6.6. Diskussion der Ergebnisse

Zuerst soll an dieser Stelle noch einmal kurz darauf eingegangen werden, in welchem gesundheitswissenschaftlichen Kontext diese Studie steht. Anschließend werden die Ergebnisse der Untersuchung diskutiert.

Durch die „neue“ Infektionskrankheit AIDS zeichnete sich weltweit ein verändertes Krankheitsspektrum ab. Die einfachen Gesundheits- und Krankheitsmodelle können die aufgetretenen Entwicklungen nicht ausreichend erklären. Es ist ätiologisch und epidemiologisch gesichert, dass humangenetische und umweltbedingte Faktoren gleichermaßen beeinflussend wirken wie die Lebensweise von Menschen. Diese Veränderungen bedingen die Verantwortung für Forscher aller Disziplinen, die Ursachen, Bedingungen und Maßnahmen zu untersuchen, um das Auftreten von Erkrankungen zu verringern und bestehende Erkrankungen multiprofessionell zu therapieren, um die Lebensqualität chronisch Kranker optimieren zu können.
Soziale Bedingungen spielen eine bedeutende Rolle bei der Bewältigung chronischer Erkrankungen. Versagen bei einer chronischen Krankheit Formen sozialer Unterstützung (Jäger, 1989) kann das zu einer Störung des psychobiologischen Gleichgewichts führen und eine Krankheitsmanifestation bewirken. So ist es notwendig herauszufinden, in welcher Abhängigkeit soziale Faktoren zu der Befindlichkeit im Leben mit AIDS stehen. Gegenstand der vorliegenden Studie war es somit, das psychosoziale Belastungsprofil in Wechselwirkung des tatsächlich erhaltenen Rückhaltes zu untersuchen. Dazu wurde ein Fragebogen eingesetzt, der die derzeitige psychosoziale Befindlichkeit misst, und des weiteren ein Fragebogen zur Messung tatsächlich erhaltenen Unterstützung.

Im folgenden werden die zentralen Befunde der unterschiedlichen Prüfverfahren diskutiert.

Die Überprüfung theoriegeleiteter Zusammenhangshypothesen zeigte einen negativen Zusammenhang zwischen der psychosozialen Belastung und der tatsächlich erhaltenen Unterstützung. Insgesamt erhält die untersuchte Stichprobe sehr wenig emotionale, informationelle und informationale Unterstützung. Unterstützung durch „Taten“ ist die am häufigsten gewährte Form der Hilfeleistung, und die Kategorie „Freunde“ leistet den häufigsten Support. Die Tatsache, dass die meisten Probanden heute auf ein soziales Umfeld blicken können, das sie unterstützt, sollte eher als Ausnahme betrachtet werden. Selbst durch sehr nahe stehende Personen, wie z.B. die Lebenspartner, erhalten die Probanden keine emotionale Unterstützung. Die fehlende emotionale, instrumentelle und informationelle Unterstützung bedingt eine höhere Befindlichkeitsstörung der untersuchten Stichprobe. Somit konnten die Untersuchungen der Autoren Jäger (1989) und Franke (1990) bestätigt werden. Die fehlende emotionale Unterstützung durch Familie, Lebenspartner, Freunde, Verwandte, Kollegen, Nachbarn und Mitpatienten verursachte eine erhöhte depressive Symptomenlage. Gerade mit der nicht erhaltenen gesamten Unterstützung durch die Lebenspartner waren die Probanden sehr unzufrieden. Fast die Hälfte aller Befragten ist mit der ärztlichen Behandlung und Betreuung sehr unzufrieden, und leiden zudem an starken Nebenwirkungen der ihnen verordneten Medikamente. Objektive medizinische Daten der Ärzte und die subjektive Einschätzung der Patienten (vgl. Kapitel 5) müssen nicht konform gehen. Die subjektive Befindlichkeit, soziale Bedingungen und die Lebensumstände sollten ganzheitlich in der Betreuung und Behandlung integriert sein.

