Traueransprache von Pfarrer Bayerhaus
Liebe Eltern und Geschwister von Thomas, liebe Katrin, liebe
Angehörige und Freunde, liebe Trauergemeinde!
Noch können wir alle es gar nicht richtig fassen und
begreifen, dass Thomas tot sein soll. Der gleiche Thomas,
der immer für Leben und frischen Wind gesorgt hatte.
Der vor Ideen oft nur so sprühte und ständig - oft
gemeinsam mit seiner Katrin und Freunden - auf Tour war.
Und jetzt soll er nicht mehr da sein?
Die Nachricht von dem furchtbaren Unglück an der Zugspitze
war für uns alle ein Schock. Am schlimmsten aber trifft
es natürlich die Verlobte Katrin, die Eltern und die
Geschwister. Ihnen gilt darum heute unser besonderes Mitgefühl!
Gewiss, Thomas war irgendwo ein Abenteurer und es hätte
vielleicht auch gar nicht zu ihm gepasst, irgendwann im hohen
Alter sein Leben auf einer Fernsehcouch liegend ausklingen
zu lassen.
Ich könnte mir ganz gut vorstellen, dass der Wunsch von
Reinhard Mey auch sein eigener war: "Wie ein Baum, den
man fällt, eine Ähre im Feld, möcht' ich im
Stehen sterben!"
Aber als dann tatsächlich im Stehen starb, war er ja
gerade mal dreißig!
Er und Katrin hatten schon für ihre Hochzeit im Sommer
geplant! Die Einladungen waren schon überall verteilt.
Und es scheint wie eine bittere Ironie des Schicksals, dass
die Füße der beiden auf dem Foto der Hochzeitseinladung
auf Steinen platziert waren, Steine, die unter der Schneewächte
auf dem Jubiläumsgrad gefehlt haben.
Da war nichts. Keine Steine, kein Fels - nur der Abgrund.
Und doch, das Foto mit diesen herzförmigen kleinen und
größeren Steinen hatte sein Recht und seine Bedeutung.
Denn Ihre liebe schien tatsächlich auf Felsen zu stehen.
Über sieben Jahre waren Sie, Katrin, mit Thomas befreundet
gewesen und nicht zuletzt auch durch ihren gemeinsamen Glauben
waren Sie immer stärker zusammen gewachsen.
Manchmal - so haben Sie mir erzählt - hatten Sie beide
geradezu das Gefühl, dass der Himmel zu ihnen herab auf
die Erde gekommen sei.
So stark empfanden Sie das gemeinsame Glück. Als Vorgeschmack
auf die Ewigkeit. Und weil wahre Liebe nie für sich bleibt,
hatten viele andere auch noch in Ihrem Herzen und in Ihrer
Beziehung Platz und waren darum auch bei euren Unternehmungen
mit einbezogen.
Für die Zeit nach der Hochzeit hatten Sie sogar einen
3-monatigen Missionseinsatz auf einem anderen Kontinent
geplant. Beides war euch wichtig, die mitmenschliche Liebe
und die Liebe Gottes. Und Sie wussten, dass beides auch zusammengehört.
Und Thomas hatte ja besonders auch eine enge Bindung zur Familie
zu den Geschwistern Anja und Frank und zu den Eltern. Erst
kurz vor Weihnachten war das wieder deutlich zu spüren,
als Sie, Herr Häfner schwer erkrankt waren. Aber die
Familie war da und hielt zusammen!
Und jetzt dieser harte und grausame Schnitt.
Dabei war die Tour von der Zugspitze über den Jubiläumsgrat
hinüber zur Alpspitze ja kein purer Leichtsinn gewesen,
kein unkalkulierbares Risiko.
Manche von uns haben sich das natürlich schon gefragt:
Warum muss der ausgerechnet im Winter auf die Zug spitze zum
Bergsteigen? Bei dem Schnee?
Aber genauso, liebe Trauergemeinde, können wir uns auch
fragen: Warum gehen manche alten Menschen selbst bei glatter
Straße zur Post?
Oder schauen wir auf uns selbst:
warum steigen wir nicht wenigstens im Winter auf den Bus um,
wo Jahr für Jahr so viele tödliche Unfälle
passieren? Weit mehr als in den Bergen?
Und Thomas hatte aufgrund seines Umweltbewusstseins immer
einen sparsameren Gebrauch vom Auto als andere gemacht!
Nein, es wäre falsch ihm hier Vorwürfe machen zu
wollen.
Ihnen, den Eltern wurde auch von der Bergwacht ausdrücklich
bestätigt, dass Thomas und sein Freund Sammy keineswegs
leicht- fertig mit ihrem leben umgegangen waren.
