|
|
||||||||
|
Das A und O der Steherei
|
||||||||
|
Der Hintere muss machen was der Vordere will Stehen kann praktisch die ganze sechs Milliarden Personen umfassende Menschheit und mit Ausnahme der Fische, Schlangen und Echsen fast die gesamte Fauna. "Stehern" aber können nur ein paar Dutzend Männer. Das "Stehern" ist den nämlich nur echten Kerlen, eben den "Stehern", vorbehalten. Men only, Frauen dürfen nicht. Der erste Steherweltmeister wurde in Chicago erkoren und war deshalb Amerikaner. Für die Europäer lagen die USA zu fern. Doch schon zehn Jahre später steherte in Kopenhagen ein Schweizer zum Triumph. Edmond Audermars aus Le Brassus, der 1912 als tollkühner Pilot mit Rekordflügen in die Aviatikgeschichte einging, eröffnete die Liste der Schweizer Steherweltmeister. Fritz Ryser, Paul Suter, Walter Bucher, Max Hürzeler und Peter Steiger imitierten ab 1908 den Waadtländer, ehe die Steherei 1995 mangels Interessenten aus dem WM-Programm verschwand. Seit 1893 wird also an Rad-Weltmeisterschaften zwischen Stehern und Sprintern differenziert. Der Unterschied ist einfach. Die Sprinter sind diejenigen, die auf dem Velo stillstehen, um dem Gegner die für den Endkampf ungünstige Führungsposition aufzudrängen (längster Stillstandversuch 9 Stunden, 15 Minuten), derweil die Steher sprinten bis sie siegen oder von der Rolle fallen. Sprinter stehen, Steher sprinten - logisch, oder?. Der Duden weigerte sich, diese simple Definition zu akzeptieren, dafür übernahm er "von der Rolle kommen" in unseren Sprachschatz, was von der enormen linguistischen Bedeutung der Steherei zeugt. Zu jedem der Jahr für Jahr rarer werdenden Steher gehört ein Schrittmacher. Er besitzt ein mit erwähnter Rolle versehenes Motorrad. Der Schrittmacher macht nicht, wie der Name vermuten lässt, Schritte. Und er bewegt sich auch nicht, wie der Name neuerdings vermuten lässt, im Schritttempo vorwärts. Nein, er pressiert! Mit Machenschaften hat die Schritt-Macherei trotz anderslautenden Gerüchten ebenfalls nichts zu tun. Schrittmacher sind aufrechte Menschen. Während sich die Hinterleute sitzend dem Ziel entgegen quälen, stehen die Schrittmacher auf den Fußrasten ihrer Vehikel, wodurch sie erstens größer scheinen als sie sind und zweitens ihren gebeugten Schützlingen möglichst viel Wind wegnehmen. Wie in der Politik muss der Hinterbänkler machen, was der Vorderbänkler will. Der Hintere kann nur spurten, wenn der im luftundurchlässigen braunen oder schwarzen Lederkostüm steckende Vorarbeiter damit einverstanden ist. Schrittmacher (Fachjargon Kohlensäcke) pflegen vor den Rennen gelegentlich untereinander Gedanken auszutauschen, wofür Kaiser Vespasian vor 2.000 Jahren das Bonmot "non olet" prägte. Die Hörfehler der Schrittmacher Wegen der von ruhebedürftigen Rennbahnnachbarn nicht sonderlich geliebten nächtlichen Motorengeräusche stoßen taktische Besprechungen zwischen Steher und Schrittmacher während des Wettkampfs auf akustische Schwierigkeiten. Im Gegensatz zu Dichtern und Schriftstellern, deren Vokabularien einige tausend Worte umfassen, begnügt sich die Steherei mit zwei Buchstaben. Ruft der Rennfahrer A wie "allez" oder "avanti", ist er fit und möchte beschleunigen. Schreit der inzwischen müde gewordene Treter "O" wie "obersauer", "ohnmächtig" oder "ozonlochgeschädigt", sollte der Mann auf dem Motorrad langsamer werden. Weil jedoch Schrittmacher zuweilen die beiden Vokale verwechseln (Fachjargon "Kombine"), glauben hellhörige Zuschauer etwas zu merken und sind verärgert. Selbst erfahrene Ohrenärzte mit mehrjähriger Praxis waren bisher nicht in der Lage, die Hörfehler der Schrittmacher zu heilen. Die vom internationalen Radsportverband UCI verfügte Abschaffung der Steher-Weltmeisterschaft relegierte diese Sportart ab 1995 zwar in die zweite Liga, zwang sie aber noch nicht endgültig in die Knie. Die Steherrennen verursachen nach wie vor Nervenkitzel gehobener Qualität und heben den Adrenalinspiegel. Bei einem Rollenabstand von 90 cm werden Höchstgeschwindigkeiten bis zu 95 km/h realisiert. Einige Schrittmacher vom alten Schrot und Korn haben überlebt, halten sich an die Sitten ihrer Ahnen und sorgen wie einst zur Blütezeit dieser attraktivsten Radsportdisziplin doppelt hochfahrend für Highlights. Hochfahrend im Sinn von aufbrausend und hochfahrend in den Kurven solcherart Überholmanöver nicht genehmer Konkurrenten verhindernd. Die Augenzeugen dieser riskanten Scharmützel
gehören drei verschiedenen Publikumskategorien an. "Kategorie
arglos" glaubt an das Gute im Menschen (Schrittmacher), üb`
immer Treu und Redlichkeit. "Kategorie skeptisch" sieht das
Gras wachsen und wittert Abmachungen. "Kategorie allwissend"
sieht und hört das Gras wachsen und wettert über Abmachungen.
Die Schimpfthiraden gehen im Motorenlärm unter, die Schrittmacher
überhören ihre Kritiker. Aus dem im Silva-Verlag erschienen Buch
"Schweizer Radsport gestern, heute, morgen". Velogeschichte,
Velogeschichten, von Sepp Renggli.
|
||||||||