[zurueck]

 

herbst 1998

von Andi Budin

 

Wegen zahlreicher nicht mehr vertretbarer
Verunreinigungen und Beschädigungen
bleiben die WC-Anlagen (Damen und Herren)
in der Zeit von 21 bis 6.30 Uhr geschlossen ...
Wir bitten um Verständnis! ...

Die Bahnhofsleitung


 

  Als ich aus dem Bus steige und den Bahnhof betrete, sehe ich einen jungen Mann an der Türe des Herrenklos rütteln. Er hält eine halbvolle Bierflasche in der rechten Hand und flucht. Nach seinem erfolglosen Versuch, die Damentoilette zu öffnen, geht er hinaus und pißt an einen Fahrradständer.

Einen kurzen Moment lang überlege ich, mit ihm ein Gespräch zu beginnen – lasse es aber sein, um stattdessen in der Halle Kaugummi zu kaufen. Der Automat verschluckt meine Münze und spuckt dafür fünf fein verpackte "Kaugummistreifen mit Terpenharz" aus. Der Mann neben mir wühlt im Aschenbecher – ich finde es aber unhöflich ihm eine Zigarette anzubieten, um seinen Stolz nicht zu verletzen. Ich gehe hinaus und setze mich etwas abseits auf eine Bank.

Meine Gedanken sind wirr, also beschließe ich zu telefonieren. Als ich schon zwei Minuten in der Telefonzelle stehe, fällt mir auf, daß die Muschel abmontiert ist.

In einer dunklen Ecke steht eine Frau, die sich nervös die Hose zuknöpft. Ein weiteres Opfer der geschlossenen, öffentlichen Bedürfnisanstalt. Nachdem sie verschwunden ist, inspiziere ich aufmerksam ihren Urin-Rinnsaal und bin betört von der Symbiose des körpereigenen Abfalls mit dem regennassen Asphalt.

Ich frage mich, ob das Markieren von Fahrradabstellplätzen im Sinne der Bahnhofsleitung ist und mache mich auf den Weg zum Kursalon im Stadtpark, wo sich desillusionierte schöne Menschen ein Stelldichein geben. Gleichgültig registriere ich die Massen – versammelt, um für 120 Schillinge ein bißchen Ekstase zu kaufen. Kein Preis scheint dafür zu hoch: stundenlanges Warten, an dreckigen Stiegenaufgängen hinaufklettern, um oben von den Securities wieder herunterbefördert zu werden, oder einfach nur resigniert, voll enttäuschter Hoffnungen die heiligen Gefilde nicht betreten zu dürfen, in die Ecke kotzen. Verwundbare Wesen – kostümiert um ihre Schwächen zu kaschieren – ziehen wie ein Film an mir vorüber und zelebrieren ihren eigenen Untergang.
 

Szenen-Wechsel: Donaukanal

Gefangen zwischen Kindsein und Erwachsenwerden tummeln sie sich in ihren Plateuschuhen und Glockenhosen, bewaffnet mit mobilen Telefonen und wollen nichts versäumen. Ich sitze stumm – wie ein Fremdkörper – dazwischen. Wundere mich, warum ich nicht Teil von ihnen bin? Es handelt sich um ein Überraschungsfest – das Geburtstagskind ist aber längst gegangen. Ich kann es gut verstehen. Es liegt wahrscheinlich daran, daß ich unbeantwortbare Fragen stelle, so daß ich, sobald ich den Mund öffne, im Abseits stehe.

– Warum bist du hier?

– Gute Frage. Ich weiß es nicht.

Eine sehr gehaltvolle Antwort, die mich in meinem Verständnis jedoch nicht weiter führt.

– Und du?

Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.

– Um mich zu amüsieren.

– Wir eigentlich auch.

– Ich amüsiere mich aber über euch!

Sie verstehen mich nicht, lachen und gehen fort. Tatsächlich waren es die Töne eines alten Liedes, die mich hier gefesselt haben. Wehmütiges sinnieren über vergangene Zeiten, Erinnerungen an scheinbar unbeschwertere Tage und dann die Frage, was ich aus meinem Leben gemacht habe. Ein Schluck aus meiner 20-Schilling-Tankstellen-Bierdose und ein Hauch von dem Bewußtsein, die Frage nicht beantworten zu können.

– Wir gehen ins Bermuda!

Ich hoffe, sie bleiben dort für immer verschollen. Und dann die Frage des Geldes, diskutiert im digitalen Handy-Funk-Netz.

– Hau ihm in die Pfeifn!
.........
– Aber nur wenn du mir nacher einen bläst.
.........
– Ich geh jetzt schiffen.

Ein Druck auf die off-line-Taste und er ist verschwunden. Auch ich werde verschwinden, untertauchen – Jeanny, steh auf – ich gehe – ich fick dich – Tränen steigen in meine Augen – Glas splittert – und ich bin neugierig, wo ich heute aufwachen werde...

 

 

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