An diesem Tag herrschte schließlich strahlender Sonnenschein
und beste Sicht. Thomas und Sammy waren gut ausgerüstet
und beide sehr erfahrene Bergsteiger.
Und dann zeigten ja auch Spuren im Schnee an, dass gerade
erst jemand diese Tour vor ihnen gemacht hatte. Anscheinend
galt es nur, dieser Spur zu folgen.
Aber sie war dann doch trügerisch. Sie führte nämlich
über einen Schneeüberhang, eine so genannte Wächte,
die beim Bergsteiger vor ihm offensichtlich noch genügend
Festigkeit gehabt hatte. Bei Thomas aber brach er dann ab
und riss ihn vor den Augen des Freundes in die Tiefe.
Worte können nicht beschreiben, was in den Eltern und
in den Geschwistern vorging und natürlich in Katrin,
als die Nachricht sie ereilte.
Und mir selber ging es so, dass ich zu meiner Frau sagte:
"Ich kann zu Häfners nicht alleine gehen, du musst
dabei sein!" Was sagt man denn, was tut man denn, wenn
man - auch als Pfarrer - mit namenlosen Leid konfrontiert
wird? Und ich musste daran denken, wie es den drei Freunde
Hiobs erging, als sie vom plötzlichen Tod seiner Kinder
erfahren hatten.
Sie nahmen sich vor, ihn gemeinsam zu trösten und gingen
hin
Aber dann heißt es in Hiob 2:12:"Als sie nun
ihre Augen von ferne erhoben, erkannten sie ihn nicht wieder
und sie hoben laut zu weinen an ... und sie setzten sich zu
ihm auf die Erde sieben Tage und sieben Nächte lang,
ohne dass einer auch nur ein Wort zu ihm redete; denn sie
sahen, dass ihn der Schmerz überwältigt hatte"
(Hiob 2:12f.)
Ja, liebes Ehepaar Häfner, als Sie sich vor einem halben
Jahr berei1 erklärt hatten, bei unserem ehrenamtlichen
Mesnersdienst mitzu- machen und Sie, Herr Häfner. dann
in die Glockenprogrammierung eingewiesen wurden, konnten Sie
noch nicht ahnen, wie bald diese Glocken für ihren eigenen
Sohn läuten würden.
Und doch - es sind ja nicht einfach nur Totenglocken, die
heute läuten!
Nein, dieses Geläute soll uns auch an diesem Tag des
Abschieds daran erinnern, dass es eine Welt jenseits unserer
erfahrbaren, oft so grausamen und gnadenlosen Welt gibt. Die
Welt Gottes. Eine andere Realität. Die Ewigkeit.
Und sie wollen uns ins Bewusstsein läuten, dass unsere
Zeit in seinen Händen steht.
Das ist der tiefere Grund, warum unsere Glocken auch sonst
- fast penetrant! - jede viertel, jede halbe, jede dreiviertel
und jede volle Stunde läuten, weil wir das sonst im Alltagsgetriebe
und in all unseren Sorgen und Ängsten und unserem Kleinglauben
immer wie- der vergessen würden, nämlich, dass unsere
Zeit in seinen Händen steht.
"Meine Zeit steht in deinen Händen ".
(Ps 31: 16)
So tröstete sich schon damals König David, als er
Todesangst aus- stehen musste, als er von Feinden verfolgt
und bedrängt wurde: "Meine Zeit steht in deinen
Händen".
Das gilt in jedem Fall. Und diesen Händen können
wir wahrlich trauen!
Und liebe Trauergemeinde darum glauben wir als Christen auch
daran, dass selbst wenn Thomas am vergangenen Samstag 500
Meter tief in den Abgrund stürzte, er unten einfach nur
in die Arme Gottes gefallen ist.
Vielleicht nicht ganz so schonend, dass dies danach auch äußerlich
erkennbar gewesen wäre - aber wir dürfen ihn jetzt
dort wissen.
Gut aufgehoben. Geborgen.
In einer viel besseren Welt.
Und lassen Sie uns gemeinsam auch einfach daran glauben, dass
Thomas - wie damals der junge Samuel im Tempel, als Gott ihn
rief - auch sagen konnte: "Siehe,
hier bin ich! Du hast mich gerufen."
Familie Häfner hatten sich gewünscht, dass dieses
Wort aus dem 1. Samuelbuch über der Traueransprache stehen
sollte. Und ich denke, dass es wirklich auch ein Wort ist,
das zu Thomas passt.
"Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen.
"
So sagte damals der junge Samuel zunächst zum alten Propheten
Eli, als dessen Helfer er im Tempel aufwuchs. Im Haus Gottes.
Seine Eltern hatten ihn nämlich Gott zurückgegeben.
