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Textauszüge

„Ich glaube nicht das der Krieg nur von den Großen, von den Regierenden und Kapitalisten gemacht wird. Nein, der kleine Mann ist ebenso dafür. Sonst hätten sich die Völker doch schon längst dagegen erhoben! Im Menschen ist nun mal ein Drang zur Vernichtung, ein Drang zum Todschlagen, zum Morden und Wüten, und solange die ganze Menschheit, ohne Ausnahme, keine Metamorphose durchläuft, wird Krieg wüten, wird alles, was gebaut, gepflegt und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und Vernichtet, und dann fängt es wieder von vorn an.“

 (Anne Frank; 3. Mai 1944)



"Und wieder hat der Tag mir nichts gebracht, Er war gleich einer Schwarzen Nacht!"

 (Anne Frank; 25. März 1944)



Eine Mathematikstunde

   12 August 1943

Eindrucksvoll steht er vor der Klasse, groß, alt, mit „Vatermörder“, stets im grauen Anzug, eine Glatze mit einem Ring grauer Haare darum. Spricht einen komischen Dialekt, oft scheltend, oft lachend. Ist Geduldig, wenn man sich Mühe gibt, zornig, wenn man faul ist.

Von zehn Kindern, die an der Reihe kommen, sind neun ungenügend. Immer wieder darlegen, erklären, begründen, um zu einem Ergebnis unter null zu kommen.

Er gibt gerne Rätsel auf, plaudert nett nach der Stunde und ist früher Vorsitzender eines Fußballklubs gewesen.

Herr Kepler und ich stritten uns oft wegen…des Schwatzens. Innerhalb von drei Unterrichtsstunden bekam ich sechs Ermahnungen, bis es dem Herrn zu bunt wurde und er mir als abschreckendes Mittel einen Aufsatz von zwei Seiten aufgab. Der Aufsatz wurde in der nächsten Stunde abgeliefert, und Herr Kepler, der schon einen Spaß vertragen konnte, lachte herzlich über den Inhalt; darin stand ein Satz wie dieser: „Ich muss mich tatsächlich bemühen, mir das Schwatzen ein bisschen abzugewöhnen, aber ich fürchte, dass da nicht mehr viel zu ändern sein wird, da dieses Übel erblich übernommen ist. Meine Mutter redet auch so gerne, also werde ich es von ihr haben. Sie hat es bis heute noch nicht verlernt.“

Dieser Aufsatz war mir mit der Überschrift „Eine Klatschbase“ aufgegeben. In der nächsten Stunde war jedoch wieder Anlass zu einem gemütlichen Schwätzchen und… Herr Kepler nahm sein Büchlein und schrieb auf: „Fräulein Anne Frank, für die nächste Stunde einen Aufsatz über: „Eine unverbesserliche Klatschbase.“

Auch dieser Aufsatz wurde eingereicht, so wie es einem braven Schüler geziemt, aber in der nächsten Stunde wiederholte sich das Übel abermals. Worauf Herr Kepler in sein Buch schrieb: „Fräulein Anne Frank, einen Aufsatz von zwei Seiten über das Thema: „Kwek, kwek, kwek, sagte Fräulein Snaterbek.*“

Was tun, ich merkte nur zu gut, dass es eigentlich ein Spaß war, sonst hätte er wohl zur Strafe Rechenaufgaben gestellt, und deshalb wurde ich kühn und beantwortete den Scherz mit einem anderen, ich schrieb nämlich einen Aufsatz in Reimen, mit Sanne Houtmans Hilfe, und der erste Teil davon lautet, wie folgt:

„Kwek, kwek, kwek“, sagte Fräulein Snaterbek*,

Während sie ihre Kinderchen rief.

Sie kamen „piep, piep, piep,

Hast du noch Brot für uns,

Für Gerrit, Mietje und Alphons?“

„Ja aber sicher habe ich es schon,

Ich hab es gesucht und gefunden am Strom,

Ich hab es für euch stehlen müssen,

Hier habt ihr es, teil’s nach bestem Gewissen!“

Die Entlein folgten dem Rat ihrer Mu,

Und jeder nahm, was ihm ehrlich kam zu,

Sie riefen dabei: „Tük, tük, tük“,

Und: „Ich habe fein das größte Stück!“

Aber ach, da kam Papa, der Schwan,

Auf das Geschrei sehr bös schon an.