Als eine der wichtigsten Unterstützungsquellen bedingt die fehlende emotionale Hilfe der Lebenspartner eine insgesamt erhöhte Somatisierung, was zu einer Störung des psychobiologischen Gleichgewichts führen und eine Krankheitsmanifestation bewirken kann. Je unzufriedener die Patienten mit der fehlenden Unterstützung durch die Lebenspartner waren, desto stärker zeigten sich körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Magen-Darmbeschwerden und Taubheit und Kribbeln in Armen und Beinen (vgl. Kapitel 3).
Der Überprüfung der weiteren Zusammenhänge zwischen der aktuellen Befindlichkeit und der erhaltenen Unterstützung ging die Analyse der zentralen Hypothesen dieser Untersuchung voraus. Die weitere Untersuchung zeigte eine unterschiedliche psychosoziale Belastung homo- und heterosexueller Patienten. Heterosexuelle Patienten zeigen deutlich höhere GSI-Werte (vgl. Kapitel 6.6.1.) als homosexuelle Männer. Dieses Ergebnis entspricht den aktuellen Forschungen, die seit ungefähr zwei Jahren eine zunehmende Verlagerung unter den Betroffenengruppen verzeichnen (http://www.aids98.ch), darf aber in der vorliegenden Arbeit durch das errechnete Signifikanzniveau von .22 nicht weiter interpretiert werden da es sich statistisch um eine Tendenz innerhalb der Stichprobe zu handeln scheint.
Die Arbeit der AIDS-Hilfen basiert auf der Innitiative homosexueller Männer und deren Angehörigen (Jäger, 1989) und schaffte es schon zu Beginn der HIV-Ära, durch die Gesundheitsselbsthilfe und die psychosoziale Beratung die psychischen und sozialen Folgen dieser Infektionskrankheit bei homosexuellen Männern zu minimieren. Unter der Berücksichtigung der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zeigte sich ein zunehmend modifiziertes Verständnis von HIV-Infizierten und AIDS-Kranken. Die gebotene Form der Hilfestellung durch die AIDS-Hilfen wird von heterosexuellen Bertoffenen nicht in dem Maße genutzt wie von homosexuellen Probanden, und somit fehlen wichtige Laien- und Professionellenunterstützungssysteme (Jäger, 1989).Die homosexuelle Subkultur scheint ihre Angehörigen noch eher stützen zu können. In der Subkultur der Drogenabhängigen ist es kaum möglich, HIV-positiven Betroffenen zu helfen. Nur der Ausstieg aus der Drogensucht kann dem HIV-Positiven eine Perspektive bieten.
Die weitere Untersuchung zeigte, dass Männer mehr emotionale Unterstützung erhalten als Frauen und Männer mit der Form der emotionalen Unterstützung zufriedener sind als Frauen. Obwohl sich dieses Ergebnis durch das nicht erreichte Signifikanzniveau nicht interpretieren lässt, bestätigen Studien diese Beobachtungen (Hall, 1990). Es zeigt sich, in Anlehnung an die Autorin Hall (1990), dass die fehlende emotionale Unterstützung der Frauen mit einer höheren gesamten psychosozialen Belastung einher geht (vgl. Kapitel 6.6.1.).56% der befragten Frauen leiden diesbezüglich unter Beschwerden.