Sie taten es freiwillig. Aus lauter Dankbarkeit, dass der
bisher un- fruchtbaren Mutter doch noch eben dieser Samuel
geschenkt wurde.
Anfangs konnten sie ihn ja auch noch im Tempel besuchen. Ob
es aber später jemals wieder eine Begegnung zwischen
Sohn und Eitern und auch seinen Geschwistern gegeben hat,
die nach ihm geboren wurden, wissen wir nicht.
"Siehe, hier bin ich! Du hast mich
gerufen. "
Samuel gehörte jetzt nicht mehr seiner Familie, er gehörte
jetzt Gott!
"Siehe, hier bin ich! Du hast mich
gerufen." Gewiss - schon damals, als diese Stimme
im Tempel zu hören war, begriffen zunächst weder
der alte Priester Eli noch Samuel selbst gleich, dass es tatsächlich
Gottes Stimme war, die da zu Samuel geredet
hatte. Und auch wir, heute in dieser Kirche, tun uns wahrscheinlich
schwer damit, dass es wirklich Gottes Stimme
sein soll, die Thomas herausgerufen hat, mitten aus seinem
quirligen Leben.
Wir sehen darin keinen Sinn.
Auf der anderen Seite: was verstehen wir schon davon, was
für Gott Sinn macht und was nicht?
Vielleicht reicht es ja für uns zunächst einfach
mal aus, zu wissen, dass es jedenfalls gut zu Thomas passen
würde, so etwas zu sagen: "Siehe, hier bin ich!
Du hast mich gerufen."
Gott war ja schließlich kein Fremder für ihn, sondern
war ihm sehr nah.
Für ihn und seine Verlobte war der gemeinsame Glaube
etwas sehr Verbindendes. Nicht zuletzt zeigte sich das darin,
was ihr gemeinsame Hauskreis in Schwäbisch Gmünd
beiden bedeutete.
"Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen."
Dieses Wort im Mund von Thomas können wir uns schon vorstellen.
Er war es ja auch im mitmenschlichen Bereich gewohnt, zu kommen,
wenn er gerufen wurde.
Wo immer er gebraucht wurde.
Wir wissen ja, dass Thomas ein großes Herz für
diejenigen hatte, die ein kleines Herz haben.
Für die Schwachen und Benachteiligten in diesem Leben.
Und es war sicher kein Zufall, dass er seinen Zivildienst
gerade auf dem Sonnen hof machte. Er war einer der Wegbereiter
in der Kooperation zwischen dem Jugendwerk in Hall und der
Offenen Hilfe des Sonnenhofs. Es war ihm wichtig, dass auch
Behinderte erfahren sollten, dass auch sie etwas können
und dass auch sie etwa schaffen. Thomas entwickelte da einen
großen Ehrgeiz.
Auch wenn das Jugendwerk rief, weil jemand für Kanufreizeiten
z Bsp. in Schweden gebraucht wurde. Thomas Antwort war immer
"Hier bin ich!"
Wenn der Posaunenchor ihn brauchte, wo er mehrere Jahre mitgespielt
hatte, hier in Hessental und später in Heidenheim. Seine
Antwort war: "Hier bin ich!"
Wenn der Vater Hilfe im Betrieb benötigte, oder die Geschwister
seinen Zuspruch - selbst wenn kein lauter Ruf zu hören
war. Thomas spürte das oft auch so. "Hier bin
ich!"
Mit M.U.T. war Thomas in Rumänien, um auch dort zu helfen,
Menschen, die er gar nicht kannte. "Siehe, hier bin
ich!" Allerdings wollte er gar nicht, dass die Leute
dabei so sehr auf ihn schauen. Auf Lob und Dank legte er nämlich
herzlich wenig Wert. Er war ein eher praktisch veranlagter
Mensch. Hauptsache er war da und konnte was helfen.
Zu einem Heiligen machte das Thomas natürlich noch nicht.
Er konnte durchaus - wie viele kreative Menschen - in manchem
recht unbekümmert sein. Zum Beispiel was Pünktlichkeit
oder Ordnung anbelangte. Oder wenn es galt, aktiv an der Gondel
Schlange zu stehen, wie der das nannte.
Und den Lockruf der Klettergebiete in der Pfalz oder im Elsaß
hörte er schon zu Studienzeiten oft lauter, als den Ruf
der Pflicht. Wenn die Sonne schien und dann auch noch Wochenende
war, hielt ihn nichts mehr. Und so war auch der Hauptgrund
für die Wahl seiner letzten Arbeitsstelle bei ZF in Schwäbisch
Gmünd neben der Nähe zu Hall und seiner Familie
vor allem die guten Klettermöglichkeiten dort!
Das Schwabenalter mit seiner Weisheit hatte er eben noch nicht
er reicht...
