sonnengott.



© Matthias K. Bothe 2004




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