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IV. Aussehen
Leider sind keine Aufzeichnungen oder Münzen mit dem exakten Abbild des Kolosses bis in heutige Zeit erhalten geblieben. Daher ist man für die Rekonstruktion rein auf Vermutungen und Mutmaßungen nach überlieferten Texten angewiesen.
Sicher ist man sich, dass sein Haar und die obligatorische das Haupt umkränzende siebenstrahlige Helios-Krone vergoldet waren. Schwieriger ist Werner Ekschmitt zufolge zu entscheiden, ob dies auch beim Gesicht der Fall war. [28]
Als weiteres Indiz für seine Theorie sieht er eine Statuette, welche typische Merkmale überlebensgroßer Statuen aufweist: Einen übergroßen Kopf, einen langen Hals und eine übergroße rechte Hand – die Körperteile, die, wie schon oben erwähnt, bei normaler Größe aus der Perspektive des menschlichen Betrachters zu klein gewirkt hätten. Als Erklärung, warum Bronzestatuetten, die 400 Jahre nach dem Koloss von Rhodos entstanden, das Weltwunder darstellen, nimmt er einen Wiederaufbau des Kolosses in der römischen Kaiserzeit an, wobei er die Statuetten als eine Art Souvenir sieht. [29] Doch darauf werde ich später noch einmal zurückkommen. τόνδε ῾Ρόδου ναέται Δωρίδος, Ἀέλιε, χάλκεον, ἁνίκα κῦμα κατευνάσαντες Ἐνυοῦς ἔστεψαν πάτραν δυσμενέων ἐνάροις. οὐ γὰρ ὑπὲρ πελάγους μόνον ἄνθεσαν, ἀλλὰ καὶ ἐν γᾷ ἁβρὸν ἀδουλώτου φέγγος ἐλευθερίας· τοῖς γὰρ ἀφ' Ἡρακλῆος ἀεξηθεῖσι γενέθλας πάτριος ἐν πόντῳ κἠν χθονὶ κοιρανία. Übersetzung von Dr. Ursula Vedder: "Dir selbst Helios ließen die Bewohner des dorischen Rhodos diesen bronzenen Koloss zum Olymp emporwachsen, als sie die Woge der Enyo (= des Krieges) besänftigt hatten und das Vaterland dicht mit der Beute der Feinde bekränzten. Sie stellten ihn als Weihgeschenk auf, nicht nur über dem Meere, sondern auch auf der Erde, das edle Licht unversklavter Freiheit; den aus dem Geschlecht des Herakles Entstandenen steht traditionell die Herrschaft zu See und am Lande zu."
Da hier im dritten Distichon von dem Licht (φέγγος – phéngos) die Rede ist, welches der Koloss hoch über dem Meere darstellte, schloss man im Mittelalter, dass er gleichzeitig als Leuchtturm gedient hat, weshalb ihm später auf Abbildungen eine Fackel [31] oder eine Feuerschale in die hoch erhobene Rechte gegeben wurde. Unter diesem Gesichtspunkt würde die Höhe der eigentlichen Statue wahrscheinlich geringer ausgefallen sein, als wenn sich die überlieferten Daten auf die Höhe von Kopf bis Fuß beziehen. Für dieses Motiv gibt es in der antiken Kunst aber keine Entsprechungen. Dr. Ursula Vedder erläutert: "Für die griechische Gedankenwelt erscheint es aber wenig sinnvoll, dass ausgerechnet der Gott, der den Sonnenwagen lenkt und damit das Tageslicht produziert, die Welt mit einer Fackel erleuchten sollte." [32]
Wenn auch die Statue, zumal bei erhöhten Fundamentsockeln, ohne weiteres groß genug gewesen wäre, um normale Dreiruderer durchzulassen, so wären laut Werner Ekschmitt "doch die statischen Probleme bei dieser Haltung unlösbar gewesen." [35] Außerdem berichtet der Philon-Text, der Künstler habe (nur) "eine Basis aus weißem und marmornem Stein" zugrunde gelegt und "auf diese die Füße des Kolosses" errichtet. [36]
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[24] Ekschmitt – S. 178
[25] Ekschmitt – S. 177
[26] vgl. Gisela von Radowitz – "Die Sieben Weltwunder" – Würzburg 1985 – S. 99
[27] vgl. Ursula Vedder – "Der Koloss von Rhodos – Mythos und Wirklichkeit eines Weltwunders" in "Nürnberger Blätter zur Archäologie" Heft 16, Jahrgang 1999/2000 – S. 30
[28] vgl. Ekschmitt – S. 180
[29] vgl. Pressestelle FU Berlin, Pressedienst – "Neues vom Koloss von Rhodos" – http://www.fu-berlin.de/presse/fup/archiv/pdw00/pdw_00_019.html – Berlin 20. 7. 2000 – S. 1f.
[30] vgl. Philon von Byzanz "περὶ τῶν ἑπτὰ θεαμάτων" IV 3
[31] Bei der Freiheitsstatue in New York (1875 – 1884, Kupferplatten auf Eisengerüst, Höhe: 41 m.) sind der erhobene rechte Arm mit der Fackel und der Strahlenkranz Motive, die ganz augenfällig den gängigen Vorstellungen vom Koloss entnommen sind.
[32] Vedder – S. 30
[33] vgl. Nicola de Martoni "Pèlerinage à Jérusalem, Revue de l'Orient latin" III, 585
[34] vgl. Ursula Vedder – "Weltwunder" in "Der Neue Pauly - Enzyklopädie der Antike - Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte" – Stuttgart – Weimar 2003, Band 15/3 col. 1111
[35] Ekschmitt – S. 178
[36] vgl. Philon von Byzanz "περὶ τῶν ἑπτὰ θεαμάτων" IV 3
[37] Rekonstruktionsversuch von Herbert Maryon (siehe Abb. 4)
[38] nach Albert Gabriel
[39] Ursula Vedder – "Der Koloss von Rhodos – Mythos und Wirklichkeit eines Weltwunders" in "Nürnberger Blätter zur Archäologie" Heft 16, Jahrgang 1999/2000 – S. 29 – Pfeil und Bogen sind eigentlich typische Attribute von Apollon, der tatsächlich manchmal Züge von Helios aufweist.
[40] vgl. Ursula Vedder – "Weltwunder" in "Der Neue Pauly" – Band 15/3 col. 1114 und "Der Koloss von Rhodos, 1830" in "Die Sieben Weltwunder der Antike – Wege der Wiedergewinnung aus sechs Jahrhunderten", Ausstellung des Winckelmann-Museums Stendal 2003 – Mainz 2003 – S. 147 © Matthias K. Bothe 2004 |