-Zeitungsartikel Neue Wernigeröder Zeitung / Elbingeröder Harzbote-

 

 

Der Bomshai-Stollen

 

Bevor im Jahr 1994 das sogenannte „Wasserhäuschen" am Rodelhang in Elbingerode abgerissen wurde, war wohl nur noch wenigen Elbingerödern bewußt, daß sich darunter das Mundloch des Bomshai-Stollens befand.

Dieser Stollen diente ehemals zur Wasserlösung der in den Revieren Bomshai und Tännichen bauenden Eisensteinsgruben. Als Bomshai wird heute noch das Waldgebiet bezeichnet, welches durch den kleinen Bach hinter dem Mutterhaus und jenem, der am Hirschbrunnen entspringt, begrenzt wird. Es ist vermutlich als das zur Bohms-Mühle (ehemals erste Mühle im Mühlental in Richtung Rübeland) gehörige Waldgebiet anzusehen und somit vom Familiennamen Bohm abgeleitet.

Nachdem in den Revieren Bomshai (Baumshey, Bohman´s Hey, Bohmshey, Bohmshay) und Tännichen (Dönnichen, Tönnichen) schon seit Jahrhunderten Eisenerz im Pingenweitungsbau gefördert worden war, stand man bereits 1667 vor dem Problem, daß die anfallenden Grubenwässer ein ganzjähriges Arbeiten unmöglich machten. 1669 wurde erstmals der Bau eines Wasserlösungsstollens vorgeschlagen. Dennoch sollte es mit dem Baubeginn noch bis 1779 dauern. Verschiedene Varianten wurden erwogen, so unter anderem den Vortrieb des Stollens bis zum Büchenberg, dessen Gruben ebenfalls mit starken Wassern zu kämpfen hatten. Dazu hätte der Stollen jedoch erheblich tiefer und weiter in Richtung Elbingerode angesetzt werden müssen. Aus Kostengründen entschied man sich für die billigste Lösung und setzte ihn am Zusammenfluß der beiden kleinen Bäche an. Der Stollen besaß insgesamt vier Lichtlöcher, so daß er teilweise im Gegenortbetrieb aufgefahren wurde. Die Schachthalde des ersten Lichtloches, welches sich ca.50 m hinter der Jugendherberge befand, ist auch heute noch unschwer auszumachen.

Im Jahre 1800 erreichte der Stollen die Grube Tobias Ehrt, dies war die erste Grube die jetzt durch den Stollen trocken war. Bis 1823 wurde der Stollen vollständig fertiggestellt.Hiervon zeugt eine in die Trockenmauerung eingelassene Steinplatte, die sich heute in der Elbingeröder Heimatstube befindet. Sie trägt folgende Aufschrift:

 

DIE MAUERUNG IST

IM JAHR 1823 BEENDET

I.C.H.NEUMANN

OBERSTEIGER

E.B.SCHNEEMILCH

BERG (M.U.MAURER ?)

Die Gesamtlänge des Stollens einschließlich der drei Flügelorte läßt sich nur schätzen. Im Westen erreichte er die mittlerweile verkippte Pinge vor dem Hirschbrunnen, im Osten verläuft er unter dem Gelände des ehemaligen Pionierlagers. Am ersten Lichtloch bringt der Stollen eine Teufe von 25 m ein, an der ehemaligen Pinge am Hirschbrunnen ca.30 m. Einen ungefähren Überblick über seinen Verlauf gibt der entsprechende Ausschnitt einer handgefertigten Skizze des Hüttengeschworenen Holzberger aus dem Jahr 1868, in der die Eisensteinlager des Amtes Elbingerode dargestellt sind:

 

 

 

Stollenverlauf nach Holzberger (1868)

 

 

 

Das Ende des Eisenerzbergbaus nicht nur im Bomshaier Revier wurde im Jahr 1867 eingeläutet. Der über drei Jahrhunderte funktionierende Eigenlehnerbergbau hatte sich zu Beginn des Industriezeitalters überlebt und wurde nach dem verlorenen Krieg von 1866 mit der Einführung des „Allgemeinen Preußischen Berggesetzes" im ehemals hannoverschen Amt Elbingerode abgeschafft. Aus Eigenlehnern wurden Eigentümer, die mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln nicht in der Lage waren, ihre überschuldeten Betriebe weiterzuführen. Das vom Bergamt betriebene staatliche Direktionsprinzip, das den Eigenlehnern ein zwar kärgliches aber doch sicheres Zubrot eingebracht hatte, das den Bau des Bomshai-Stollens erst möglich gemacht hatte, gleichzeitig jedoch mit seinen Eingriffen auch den Fortbestand unrentabler Betriebe unterstützt hatte, wurde durch private Marktwirtschaft ersetzt. (Parallelen zur Wende 1989 sind nicht von der Hand zu weisen.) Innerhalb weniger Jahre waren fast alle Gruben an auswärtige Kapitalgesellschaften verkauft, die den Traum vom schnellen Geld jedoch auch bald ausgeträumt hatten. Der rasante technische Fortschritt in der Eisenhüttenindustrie ging am Harz völlig vorbei.

