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IV. Aussehen


Leider sind keine Aufzeichnungen oder Münzen mit dem exakten Abbild des Kolosses bis in heutige Zeit erhalten geblieben. Daher ist man für die Rekonstruktion rein auf Vermutungen und Mutmaßungen nach überlieferten Texten angewiesen.
Im Museum von Rhodos ist ein schwer beschädigtes Marmorrelief erhalten, das, so Werner Ekschmitt, "mit dem Koloß in hypothetische Verbindung gebracht wird. Danach war Helios nackt dargestellt, hatte die Rechte sinnend oder Ausschau haltend zur Stirn erhoben. Über dem linken Unterarm hing ein Gewand herab." [24]
Neben den technischen Problemen gab es beim Bau der Statue auch ästhetische im Hinblick auf die Proportionen des Standbilds. "Es konnten nicht einfach die natürlichen Verhältnisse einer lebensgroßen Statue auf das Kolossalbild übertragen werden, weil dann die weit entfernten oberen Teile dem Betrachter im Verhältnis zu den unteren viel zu klein erschienen wären." [25] Manche meinen, dass dadurch der Kopf so unproportional groß wurde, dass er grob und starr wirkte und eher drohend aussah als beschützend. [26]
Aus zeitgenössischen Helios-Darstellungen schließen die heutigen Wissenschaftler, dass die Gesichtszüge dem strahlenden Helden und Welteroberer Alexander ähnelten. Ein weiteres Typikon sind außerdem langes lockiges Haar mit einem Wirbel über der Stirn (sogenannte "Anastolé"). [27]

Klassischer Helioskopf mit runden Löchern zur Befestigung von Metallstrahlen - Kopftypus des Kolosses?
Klassischer Helioskopf mit runden Löchern zur Befestigung von Metallstrahlen
Kopftypus des Kolosses?
(Abb. 1)

Sicher ist man sich, dass sein Haar und die obligatorische das Haupt umkränzende siebenstrahlige Helios-Krone vergoldet waren. Schwieriger ist Werner Ekschmitt zufolge zu entscheiden, ob dies auch beim Gesicht der Fall war. [28]
Eine neue Beobachtung zum Aussehen des Kolosses stammt von dem Archäologen Dr. Wolfram Hoepfner, gegenwärtig Professor an der Freien Universität Berlin; er findet die Antwort auf die Frage nach der Haltung in kleinen bronzenen Statuetten aus der römischen Kaiserzeit in den Museen von Genf, Hannover, London und Paris, welche in seltener Übereinstimmung den Sonnengott als nackten, strahlend schönen jungen Mann mit einem kurzen Mantel über der Schulter zeigen, die rechte Hand grüßend erhoben, die linke auf einem nicht erhaltenen Felsen ruhend. Sie sollen Nachbildungen des Kolosses sein, was Hoepfner dadurch bestätigt sieht, dass bei einer Statuette die erhobene Hand von einer lyraförmigen Stütze gehalten wird, was selbst bei einer lebensgroßen Statue unnötig wäre; bei dem über 30 Meter hohen Koloss wäre für einen 8 Meter langen Arm allerdings eine Stütze vonnöten gewesen.

>Der Koloss von Rhodos< (2002) - Rekonstruktionsversuch von Wolfram Hoepfner
"Der Koloss von Rhodos" (2002)
Rekonstruktionsversuch von Wolfram Hoepfner
(Abb. 2)

Als weiteres Indiz für seine Theorie sieht er eine Statuette, welche typische Merkmale überlebensgroßer Statuen aufweist: Einen übergroßen Kopf, einen langen Hals und eine übergroße rechte Hand – die Körperteile, die, wie schon oben erwähnt, bei normaler Größe aus der Perspektive des menschlichen Betrachters zu klein gewirkt hätten. Als Erklärung, warum Bronzestatuetten, die 400 Jahre nach dem Koloss von Rhodos entstanden, das Weltwunder darstellen, nimmt er einen Wiederaufbau des Kolosses in der römischen Kaiserzeit an, wobei er die Statuetten als eine Art Souvenir sieht. [29] Doch darauf werde ich später noch einmal zurückkommen.
Der Koloss stand auf einem weißen Marmorsockel [30], über dessen Form keine der erhaltenen antiken Quellen Auskunft gibt. Erst im 16. Jahrhundert behauptet der Renaissance-Autor Guillaume Du Choul (vor 1496 – 1560 n. Chr.), in einem griechischen Text die Beschreibung einer dreiseitigen Basis gefunden zu haben. Wie mir Dr. Ursula Vedder mitteilte, weiß man nicht, welcher Text ihm vorlag, geschweige denn, ob es sich um einen antiken Text handelte.
Es gibt gute Gründe (wenn auch keine Beweise), anzunehmen, dass die Inschrift, welche auf dem Sockel stand, in dem Epigramm Anthologia Graeca, Buch VI, Nr. 171 überliefert ist. Dies wäre dann im Grunde der einzige originale Überrest des Kolosses:

Αὐτῷ σοὶ πρὸς Ὄλυμπον ἐμακύναντο κολοσσὸν
τόνδε ῾Ρόδου ναέται Δωρίδος, Ἀέλιε,
χάλκεον, ἁνίκα κῦμα κατευνάσαντες Ἐνυοῦς
ἔστεψαν πάτραν δυσμενέων ἐνάροις.
οὐ γὰρ ὑπὲρ πελάγους μόνον ἄνθεσαν, ἀλλὰ καὶ ἐν γᾷ
ἁβρὸν ἀδουλώτου φέγγος ἐλευθερίας·
τοῖς γὰρ ἀφ' Ἡρακλῆος ἀεξηθεῖσι γενέθλας
πάτριος ἐν πόντῳ κἠν χθονὶ κοιρανία.


Übersetzung von Dr. Ursula Vedder:

"Dir selbst Helios ließen die Bewohner des dorischen Rhodos
diesen bronzenen Koloss zum Olymp emporwachsen,
als sie die Woge der Enyo (= des Krieges) besänftigt hatten
und das Vaterland dicht mit der Beute der Feinde bekränzten.
Sie stellten ihn als Weihgeschenk auf, nicht nur über dem Meere, sondern
auch auf der Erde,
das edle Licht unversklavter Freiheit;
den aus dem Geschlecht des Herakles Entstandenen
steht traditionell die Herrschaft zu See und am Lande zu."


Da hier im dritten Distichon von dem Licht (φέγγος – phéngos) die Rede ist, welches der Koloss hoch über dem Meere darstellte, schloss man im Mittelalter, dass er gleichzeitig als Leuchtturm gedient hat, weshalb ihm später auf Abbildungen eine Fackel [31] oder eine Feuerschale in die hoch erhobene Rechte gegeben wurde. Unter diesem Gesichtspunkt würde die Höhe der eigentlichen Statue wahrscheinlich geringer ausgefallen sein, als wenn sich die überlieferten Daten auf die Höhe von Kopf bis Fuß beziehen. Für dieses Motiv gibt es in der antiken Kunst aber keine Entsprechungen. Dr. Ursula Vedder erläutert: "Für die griechische Gedankenwelt erscheint es aber wenig sinnvoll, dass ausgerechnet der Gott, der den Sonnenwagen lenkt und damit das Tageslicht produziert, die Welt mit einer Fackel erleuchten sollte." [32]
Man ging sogar soweit, den Koloss nicht nur als Leuchtturm sondern auch als Hafenwächter darzustellen, welcher mit gespreizten Beinen auf den beiden Molenenden über der Hafeneinfahrt steht. Diese Legende wurde zum ersten Mal 1395 von dem italienischen Pilger Nicola de Martoni belegt [33] und könnte ein Nebenprodukt der Arbeiten des Griechen Demetrios Kalodikes sein, welcher im Auftrag des argonesischen Großmeisters Juan Fernández de Heredia antike und mittelalterliche Texte für dessen Bibliothek in Avignon erschloss. [34] Die erste bildliche Darstellung des spreizbeinigen Kolosses ist ein Stich des Franziskaners André Thevet (ca. 1516 – 1592 n. Chr.) aus dem Jahre 1554.

>Der Koloss von Rhodos< (1575) von André Thevet
"Der Koloss von Rhodos" (1575)
von André Thevet
(Abb. 3)

