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Charakterisierung

Wie kann man sich einem Menschen wie Anne Frank nähern, nach so vielen Jahren, nach einer ganzen Generation. Sie wäre jetzt über 60 Jahre alt. Auch alle Leute, die sie gekannt haben, sind, sofern sie überhaupt noch Leben, relativ alt. Anne Frank wurde vor allem durch ihr Schriftstellerisches Talent bekannt, doch was hat dieses Mädchen zum Schreiben gebracht? Was veranlasste sie Tagebuch zu schreiben? Bei Anne Frank merkt man, dass es ihr um mehr ging als um einen geschützten Platz für ihre Geheimnisse. Das Schreiben an sich hat ihr einfach Spaß gemacht, war für sie eine Möglichkeit, sich darzustellen, aus Wörtern ein Bild von sich und der eigenen Position in der Welt zu malen. Mit dem Jahren im Hinterhaus wuchs ihre Leidenschaft fürs Schreiben, eine Leidenschaft, die sich später fast zur Besessenheit steigerte. Woher stammt diese Hingabe an eine doch sehr einsame Beschäftigung? Der Grund dafür ist nahe liegend: Für sie war es keine einsame Beschäftigung. Anne hatte ihr Tagebuch personifiziert, es zum Du gemacht, zu einem Gegenüber, zu „Kitty“, der lange ersehnten richtigen Freundin.

Schon im Kindergarten war Anne Frank ein beliebtes Mädchen bei ihren Spielkameraden und Spielkameradinnen auch bei den Erzieherinnen im Kindergarten war sie sehr beliebt! In der Regel war sie zu Späßen aufgelegt, regte lustige Spiele an, fand immer Grund zu kichern und zu tuscheln. Das sie bestimmend und besitzergreifend war, fiel immer nur dann auf, wenn sie ihren Willen nicht auf Anhieb durchsetzen konnte. Später in der Schulzeit stand sie immer im Mittelpunkt und genoss es, wenn Jungen ihr nachschauten. Hanneli, eine von Annes besten Freundinnen sagte einmal zu einem Journalisten: „Sie wollte gerne Interessant sein, das ist keine schlechte Eigenschaft“. Und wie sah sich Anne selbst? Anne Frank hat einmal eine Liste aufgestellt, die sie „Das Schöne“ überschrieb. Sie stellte da die Merkmale zusammen, die, wie sie glaubte, eine Schönheit aufweisen müsse, und sie prüfte sich selbst genau daraufhin, wie weit sie ihre eigenen Erwartungen erfüllte.

Diese Liste sieht so aus:

1. Blaue Augen, schwarze Haare. (nein)

2. Grübchen in den Wangen (ja)

3. Grübchen im Kinn (ja)

4. Dreieck auf der Stirn (nein)

5. weiße Haut (ja)

6. gerade Zähne (nein)

7. kleiner Mund (nein)

8. gebogene Wimpern (nein)

9. gerade Nase (ja) [bis jetzt schon]

10. hübsche Kleidung (manchmal) [viel zu wenig nach meinem Geschmack]

11. schöne Nägel (manchmal)

12. intelligent (manchmal)

Anne war sehr gesellig, berichtet Miep Gies (Miep Gies war eine der Helferinnen der Untergetauchten), sie liebte Poesiealben, Geheimnisse und Schwätzen. Sie sei neugierig und gesprächig gewesen und habe immerfort Fragen gestellt und von ihren Freundinnen erzählt. Im Allgemeinen war sie eine gute Schülerin, außer in Mathematik. Sie lernte leicht, entwickelte aber, wie Miep sagt, „einen rastlosen Geselligkeitstrieb“. Miep erwähnt, dass Anne leidenschaftlich gerne ins Kino ging. Ihr Interesse an Filmen und Filmschauspielern blieb auch im Hinterhaus ungebrochen. Sie erzählt in ihrem Tagebuch von den Fotos, die sie in ihrem Zimmer aufhängte und von der Zeitschrift „Cinema & Theater“, die ihr Herr Kugler jeden Montag Mitbrachte.

Zum Abschluss möchte ich noch einen Auszug aus dem Tagebucheintrag vom 7. März 1944 nennen, wo Anne Frank, in Rückblick auf ihr unbeschwertes Leben vor dem Untertauchen sich selbst Charakterisiert: „Wenn ich so über mein Leben von 1942 nachdenke, kommt es mir so unwirklich vor. Dieses Götterleben erlebte eine ganz andere Anne Frank als die, die hier jetzt vernünftig geworden ist. Ein Götterleben, dass war es. An jeden Finger fünf Verehrer, ungefähr zwanzig Freundinnen und Bekannte, der Liebling der meisten Lehrer, verwöhnt von Vater und Mutter, viele Süßigkeiten, genug Geld – was will man mehr? […] Die Lehrer fanden meine schlauen Antworten, mein lachendes Gesicht und meinen kritischen Blick nett, amüsant und witzig. Mehr war ich auch nicht, nur kokett und Amüsant. Ein paar Vorteile hatte ich, durch die ich ziemlich in der Gunst blieb, nämlich Fleiß, Ehrlichkeit und Großzügigkeit. Nie hätte ich mich geweigert, jemanden, egal wen, abschauen zu lassen, Süßigkeiten verteilte ich mit offenen Händen, und ich war nicht eingebildet. […] Ich betrachte diese Anne Frank jetzt als ein nettes, witziges, aber oberflächliches Mädchen, das nichts mehr mit mir zu tun hat.“

© 2002 - 2003 · Marcel Mente · annefrank@arcor.de