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Eine Schwalbe von www.greekmidi.com

Virtueller Rundgang in Athen
Teil 9


Bei den alten Athenern



Scherbengericht
"Scherbe gegen Themistokles"
Und auf der anderen Seite war gerade hier auf der Agora der Platz für sehr viele und sehr bekannte Verfahren. Die Ausgrabungen hier haben Tausende von kleinen Scherben mit Namen darauf zu Tage gefördert, die berühmten Ostraka für ein einmaliges Verfahren in der Geschichte der Justiz. Der Ostrakismos (Scherben-Gericht) war eigentlich gar kein Gericht sondern eine Präventiv- Massnahme. Einmal im Jahr war es möglich, wenn sich die Mehrheit der Volks- Versammlung dafür war, dieses Verfahren durchzuführen. Es fand auf der Agora statt, die zu diesem Zweck mit Brettern zugemauert wurde und nur zehn Einlässe offen waren, eine für jeden Stamm. Die Scherben wurden abgezählt und nur wenn es mehr als 6000 davon vorhanden waren, wurde dann nach dem Namen auf den meisten Scherben gefahndet. Der betreffende musste dann die Grenzen Attikas fur 10 Jahre verlassen. Dabei war überhaupt KEIN Vorwurf gegen ihn erhoben worden. Deshalb wurde er auch nicht als Bestrafter behandelt. Seine Güter blieben ihm erhalten. Im Museum der Agora kann man viele solche Scherben bestaunen, teils mit wohl bekannten Namen wie Themistokles, Aristides etc. darauf.

Grenzstein Agora
"Grenzstein der Agora"
Und man wird auch feststellen können, dass bei vielen davon ganz offensichtlich derselbe Schreiber am Werke war! War es nun Manipulations-Versuch oder der Dienst eines Schreibers für die des Schreibens unkundigen Bürger ?!

Aber auch hier auf der Agora werden wir eines ebenso grossen Namens gewahr: Sokrates! Der grosse Philosoph, pflegte sehr gerne bei seinen Gesprachen sich in der Zeus-Stoa aufzuhalten, aber auch auf der gegenüber liegenden Seite, an der Süd-Stoa, die an der Grenze der Agora stand, und dort besonders die Werkstatt des Schusters Simon aufzusuchen. Viele seiner Schüler hatten nämlich noch nicht das erlaubte Alter zum Betreten der Agora. Und wenn wir etwas weiter in Richtung Akropolis gehen, werden wir auch den Gefängnis- Platz erreichen und die Zellen-Einteilung deutlich erkennen (s. auch meine Photo-Gallerie). In einer davon wurde ihm der Schierling-Becher gereicht. Im Museum sind einige solche Gift-Flaschen ausgestellt. Im Übrigen bietet das Museum einen ausgezeichneten (und nicht ermüdenden) Querschnitt aus dem Athener-Leben jener Zeiten mit Alltags- und Ritual-Geräten, Münzen, Gewichts-Massen etc.

INTERMEZZO:

Und um wieder mal vom Geld zu reden:
Die Einteilung des Athener Geldes war: 1 Drachme (4,36g Silber)= 6 Obolen, 1 Mine = 100 Drachmen, 1 Talent = 60 Minen, und es gab natürlich Unter- Einheiten der Obolen, ebenso wie Zweier-, Dreier-, Vierer- und Zehner-Drachmen.

Wenn wir nun dem Verlauf der ungewöhnlich breiten Panathenäen-Strasse folgen, die uns bereits am Kerameikos begegnet ist (s. auch Bild "Das zentrale Dreieck"), kommen wir zum oberen Eingang der Agora, der am Weg um die Akropolis liegt. Man kann sich die gewaltige Prozession vorstellen, die von ausserhalb Athens kommend bis hinauf zu dem Parthenon ging. Wir bleiben jedoch noch unten, denn gleich auf der rechten Seite erhebt sich an dieser Umlaufs-Strasse der Felsen des Areopag (Ares-Felsen). Und ich bitte Sie, wagen Sie sich nicht die Stufen hinauf, wenn Sie nicht WIRKLICH RUTSCHFESTE Schuhe tragen. Glatt-Eis ist Nichts dagegen! Auf diesem Felsen tagte das für Bluts-Vergehen zuständige Gericht. Hier oben war auch der Standort der skythischen Bogen- Schützen, die als Polizisten dienten und von hier aus die Agora ebenso wie die Pnyx gut übersehen und erreichen konnten. Auch hier oben soll der Apostel Paulus bei einer seiner Reisen an die Athener über den "unbekannten" Gott gepredigt haben.

Areopag
"Der Areopag-Felsen"
Man kann sich dies Alles allerdings vor diesem Haufen Steine and Trümmer kaum vorstellen, und der Grund, warum ich Sie hierauf begleitet habe, ist die wunderschöne Aussicht auf die Agora, auf die Propyläen und auf die Pnyx.

