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Damals war's – in der DDR

Einige Bemerkungen zum Haupt- und Nebenwiderspruch in der Diktatur des Proletariats

von Dr. Ursula Sillge

Aus der zeitlichen Distanz lässt sich klarer erkennen, welche Aspekte in der DDR systemimmanent und welche systemübergreifend waren.

Die DDR bezeichnete sich selbst als Diktatur und zwar als Diktatur des Proletariats. Der Marxismus/Leninismus war Staatsreligion. Es gab ein umfassendes Netz von Schulungen und Ritualen. Im Zentrum der Lehre stand der Interessengegensatz von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, in der gebräuchlichen Terminologie als antagonistischer Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat bezeichnet. Das war der sogenannte Hauptwiderspruch.

Die unterschiedliche Interessenlage von Frauen und Männern wurde als Nebenwiderspruch bezeichnet, als nicht antagonistischer Widerspruch, der sich von selbst aufhebt, wenn der Kommunismus aufgebaut und "der neue Mensch" entstanden ist. In den achtziger Jahren meinten die Genossen, die Gleichberechtigung sei realisiert und Diskussionen darüber überflüssig. Die Gesellschaft wurde nur in Klassen und Schichten eingeteilt. Lediglich SoziologInnen beschäftigten sich auch mit Merkmalsgruppen u.a.. Wer etwas diskutieren wollte, das im Marxismus/Leninismus nicht vorgegeben war, begab sich über eine geistige Grenze und wurde automatisch als politische Opposition definiert und diese war ein Gegner. Bei vielen GenossInnen galt: "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns."

Die DDR war eine Verteilungsgesellschaft. Es gab z.B. keinen freien Wohnungsmarkt. Wohnungen mussten beantragt werden. Die Wartezeit dauerte oft viele Jahre. Wer eine Wohnung hatte, behielt sie, so lange er/sie konnte, auch wenn sie nicht selbst genutzt wurde. Für die Vergabe waren Privilegien vorteilhaft. Ebenso für den Erwerb von Autos und anderen Gütern.

Anfangs gab es das Recht auf und die Pflicht zur Arbeit. Die Pflicht wurde Ende der siebziger Jahre relativiert, Hausfrauen waren von der Pflicht zur Berufstätigkeit ausgenommen.

Die DDR war eine Großgruppe mit klassischer Zwangsmitgliedschaft. Die Mitgliedschaft begann mit der Geburt, der PA (Personalausweis) war der Mitgliedsausweis, die PKZ (Personenkennzahl) war die Mitglieds-Nummer. Der Austritt wurde negativ sanktioniert, ebenso wie die meisten Abweichungen.

Am Anfang des Familiengesetzbuches stand die Formulierung: "Die Familie ist die kleinste Zelle der sozialistischen Gesellschaft." Ein Schelm, der Arges dabei denkt.

Obwohl es für die Gründung von Vereinen eine gesetzliche Regelung gab, konnten sich selten Gruppierungen als legale Organisationen gründen. Sämtliche Publikationen wurden von der SED kontrolliert, wie auch alle Anzeigen in den Medien. Eigenständiges Hinterfragen und/oder Agieren erweckte Misstrauen. Während meiner Aktivitäten fragten mich Funktionäre mehrfach: "Von wem haben Sie den Auftrag?" Dahinter stand der Verdacht: "Vom Klassenfeind." Selbst wenn ich in Rechnung setze, dass es im kalten Krieg war, reagierten die SED-Genossen nicht nur überempfindlich, sondern regelrecht repressiv.

Wer sich nicht wegduckte, sondern für etwas engagierte, z.B. für die eigenen Überzeugungen und Interessen, wurde automatisch der widerständigen Bewegung zugerechnet bzw. der politischen Opposition.

Alles, was sich der Kontrolle entzog, war verdächtig. Und alles Verdächtige wurde von den Genossen des Ministeriums für Staatssicherheit überwacht. Dies war ein Teil der politischen Repressionen.

Funktionäre und sonstige Entscheider orientierten sich an den Vorgaben der Parteiführung, an den Klassikern des Marxismus/Leninismus und an anerkannten Autoritäten. Damals suchte ich intensiv die programmatischen Verlautbarungen der SED nach Formulierungen ab, die im Gespräch mit den Genossen verwendet werden konnten. Im Prinzip ist dies das Gleiche, wie das Absuchen der Bibel nach verwendbaren Textstellen. Manche Funktionäre waren so in ihrer Partei-Terminologie gefangen, dass sie auf Worte, wie "fair" oder "populär" aggressiv reagierten.
 

Missliebige Aktivitäten konnten auf vielfältige Weise behindert werden.

Für die Eintragung als Verein musste sich laut Vereinigungsordnung ein Fachministerium finden und den Antrag positiv beurteilen. Wenn der Antrag den Genossen nicht genehm war, fand sich kein Fach-Ministerium. Bei Publikationen wurde über die Druckgenehmigung Einfluss genommen sowie über die Papierzuteilung (Menge und Qualität).

Die Funktion der nicht vorhandenen Publikationen wurde teilweise ersetzt durch den "Buschfunk". Das ist die Bezeichnung für die persönliche, vorwiegend mündliche Weitergabe von Informationen. Dazu gehörten auch das Einschmuggeln und Verleihen von Büchern und Zeitschriften aus dem westlichen Ausland, dem NSW (Nicht Sozialistisches Wirtschaftsgebiet), aber auch die Weitergabe von Samisdat-Erzeugnissen. Samisdat waren Texte im Selbstdruck ohne Genehmigung.