Allerdings konnte er auch seine Fähigkeiten als Diplom-Ingenieur
in der Lenktechnik sehr wohl einschätzen. Und er wusste
darum, dass er sich um seine berufliche Zukunft wahrlich keine
Sorgen machen musste.
Als er noch Student in Karlsruhe war, hatte keine geringere
Firma als BMW ein Auge auf den begabten jungen Mann geworfen,
der es sich leisten konnte, zwei Semester glatt zu überspringen.
Recht unbekümmert war Thomas auch im Hinblick auf sein
Äußeres.
Er war eher ökomäßig veranlagt und immerhin
schon 27 Jahren alt, als er sich das erste Mal in seinem Leben
- und das nur auf entsprechenden Druck hin - einen Schlips
um seinen Hals hängte.
Viel weiter kam er damit allerdings vorerst mal nicht, weil
er nicht wusste, wie man ihn festbindet. Außerdem besaß
er keinen passen- den Anzug dazu.
Aber, liebe Trauergemeinde, wer sagt denn, dass man den Ernst
des Lebens erst dann begriffen hat, wenn man sich entsprechend
seriös anzieht?
Hatte Thomas mit seinen 30 Jahren nicht viel mehr von der
Kostbarkeit des Lebens, von der grandiosen Schönheit
der Natur und der Herrlichkeit ihres Schöpfers begriffen,
als so mancher mit achtzig? Und ich denke, es ist durchaus
ein starker Trost, zu wissen, dass er in einem sehr sehr glücklichen
Augenblick gestorben ist - denn kurz zuvor waren Sammy und
er überwältigt vom grandiosen Bergpanorama stehengeblieben,
um diesen Anblick in sich aufzusaugen.
Und hatte er nicht mit seinen dreißig Jahren mehr und
intensiver Liebe gekostet und auch weitergegeben, als viele
andere die doppelt und dreimal so alt geworden und dann verbittert
gestorben sind? Es kommt doch nicht darauf an wie lange
man lebt, sondern wie man lebt.
Ludwig Hofacker war auch nur dreißig geworden und hinterließ
doch als bedeutendster Erweckungsprediger Württembergs
eine gewaltige Segensspur.
Jesus selbst wurde kaum älter als dreißig und was
wir von ihm wissen, beschränkt sich im wesentlichen auch
noch auf einen Zeitraum von drei Jahren. Aber er hat die Welt
verändert.
Und, es wäre auch im Hinblick auf Thomas falsch zu glauben,
dass er das leben erst noch vor sich hatte.
Nein, er hatte schon viel, sehr viel leben hinter sich.
Ich glaube darum auch nicht, dass es ihm recht wäre,
wenn wir uns in unseren Gedanken und Gefühlen festhängen
an die Vergangenheit und all dem nachtrauern, was nun nicht
mehr sein wird.
Ich denke vielmehr, dass es ihm von seinem Glauben wichtig
wäre, dass wir selbst auch das Wort
des Samuel eines Tages nachsprechen können. "Siehe,
hier bin ich! Du hast mich gerufen. "
Wenn unsere eigene Stunde geschlagen hat und wir vor unserem
Schöpfer stehen. "Siehe, hier bin ich! Du hast
mich gerufen."
Gott ruft uns alle.
Jeden zu einer anderen Stunde. Von der Ewigkeit her betrachtet,
wird es eines Tages reichlich egal sein, ob wir 20, 30, 50
oder 90 geworden sind.
Nicht egal ist aber, ob wir am jüngsten Tage diese Stimme
auch als die Stimme des Vaters hören.
Oder ob wir sie als die Stimme des Richters.
Und darum, liebe Trauergemeinde, ist das so wichtig, dass
wir uns schon hier und jetzt darin einüben, auf seine
Stimme zu hören. Mit ihr vertraut zu werden. Ihr gehorsam
zu sein.
Denn auch wenn wir ein Lebensalter von 120 erreichen sollten,
wo- vor Gott uns bewahren möge, so werden wir doch jedes
einzelne Jahr bitter bereuen, das wir ohne Jesus verbracht
haben! Jesus sagte einmal:
"Wer mein Wort h6rt und dem glaubt, der mich gesandt
hat, der hat ewiges Leben, und in ein Gericht kommt er nicht,
sondern er ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen".
Es geht um die Beziehung, die wir zu Jesus in diesem Leben
haben, und das wir auf ihn hören! Und
wenn das bei uns der Fall ist, dann wird das auch bei uns
eines Tages so sein, dass wir vor dem Thron der Herrlichkeit
Gottes stehen werden und sagen:
"Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen."
Und danke, dass du mich gerufen hast, danke dass ich jetzt
bei dir sein und bleiben darf, für immer und ewig.
Amen.
|