Und so weiter und so weiter.

Herr Kepler las es; las es in der Klasse vor, noch in einigen anderen Klassen, und gab sich geschlagen. Seit dieser Zeit hatte ich einen Stein bei ihm im Brett. Das Schwätzen beachtete er nicht mehr, und ich bekam nie mehr eine Strafe.

PS: Daran merkt man doch, dass er ein netter Kerl war. Den Namen Fräulein Snaterbek* habe ich also Herrn Kepler zu verdanken.

*: Wörtlich: Schnatterschnabel



Der Schutzengel

   22.Februar 1944

Es Wohnten einmal vor sehr vielen Jahren am Rande eines Waldes zwei Menschen, eine alte Frau und ihre Enkelin. Die Eltern des Mädchens waren gestorben, als es noch sehr klein war, und seine Großmutter sorgte immer sehr gut für es.

Es war ein einsames Häuschen, in dem die beiden lebten, aber sie empfanden das nicht und waren immer glücklich und zufrieden zusammen.

Eines Tages konnte die alte Frau morgens nicht aus ihrem Bett aufstehen, weil sie überall Schmerzen hatte.

Ihre Enkelin war damals schon vierzehn Jahre alt und pflegte ihr Großmütterchen so gut sie konnte.

Es dauerte fünf Tage, dann starb die Großmutter, und das Mädchen war ganz allein in dem einsamen Haus. Da sie so gut wie keinen Menschen kannte und auch kein Bedürfnis hatte, jemanden zu holen, um ihre Großmutter zu begraben, grub sie selbst ein tiefes Loch am Fuße eines alten Baumes im Walde und legte ihre Großmutter dort hinein. Als das arme Mädchen wieder nach Hause kam, war es völlig verlassen und traurig; es legte sich auf sein Bett und weinte schrecklich. So blieb es den ganzen Tag liegen, und erst am Abend stand es auf, um etwas zu essen. So geschah es Tag für Tag; das arme Kind hatte zu nichts mehr Lust und trauerte nur im Stillen um seine liebe Großmutter. Dann geschah etwas, das es in einem Tag völlig veränderte. Es war Nacht, und das Mädchen schlief, als seine Großmutter plötzlich vor ihm stand; sie war ganz in weiß gekleidet, ihre weißen Haare hingen auf ihre Schultern, und sie hatte ein kleines Lämpchen in der Hand. Das Mädchen sah von seinem Bett zu ihr hin und wartete, bis die Großmutter zu sprechen begann. „Mein liebes Mädchen“, begann die Großmutter, „ich sehe nun schon vier Wochen lang jeden Tag nach dir, und niemals sehe ich dich anders als weinend und schlafend. Das ist nicht gut, und ich bin nun zu dir gekommen, um dir zu sagen, dass du arbeiten musst und spinnen, du musst unser Haus in Ordnung halten und dich auch wieder schön kleiden! Du darfst nicht denken, dass ich, da ich nun tot bin, nicht mehr um dich besorgt bin; ich bin dein Schutzengel geworden und bin ganz wie früher immer bei dir. Nimm deine Arbeiten wieder brav auf und vergiss nie, dass deine Großmutter bei dir ist!“

Dann verschwand die Großmutter wieder, und das Mädchen schlief weiter. Am nächsten Morgen jedoch, als es erwachte, erinnerte es sich an das, was seine Großmutter gesagt hatte, und auf einmal war es froh, weil es sich nicht mehr verlassen fühlte.

Es arbeitet wieder, verkaufte seine Spinnwaren auf dem Markt und befolgte stets den rat seiner Großmutter. Später, viel später, war es auch in der Welt nicht mehr allein, denn es heiratete einen tüchtigen Müller. Da bedankte sich das Mädchen bei seiner Großmutter, dass sie es nie allein gelassen hatte, und es wusste wohl, dass, obgleich es nun Gesellschaft hatte, sein Schutzengel es bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen würde.



Die Kurzgeschichten stammen aus dem Buch "Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus" von Anne Frank. Näheres zu den Buch findet ihr unter Literatur.

© 2002 - 2003 · Marcel Mente · annefrank@arcor.de