Und gerade der Pnyx, des Ortes der Volksversammlung, gilt unser nächster Besuch. Sie erreichen ihn, wenn Sie die kleine Strasse hinaufgehen, die auf der anderen Strassen-Seite zum Akropolis-Aufgang in Richtung Philopappos-Hügel führt. Sie kommen dort an eine sehenswerte kleine Kapelle, Agios Dimitrios, vorbei. Hier hinter der Kirche ist auch ein sehr nettes Cafe, wo Sie nach der Wanderung rasten können. Danach kommen Sie an den Eingang der "Ton und Licht"-Show (nicht unbedingt sehenswert), der aber geschlossen ist. Geben Sie aber nicht auf, gehen Sie am Zaunentlang und Sie kommen nach ca. 100-200 m an einer weit geöffneten Stelle, wo Sie hinein gehen können (keine Sorge, Sie tun Nichts Unrechtes!). Dort halten Sie geradeaus bis leicht nach rechts durch die Bäume und Sie stehen bald darauf auf der Pnyx. Und wundern Sie sich nicht, wenn Sie der (die) Einzige auf dem ganzen Gelände sind! Auf diesen Stufen stand also Perikles und andere grosse Politiker jener Zeit! Wenn Sie wieder zurück gehen, werden Ihnen kurz vor der Kirche einige Mauer- Reste direkt am Weg auffallen. Hier entlang verlief die Athener-Mauer. Der Besuch des Philopappos-Hügels auf der anderen Seite ist bis auf den schönen Blick auf die Akropolis nicht unbedingt lohnenswert (es sei denn, Sie können die russischen Graffiti, die mit dicker Farbe auf dem Monument in 3 m (!!) Höhe aufgetragen wurden, lesen).

Vom Hügel wieder herunter kommend, folgen wir nun der Hauptstrasse, die am Odeion des Herodes Attikus vorbei führt. Etwas weiter kommen wir dann zum Eingang in das Gelände des Dionysos-Theaters. Hier begegnen wir wieder Kultur-Geschichte pur! An diesem Platz fanden die Ur-Aufführungen der grossen klassischen Tragödien und Komödien statt. Allerdings ursprünglich sass das Auditorium direkt auf dem Boden, später, um 500 v.Chr., auf einem Holz-Gerüst und ab 490 v.Chr. auf terrassierten Erd-Stufen mit Holz-Sitzen.

Dionysos-Theater
"Das Dionysos-Theater"
Die heutige Form stammt erst aus dem Jahre 330 v.Chr und bot Platz für etwa 17 000 Zuschauer. Die Aufführungen waren nicht, wie heute, zur Unterhaltung der Zuschauer, sondern hatten religiösen und politischen Charakter. Sie fanden während der grossen Dionysien zu Ehren des Gottes Dionysos statt und dauerten 6 Tage. Die Aufführungen begannen morgens kurz nach Sonnen-Aufgang und während eines Tages wurden 4-5 Theater-Stücke aufgeführt! Es gab Pausen zwischen den einzelnen Stücken, die einzelne Tragödie oder Komödie jedoch wurde ohne Unterbrechung durchgespielt. Der erste Tag der Dionysien stand im Zeichen des Dionysos-Umzugs, der zweite Tag war den dithyrambischen Gesängen gewidmet und am dritten Tag stellten drei, spater fünf Dichter jeweils eine Komödie vor. Die drei folgenden Tage galten der Tragödie, wobei jeder davon ausschliesslich den Werken eines Dichters vorbehalten war, d.h. jeder Dichter musste eine Tragödien-Trilogie und ein Satyr-Spiel vorstellen!

INTERMEZZO:

Nicht, dass Du auf die Idee kommst, die Nachfahren der alten Athener seien nicht so sehr an Kultur interessiert! Durchblättern der lokalen Zeitungen mit seitenweise Auflistungen von Kinos, Theatern, Gallerien, Vorträgen und sonstigen Veranstaltungen wird Dich vom Gegenteil überzeugen. Es sind an die 400-500 solche Eintragungen zu finden. Freilich, wirst Du sagen, "als Ausländer habe ich doch nichts davon!", doch zumindest bei Musik-Veranstaltungen, Gallerien und den Kinos wirst Du kein Problem haben. Bei den letzteren wird nicht immer synchronisiert! Und auf die Frage "wohin gehen?" wirst Du zumindest einen groben Überblick in den fremdsprachigen Zeitungen

Athener Zeitung
und
Athens News

etliche Hinweise darüber finden.

Überhaupt war das Theater mit einer Art "Sponsoring" verbunden d.h. es wurden für bestimmte Ämter reiche Bürger ausgewählt, die mit ihrem Geld die jeweilige Funktion unterstützten (freilich es war auch eine Art Zusatz-Steuer fur die Reichen). Dazu gehörte die Choregie (Führung eines Chors), wobei der betreffende Bürger für den Unterhalt der für die Stücke eines Dichters notwendigen Schauspieler während der halbjährigen Probe-Zeit zu sorgen hatte. Die Auswahl von Hauptdarstellern, Zweit- und Dritt-Rollen, auch die Zuteilung der Hauptdarsteller zu den einzelnen Dichtern etc. wurden nach komplizierteren Los-Verfahren bestimmt, damit den Autoren Chancen-Gleichheit zugesichert wäre. Es war immerhin eine grosse Ehre bei diesen Wettbewerben gewonnen zu haben, wobei die Ermittlung des Siegers ebenfalls nach komplizierten Regeln ermittelt wurde, um die Gefahr unredlicher Absprachen zu beseitigen.

Herodes-Attikus-Theater
"Vorstellung im Herodeion"
Es wurden jeweils drei Preise verliehen, dem Dichter, dem Choregen und dem Haupt-Darsteller. Sie bestanden in einem einfachen Efeu-Kranz und nur die Sieger bei den Dithyramben erhielten einen Dreifuss, den sie dann zur Schau stellten, woraus dann die Dreifuss-Strasse entstand und genau den gleichen Verlauf hatte wie die heutige gleichnamige Strasse (Tripodon Str.) in der Plaka. Ein Überbleibsel davon ist das Lysikrates-Monument, gleich am Anfang der Tripodon Strasse. Von diesen Preisen sind freilich die Ehrengelder für Dichter und Haupt-Darsteller zu unterscheiden!

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