Wenn auch die Statue, zumal bei erhöhten Fundamentsockeln, ohne weiteres groß genug gewesen wäre, um normale Dreiruderer durchzulassen, so wären laut Werner Ekschmitt "doch die statischen Probleme bei dieser Haltung unlösbar gewesen." [35] Außerdem berichtet der Philon-Text, der Künstler habe (nur) "eine Basis aus weißem und marmornem Stein" zugrunde gelegt und "auf diese die Füße des Kolosses" errichtet. [36]
Manche nehmen an, dass der Koloss ein drittes "Standbein" gehabt haben muss, sei es in Form eines Umhangs [37], wie es auch das oben erwähnte Marmorrelief annehmen lässt, einer Lanze [38] oder ähnlichem.
Ob der Helios in der linken Hand einen Pfeil für einen um die Schulter gehängten Bogen hielt, wie es auf manchen mittelalterlichen Abbildungen dargestellt wird, oder, soeben seinem Sonnenwagen entstiegen, eine kurze Peitsche, wie es Dr. Wolfram Hoepfner annimmt, ist äußerst fraglich, besonders da die beiden Ersten "für einen frühhellenistischen Helios nicht sehr wahrscheinlich" [39] sind.
Im 18. und 19. Jahrhundert steigerte sich der Versuch, den spreizbeinigen Hafenwächter zu realisieren, in der Literatur ins Phantastische. Bernard Eugène Antoine Rottiers (1771 – 1858) rekonstruierte sogar die Begehbarkeit der Statue und die Befeuerung der Schale in der rechten Hand, welche bei ihm aus statischen Gründen direkt über dem Kopf mit dem Strahlenkranz liegt. Rottiers' Koloss wird noch heute in Variationen auf Postkarten und als plastisches Souvenir an die Touristen auf Rhodos verkauft. [40]

>Der Koloss von Rhodos< - Rekonstruktionsversuch von Herbert Maryon
>Der Koloss von Rhodos< (1830) von Pierre J. Witdoeck († 1834) nach Bernard Eugène Antoine Rottiers
Souvenirteller mit dem Bild des Kolosses nach Bernard Eugène Antoine Rottiers
"Der Koloss von Rhodos"
Rekonstruktionsversuch von Herbert Maryon
(Abb. 4)
"Der Koloss von Rhodos" (1830)
von Pierre J. Witdoeck († 1834)
nach Bernard Eugène Antoine Rottiers
(Abb. 5)
Souvenirteller mit dem Bild des Kolosses nach Bernard Eugène Antoine Rottiers
(Abb. 6)




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[24] Ekschmitt – S. 178

[25] Ekschmitt – S. 177

[26] vgl. Gisela von Radowitz"Die Sieben Weltwunder" – Würzburg 1985 – S. 99

[27] vgl. Ursula Vedder"Der Koloss von Rhodos – Mythos und Wirklichkeit eines Weltwunders" in "Nürnberger Blätter zur Archäologie" Heft 16, Jahrgang 1999/2000 – S. 30

[28] vgl. Ekschmitt – S. 180

[29] vgl. Pressestelle FU Berlin, Pressedienst"Neues vom Koloss von Rhodos"http://www.fu-berlin.de/presse/fup/archiv/pdw00/pdw_00_019.html – Berlin 20. 7. 2000 – S. 1f.

[30] vgl. Philon von Byzanz "περὶ τῶν ἑπτὰ θεαμάτων" IV 3

[31] Bei der Freiheitsstatue in New York (1875 – 1884, Kupferplatten auf Eisengerüst, Höhe: 41 m.) sind der erhobene rechte Arm mit der Fackel und der Strahlenkranz Motive, die ganz augenfällig den gängigen Vorstellungen vom Koloss entnommen sind.

[32] Vedder – S. 30

[33] vgl. Nicola de Martoni "Pèlerinage à Jérusalem, Revue de l'Orient latin" III, 585

[34] vgl. Ursula Vedder"Weltwunder" in "Der Neue Pauly - Enzyklopädie der Antike - Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte" – Stuttgart – Weimar 2003, Band 15/3 col. 1111

[35] Ekschmitt – S. 178

[36] vgl. Philon von Byzanz "περὶ τῶν ἑπτὰ θεαμάτων" IV 3

[37] Rekonstruktionsversuch von Herbert Maryon (siehe Abb. 4)

[38] nach Albert Gabriel

[39] Ursula Vedder – "Der Koloss von Rhodos – Mythos und Wirklichkeit eines Weltwunders" in "Nürnberger Blätter zur Archäologie" Heft 16, Jahrgang 1999/2000 – S. 29 – Pfeil und Bogen sind eigentlich typische Attribute von Apollon, der tatsächlich manchmal Züge von Helios aufweist.

[40] vgl. Ursula Vedder"Weltwunder" in "Der Neue Pauly" – Band 15/3 col. 1114 und "Der Koloss von Rhodos, 1830" in "Die Sieben Weltwunder der Antike – Wege der Wiedergewinnung aus sechs Jahrhunderten", Ausstellung des Winckelmann-Museums Stendal 2003 – Mainz 2003 – S. 147



© Matthias K. Bothe 2004




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