Mit der Einführung neuer Verfahren zur Stahlherstellung (Thomasbirne) ließen sich nun auch im großen Maßstab die phosphorhaltigen Eisenerze im verkehrsmäßig bereits gut erschlossenen Raum Peine/Salzgitter nutzen. Dort entstanden in unmittelbarer Nähe der Erzlagerstätten moderne Hüttenwerke. Während hierhin schon die ersten Kokszüge aus dem Ruhrgebiet rollten, mußten die letzten Eisenhütten des Harzes ihre Hochöfen immer noch mit Holzkohle beschicken.

Erstaunlich lange, weil staatlich betrieben und auf „Nischenprodukte" ausgerichtet (schwefelarmes Holzkohlenroheisen zur Herstellung von Hartguß, u.a. für die Grusonschen Werke in Buckau, für die Geschützgießerei in Spandau sowie für Krupp in Essen), konnte sich die Rothehütte mit dieser veralteten Technologie halten. Sie erhielt ihre Erze weiterhin aus dem Tännicher Revier. Das Hüttenamt selbst betrieb dort für den Eigenbedarf die Grube Tönnchen-Andreasberg-Rößling. Die Fördermenge war gering, im Jahr 1881 betrug sie noch 1014 t, im Jahr darauf nur noch 669 t.

In der Erläuterungsschrift zur geologischen Karte, Blatt Elbingerode, von O.H.Erdmannsdörfer aus dem Jahr 1926 sind einige geologische Ausführungen zum Bomshaier und Tännicher Revier gemacht:

Demnach trat im Bomshai überwiegend Roteisenstein und Magneteisen auf, beide z.T.stark verkieselt. Im Tännichen wurden drei flach liegende, zwischen 3-5 m mächtige Lager abgebaut. Bei den beiden zuunterst liegenden handelte es sich um kalkigen Roteisenstein von durchschnittlich 27-30% Fe-Gehalt, während das hangende Lager ein gut abzubauender Brauneisenstein war („Butter und Schmalz" der Bergleute). Durch die kalkigen Beimengungen und das fast gänzliche Fehlen schädlicher Bestandteile konnte das Erz direkt ohne Zuschläge verhüttet werden.

Bis zum Jahr 1925 sollte der Bomshai-Stollen seine Funktion als Wasserlösestollen noch erfüllen. Dann wurde auch auf der Rothenhütte die Roheisenerzeugung eingestellt und der letzte mit Holzkohle beschickte Hochofen des Harzes ausgeblasen.

In der Zeit nach dem Ende des Bergbaus wurde der Bomshai-Stollen relativ früh für wasserwirtschaftliche Zwecke genutzt. Dieser Umstand hatte auch die Umbauung des Stollenmundlochs mit dem anfangs erwähnten „Wasserhäuschen" zur Folge, was den Stollen für viele in Vergessenheit geraten ließ. Nachdem sich besagtes Häuschen in einem desolaten Zustand befand, wurde es 1994 abgerissen, und der Stollen kam wieder zum Vorschein. Die Idee, ein weiteres Trinkwasserreservoir für Elbingerode zu schaffen, wurde erneut aufgegriffen und eine Staumauer im Stollen sowie ein kleiner Fahrschacht von der Eisensteinstraße aus angelegt. Leider rächten sich jetzt die Sünden der Vergangenheit. Jahrelang waren die Pingen, deren Wasser der Stollen auffängt, zu DDR-Zeiten als Schuttkuhlen benutzt worden. Man hatte sich noch nicht einmal gescheut, die unmittelbar vor dem als Naherholungsgebiet deklarierten Hirschbrunnen liegende Pinge (legal !) mit Müll völlig zu verfüllen. Man braucht nicht weiter darauf eingehen, warum das im Stollen gespeicherte Wasser keine Trinkwasserqualität besitzt. So wird es heute nur zur Speisung des knapp 200 m entfernten Naturbades benutzt, welches dadurch den Ruf hat, einer der kältesten Badeteiche des Harzes zu sein.

Das Stollenmundloch selbst wurde von der BEWA mit einer soliden Tür gesichert und zum Schutz der rodelnden Kinder mit einer Mauer und einem Geländer versehen. Als i-Tüpfelchen sollte über dem Mundloch der oben erwähnte Stein mit der Inschrift von 1823 eingesetzt werden, nachdem jedoch bereits am Augustenstollen der Versuch unternommen wurde, den Teufstein zu stehlen und dieser dabei schwer beschädigt wurde, einigte man sich darauf, ihn lieber in der Heimatstube auszustellen.

Nachdem dieser etwas unfertige Zustand bereits seit 1995 andauerte (das Loch in der Mauer war ja bereits vorhanden !) nahm sich im vergangenen Jahr der Verein „Freunde des Eisenerzbergbaus Büchenberg" der Sache an. Im April 2000 wurde das Mundloch mit einem neuen Stein und einer Informationstafel, auf der man einige Fakten zum Stollen erfahren kann, komplettiert. Am 1.Mai fand die feierliche Einweihung statt, von der leider nur wenige Elbingeröder Notiz nahmen. Der Stein wurde von der Elbingeröder Steinmetzfirma Lichtblau unentgeltlich angefertigt, besteht aus grünem Dolomit und trägt die Aufschrift BOHMSHAY-STOLLEN sowie Schlägel und Eisen (Dabei wurde auf die originale Schreibweise zurückgegriffen, die im Teufstein noch schwach erkennbar ist.).

Anlaß für die Aktion war das damals 5-jährige Bestehen des Vereins, der sich hiermit nochmals herzlich bei Kurt Lichtblau für seine spontane Hilfe bedanken möchte.

 

 

Frank Peters

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