Erlebnisbericht von Karli Damboldt
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Anfang Februar
1968 dampften wir mit dem Transport- und Verarbeitungsschiff ROS 317
"Junge Garde" von Rostock aus in das Fanggebiet vor Labrador.
Es war übrigens meine erste Reise auf diesem Schiff. Die Überfahrt
dauerte ungefähr 10 Tage. Als wir dort ankamen, erwarteten uns schon
die Spezial-Zubringertrawler, auch Spezi`s
genannt, mit vollen Übergabesteerten, die
wir gleich übernahmen. So konnte die Verarbeitung unverzüglich anlaufen.
Auch an den folgenden Tagen standen wir gut im Fisch. Wir arbeiteten
6 Stunden und hatten danach 6 Stunden Freiwache. Am 8. März verschlechterte
sich die Wetterlage. Es brieste stark auf, so um die 8-9 Windstärken, und dazu kam
noch eine sehr hohe Dünung. Die Übernahme der Schwimmsteerte
wurde dadurch immer schwieriger. Der letzte Steert
(ca.150 Korb Kabeljau), den wir aufgepickt hatten, wurde uns zum Verhängnis.
Während der Übernahme geriet der Stander in die Schiffsschraube, so
daß die "Junge Garde" manövrierunfähig war. Kurz
zuvor beendete ich meine Lukenwache. Zwei Spezi`s
versuchten, uns vom Packeis wegzuschleppen, was aber nicht gelang. Am frühen Morgen
des 9. März konnte die Schiffsschraube vom Übergabestander befreit
werden. Es war leider zu spät. Das Packeis hatte uns voll umschlungen,
und wir saßen fest. Unsere Schicht saß gerade beim Frühstück in der
Messe, als plötzlich ein unheimliches Geräusch durch das Schiff hallte.
Es gab einen lauten Knall und danach ein Knistern und Dröhnen als
würde das Schiff auseinander brechen. Unterhalb der Messe im Maschinenraum
drückte das Eis die Bordwand auf der Backbordseite ein. Es wurde gleich
Bootsalarm ausgelöst. Wir liefen auf unsere Stationen laut Rollenplan.
Wasser drang in den Maschinenraum ein, wodurch die Energieversorgung
zusammen brach. Black Out im Schiff! Der Notdiesel konnte auch nicht
gestartet werden, da keine Druckluft vorhanden war. Wir versuchten,
das Standardlecksegel über den Steven nach Mitschiffs ans Leck zuziehen,
was uns aber nicht gelang, da das Eis das Segel zerschnitten bzw.
zerrissen hatte. Der eisige Sturm, ich glaube wir hatten Temperaturen
um die minus 20 Grad, zehrte an unseren Kräften, aber wir versuchten
es immer wieder. Von den Spezi`s bekamen
wir auch einige Lecksegel. Als die an Deck lagen, waren es nur noch
Eisklumpen. Was sich zu dieser Zeit im Maschinenraum abspielte, kann
ich leider nicht schildern. Ich weis nur, daß
die Leute da unten teilweise bis zum Bauch im eiskalten Wasser standen.
Nach dem Wachwechsel sind wir total erschöpft mit samt den Wattesachen,
die man sonst im Tiefkühlladeraum trägt, in die Koje gefallen. Wir
hatten ja im Schiff fast die gleichen Temperaturen wie draußen. Am Morgen des 10.
März entspannte sich die Wetterlage. Der Wind drehte und driftete
das Eis auseinander, so daß wir von einem
Spezi frei geschleppt werden konnten. Erst jetzt wurde das Leck abgedichtet.
Mehrere Spezi`s schleppten nun die "Junge
Garde" nach St.John`s auf Neufundland.
Die vorderen Schleppverbindungen bestanden aus Ankerketten und achtern
aus zwei Schlepp- tauen. Während des Schleppens kamen wieder orkanartige
Stürme auf, wobei die Ankerketten rissen. Die Spezi`s
stellten immer wieder neue Schleppverbindungen her und versuchten,
die "Junge Garde" vom Eis fern zuhalten. Mit Glück im Unglück
erreichten wir am 18. März 1968 den Hafen von St.John`s,
wo eine einwöchige Notreparatur durchgeführt wurde. Der größte Teil
der Besatzung konnte per Flugzeug über Kopenhagen nach Berlin-Schönefeld
ausgeflogen werden. Anmerkung: Der Autor fuhr 24 Jahre in der Großen Hochseefischerei beim Fischfang Rostock zur See. Danke für diese tolle Geschichte, von der schon viele als Lehrlinge gehört hatten. |