Ein großes Problem in bezug auf die HIV-Prävention ist, dass Erfolge der derzeitigen Kombinationstherapie (vgl. Kapitel 3.5.) als Heilung fehlinterpretiert werden. Dies führt zu einer Vernachlässigung des Schutzes vor der HIV-Infektion. 44,6% aller Untersuchten schützen weder ihre Sexualpartner noch sich selbst vor der Infektion bzw. einer Reinfektion. So gewinnt im AIDS-Zeitalter seit wenigen Monaten die sogenannte „Bareback-Bewegung“ zunehmend Anhänger. „Bareback“ ist eigentlich ein Begriff, der beim amerikanischen Rodeo verwendet wird und übersetzt „Reiten ohne Sattel“ bedeutet. Für das Sexualverhalten ist damit „bewußter Anal- und Geschlechtsverkehr ohne Kondom“ gemeint. Seit wenigen Monaten werden in der Bundesrepublik „Bareback-Sex-Parties“ veranstaltet, bei denen die Verwendung von schützenden Kondomen tabu ist. Die Möglichkeit der Übertragung neuer oder resistenter HI-Virusstämme wird bewusst in Kauf genommen (http://www.medonline.de). HIV-negative Frauen und Männer lassen sich, obwohl sie gut informiert sind, auf ungeschützten Sex ein. Es stellt sich die Frage, ob sich die jahrelangen Bemühungen der Präventionsarbeit gelohnt haben. Eigenverantwortliches Risikomanagement, so wie es die pädagogischen Berater jahrelang vertraten, ließ jedoch nur immer eine richtige Entscheidung zu, nämlich die für „Safer Sex“. Wie kann aus der Perspektive der HIV-Prävention respektvoll mit solchen Entscheidungen umgegangen werden und wie können sie in die Präventionsarbeit mit einbezogen werden. In einer pluralistischen Gesellschaft ergibt sich aus soziologischer Sicht die Möglichkeit und die Herausforderung, Regeln zu brechen, um Neue zu erstellen. „Safer Sex“ birgt seit der Krankheit AIDS immer die Assoziation mit „Krankheit“ und „Bareback“ soll hier die vermeintliche Rückkehr in die Zeiten vor AIDS übernehmen. Ebenso spielen Verdrängungsmechanismen eine entscheidende Rolle. Unterstützt wird die „Bareback“-Einstellung durch angebliche Presseberichte über die wie eben erwähnten Fortschritte in der medikamentösen Behandlung von HIV und AIDS (vgl. Kapitel 3.5.). Es stellt sich eine gewisse Sorglosigkeit ein, die zu risikoreichem Verhalten führt. Diese Tatsache macht eine vermehrte interdisziplinäre Einbindung medizinischer in soziale Kontexte, wie in der vorliegenden Arbeit, notwendig, und bietet eine Grundlage für weitere vertiefende psychosoziale Forschung.

Leiden die Patienten zu der bestehenden HIV-Infektion oder AIDS-Erkrankung zusätzlich an weiteren Erkrankungen zeigt sich parallel eine insgesamt höhere psychosoziale Belastung. Insgesamt zeigten die untersuchten Patienten erhöhte Belastungswerte in den Subskalen „Depression“, „Somatisierung“ und „Aggressivität“. Symptome wie „Neigung zum Weinen“, „das Gefühl der Hoffnungslosigkeit angesichts der Zukunft“, „Gefühlsausbrüche“, „dem Bedürfnis laut zu schreien“ sowie häufige „Kopfschmerzen“ stellten die dominierenden Items dar. Die Skalen „Zwanghaftigkeit“, Unsicherheit im Sozialkontakt“, „Ängstlichkeit“, „Phobische Angst“, „paranoides Denken“ und „Psychotizismus“ zeigten in der Auswertung keine erhöhten Werte (vgl. Kapitel 6.6.1.). Gesellschaftliche Zuschreibungsprozesse im Hinblick auf die Immunschwächekrankheit AIDS bedingen eine Abnahme wichtiger Unterstützungsquellen und werden im vegetativen Formenkreis symptomatisch (Franke, 1990; Jäger, 1989; Hall, 1990). Traurige, pessimistische und „ohnmächtige“ Gefühlslagen bestimmen das Gesamtbild der Stichprobe. Die Statistik schließend wurde anhand der Regressionsanalyse der zentralen Frage nach einem negativen Zusammenhang zwischen der psychosozialen Befindlichkeit und der tatsächlich erhaltenen Unterstützung nachgegangen. Die Untersuchung ergab, dass der Grad der tatsächlich geleisteten Unterstützung die psychosoziale Befindlichkeit maßgeblich determiniert. Die Zufriedenheit mit der Unterstützung ist in bezug auf die psychosoziale Befindlichkeit weniger beeinflussend. Daraus lässt sich folgern, dass ein hoher Grad geleisteter instrumenteller, emotionaler und informeller Unterstützung die psychosoziale Gesamtbelastung senken kann.
Als „neue“ Krankheit kann die HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung offensichtlich nur bewältigt werden, wenn die Betroffenen Unterstützung ihres sozialen Umfeldes bekommen. Gelingt es den Betroffenen nicht, sich ein neues soziales Umfeld zu suchen, wenn ihres sie nicht auffangen kann, kann die HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung zur Isolation, Krankheit und Vereinsamung führen.