In Berlin befanden sich alle Ministerien, das ZK (Zentralkomitee) und das Polit-Büro der SED. In einer strikten Hierarchie entscheiden untergeordnete Stellen möglichst nur mit Zustimmung der nächsthöheren Ebene. So auch in der DDR. In Berlin hatte ich die Chance mit den Entscheidungsträgern zu reden. Also kontaktierte ich die Ministerien.
 

Ich wurde mehrfach auf die Evangelische Kirche verwiesen.

Die Reduzierung auf den Bereich der Kirche wäre eine langfristige Ausgrenzung gewesen. Kirche war in der DDR "das Andere". Religion war in der DDR der wichtigste ideologische Gegenpol zum propagierten ML (Marxismus/Leninismus) und zog so Personen und Gruppen an, die nicht mit der Partei konform gingen. So bot die Evangelische Kirche widerständigen Gruppen eine Heimstatt, sogar Lesben und Schwulen. Diese Ausnahmestellung war der politischen Konstellation geschuldet. Die Partei glaubte mit Hilfe ihrer IM's (informelle Mitarbeiter) in der Kirche alles unter Kontrolle zu haben.

Meine Forderungen an und die Diskussionen mit Verfassungsexperten der Akademie der Wissenschaften (z.B. Prof. Weichelt), Vertretern der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam-Babelsberg, beim Politbüro und dem ZK der SED (Kurt Hager, Prof. Heuer etc.), bei der Bezirksleitung der SED und dem Magistrat von Berlin trugen dazu bei, dass sich Entscheidungsträger mit den aufgeworfenen Problemen beschäftigen mussten.
 

1945 war die Ausgangssituation für Ost- und Westdeutschland vom Prinzip her gleich.

Obwohl als Nebenwiderspruch angesehen, gehörte die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu den programmatischen Zielen der Linken und damit zur nach dem Krieg gegründeten SED. Zum Erreichen der Ziele wurde die gesetzliche Basis geschaffen und ergänzt mit diversen Richtlinien, Kampagnen und Fördermaßnahmen.

Im Unterschied zur BRD hatten Frauen in der DDR seit 1950 das Recht auf Berufstätigkeit, eheliche und nichteheliche Kinder waren gleichgestellt. Das Ehegattensplitting der BRD benachteiligt nichteheliche Kinder bis heute. In der DDR waren Betriebe und Kommunen angewiesen für adäquate Kinderbetreuungseinrichtungen zu sorgen, also für Kinderkrippen, Kindergärten, Schulhorte, Ferienspiele und Ferienlager. Diese Einrichtungen waren bezahlbar.

Wenn Frauen gleichberechtigt sein wollen, müssen sie eigenes Geld haben. In unserer Industriegesellschaft ist dies in aller Regel über Berufstätigkeit zu bekommen. Um berufstätig sein zu können, brauchen Frauen nicht nur eine entsprechende gesetzliche Basis, sondern auch geeignete Kinderbetreuungseinrichtungen, denn die Mehrheit der Frauen hat Kinder.

Hausfrauen haben kein eigenes Geld (welche erbt schon) und sind existentiell abhängig von ihren Ehemännern. Unverheiratete Frauen bekamen in der BRD bis Ende der 90er Jahre automatisch einen Amts-Vormund für das Kind gestellt, egal ob ledig, verwitwet oder geschieden. Das unterstellte den Frauen Unfähigkeit selbst Entscheidungen für das Kind zu treffen. Inzwischen wird der amtliche Vormund nur noch auf Antrag eingesetzt.

Der Mauerfall mit allen seinen Konsequenzen eröffnete zwar auch den Ost-Frauen neue Möglichkeiten für Reisen und Konsum, andererseits war es ein Rückschritt für die Frauen. Weil sich in der DDR keine eigenständige unabhängige Frauenbewegung entwickeln konnte, hatten die meisten Ost-Frauen zwar ein Alltags-Selbstbewusstsein, aber vielen fehlte das notwendige frauenpolitische Problembewusstsein. Konfrontiert mit den westdeutschen Regelungen und Gepflogenheiten ist es inzwischen bei vielen entstanden und gewachsen. Die westdeutsche Frauenbewegung fokussierte sich bis zum Mauerfall und noch danach auf Themen, die zwar ihre Bedeutung haben, den Ost-Frauen aber nicht unmittelbar existentiell erschienen. Mütter wurden zuwenig beachtet.

Da auch die linken Parteien männerdominiert sind, mussten eine CDU-Kanzlerin aus dem Osten und eine kinderreiche CDU-Ministerin aus dem Westen kommen, um gemeinsam eine Entwicklung anzustoßen, die auch den West-Frauen die Basis für eine gleichberechtigte Existenz schafft. Eine Entwicklung, die in einigen anderen europäischen Ländern längst vonstatten gegangen ist. Aber das Ziel ist erst erreicht, wenn die Arbeitswelt nicht mehr nach den Regeln der Macho-Männer funktioniert, sondern den Bedürfnissen von Müttern und Vätern Rechnung trägt.
 

Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, den Dr. Ursula Sillge im Jahr 2005 auf einer Konferenz in Magdeburg gehalten hat.

Dr. Ursula Sillge engagiert sich im Lila Archiv (externer Link).
 

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Ich möchte Dr. Ursula Sillge ausdrücklich danken, dass sie durch diesen Beitrag die unterschiedliche Entwicklung beiderseits der innerdeutschen Grenze mit einem Schlaglicht auf die Verhältnisse der DDR sichtbar und nachvollziehbar gemacht hat.

Eberhard Zastrau


Einen eigenen Text zur Entwicklung in Westdeutschland gibt es hier:
Schrittweiser Rückzug aus der Politik: Von der APO zum Tattoo

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Link zu Schäubles Rede vom 3. Juli 2007 und hier
der Link zu
»seinem Kampf«
(Schäuble-Rede
vom 3. Juli 2007)
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