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Tagebuch

Es sollte ein Roman werden!

Otto Frank tat sich schwer, er zögerte. Das Rotkarierte Tagebuch seiner Tochter Anne, ihre Hefte und 327 lose Seidenpapierblätter hatte er nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Auschwitz immer wieder gelesen und zu ordnen versucht. Schließlich tippte er die Aufzeichnungen ab und stellte all jene Eintragungen zusammen, die ihm für ein Zeitdokument des Zweiten Weltkrieges wesentlich schienen. Annes Schimpftiraden gegen ihre Mutter sowie alle Gedanken zu ihrem sexuellen Erwachen ließ er aus. Er bat Bekannte und Freunde die Fassung zu lesen.

Anne wollte zwar später eine berühmte Schriftstellerin werden, aber ihr Tagebuch ging niemanden etwas an. Das hatte sie in ihren Notizen deutlich gemacht. Otto Frank schwankte, dann rang er sich doch zu einer Veröffentlichung durch. Im März 1947 erschien die erste holländische Ausgabe im Contact-Verlag in einer Auflage von 1 500 Exemplaren. Der Titel "Het Achterhuis" - das Hinterhaus - hatte Anne für ihren späteren Roman geplant. Er sollte auf ihren Aufzeichnungen, die sie im Versteck zwischen 1942 und 1944 niederschrieb, fußen.

Dazu kam es nicht: Die Franks wurden verraten, deportiert, Lager Westerbork, Auschwitz, Bergen-Belsen. Dort ging Anne, noch nicht 16-jährig, im März 1945 an Typhus zugrunde.

1929 in Frankfurt geboren übersiedelte Anne 1934 mit ihrer Familie nach Amsterdam. Dort lebte sie gerne, sprach bald fast nur noch Holländisch und fand Freunde. Die Eltern versuchten, Sorgen und Ängste, genährt durch die wachsende Bedrohung seit der deutschen Besetzung Hollands, von ihren zwei Töchtern fernzuhalten. Doch die Lage der Juden spitzte sich zu. Als die ältere Tochter Margot am 5. Juli 1942 den Aufruf zum "Arbeitsdienst nach Deutschland" erhielt, tauchte die Familie am nächsten Tag im Hinterhaus in der Prinsengracht 263 unter - für 25 Monate auf weniger als 50 Quadratmetern, zusammen mit vier weiteren Verfolgten. In dieser Zeit sucht Anne Halt im Schreiben eines Tagebuches. Bald schrieb sie täglich darin.

Das Tagebuch wurde in der veröffentlichten Fassung das meistgelesene literarische Dokument über die Verbrechen der Nationalsozialisten. 1950 erschienen die deutsche und die französische Übersetzung, zwei Jahre später die amerikanische. Ein großer Verkaufserfolg wurde das Tagebuch aber erst, nachdem es dramatisiert und weltweit aufgeführt wurde. Viele Tausend Briefe von Lesern erreichten Otto Frank, die er alle zu beantworten versuchte.

Erst nach dem Tod von Annes Vater wurden 1986 zahlreiche von ihm vorgenommene Streichungen im Tagebuch rückgängig gemacht. Zwei bislang unveröffentlichte Eintragungen - über die Ehe ihrer Eltern sowie ihre Notiz, niemand außer ihr selbst soll die Aufzeichnungen jemals lesen - konnten in eine jüngst erschienene Biographie eingearbeitet werden. Bis heute ist das Tagebuch in viele Sprachen übersetzt und in mehr als 50 Ländern erschienen. Annes Tagebuchnotizen liegen in einem Safe in Amsterdam.

Uschi Heidel © "General-Anzeiger", Bonn, 28. November 1998

© 2002 - 2003 · Marcel Mente · annefrank@arcor.de


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